Papst vs. Bannon

Dienstag, 23. Oktober 2018 05:26

Telepolis, 19.10.2018

Mächtige Fraktionen innerhalb des katholischen Klerus kämpfen um den künftigen Kurs der Kirche. Papst unter Beschuss reaktionärer Kräfte

Anfangs schien es einer jener unzähligen Pädophilie- und Sexskandale zu sein, die den Klerus der katholischen Kirche immer wieder erschüttern. Theodore McCarrick, der ehemalige Erzbischof von Washington, habe dem Papst seinen „Rücktritt aus dem Kardinalskollegium angeboten“, meldeten katholische MedienEnde Juli 2018. McCarrick hat das Erzbistum Washington 2001 bis 2006 geleitet. Zwischen 1970 und 1990 soll er angehende Priesteramtskandidaten zu sexuellen Handlungen verführt und mindestens zwei Minderjährige sexuell missbraucht haben. Der Papst nahm das Gesuch McCarricks an.

Doch diesmal findet sich auch das Oberhaupt der Katholischen Kirche, Papst Franziskus, im Fokus der Anschuldigungen – die mitten aus der katholischen Kirche lanciert werden. Mitte August 2018 veröffentlichte der konservative Erzbischof Carlo Maria Viganò, ehemals der Topdiplomat des Vatikans in den USA, einen umfassenden Brandbrief, der die unzähligen, derzeit ans Licht kommt Pädophilen- und Sexskandale mit dem liberalen kirchenpolitischen Kurs des derzeitigen Pontifex in Zusammenhang brachte. In dem öffentlichen Brief beschuldigte Viganò eine „homosexuelle Strömung“ in der Kirche, die für die unzähligen Missbrauchsfälle Minderjähriger durch den katholischen Klerus verantwortlich sei.

Link: https://www.heise.de/tp/features/Papst-vs-Bannon-4196208.html

Tanz den Adolf Gauland

Freitag, 12. Oktober 2018 15:43

Telepolis, 12.10.2018

Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung ihren publizistischen „Tag von Potsdam“ abhielt. Ein Kommentar

Es sollte eine Art publizistischer Initiationsritus werden, mit dem die alten konservativen Eliten dem neurechten Aufsteiger ein Forum bieten, ihn in ihrer Mitte – als politische Option – akzeptieren. Es endete mit einer grotesken Paraphrasierung einer Hitler-Rede, die offenlegte, wie nah nationalsozialistisches Gedankengut dem Mainstream in der Bundesrepublik inzwischen ist, wie sehr die deutsche Mitte ins Extrem abgedriftet.

Link: https://www.heise.de/tp/features/Tanz-den-Adolf-Gauland-4190107.html

„Wenn wir regieren, werdet ihr alle eingesperrt!“

Sonntag, 07. Oktober 2018 14:07

Telepolis, 07.10.2018

Die zunehmende Kumpanei zwischen autoritären Staat und braunen Mob ist Ausdruck der rasch voranschreitenden Faschisierung der Bundesrepublik – Teil 2

Den Staatsapparat im Rücken scheint die AfD sich schon fast an den Schalthebeln der Macht zu wähnen. Die staatlich forcierte Aushöhlung der bürgerlichen Demokratie im Rahmen der Landespolizeigesetze wird von der Neuen Rechten inzwischen offen mitgetragen, nachdem zuerst noch eine taktische Oppositionshaltung eingenommen wurde. Von allen Oppositionsparteien habe sich nur die AfD pauschal hinter die Verschärfung des niedersächsischen Polizeirechts gestellt, berichtete Netzpolitik.org.

In Bayern wendeten AfD-Trupps inzwischen „fast SA-Methoden“ an, berichteten CSU-Politiker aus dem Wahlkampf. „Wenn wir regieren, werdet ihr alle eingesperrt!“ Diese Drohungen hätten AfDler ausgerechnet bei einem Treffen der Frauenunion der CSU ausgestoßen, sagte ein CSU-Lokalpolitiker in Deggendorf. Drohungen mit „Ausmisten“ oder mit „Besuchen“, sollte sich „der Wind drehen“, würden inzwischen seitens der offen faschistisch agierenden Neuen Rechten routinemäßig ausgestoßen. Satiriker, die sich über die AfD-lustig machten, bekamen Morddrohungen und „Hausbesuche“ der AfD. Die Ortsgruppe der AfD im Hochtaunus fantasierte bereits davon, Verlage zu stürmen und Journalisten auf die Straße zu zerren.

Das Ziel dieser faschistischen Einschüchterungsstrategie ist klar: Es geht um die Erringung einer rechten Hegemonie, bei der Widerspruch nicht mehr öffentlich artikuliert werden könnte. Ganz Deutschland soll zu einer sächsischen Provinz werden.

Link: https://www.heise.de/tp/features/Wenn-wir-regieren-werdet-ihr-alle-eingesperrt-4179281.html

Von der Postdemokratie in den Vorfaschismus

Samstag, 06. Oktober 2018 14:19

Telepolis, 06.10.2018

Die zunehmende Kumpanei zwischen autoritärem Staat und braunem Mob ist Ausdruck der rasch voranschreitenden Faschisierung der Bundesrepublik Teil 1

Die Realität im Deutschland des Jahres 2018 ist absurder als jede Satire. Als die ersten Gerüchte darüber aufkamen, dass Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen aufgrund der Verbreitung rechtsextremer Narrative zu den pogromartigen Ausschreitungen in Chemnitz sein Amt verlieren würde, tauchten in den sozialen Netzwerken die üblichen Parodien auf, die notorische Rechtspopulisten und Rechtsextremisten als potenzielle Nachfolger Maaßens handelten.

Kein einziger Satiriker kam aber auch nur auf die Idee, dass der oberste „Verfassungsschützer“ der Bundesrepublik für seinen offenen Flankenschutz für Rechtsextremisten auch noch zum Staatssekretär befördert werden sollte. Um das absurde Theater in der braun anlaufenden Bananenrepublik Deutschland zu komplettieren, wurde nach langen Auseinandersetzungen schließlich der Posten eines Frühstückdirektors eigens für Herrn Maaßen geschaffen. Der scheidende „El Presidente“ des Verfassungsschutzes wird sich künftig in Seehofers Innenministerium um die „innere Sicherheit“ der Bundesrepublik kümmern.

Dabei scheinen gerade die Leistungen Maaßens an der Spitze des „Verfassungsschutzes“ diesen für seinen frisch erfundenen Posten im Innenministerium geradezu zu prädestinieren. Neben seinen unsäglichen Äußerungen zu Chemnitz, die die extremistische Rechte in der Bundesrepublik geradezu beflügelten, kann der bei Kollegen als AfD-Sympathisant (Tagesspiegel) geltende Verfassungsschutzpräsident auf eine reichhaltige Erfahrung als Politberater und Dienstleister der Neuen Rechten zurückblicken.

Link: https://www.heise.de/tp/features/Von-der-Postdemokratie-in-den-Vorfaschismus-4178644.html

Marx fa muovere il lavoro, lo sport ed il gioco

Samstag, 06. Oktober 2018 14:17

– L’attuale giubileo di Marx rivela soprattutto una cosa: il crescente conservatorismo di una sinistra che si adatta sempre più allo spirito reazionario del tempo –
di Tomasz Konicz

Link: https://francosenia.blogspot.com/2018/10/festival.html

Alla fine, volgendo lo sguardo al XIX secolo, la sinistra sembra stia sperimentando una qualche rilevanza pubblica, quanto meno nel breve periodo. Karl Marx compie 200 anni – e così tutti i media di rilievo, che di solito, diversamente, legittimano le solite restrizioni, ora stanno pubblicando una qualche forma di apprezzamento. La chiacchiera su Marx – alimentata da un tardo capitalismo in crisi, e che sembra confermare tutti i cliché anticapitalisti dei secoli precedenti – viene accompagnata dalle solite strategie di addomesticamento del teorico critico e che in simili occasioni di solito si colloca al di fuori del mainstream. Particolare rilievo viene dato all’aspetto biografico, all’«essere umano» Marx, come nella produzione ZDF su Karl Marx, che ha caratterizzato l’autore de „L’Ideologia Tedesca“ come se fosse un „profeta tedesco“ – e questo in piena epoca di populismo di destra. In questo docudrama possiamo sapere molte cose sulla famiglia, sulle sue preoccupazioni per il denaro, sulle morti e sulla «accusa permanente secondo cui Marx era più preoccupato per i suoi studi e per la politica che per i suoi familiari», come viene detto in una recensione. Ma l’opera di Marx – per essere precisi, l’opera che ha fatto di lui un teorico famoso – è stata «assai trascurata» nella produzione della ZDF.

Il Marx della porta accanto

Il tentativo dell’industria culturale di «avvicinare», al pubblico mediatico, Marx come essere umano, si accompagna perciò ad un offuscamento di quello che era il contenuto della sua teoria,in modo che quasi chiunque possa prendere il treno di Marx, Nella maggior parte dei casi, il riferimento a qualcosa che abbia a che fare con la disuguaglianza sociale, la globalizzazione o la crisi del capitalismo, è sufficiente per poter partecipare al chiacchiericcio mediatico. Una volta fatto questo riferimento positivo formale a Marx, al giorno d’oggi – dove i brevi video di YouTube sostituiscono il faticoso lavoro testuale originale – praticamente tutto è possibile. Perfino l’SPD pretende oggi di aver riscoperto Marx, il quale, secondo Andrea Nahles. avrebbe visto «la necessità di una politica democratica di miglioramento graduale delle condizioni di vita». Il „comunismo“, nell’epoca della Guerra Fredda, avrebbe solo oscurato questo presunto riconoscimento dell’autore del Manifesto Comunista; è questo il discorso orwelliano della marxista dell’SPD, che ha anche affermato in un Tweet che Marx avrebbe caratterizzato l’SPD, il partito dell’Hartz IV, «come nessun altro».
Molto più a sinistra di quanto lo sia l’SPD (e gran parte del Partito di Sinistra, Linkspartei), attualmente possiamo trovare la Chiesa cattolica di Papa Francesco, che – al contrario di Nahles o di Lafontaine – arriva, quanto meno, a formulare una critica ragionevolmente utile del capitalismo. Di conseguenza, sembra che si tratti solo di uno scambio di nomi con il famoso ateo militante («la religione è l’oppio dei popoli»), il fatto per cui il Cardinale Reinhard Marx fosse predestinato a lodare, in un’intervista ad un giornale, il suo omonimo, come «perspicace analista del capitalismo» – e allo stesso tempo a pubblicizzare la dottrina sociale della Chiesa cattolica, che «non ha mai negato l’analisi marxista del capitalismo né i rischi che da questo derivano». E anche l’FDP [Partito Liberale Democratico] riconosce Marx come un grande pensatore liberale che rimane molto attuale. Nell’intervista ad un giornale, il politico dell’FDP, Kubicki, ha dichiarato di apprezzare Marx a causa della sua inclinazione per il libero scambio. Secondo l’eminenza grigia dell’FDP, oggi Marx avrebbe votato «per gli accordi sul libero commercio, come il CETA». Tuttavia, Kubicki ha evitato di concedere a Karl Marx la tessera postuma di membro del FDP: «Questo sarebbe un po‘ esagerato».

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Faschismus im 21. Jahrhundert

Freitag, 21. September 2018 08:35

Skizzen der drohenden Barbarei

Wohin treiben die beständig nach rechts abdriftenden Gesellschaften in den Zentren des kapitalistischen Weltsystems? Mit jeder neuen Wahl scheint der Durchmarsch der Neuen Rechten unaufhaltsam voranzuschreiten. Die Verrohung des öffentlichen Diskurses, die zunehmende rechte Gewalt, die rasch voranschreitende Aushebelung bürgerlicher Grundrechte – sie lassen Erinnerungen an den Vorfaschismus der 30er Jahre aufkommen.

Link: https://www.heise.de/tp/buch/telepolis_buch_4164167.html

Auf Crashkurs

Donnerstag, 20. September 2018 12:27

Die USA eskalieren ihren Handelskrieg gegen China. Es droht ein neuer Krisenschub samt autoritärer Wende

Telepolis, 20.09.2018

Nach Ansicht des reichsten Oligarchen der „Volksrepublik“ China, des Internetmilliardärs Jack Ma, steht die Weltwirtschaft am Beginn eines 20-jährigen Handelskriegs. Mit dieser Warnung reagierte der Gründer der Internetplattform Alibaba auf die Eskalation des Handelsstreits zwischen China und den USA durch die rechtspopulistische Trump-Administration.

Somit scheint – sollte sich die Einschätzung Jack Mas bestätigen – das kapitalistische Weltsystem am Beginn einer neuen historischen Krisenperiode zu stehen, in der zunehmende Handelskonflikte und Protektionismus den Freihandel des neoliberalen Zeitalters ablösten. Die strukturelle Überproduktionskrise, in der sich das Weltsystem befindet, würde somit nicht mehr durch Kreditaufnahme und Verschuldung überbrückt, sondern durch Handelskriege direkt ausgetragen – mit allen verehrenden sozioökonomischen wie politischen Folgen.

Links: https://www.heise.de/tp/features/Auf-Crashkurs-4168902.html?seite=all

Die braune Staatsfraktion

Montag, 10. September 2018 05:15

Telepolis, 10.09.2018

Mob und Elite: Im Staatsapparat machen reaktionäre Naziversteher mobil. Ein Kommentar zum deutschen Vorfaschismus

Bei den staats- und regierungsinternen Auseinandersetzungen um die pogromartigen Ausschreitungen in Chemnitz geht nicht um Fakten. Es geht nicht um die mit einer Fülle von Material und Zeugenaussagen belegte Tatsache, dass ein brauner Mob in der sächsischen Stadt – größtenteils unbehelligt von der Polizei – eine Hetzjagd auf Migranten und politische Gegner veranstalten konnte – und dabei ein jüdisches Restaurant angriff.

Die infantil anmutende Verbreitung dumpfer, schnell zu durchschauender „alternativer Fakten“ durch Verfassungsschutzpräsident Maaßen, Bundesinnenminister Seehofer und den sächsischen Landesfürsten Kretschmer ist äußerer Ausdruck eines Machtkampfes innerhalb der CDU/CSU und des Staatsapparates. Die evidenten Lügen der braunen Staatsfraktion sind eigentlich selber eine Machtmanifestation: „Seht her, zu was wir fähig sind, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.“

Selbst wenn Herr Verfassungsschutzpräsident Maaßen – der die Echtheit des Videomaterials zu den Gewaltakten in Chemnitz anzweifelt – Reptiloide oder die große Kondensstreifenverschwörung in Zusammenhang mit der braunen Menschenjagd von Chemnitz brächte, er wäre immer noch im Amt und Würden.

Link: https://www.heise.de/tp/features/Die-braune-Staatsfraktion-4158406.html

„Conspiracy theorists are in the same league as psychics, magicians, astrologists and gurus“

Samstag, 25. August 2018 06:00

Telepolis, 25.08.2018

An Interview about conspiracy theories and the tactics of the communication guerilla with the authors of the Wu Ming collective

Question: There are strange things going on in the within the social networks inhabited by right wing groups, like 4chan – even considering the low standards of the extreme right. A bizarre conspiracy theory is gaining traction, titled simply as „Q“, exactly like one of your most popular Works. „Q“ states on 4chan, among other things, that Donald Trump as a true American hero is engulfed in a titanic struggle against a global conspiracy, organized by a mighty pedophile organization. Did you as Wu Ming provoke this conspiracy-theory by using tactics of communication guerilla?

Wu Ming: Wu Ming and the Wu Ming Foundation don’t pull media pranks. That was one of the activities of the Luther Blissett Project, which lasted from June 1994 to December 31st, 1999. After the end of that project, all participants moved beyond and founded new projects and collectives.
Wu Ming is the name adopted in January 2000 by the authors who, using the collective moniker Luther Blissett, had previously written the novel Q. After the end of the LBP and the global impact of Q, we decided to keep experimenting with the novel form and meta-historical fiction. In the following years we wrote 54, Manituana, Altai, The Army of Sleepwalkers and in these days we’re finishing a new novel titled Proletkult. We also wrote heavily researched, fact-filled works which one might simplistically describe as creative non-fiction. We ourselves call them „Unidentified Narrative Objects“, UNOs.
In Italy, a sort of „fan activism“ has developed around our novels and UNOs, a vast community developed out of our blog Giap and our Twitter profile, with lots of experiments, transmedia storytelling, collaborative projects, open workshops and seminars, new blogs and collectives, even new mountaineering clubs. This process had already started in the 2000s, but it intensified and accelerated during the 2010s. This „collective of collectives“ is what we call the Wu Ming Foundation.
We got involved in the international debate on the QAnon hoax because it bears many resemblances to both the LBP’s work and our old novel. Many people got in touch with us in the past weeks. We had received dozens of emails and twitter DMs even before the Buzzfeed interview. Anyone who read our novel and then read the news about the QAnon phenomenon found it obvious that the latter took inspiration from the former, and wanted to know what’s our take on the whole thing.
Not only the references to our novel are hard to overlook – starting from the most apparent: «Q» himself and his dispatches – but the similarities between QAnon and the kind of media pranks we used to play back in the Luther Blissett days are striking.

Link: https://www.heise.de/tp/features/Conspiracy-theorists-are-in-the-same-league-as-psychics-magicians-astrologists-and-gurus-4144259.html

„Verschwörungstheoretiker spielen in derselben Liga wie Hellseher, Astrologen und Gurus“

Samstag, 25. August 2018 05:57

Telepolis, 25.08.2018

Ein Interview über Verschwörungstheorien, den Zauber der Illusion und die Taktik der Kommunikationsguerilla mit den Mitgliedern des Autorenkollektivs Wu Ming

Bei Wu Ming handelt es sich um ein 2000 gegründetes und ursprünglich aus fünf anonymen Personen bestehendes Autorenkollektiv, das sich den neuen sozialen Bewegungen zurechnet. Die Gruppe ging aus dem Luther Blissett Project hervor, in dem mit Praktiken der Kommunikationsguerilla experimentiert wurde – und das den international viel beachteten Roman Q verfasste.

Frage: Es ereignen sich derzeit merkwürdige Dinge in den sozialen Netzwerken, die von rechten Gruppen frequentiert werden, wie etwa 4chan – selbst wenn man die niedrigen Standards der extremen Rechten bedenkt. Eine bizarre Verschwörungstheorie, einfach „Q“ oder QAnon genannt, gewinnt an Zugkraft. „Q“ ist auch der Titel eines Ihrer bekanntesten Werke. „Q“ behauptet auf 4chan unter anderem, dass Donald Trump als wahrer amerikanischer Held in einen titanischen Kampf gegen eine globale Verschwörung verwickelt ist, hinter der eine mächtige pädophile Organisation steht. Haben Sie als Wu Ming diese Verschwörungstheorie durch Taktiken der Kommunikationsguerilla provoziert?

Wu Ming: Wu Ming und die Wu Ming Stiftung machen keine Medienstreiche. Das war eine der Aktivitäten des Luther Blissett-Projekts (LBP), das vom Juni 1994 bis zum 31. Dezember 1999 aktiv war. Nach dem Ende des Projekts entwickelten sich alle Beteiligten weiter und gründeten neue Projekte und Kollektive.
Wu Ming ist der Name, der im Januar 2000 von den Autoren angenommen wurde, die unter dem Sammelbegriff Luther Blissett den Roman Q geschrieben hatten. Nach dem Ende des LBP und der globalen Wirkung von Q haben wir uns entschlossen, weiter mit der neuen Form und der metageschichtlichen Fiktion zu experimentieren. In den folgenden Jahren schrieben wir 54, Manituana, Altai, The Army of Sleepwalkers und in diesen Tagen beenden wir einen neuen Roman mit dem Titel Proletkult. Wir schrieben auch stark recherchierte, faktenreiche Werke, die man vereinfacht als kreative Sachbücher bezeichnen könnte. Wir selbst nennen sie „Unidentified Narrative Objects“, UNOs.
In Italien hat sich eine Art „Fan-Aktivismus“ rund um unsere Romane und UNOs entwickelt, eine riesige Community aus unserem Blog Giap und unserem Twitter-Profil, mit vielen Experimenten, transmedialem Storytelling, Kooperationsprojekten, offenen Workshops und Seminaren, neuen Blogs und Kollektiven, sogar neuen Bergsteigerclubs. Dieser Prozess hatte bereits in den 2000er Jahren begonnen, hat sich aber in den 2010er Jahren intensiviert und beschleunigt. Dieses „Kollektiv der Kollektive“ nennen wir die Wu-Ming-Stiftung.
Wir sind in die internationale Debatte über den QAnon-Hoax eingestiegen, weil er viele Ähnlichkeiten mit der Arbeit des LBP und unserem alten Roman aufweist. Viele Leute haben uns in den letzten Wochen kontaktiert. Wir hatten schon vor dem Buzzfeed-Interview Dutzende von E-Mails und Twitter-DMs erhalten. Jeder, der unseren Roman gelesen und dann die Nachrichten über das QAnon-Phänomen gelesen hat, fand es offensichtlich, dass letzteres sich von ersteren inspirieren ließ. Man wollte wissen, was wir von der ganzen Sache halten.
Nicht nur die Verweise auf unseren Roman sind schwer zu übersehen – angefangen beim offensichtlichsten: „Q“ selbst und seine Botschaften -, sondern auch die Ähnlichkeiten zwischen QAnon und der Art von Medienstreichen, die wir in den Luther Blissett-Tagen gespielt haben.

Link: https://www.heise.de/tp/features/Verschwoerungstheoretiker-spielen-in-derselben-Liga-wie-Hellseher-Astrologen-und-Gurus-4142270.html