Eine Frage der Raumzeit

Montag, 11. Dezember 2017 13:28

14. Juni 2017, Telepolis

Wertkritische Annäherungen an das Fermi-Paradoxon

KIC 8462852 gilt derzeit als einer der interessantesten Objekte der Galaxie. Der rund 1400 Lichtjahre von unserem Sonnensystem entfernte, im Sterneinbild Schwan gelegene F-Klasse Stern sticht aus der Milliardenmasse von Sonnensystemen durch sein wissenschaftlich schlicht unerklärbares Verhalten heraus.

Bislang ist es Astronomen nicht gelungen, schlüssig zu begründen, wie die heftigen Verdunklungen des Sterns zustande kommen, die zuletzt Mitte Mai wieder zu beobachten gewesen waren. Beobachtungen von Sternen mittels der sogenannten Transitmethode helfen dabei, Exoplaneten zu identifizieren. Die geringe Verdunklung des Sterns, die bei einem Planetentransit von dem Beobachter auf der Erde wahrgenommen werden kann, lässt Rückschlüsse auf dessen Größe zu.

Das Problem mit KIC 8462852 – der in Anlehnung an eine seiner Entdeckerinnen auch Tabbys Stern genannt wird – besteht nun darin, dass die unregelmäßig auftretenden Helligkeitsreduzierungen des Sternenlichts von bis zu 22 Prozent viel zu groß sind, als dass sie durch Exoplaneten verursacht werden könnten. Zudem weist der Stern eine langfristige, mindestens seit 1980 anhaltende Helligkeitsabnahme auf, die viele „natürliche“ Erklärungen ausschließt.
Unkonventionelle Erklärungsansätze

Zuletzt hat New Scientist einige dieser konventionellen Erklärungsansätze wie Asteroidenschwärme und Riesenplaneten zusammengefasst, die alle ihre Schwachstellen haben. Ein Asteroidenschwarm, der für solch eine Verdunkelung sorgen würde, müsste die Masse des Jupiter aufweisen, wobei es absolut nicht klar sei, ob „dies überhaupt physikalisch möglich“ sei. Der hypothetische Ringplanet, der einen solchen Helligkeitsabfall bei KIC 8462852 auslöste, müsste die fünffache Masse des Jupiters aufweisen. Mit dieser Masse könnte er aber auch „ein kleiner Stern“ sein.

Aufgrund dieser Unzulänglichkeiten der konventionellen Erklärungsansätze rückte Tabbys Stern schnell in den Fokus der Massenmedien. Die Wissenschaft kann nämlich auch unkonventionelle Erklärungsansätze, die um avancierte extraterrestrische Zivilisationen kreisen, in diesem Fall schlicht nicht ausschließen.

Eine Dyson-Sphäre, eine gigantische, den Stern umschließende Konstruktion befinde sich um KIC 8462852 Bau, so die phantastische Hypothese. Diese hypothetische Konstruktion würde es einer fortgeschrittenen Zivilisation ermöglichen, die Energie des betroffenen Sterns optimal zu nutzen. Bislang konnte auch dieser Erklärungsansatz nicht eindeutig widerlegt werden – auch wenn erste diesbezügliche Untersuchungen mit Rückschlägen verbunden waren.
Verstörende Absurdität der Lage der menschlichen Zivilisation

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Abschied vom Menschenrechtsimperialismus?

Montag, 11. Dezember 2017 13:25

13. Mai 2017, Telepolis

Menschenrechte sollen nicht mehr Mittel der US-Außenpolitik sein. Doch ist dies auch ein Grund zur Freude?

Dieser Tage neigt sich eine geopolitische Ära dem Ende entgegen – und kaum jemand hat es bemerkt. Die rechtspopulistische US-Regierung unter Donald Trump geht gerade daran, die Menschenrechte als Faktor der amerikanischen Außenpolitik abzuschaffen. Anfang Mai erklärte Rex Tillerson – ehemaliger Exxon-Chef und derzeitiger US-Außenminister – in einer außenpolitischen Grundsatzrede vor Angestellten des State Department, dass Menschenrechte zunehmend „Hürden“ bei der globalen Verfolgung von US-Interessen bilden würden.

Menschenrechte wie „Freiheit und menschliche Würde“ wurden von Tillerson in der Rede zu (kulturellen) „Werten“ der USA degradiert. Doch sollen diese Werte nicht mehr als Richtschnur amerikanischer Außenpolitik fungieren. „Dies sind unsere Werte. Aber sie sind nicht unsere Politik“, so der amerikanische Außenminister wörtlich.

Wenn die Vereinigten Staaten zu sehr die Einhaltung dieser Werte global propagierten, erläuterte Tillerson weiter, dann würde „die Realität Hürden schaffen bei der Realisierung unserer nationalen Sicherheits- und Wirtschaftsinteressen“. Die Vereinigten Staaten müssten sich zuerst fragen, wie die konkreten sicherheitspolitischen und wirtschaftlichen Interessen gelagert seien, erst danach könne ausgelotet werden, ob Washington noch „unsere Werte voranbringen“ dürfe.

Dies ist kein hohles Gerede, wie die Newssite Slate bemerkte, Tillerson sei bereits damit aufgefallen, dass er jedwede Kritik an der Menschenrechtslage in Saudi Arabien, Russland oder den Philippinen unterließ, bemerkte die liberale Internetpräsenz.

Zudem muss Tillerson umfassende Ausgabenkürzungen im State Department (bis zu 28 Prozent des bisherigen Budgets) umsetzen, von denen zumeist die Programme des „Soft Power“-Ansatzes – etwa zur Demokratieförderung – betroffen seien. Eine außenpolitische Spitzenposition im Weißen Haus, die zuvor als „special assistant to the president for multilateral affairs and human rights“ bezeichet wurde, ist von Trump bereits umbenannt worden, berichtete das linksliberale Blatt Mother Jones: in „special assistant for international organizations and alliances“.

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Vom Aberglauben zum Wissenschaftsglauben

Montag, 11. Dezember 2017 13:24

07. Mai 2017, Telepolis

Wie weit die gesellschaftliche Regression im Spätkapitalismus vorangeschritten ist, offenbart auch die neue „Wissenschaftsbewegung“

    Das Wissen, das Macht ist, kennt keine Schranken, weder in der Versklavung der Kreatur noch in der Willfährigkeit gegen die Herren der Welt.
Dialektik der Aufklärung

Ende April ging eine Protestwelle durch den globalen Wissenschaftsbetrieb, die sich vornehmlich gegen die wissenschaftsfeindliche Politik von US-Präsident Trump richtete (Scíence March). Die Wissenschaftler sehen sich mit einer zunehmend erstarkenden Wissenschaftsfeindlichkeit konfrontiert. Dies sei vor allem bei der Klimawissenschaft der Fall, die vor allem von den neuen rechtspopulistischen Bewegungen angegriffen werde.

Dabei weisen die Proteste aber eine merkwürdige Schlagseite auf, bei der jegliche kritische Selbstreflexion der Wissenschaft unterblieb. Wenn Kritik im Zusammenhang mit Forschung und Lehre geäußert wurde, dann nur an den Arbeitsbedingungen im Wissenschaftsbetrieb – während die widersprüchliche gesellschaftliche Funktion der Wissenschaft im Kapitalismus nahezu vollständig ausgeblendet wurde.

Die neue „Wissenschaftsbewegung“ fällt somit auf einen unkritischen Wissenschaftsbegriff zurück, wie er etwa im 19. Jahrhundert populär war. Selbst die Klassiker der wissenschaftskritischen Literatur scheinen im Wissenschaftsbetrieb kaum Spuren hinterlassen zu haben. Und tatsächlich kann die Welt so schön einfach sein – wenn man nur wissenschaftsgläubig genug ist. Auf der einen Seite finden sich hier die aufgeklärten Wissenschaftler, die in Gestalt des globalen Wissenschaftscommunity der objektiven Forschung und Lehre verpflichtet sein wollen. Die Gegenseite soll hingegen von den Kräften der irrationalen Finsternis, von Dummheit, Aberglauben und Partikularinteressen, beherrscht sein.

Fast könne es scheinen, als ob die Herrschaft im Kapitalismus immer noch auf plumpen Aberglauben oder auf dem Terror der Inquisition beruhen würde. Und tatsächlich ist es ja keine Einbildung, dass der Wissenschaft auch in den Metropolen immer größere Skepsis, mitunter offene Feindschaft entgegenschlägt. Es gibt eine breite, globale, in Mythen und Wahnvorstellungen versinkende barbarische Bewegung, deren Exponenten sich im Grad ihrer Militanz und in ihrer konkreten Ideologie unterscheiden: von der klimaleugnenden Wirtschaftslobby bis zur AfD, von Donald Trump bis zu den Taliban, von Boko Haram bis zum Islamischen Staat.
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Künstliche Intelligenz und Kapital

Montag, 27. November 2017 14:42

Streifzüge, 15.11.2017

„Level-1 or world-space is an anthropomorphically scaled, predominantly vision-configured, massively multi-slotted reality system that is obsolescing very rapidly.
Garbage time is running out.
Can, what is playing you, make it to level-2?“

Nick Land

 

In der vom Silicon Valley herbeigesehnten Singularität käme das automatische Subjekt zu sich selbst.

Link: http://www.konicz.info/?p=3415

Dicke Backen

Montag, 27. November 2017 13:43

Konkret 11/2017
Tomasz Konicz über die Vorschläge des französischen Präsidenten zur Neugestaltung der Euro-Zone

Wenn Deutschland schon wählen muss, um zum ersten Mal seit 1945 wieder Nazis in den Reichstag zu hieven, dann will es dabei wenigstens seine Ruhe haben. Folglich ruhte das politische Leben in den europäischen Institutionen bis zur Bundestagswahl weitgehend. Alle warteten darauf, welches politische Personal den anstehenden Umbau der EU in Angriff nehmen wird. Doch bereits zwei Tage nach dem Urnengang präsentierte der französische Präsident Macron bei einer vielbeachteten Rede seine Vision eines von Grund auf reformierten, vereinten Europas. Paris nahm keine Rücksichten mehr auf die noch ausstehenden Koalitionsgespräche in Berlin. Macron wollte die Initiative ergreifen, den Rahmen des kommenden Verhandlungsmarathons vorgeben, die innenpolitisch Bundeskanzlerin unter Druck setzen.

Nur ein „stärker integriertes Europa“ könne den Weg zur „echten Souveränität“ weisen, tutete der französische Präsident. Die Zukunft des europäischen Kontinents liege im Aufbau einer vereinten und demokratischen EU. Die Integration der Einzelstaaten solle sich auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik, den Militärapparat, den Grenzschutz und die Sozialpolitik erstrecken. Den Kern eines vereinten Europas solle ein gesamteuropäischer „echter Haushalt“ bilden (finanziert anteilig gemäß dem Bruttoinlandsprodukt von allen Euro-Staaten), dem ein europäischer Finanzminister vorstünde. Hinzu käme eine europäische Harmonisierung der Steuern und der Mindestlöhne, mit der Abwertungen innerhalb der EU (wie etwa durch die Agenda 2010) verhindert werden könnten. Die Einführung von Eurobonds, mit denen die Zinsdifferenzen zwischen dem deutschen Zentrum der EU und ihrer südlichen Peripherie überwunden würden, ist ebenfalls Teil der französischen Integrationsoffensive – auch wenn Macron sie nicht explizit nannte.

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Down under

Montag, 27. November 2017 13:41

Konkret, 10/2017

Lässt sich die Klimakatastrophe verhindern? Von Tomasz Konicz

Die Klimakatastrophenfolge des diesjährigen Sommers, die weltweit die größte Beachtung fand, ereignete sich ausgerechnet im politischen Zentrum der Klimakatastrophenskepsis, in Texas: Ende August hat Hurrikan Harvey der Bevölkerung des Großraums Houston und der Weltöffentlichkeit vor Augen geführt, dass der Klimawandel keine graue Theorie über eine ferne Zukunft, sondern bereits verheerende Realität ist (die gleichzeitigen Überschwemmungen in Indien haben trotz weitaus höherer Opferzahlen massenmedial keine Rolle gespielt). Mal wieder wurden bei Harvey die bisherigen Wetterrekorde der USA gebrochen – diesmal in der Kategorie Niederschlag je Quadratmeter. Seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen in den Vereinigten Staaten sind noch nie dermaßen hohe Regenmengen gemessen worden, wie sie der Hurrikan über Südost-Texas niedergehen ließ. Der Wetterdienst der USA musste die Farbpalette seiner Wetterkarten erweitern, um die Niederschläge zu visualisieren. In einigen Regionen des Ballungsraums Houston, in dem nahezu sieben Millionen Menschen leben, gingen binnen weniger Tage 1.250 Liter Regen je Quadratmeter nieder.

Die enormen Schäden von – so erste Schätzungen der Versicherungsbranche – rund 90 Milliarden US-Dollar, die der Wirbelsturm verursachte, dürften sich in den kommenden Monaten in der Konjunkturentwicklung der USA niederschlagen. Zum einen ist der Großraum Houston ein wichtiger logistischer Knotenpunkt, zum anderen ein Zentrum der ölverarbeitenden Industrie, so dass Störungen oder gar Unterbrechungen der globalen Liefer- und Produktionsketten in vielen Branchen befürchtet werden. Die Tageszeitung „USA Today“ verwies zudem darauf, dass Houston zum „wichtigsten Zentrum der Chemieproduktion“ in den USA aufgestiegen sei, den zweitgrößten Hafen sowie zwei der wichtigsten Flughäfen der Vereinigten Staaten unterhalte.

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Die Bank an Ihrer Seite

Montag, 27. November 2017 13:38

Konkret 09/2017

Wie tief die europäische Finanzindustrie mittlerweile in der Krise steckt, lässt sich am Zustand des italienischen Bankensektors erkennen. Von Tomasz Konicz

Die Banca Monte dei Paschi di Siena, die älteste Bank der Welt, scheint das jüngste Opfer der nicht endenden Euro-Krise zu werden. Das im Zuge der ersten protokapitalistischen Formierungsprozesse 1472 im mittelitalienischen Siena gegründete Finanzhaus, das seither ununterbrochen im Geldgeschäft ist, scheiterte kläglich am sogenannten Stresstest der EU-Bankenaufsichtsbehörde EBA, der Ende Juli die Krisenfestigkeit des europäischen Finanzsektors testen sollte. Unter den 51 getesteten Finanzinstituten landete die italienische Bank weit abschlagen auf dem letzten Platz – mit einer negativen Eigenkapitalquote von 2,4 Prozent im simulierten Fall einer Rezession. Neben zwei deutschen Geldhäusern, der Deutschen Bank und der Commerzbank, fand sich aber auch die führende italienische Großbank, die UniCredit, unter den zehn Schlusslichtern des Stresstests.

Der Umfang der verschleppten Krise des italienischen Finanzsektors, die sich im Ergebnis des Stresstestes spiegelte, lässt sich relativ genau beziffern: Bis zu 360 Milliarden Euro fauler Kredite haben die Banken der italienischen Halbinsel inzwischen akkumuliert, was immerhin 18 Prozent des gesamten Darlehnsbestandes des italienischen Finanzsektors entspricht. Nahezu ein Drittel der vom Zahlungsausfall bedrohten Kredite in der EU entfällt damit auf Italien. Damit droht die Halbinsel zum Epizentrum eines eventuellen neuen Krisenschubs in der EU zu werden, die ja spätestens mit dem „Brexit“ in einen Zustand offener Desintegration überzugehen droht (siehe konkret 8/16). Die Auseinandersetzungen um die konkrete Maßnahmen im Fall der italienischen Bankenkrise, die hauptsächlich zwischen Berlin und Rom geführt werden, dürften auch über den Fortbestand der EU entscheiden.

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… und morgen ganz Eurasien?

Montag, 27. November 2017 13:37

Konkret, 07/2017

Deutschland wird vom geopolitischen Kamikaze-Kurs des US-Präsidenten kaum profitieren können – es sei denn, Berlin springt über den eigenen Schatten. Von Tomasz Konicz

Die Funktionseliten der erodierenden kapitalistischen One World müssten Donald Trump eigentlich lieben – zumindest außerhalb der USA. Seitdem der Rechtspopulist im Weißen Haus sitzt, muss das Washingtoner Establishment ohnmächtig mit ansehen, wie ihr egomanischer Präsident, der „Amerika wieder groß machen“ will, den „wichtigsten und allgemein anerkannten außenpolitischen Interessen der Vereinigten Staaten“ irreparablen Schaden zufüge, formulierte das Magazin „The Atlantic“ als Fazit der ersten desaströsen Trump-Tour durch den Mittleren Osten und Europa. Es falle selbst vielen Republikanern schwer, die geopolitischen Ergebnisse der erratischen Auftritte Trumps in Europa als „etwas anderes als eine totale Katastrophe für die US-Interessen in Europa“ zu präsentieren.

US-Medien thematisieren in diesem Zusammenhang vor allem die von „konfrontativer, nationalistischer Rhetorik“ („Washington Post“) begleiteten Auftritte Trumps in Brüssel, etwa seinen Antrittsbesuch bei der Nato, und beim G7-Gipfel in Taormina. Statt die üblichen Floskeln von der unverbrüchlichen atlantischen Freundschaft abzusondern, forderte der US-Präsident von den europäischen Nato-Verbündeten rüde eine drastische Erhöhung der Militärausgaben. Gestandene US-Geopolitiker machten auf CNN ihrem Ärger Luft über Trumps Auftritt in Brüssel, der ja handfeste politische Folgen hatte. Trump sei „der erste Präsident seit 1949“ gewesen, der die Beistandspflicht der Nato-Mitglieder in seiner Antrittsrede nicht erwähnte, klagte der frühere US-Nato-Botschafter Nick Burns gegenüber dem Nachrichtensender.

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… und kein Ende

Montag, 27. November 2017 13:34

Konkret 02/2017

Seit der deutsche Finanzminister im Sommer 2015 sein Spardiktat über Griechenland verhängen konnte, stürzt das Land ökonomisch und sozial ab. Jetzt ist der Streit zwischen der griechischen Regierung und der Euro-Gruppe neu aufgeflammt. Von Tomasz Konicz

Das deutsche Ideal sei, hinter einem Schalter zu sitzen, wusste schon Tucholsky. Anfang Dezember wurde offensichtlich, wie wenig sich daran in den vergangenen Jahrzehnten geändert hat. In der Rolle eines kollektiven Fallmanagers im gesamteuropäischen Sozialamt empörten sich Deutschlands Journalisten und Politiker über die Auszahlung eines einmaligen Weihnachtsgeldes für die griechischen Rentner durch die Regierung in Athen. Fast schien es, als ob man in den Redaktionen einfach nur einen Hass-Schalter umlegen müsste, um die hiesigen Kommentatoren den deutschen Krisenmythos von den faulen, korrupten und unfähigen Griechen, die unseren schönen deutschen Euro ruinierten, repetieren zu lassen.

Ohne die Gläubiger „um Erlaubnis“ zu bitten, habe es die griechische Regierung gewagt, den 1,6 Millionen Rentnern des pauperisierten Landes, die mit weniger als 850 Euro im Monat über die Runden kommen müssen, ein Weihnachtsgeld zu zahlen, meldete „Spiegel Online“ am 9. Dezember. Das seien 617 Millionen Euro. Und nicht nur das. Die Mehrwertsteuer auf den Inseln der Ostägäis, die laut Wolfgang Schäubles Weisung von 16 auf 24 Prozent steigen müsste, solle nun doch nicht angehoben werden. Athen begründete das damit, dass „die Bevölkerung dieser Inseln die Last des Flüchtlingszustroms tragen müsse“.

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Spiel auf Zeit

Montag, 27. November 2017 13:29

Konkret, 01/2017

Anlässlich des gescheiterten Verfassungsreferendums in Italien, das zum Ende der Karriere von Regierungschef Matteo Renzi geführt hat, hatten Deutschlands Meinungsmacher mal wieder Gelegenheit, sich in ihren Vorurteilen über die Krisenverlierer in Südeuropa zu suhlen. Die Italiener würden mit dem Urnengang „ihre Banken und den Euro“ aufs Spiel setzen, polterte „Spiegel Online“, und darauf bauen, dass ihr Landsmann Mario Draghi in seiner Eigenschaft als EZB-Chef es „schon richten“ werde – mittels Fortführung seiner expansiven Geldpolitik.

Die nach dem Referendum angekündigte Verlängerung der Anleihekäufe durch die EZB, die nun – in leicht verminderten Umfang – mindestens bis Ende 2017 fortgesetzt werden, ließ bei der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („FAZ“) die Sicherungen durchbrennen: Von einer „Schulden- und Haftungsunion“, von einer „Politisierung der Geldpolitik“, von Verträgen, die „das Papier nicht wert“ seien, auf dem sie stünden, war in einem wütenden Kommentar die Rede, der das europaweite Erstarken rechtsextremer Kräfte nicht etwa auf das deutsche Spardiktat in der Euro-Zone, sondern auf die expansive Geldpolitik der EZB zurückführte, die die desaströsen wirtschaftlichen Folgen dieses Spardiktat in Wahrheit zu konterkarieren versucht.

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