Kehrseite des Booms

„Junge Welt“, 03.01.2008
Inflation und Spekulation am Wohnungsmarkt bringen Peking in die Bredouille. Steigende Lebensmittelpreise bergen sozialen Sprengstoff

China gilt als die wettbewerbsfähigste Region der Erde. Vor Deutschland und der Schweiz. Dies ergab eine Umfrage unter europäischen Managern, die das Handelsblatt am Mittwoch verbreitete. Und nicht nur das. 2008 werde ein chinesisches Jahr, ebenso das Jahrzehnt, wenn nicht gar das Jahrhundert, versuchen Medien und Experten weltweit dem staunenden Publikum zu suggerieren. Vor 20 Jahren wurde gleiches von Japan behauptet, einem Land, dessen damals überhitzte Volkswirtschaft sich von der Bankenkrise 1992 bis heute nicht erholt hat. Und auch dem vielgelobten chinesischen »Wirtschaftswunder« könnte gelegentlich die Puste ausgehen.

Korrekturversuche

Vor allem eine galoppierende Inflation und die damit einhergehende Sorgen um zunehmende Unruhen trübt den Konjunkturhimmel im Reich der Mitte. Es gelte, »energische Maßnahmen« zu ergreifen, forderte Präsident Hu Jintao, um die sich seit mehreren Monaten aufheizende Inflation einzudämmen. Das chinesische Staatsoberhaupt machte in seiner Neujahrsansprache den boomenden Immobilienmarkt und vor allem die exorbitant gestiegenen Lebensmittelpreise für die aktuelle Teuerungswelle verantwortlich.

Tatsächlich stiegen die Preise für Lebensmittel im November gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 18,2 Prozent. Das in China beliebte Schweinefleisch verteuerte sich sogar um 56 Prozent, die Geflügelpreise legten um 38 Prozent zu. Der Preisanstieg bei allen anderen Warengruppen ist hingegen kaum erwähnenswert und betrug im November lediglich 1,4 Prozent. Insgesamt errechneten Chinas Statistiker im November eine Inflationsrate von 6,9 Prozent. Dies war ein weiterer Anstieg gegenüber dem Zeitraum zwischen August und Oktober 2007, als die Teuerung im Jahresvergleich bei 6,5 Prozent lag. Der Preisauftrieb in China befindet sich somit auf dem höchsten Niveau seit elf Jahren.

Ein weiteres von Hu Jintao thematisiertes Problemfeld, stellt der boomende chinesische Immobilienmarkt dar. Dort gibt es erste Anzeichen einer spekulativen Blasenbildung. Die Preise für Wohneigentum auf dem größtenteils privatisierten Immobilienmarkt stiegen in den 70 größten Städten binnen eines Jahres um 9,5 Prozent. In Shanghai werden in guten Lagen inzwischen bis zu 17000 US-Dollar pro Quadratmeter Wohnfläche verlangt. Zudem ist die –durch Hypothekenaufnahme finanzierte – Immobilienspekulation bereits jetzt zu einem beträchtlichen Teil für den Preisauftrieb am Wohnungsmarkt verantwortlich. Laut Yi Xianrong von der chinesische Akademie der Sozialwissenschaften könnte es längerfristig auch in China zu einem Immobiliencrash nach US-Muster kommen: »Ich schätze, daß die Mehrheit der [chinesischen] Hypothekennehmer nicht einmal die Kriterien für [US-amerikanische] Subprime-Hypotheken erfüllen würde«, warnte Yi im Interview mit dem Magazin Outlook.

Um der zunehmenden Anzahl chinesischer Familien zu helfen, die sich die beständig verteuernden Wohnungen nicht leisten können, kündigte der Präsident die Erweiterung des so­zialen Wohnungsbaus an: »Die Zentralregierung traf Anordnungen, um ein System von Wohnungen mit niedrigen Mieten zu errichten und so das Angebot an erschwinglichen Wohnungen zu erweitern und die Wohnungsnöte geringverdienender Familien zu lindern«, verkündete Hu beim medienwirksam inszenierten Besuch einer zur Untermiete wohnender Familie.

Zinserhöhung

Im Kampf gegen die Inflation setzt Chinas Regierung vor allem auf eine Erhöhung der Leitzinsen. Die Zentralbank hat am 21. Dezember zum sechsten Mal die Zinsen für einjährige Kredite erhöht: von 7,29 auf 7,47 Prozent. Der Zins, den Banken für einjährige Geldeinlagen zahlen müssen, wurde zwar von 3,87 auf 4,14 Prozent erhöht, liegt aber immer noch deutlich unter der Inflationsrate. Am 31. Dezember kündigte die chinesische Regierung zudem die Einführung von Exportsteuern auf Grundnahrungsmittel an. Über 50 Getreidearten, die das Land exportiert, sollen künftig mit Steuern von bis zu 25 Prozent belegt werden. Diese Maßnahme soll vorläufig bis Ende 2008 aufrechterhalten werden –wohl auch, um einem zusätzlichen Inflationsschub kurz vor und während der Olympischen Spiele entgegenzuwirken.

Erste soziale Unruhen, die explizit mit steigenden Lebensmittelpreisen in Zusammenhang stehen, wurden bereits aus dem südchinesischen Houjie gemeldet. In Chongqing kamen drei Personen bei einer Massenpanik ums Leben, als eine Menschenmenge nach verbilligtem Speiseöl vor einem Supermarkt anstand. China könnte sich genötigt sehen, diesen potentiellen sozialen Sprengsatz durch verstärkte Getreide­importe zu entschärfen. Bislang habe das 1,3 Milliarden Einwohner zählende Riesenland vorwiegend die eigenen Getriedevorräte aufgebraucht, erklärte kürzlich der Leiter des Food Policy Research Institute, Joachim von Braun, gegenüber der Presse. Doch nun könne die durch riesige Exportüberschüsse in US-Dollar schwimmende Volkswirtschaft sich gezwungen sehen, »die internationalen Märkte« für Grundnahrungsmittel »zu betreten«. Die würde von Braun zufolge weltweit die »Preise in außergewöhnliche Höhen« treiben.

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