Welt im Stau

„Junge Welt“, 04.12.2008
Aus dem Konferenztourismus: In Poznan werden bis 12. Dezember Eckpunkte des Kyoto-Nachfolgeabkommens beraten

Die 14. UN-Klimakonferenz im polnischen Poznan entfaltet bereits ihre Wirkung. Der allmorgendliche Stau in der westpolnischen Metropole ist seit Beginn der Konferenz am Montag merklich dichter geworden. 10 000 Delegierte aus 190 Staaten sind bis 12. Dezember vor Ort. In punkto Bekämpfung des immer schneller voranschreitenden Klimawandels dürfte die zweiwöchige Zusammenkunft von Wissenschaft und Politik allerdings kaum greifbare Ergebnisse bringen.

Sonntagsreden

Die Konferenz von Poznan reiht sich in eine Abfolge von Treffen ein, auf denen ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll erarbeitet werden soll. Das Weltklimaprotokoll von Kyoto sieht eine Reduktion des 1990 erreichten Niveaus an CO2-Emissionen um fünf Prozent bis 2012 vor. In Poznan werden die ersten Eckpunkte des Nachfolgeabkommens erarbeitet, das in einem Jahr in Kopenhagen unterzeichnet werden soll.

Polens Premier Donald Tusk hielt zur Eröffnung am Montag eine Sonntagsrede, mahnte »globale Solidarität« bei der Bekämpfung des Klimawandels an und warnte davor, die »Sorge um das Klima« mit der abkühlenden »wirtschaftlichen Konjunktur« in Verbindung zu bringen. Die Wirtschaftskrise sei ein »vorübergehendes« Phänomen, während die »Arbeit für die Sache des Klimas von Dauer« sein sollte. Derselbe Donald Tusk wehrt sich derzeit mit allen ihm zu Verfügung stehenden Mitteln gegen eine substantielle Reduktion der polnischen CO2-Emissionen. Als vor wenigen Wochen ein ambitioniertes europäisches Klimapaket im Gespräch war, drohte der polnische Europaminister mit einem Veto.

Inzwischen steht Polen nicht mehr allein als Verhinderer nennenswerter Klimaschutzmaßnahmen da. Auch Deutschland, Frankreich und Italien weichen die ohnehin bescheidenen Klimaschutzziele weiter auf. Die darniederliegende deutsche Autoindustrie hat die Frist zur Senkung der CO2-Emissionen verlängert bekommen. Lobbygruppen von Industrieverbänden und Energieversorgern rechnen ständig vor, wie teuer der Klimaschutz in Zeiten der Wirtschaftskrise werden könnte. Die EU ist gerade dabei, das zu tun, wovor Tusk so scheinheilig warnte – ihre international führende Rolle bei der Diskussion von Klimaschutzzielen aufzugeben und alle substantiellen Maßnahmen angesichts der Wirtschaftskrise hintanzustellen. Eine von der EU vollmundig versprochene Reduktion der Treibhausemissionen um 20 bis 30 Prozent dürfte de facto wieder zu den Akten gelegt worden sein.

Nach den Prognosen des Weltklimarates (IPCC) müßten die globalen CO2-Emissionen ab 2020 abgebaut werden, um eine katastrophale Erwärmung um mehr als zwei Grad zu verhindern. Viele Wissenschaftler bewerten die Grenzwerte, die diesen Annahmen zugrundeliegen, als zu optimistisch, da beispielsweise die Luftverschmutzung in weiten Teilen der Welt kühlend auf das Klima wirkt (Schwefel- oder Rußpartikel reflektieren die Sonneneinstrahlung). In der Arktis, wo das Meereseis sich jeden Sommer immer weiter zurückzieht, drohen zudem die ersten Rückkopplungseffekte einzusetzen: Auftauen der Permafrostböden, massenhafte Methan-Emissionen. Ab einem gewissen Schwellenwert wären solche Prozesse nicht mehr aufzuhalten.

Wachstumszwang

Trotz aller Sonntagsreden und des weltweiten Konferenztourismus nimmt der globale Ausstoß an Klimagasen weiter enorm zu und übersteigt selbst die schlimmsten Vorhersagen des IPCC. Zwischen 2000 und 2006 stiegen die Emissionen der wichtigsten 40 Industriestaaten um 2,3 Prozent, und es ist einzig dem Zusammenbruch der Volkswirtschaften des ehemaligen Ostblocks zu »verdanken«, daß die Ziele des Kyoto-Protokolls eingehalten werden dürften. Ausgemacht ist das nicht. Im vergangen Jahr stieg der Anteil von Kohlendioxid (CO2) in der Atmosphäre um 2,2 Teile pro Million (ppm) auf 383 ppm. Im Vorjahr hatte der Anstieg noch 1,8 ppm betragen. Seit 2000 ist der CO2-Ausstoß viermal schneller gestiegen als in der gesamten Dekade davor. Der Kohlendioxid-Anteil in der Atmosphäre liegt nun um 37 Prozent über dem der vorindustriellen Zeit.

Offensichtlich ist das kriselnde, in blinder Dynamik verfangene, kapitalistische Weltsystem nicht in der Lage, auf diese Entwicklung anders zu reagieren als mit weiteren Erhöhungen der CO2-Emissionen. Doch die auf permanentem Wachstumszwang und uferloser Kapitalakkumulation beruhende kapitalistische Produktionsweise wird selbstverständlich auch in Poznan nicht hinterfragt werden, sondern als stille Voraussetzung fauler Kompromisse fungieren. Der britische Guardian stellte seine Leserschaft am Montag schon mal darauf ein, was uns bei einer Fortsetzung der kapitalistischen Produktionsweise blüht: »Was immer auch passiert, die weltweiten Temperaturen werden sicher über die zwei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau steigen, welche die EU als gefährlich ansieht. Die Frage ist nur, ob wir den Schaden begrenzen können.«

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