Angriff abgewehrt

„Junge Welt“, 03.09.2007
Verkehrsarbeiter im südpolnischen Kielce verhindern Privatisierung und übernehmen den Betrieb als Mehrteilseigner

In den Morgenstunden des Samstags nahmen die Beschäftigten der öffentlichen Verkehrsbetriebe (MPK) von Kielce den regulären Fahrbetrieb wieder auf. Vorher war der öffentliche Transport in der südpolnischen Stadt mit einem Generalstreik weitgehend lahmgelegt worden. Die MPK-Angestellten wehrten sich damit gegen die Übernahme des kommunalen Betriebs durch den französischen Konzern Veolia, der sich schon mal als Streikbrecher betätigte und einen »Ersatzverkehr« mit eigenen Bussen organisierte. Die Auseinandersetzungen eskalierten, als der Bürgermeister private Trupps aus dem Securitymilieu anheuerte, die dann die Streikenden angriffen und vom Betriebsgelände vertrieben.

Polizei kontra Streikende

Als am Donnerstag morgen die Arbeiter zurückschlugen und mit etwa hundert Mann die Sicherheitsdienste aus dem Gebäudekomplex der MPK vertrieben, schien sich die Lage weiter zuzuspitzen: Mehrere hundert Demonstranten und Polizeihundertschaften standen sich gegenüber, die Securityleute lauerten in der Firmenzentrale. Das rücksichtslose Vorgehen der Stadtregierung lenkte jedoch die Aufmerksamkeit der überregionalen Medien auf den Streik. Diese skandalisierten den Überfall der Sicherheitsdienste. Die Stimmung schlug um. Konfrontiert mit einem starken Verlust von Ansehen, entschieden sich die Stadtoberen, Polizei und Schlägertrupps zurückzuziehen.

Bereits am folgenden Tag kapitulierte die Stadtverwaltung in Verhandlungen am späten Freitag abend vor den Streikenden und dem öffentlichen Druck. Einen Verkauf der städtischen Verkehrsbetriebe an Veolia wird es nicht geben. Statt dessen werden die städtischen Verkehrsbertiebe in eine neue Gesellschaft überführt, bei der die MPK-Beschäftigten die absolute Mehrheit der Firmenanteile halten. Die Angestellten der ehemals städtischen Verkehrsunternehmens werden somit Mehrheitseigner eines eigenen Betriebs. Nach Zeitungsmeldungen wurde diese Tatsache mit Beifallsstürmen und Jubel von der streikenden Belegschaft aufgenommen.

»Arbeitergesellschaft«

Diese für Polen spezifische Eigentumsform wird als »Spolka Pracownicza«, »Arbeitergesellschaft«, bezeichnet. An die 1400 – zumeist kleinere – Betriebe wurden in Zuge der polnischen Systemtransformation von Staatseigentum in Arbeitergesellschaften umgewandelt. Diese haben allerdings die Möglichkeit, Beteiligungen zwecks Kapitalaufnahme an Investoren oder Unternehmen zu verkaufen. Schon so mancher dieser Betriebe wurde so durch einen kapitalkräftigen Investor übernommen, nachdem er den Beschäftigten nach und nach ihre Anteile abgekauft hatte.

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