Die Kathedralen des Kapitals

„Neues Deutschland“, 27.08.2011

Polens größte Shopping-Malls Wirken oftmals wie monströs-monumentale Objekte aus einer anderen Welt. Diese Kathedralen des Kapitals verharren durchweg in feindlicher Beziehungslosigkeit zu ihrer urbanen Umgebung, sie sind gegenüber der Außenwelt abgeschirmt und nach innen gerichtet – obwohl sie doch die Massen anziehen sollen. Was die Massen tatsächlich anzieht, ist die Illusion der heilen Konsumwunderwelt innerhalb der Malls, die auch in dieser Hinsicht im krassen Kontrast etwa zu den Plattenbausiedlungen stehen, an deren Peripherie sie oftmals errichtet wurden. Der Besucher findet unter seinen Füßen nicht mehr die zersprungenen Betonplatten seiner Siedlung, sondern auf Hochglanz polierten Marmor, während um ihn herum in Dutzenden und gar Hunderten kleinerer oder größerer Geschäfte und Boutiquen die Marken- und Warenwelt ihre illusionäre Vielfalt entfaltet.

Das Konzept der Shopping-Malls, teilweise ins gigantische ausartender Einkaufszentren, unter deren zumeist überglasten Dächern eine schale und sterile Vorspiegelung öffentlichen Lebens aufgeführt wird, fand nach der Systemtransformation auch in Osteuropa rasch Verbreitung. Die durch die Schocktherapie in Polen ausgelöste Desintegration des zentralistisch organisierten und staatlich kontrollieren Einzelhandels beförderte diese Tendenzen zusätzlich, da keine gewachsenen Einzelhandelsstrukturen gegeben waren, die einem Verdrängungsprozess ausgesetzt gewesen wären. Die Mall-Berteiber wie auch westliche Einzelhandelskonzerne stießen bei ihrer Ostexpansion gewissermaßen ins Nichts, in eine Terra Incognita vor. Zudem hat die mit der Systemtransformation einhergehende Deindustrialisierung in vielen polnischen Städten Industriebrachen zurückgelassen, auf denen auch innerstädtische Malls erreichtet werden konnten.

Ende 2010 erreichten diese neuartigen Handelszentren bereits eine Nutzfläche von 10,2 Millionen m² in ganz Polen, wobei nach dem krisenbedingten Einbruch der Bautätigkeit die Expansion nun weiter voranschreitet: In 2011 und 2012 sollen zwischen Oder und Bug Einkaufszentren mit 594.000 m² neuer Einkaufsfläche errichtet werden, gegenüber nur 309.000 m² in Deutschland oder 314.000 m² in Großbritannien. Derzeit befinden sich mehr als zwei Drittel dieser Konsumtempel in den Großstädten Polens, und da der Markt dort inzwischen gesättigt ist, finden sich diese monströsen Gebilde nun immer häufiger in kleineren Städten von 100.000 oder auch nur 60.000 Einwohnern. Seit 1998 wurden knapp 19 Milliarden Euro bei der Errichtung von Malls in Polen verpulvert.

Eine der größten Malls in Polen und Mittelosteuropa stellt beispielsweise das Arkadia in Warschau dar, das laut Pressesprecherin Monika Lewczuk auf einem Areal von 287.000 m² rund 110.000 m² Verkaufsfläche bietet. Das Arkadia biete auf drei Stockwerken neben 180 Geschäften auch „30 elegante Restaurants und Cafes, Kinos sowie ein medizinisches Zentrum“ und werde von „21 Millionen Besuchern jährlich“ frequentiert, die sie an der „ungewöhnlichen Architektur“ erfreuten, wie „überglasten Dächern, fantastischen Mosaiken“, sowie an der Verwendung „natürlicher Steine“ als Baumaterialien, erklärte Lewczuk. 4500 Parkplätze stünden den einkufswütigen Warschauern auf zwei Ebenen zur Verfügung.

 

Mit einem ähnlichen Zahlenstakatto kann auch Monika Kuśmirek–Zyzik von der sogenannten „Manufaktura“ in Lodz aufwarten: 100.000 m² Verkaufsfläche, 250 Geschäfte, dutzende Restaurants, 3.500 Parkplätze, Investitionsvolumen von 200 Millionen Euro, 600 neu gepflanzte Bäumchen. Dennoch besteht Kuśmirek–Zyzik wohl nicht ganz zu unrecht darauf, dass der Manufaktura eine in Polen bisher „einmalige“ Konzeption zugrunde liege. Das neue Konsumzentrum der alten mittelpolnischen Textilstadt wurde auf dem Gelände einer im 19. Jahrhundert gegründeten und 1992 bankrott gegangenen Textilfabrik erreichtet, deren architektonische Außenhülle teilweise beibehalten und restauriert wurde. Gegenüber dem ND betonte der Direktor der Manufaktura, Sławomir Murawski, dass sich die Investition in ein „nicht standardisiertes Objekt“ gelohnt habe. Hierbei sein ein Komplex entstanden, der die „Geschichte mit der Gegenwart“ verbinden würde und der das Zentrum von Lodz „neu definiert“ habe. Die Manufaktura sei die größte „Revitalisierung“ in der Nachkriegsgeschichte Polens, mit der die Zeiten der größten Blüte von Lodz wieder aufscheinen würden. Das Handelszentrum sei „nur ein Element der Manufaktura, … das ist vor allem ein öffentlicher Ort, das neue Zentrum von Lodz,“ pflichtete auch Kuśmirek–Zyzik bei. Es gebe auf den 27 ha Fläche der Anlage auch einen Unterhaltungsbereich mit Kinos und Diskotheken, Museen, und ein Theater. Das Zentrum der Anlage bildet ein circa drei ha großer Marktplatz, der als der neue zentrale „öffentliche“ Ort von Lodz fungieren soll. Es handele sich hierbei um eine „Stadt in der Stadt“. Auf Nachfrage räumte Kuśmirek–Zyzik ein, das es sich beim gesamten Gelände – wie auch beim Marktplatz – um Privatbesitz handelt. Das Immobilienunternehmen Apsys hat dieses Projekt gemeinsam mit zwei französischen Investmentfonds realisiert.

Diese sterile Simulation öffentlichen urbanen Lebens auf Privatbesitz trifft aber auf ein weit verbreitetes Bedürfnis nach einer sicheren und anscheinend widerspruchsfreien Welt. Viele Polen sehen in der Shopping-Mall die Materialisierung des kapitalistischen Glücksversprechens auf immerwährenden Konsum, das im krassen Kontrast nicht nur zur derzeitigen sozioökonomischen Realität, sondern auch zu den immer noch lebendigen Erinnerungen an die staatssozialistische Mangelwirtschaft steht. Die Shopping-Mall ist somit auch Architektur geronnene Ideologie, die insbesondere von der polnischen Mittelklasse immer noch mit Überzeugung verinnerlicht wird. Teile der aufstrebenden Mittelschicht glauben schlich an den Kapitalismus, und die Malls bilden die Kathedralen dieser Gläubigen, zu denen sie nicht nur des Einkaufs wegen pilgern.

„Die Fahrt zur Galerie ist für uns wie ein Feiertag. Wir ziehen uns elegant an und gehen dort mit der ganzen Familie hin. Wir fühlen und sicher.“ So fassten Soziologen die Ergebnisse einer ersten Studie über die Verhaltensmuster und Einstellungen von Mall-Besuhern in Schlesien gegenüber der Tageszeitung Dziennik Zachodni zusammen. Vor allem für immer mehr Menschen aus der jüngeren Generation bilden diese überdimensionierten Handelszentren einen mit Statusdenken angereicherten Lebensmittelpunkt: In Katowice gaben 28 Prozent der Befragen an, in die Malls einfach zum Schaufensterbummel zu gehen, und 19 Prozent verabreden sich dort mit Freunden. 40 Prozent der jungen Umfrageteilnehmer gaben an, ihr erstes Date am liebsten im Shopping-Center verbringen zu wollen. Für gut ein Drittel der Befragten des Städtchens Rybnik – das über eine sehr schöne Altstadt verfügt – stellen die dortigen Malls „den interessantesten Ort der Stadt“ dar. Jeder zweite Pole stattet inzwischen einer Mall ein mal wöchentlich einen Besuch ab. In einigen dieser Kathedralen des Kapitals können inzwischen praktischerweise der Einkauf mit dem Kirchgang zusammenfallen. Im Silesia City Center in Katowice wurde eine Kapelle zur ehren der Heiligen Barbara erreichtet, die auf reges Interesse der Konsumenten traf: „Einige beteten vor dem Einkauf, andere mit prall gefüllten Einkaufstüten“, meldete das Magazin Metro.

Die Schattenseiten dieser glitzernden Konsumwunderwelt bleiben den promenieren Besuchermaßen hingegen zumeist verborgen. „Wir sind keine Revolutionäre, wir wollen keine Revolution ausrufen,“ mit dieser mehrmals wiederholten Beteuerung leitete Anna Klinowska von der Polnischen Vereinigung der Handelsflächenmieter (Polskie Stowarzyszenie Najemców Powierzchni Handlowych – PSNPH) unser Gespräch ein. Klinowskas Interessenvereinigung bemüht sich seit 2010, der weitgehenden Entrechtung der Mieter von Geschäften und Boutiquen in den Malls entgegenzutreten. Die kleineren Mieter werden oftmals durch regelrechte Knebelverträge von den Handelsgesellschaften drangsaliert, die der Willkür Tor und Tür öffneten: „Oftmals verstoßen die konkreten Vertragsbestimmungen sogar gegen das polnische Vertragsrecht“, erläuterte Klinowska. Ihre Vereinigung bemühe sich vor allem darum, die Vertragsbestimmungen zugunsten der Mieter zu verändern. Oftmals verlangen die Malls von ihren Mietern höhere Zahlungen für Reklame, Renovierungsarbeiten oder Versicherungsleistungen als ursprünglich vereinbart. Die Preise der Dienstlestungen innerhalb einer Mall liegen fast immer über den Marktüblichen Niveau: „Ständig muss man den Handelszentren etwas Zuzahlen,“ beklagte sich auch Zofia Nachiło-Morbiato  von der Kleidungskette Venezia.

Ein Geschäft in diesen Malls kann aber auch Vorteile für Mieter mit sich bringen, da dort  Witterungsunabhängige Bedingungen herrschen und die Besucher eher zu der polnischen Mittelschicht zählen, die im Schnitt weitaus mehr Geld in diesen Konsumpempeln lässt als etwa in den Supermärkten Polens. Rund ein Drittel der Konsumenten gibt dort zwischen 250 bis 500 Tlkoty aus (ein Euro entspricht circa vier Zloty), jeder Zehnte sogar mehr als 1000 Zloty. „Einkäufe in den Malls sind teure Einkäufe“, bestätigte Klinowska. Die jüngeren und beruflich erfolgreichen Polen würden bevorzugt in die Malls pilgern, während ältere Menschen immer noch die in den Siedlungen bestehenden, kleinen Geschäfte bevorzugen würden. Es sei eine „Generationenfrage“, die aufgrund des demographischen Wandels auch die Einzelhandelsstrukturen in Polen langsam verändere. Die derzeit noch häufig anzutreffenden Kleingeschäfte würden laut Klinowska langsam von den Handelszentren verdrängt.

Über die Zukunft des Malls machte sich auch Amnon Shiboleth, Chef des Handelszentrums „Blue City“ so seine Gedanken, der gegenüber der Tageszeitung Gazeta Wyborcza die Errichtung einer „5. Generation“ dieser Konsumtempel ankündigte. „In den polnischen Handelszentren gibt es zu viele Geschäfte“, dozierte Shiboleth. Die neuartigen Malls würden nur auf 40 Prozent ihrer Gesamtfläche Einkaufsmöglichkeiten bieten, die restliche Fläche werde von Dienstleistern,  Büroräumen oder Veranstaltungszentern beansprucht. Die Mall soll sich zu einer privatisierten und abgeschirmten Stadt wandeln:  „Das neuartige Zentrum der fünften Generation ist eine kleine Stadt, wo neben Büros, Geschäften und Dienstleistungen auch Menschen wohnen.“ Seine Gesellschaft habe den Bau solcher Apartmenthäuser, die an ein Handels- und Unterhaltungszentrum angeschlossen seinen, bereits fest im Blick: „Wir haben schon die Fläche erworben, die wir bebauen wollen.“ Dabei findet bei diesem Konzept nur die in der „Manufaktura“ angedeutete Privatisierung  und Simulierung öffentlichen Lebens eine konsequente Weiterentwicklung. Die Flucht in dieses abgeschirmte kapitalistische Konsumwunderland bildet aber nicht zuletzt eine Reaktion auf die sehr reellen Krisenschübe, die das kapitalistische System erfassen und die die gesellschaftliche Realität in immer krasseren Gegensatz zu den heilen Fassaden dieser Konsumtempel treiben. Schon auf deren Parkplätzen werden die Mallbesucher in diese Realität von verarmten Gestalten zurückkatapultiert, die um den Einkaufswagen bitten, um das hierin befindliche Pfandgeld behalten zu können.

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