Angst vor dem Winter

„Junge Welt“ 03.11.06
Jahrelange Vernachlässigung des Binnensektors der russischen Energiewirtschaft und stürmisches Wirtschaftswachstum haben zu gravierenden Versorgungsengpässen geführt

Am vergangenen Dienstag gab der russische Energieversorger »Vereinigte Energiesysteme« (RAO-UES) die erfolgreiche Teilprivatisierung eines seiner Strom­unternehmen bekannt, die 459 Millionen US-Dollar in die Kassen des staatlichen Monopolkonzerns spülte. »Heute haben wir einen strategischen Schritt in der Elektrizitätsreform gemacht, der unter Beweis stellt, daß wir in den letzten Jahren richtig gehandelt haben«, so der Kommentar des Vorstandsvorsitzenden von RAO-UES, Anatoli Tschubais. Doch dies soll nach dem Willen Tschubais nur ein bescheidener Anfang gewesen sein. Innerhalb der nächsten fünf Jahre will RAO-UES an die 79 Milliarden US-Dollar durch Teilprivatisierungen einnehmen, um den Investitionsmangel im Binnensektor der russischen Energiewirtschaft beheben zu können.
Preisfreigabe geplant
Die Dachgesellschaft RAO-UES besitzt 96 Prozent des russischen Hochspannungsnetzes. Die 70 Tochterunternehmen des Konzerns erzeugen an die 70 Prozent der Elektrizität des Landes. Derzeit betreibt RAO-UES 32 Elektrizitätswerke, zudem befinden sich acht weitere Kraftwerke im Aufbau. Der russische Staat hält noch über 50 Prozent an dem Konzern, doch im September dieses Jahres entschloß sich die Putin-Administration, verstärkt Marktmechanismen im Binnensektor der russischen Energiewirtschaft zuzulassen. Die zuvor staatlich regulierten Preise für Elektrizität sollen laut Financial Times an das »internationale Niveau« angeglichen werden, die Privatisierungserlöse sind für die seit Jahrzehnten unterfinanzierte energetische Infrastruktur Rußlands vorgesehen.

Diese Investitionen werden auch dringend benötigt, denn laut Moskaus Bürgermeister Juri Luschkow könnten die Versorgungsengpässe im kommenden Winter dramatische Ausmaße annehmen. Luschkow bezifferte das allgemeine Energiedefizit der russischen Hauptstadt auf 20 Prozent. Gegenüber dem sehr kalten Winter des Vorjahres, als der Moskauer Energieversorger Mosenergo wegen mangelnder Kapazitäten zeitweilig die Stromlieferungen an Industriebetriebe einstellen mußte, würde sich die energetische Unterversorgung Moskaus um weitere acht Prozent erhöhen, so Luschkow. Neben Moskau gilt vor allem die Energieversorgung des Großraums St. Petersburg im kommenden Winter als nicht gesichert. Der Moskauer Bürgermeister forderte RAO-UES eindringlich auf, »notwendige Lösungen anzubieten«, da die Kapazitäten des Energiesektors dem schnellen Wirtschaftswachstum hinterherhinkten.

Laut einen Bericht der Gazeta.Ru will RAO-UES den Export von Strom drosseln und dessen Import erhöhen, um die von Luschkow befürchtete Energiekrise im kommenden Winter zu verhindern. Doch russische Fachleute halten einen Erfolg dieser Strategie für fraglich. Gegenüber der Nachrichtenagentur RIA-Nowosti erklärte Natalja Porochowa, Energieexpertin des Instituts für Probleme natürlicher Monopole, daß es kaum möglich ist, den russischen Energiehunger mit ausländischen Lieferungen zu decken. »Freie Energiekapazitäten gibt es in Moldawien, Kasachstan und der Ukraine. Doch all der Strom aus diesen Ländern wird den Mangel in den Problemregionen – Moskau und St. Petersburg – nicht decken können, weil der Import lediglich durch das Stromnetz im Süden Rußlands möglich ist«, so Porochowa. Zur Zeit importiert Rußland Strom aus Kasachstan, Litauen und Kirgisien, der Export geht hauptsächlich an Finnland. RAO-UES kann zudem die Stromexporte nicht massiv zurückfahren, da das Unternehmen an langfristige Lieferverträge gebunden ist. Tschubais beteuerte kürzlich, daß RAO-UES alle Vereinbarungen über Exportlieferungen erfüllen werde.
Profitabler Export
Die meisten Kraftwerke Rußlands werden mit Erdgas betrieben, das der staatliche Monopolist Gasprom liefert. Der Binnenverbrauch verschlingt inzwischen zwei Drittel der gesamten Erdgasproduktion der Russischen Föderation. Da Erdgas auf dem russischen Markt zu einem staatlich geregelten Festpreis von 46 US-Dollar gehandelt wird, ist Gasprom an einer Drosselung seiner Lieferungen für den Binnenmarkt interessiert. Gegenüber der russischen Wirtschaftszeitung Wedomosti gab Tschubais zu Protokoll, mit Gasprom-Chef Alexej Miller Ende September die Energieversorgung diskutiert zu haben. In dem Gespräch erklärte Miller, daß die russischen Elektrizitätswerke auf andere Energiequellen, wie den weitaus teureren Diesel, umsteigen sollen. Laut Tschubais würde dies eine massive Erhöhung des Strompreises nach sich ziehen, da mit Diesel operierende Elektrizitätswerke Rohstoffkosten aufwiesen, die einem Gaspreis von 185 US-Dollar entsprächen. Seitens des Moskauer Energieversorgers Mosenergo wurde zudem Gasprom für die Versorgungsprobleme des vergangenen Winters verantwortlich gemacht, da der Monopolist nicht genügend Erdgas geliefert haben soll. Um die erhöhte Binnennachfrage decken zu können, mußte Gasprom sogar die Lieferungen nach Westeuropa kurz drosseln.

Trotz des geplanten, ehrgeizigen Investitionsprogramms im Energiesektor und verstärkter Importe scheint nur ein relativ milder Winter die »Energiemacht Rußland« vor massiven Problemen bei der Energieversorgung schützen zu können.

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