Die Zombie-Linke: Kurze Polemik wider die Krisenblindheit einer vom Präfaschismus geprägten Postlinken.
„Isn’t that what we’re doing? Pretending to be alive?“
Land of the Dead, George A. Romero
11.08.2026
Es hat etwas von einem absurden Theaterstück, als ob Samuel Beckett Regie geführt hätte. Die sozioökologische Weltkrise des Kapitals tritt in den Zentren in ihr manifestes Stadium ein, während die regressive Altlinke sich in verbissener Krisenignoranz und Populismus verliert. Es ist schon fast beeindruckend, unter welch absurden Hirnverrenkungen die deutsche Postlinke es immer noch schafft, sich dieser Krisenevidenz zu entziehen. Europa durchlitt im Juli eine historische Hitzewelle, die Temperaturen in Deutschland stiegen auf absurde Werte von mehr als 40 Grad. Die kapitalistische Klimakrise, befeuert von dem Verwertungszwang des Kapitals, ist gerade dabei, in eine Klimakatastrophe umzuschlagen. Ein Ende des kapitalistischen Wachstumswahns ist schlicht überlebensnotwendig.
Und was forderte in dieser manifesten Klimakrise die neue Witzfigur an der Spitze der „Linkspartei“ (PDL), Luigi Pantisano? Die Einrichtung neuer kostenloser Badestellen, da diese nicht „zum Luxusgut“ werden dürften.1 Die Bilder aus den diesjährigen Feuerregionen Europas stellen sich ein, wo Badeurlauber am Strand in der Nähe von Feuersbrünsten und Rauchsäulen „entspannen“ durften.2 Dies scheint auch den Kern der Klimapolitik der PDL zu treffen: es soll sozialverträglich zugehen bei der Klimaapokalypse. Vielleicht ist Beckett zu viel der Ehre, es sieht eher nach Monty Python aus.
Pantisanos notorische3 Kollegin, das sozialdemokratische Jacobin-Gewächs Ines Schwerdtner, plädierte angesichts historischer Dürren, austrocknender Flüsse und kommender Nahrungsmittelkrisen hingegen für besseren Hitzeschutz, um für den „nächsten Hitzesommer“ gerüstet zu sein.4 Es bräuchte Investitionen in Infrastruktur, Hitzepläne für Schulen und Krankenhäuser, sowie einen besseren Arbeitsschutz, bei dem die „Arbeitgeber in die Pflicht genommen“ werden müssten. Diese sollten für mehr Pausen und ausreichend Trinkwasser sorgen. Die Proleten sollen laut Frau Schwerdtner immer schön hydriert bleiben, damit sie weiterhin eben das Kapital buchstäblich erarbeiten, das Ursache der voll einsetzenden Klimakatastrophe ist.
Tja, da taucht er wieder aus der historischen Versenkung auf, der sozialdemokratisch verdünnte leninsche Kampf ums Teewasser: als eine postlinke Realsatire, aufgeführt von einer jener Mittelschichtsschnösel mit Proletentick, die tonangebend in der „Linkspartei“ sind – und die alles tun werden,5 um ja nicht selbst arbeiten gehen zu müssen. Zur Klarstellung: Selbstverständlich könnten solche Maßnahmen im engen Rahmen sinnvoll sein, doch ihnen allen ist gemeinsam, dass sie nur an den Folgen der Klimakrise herumdoktern, während die systemische Ursache, der Verwertungszwang des Kapitals,6 verbissen ausgeklammert wird.
Woran liegt diese nun wirklich absurde Krisenblindheit der Altlinken, die ja nicht nur die Klimathematik und die PDL, sondern auch den wachsenden autoritär-traditionsleninistischen Sumpf in ihrem Fahrwasser prägt? Da ist vor allem der Krisenopportunismus zu nennen, also das Bemühen der Seilschaften der Linkspartei, in der öffentlichen oder staatlichen Krisenverwaltung unterzukommen. Hierzu muss radikale Krisentheorie ignoriert oder marginalisiert werden. Mit all dem radikalen Krisengerede landet mensch nun mal nicht in Koalitionsverhandlungen oder Talkshows.
Das Umdeklarieren der Systemfrage zu einer Verteilungsfrage7 eröffnet schlicht Karrierepfade im Politikbetrieb. Das konkrete Karrieremittel des Opportunismus, der von der allgemeinen Tendenz zur staatlichen Krisenverwaltung zu profitieren hofft, ist ein stumpfsinniger, inzwischen hegemonialer Populismus. Dem Volk wird aufs Maul geschaut, um sich zum Vertreter der Interessen des „kleinen Mannes“ zu erklären – was auch den ideologischen Holzweg des Populismus illustriert, der sich an der kulturindustriell und identitär geformten „Volksmeinung“ orientiert, also an dem falschen ideologischen Schein der Gesellschaft, anstatt diesen falschen Schein mit der harten, unbequemen Krisenrealität zu konfrontieren.
Dieser populistische Stumpfsinn, der niemals systemisch oppositionell agieren kann, amalgamiert mit den ideologischen Zerfallsprodukten des Traditionsmarxismus,8 um eine besonders rohe Krisenform verkürzter, rechtsoffener Kapitalismuskritik hervorzubringen. Der innere Widerspruch des Kapitals, das sich mit der Lohnarbeit seiner eigenen Substanz entledigt, wird komplett ignoriert, um sich im Klassenkampffetisch, in Proletarier-Folklore und einer neoleninistischen Schnitzeljagd nach „Interessen“ zu verlieren. Die altlinke Personifizierung des fetischistischen, irrationalen Kapitalverhältnisses in einer Gruppe von Weltbösewichtern, die Verkürzung aller Krisen auf Interessen irgendwelcher Machtgruppen – sie sind nicht nur kompatibel zur faschistischen Südenbocksuche, sie liefern auch dem antisemitischen Syndrom Nahrung in der Krise. Mitunter kann ein regelrechter, auf Israel fokussierter Erlösungsantisemitismus konstatiert werden, der die Auslöschung des jüdischen Staates zu einer Überlebensfrage der Menschheit halluziniert.
Mal ganz abgesehen von der schlichten Blödheit,9 die es diesem regressiven Milieu ermöglicht, hinter allmächtigen „Herrschenden“ hinterherzuhecheln, während die Klimakrise zunehmend die Kapitalverwertung beeinträchtigt und Milliardäre panisch ihre Endzeitbunker10 errichten – es gibt noch einen weiteren ideologischen Faktor, der der Selbstauflösung der Altlinken in der manifesten Systemkrise Vorschub leistet. Es ist die falsche Unmittelbarkeit der konkreten Forderungen, die sich unmittelbar aus dem sozialen Fallout der Krisendynamik ergeben: Arbeitsplätze sichern, Sozialstaat verteidigen, etc. Und eben dies ist angesichts der voll einsetzenden Krise illusorisch. Die Uhren können nicht ins Wirtschaftswunderland oder in die Sowjetunion zurückgedreht werden. Unter falscher Unmittelbarkeit ist somit die Tendenz sozialer Bewegungen zu verstehen, unbewusst in Denkformen zu verharren, die den sozialen Zuständen und Widersprüchen entsprechen, gegen die sie sich eigentlich richten – was nur durch Vermittlung der Praxis mit radikaler Krisentheorie zu überwinden wäre.
In seinem Spätwerk Land of the Dead kreierte11 der Altmeister des Zombie-Gernes, George A. Romeo, eine prophetische Szene, bei der die Untoten weiterhin äußerlich ihrer alltäglichen Beschäftigung, ihrer Arbeit nachgingen. Sie gaben vor, lebendig zu sein, ohne dass ihre Tätigkeiten noch einen inneren Sinn ergaben. Dieses Bild passt perfekt auf die gegenwärtige, vom Präfaschismus geprägte Postlinke. Die Krise, falls sie wahrgenommen wird, ist nur ein Label, das die alten, unveränderten Postulate und Reflexe garniert: Staatsgeilheit, Klassenkampffetisch, Sozialstaatsnostalgie, Verklärung des in Auflösung übergehenden Variablen Kapitals („Proletariat“) zum revolutionären Subjekt, platte Bonzenschelte.
Es gibt keine Bezugspunkte zur Krisenrealität mehr – gerade hinsichtlich der Klimakrise. Während das Kapital in seiner Agonie die Zivilisationsgrundlagen zerstört, übt sich diese Zombie-Linke faktisch in einer realitätsfernen Identitätspolitik, gerade weil sie selber in dem nun einsetzenden Transformationsprozess substanzlos, konservativ oder gar reaktionär geworden ist. Diese linken Politzombies werden weiterhin den gerechten Zugang zum Apokalypsestrand und freies Wasser (diesmal ohne Tee) bis zum Klimakollaps fordern – wie Schallplatten, die einen Sprung erlitten haben.
Hierbei geht diese Zombie-Linke ganz in der ideologischen Gesamtbewegung der spätkapitalistischen Zentrumsländer auf, deren Insassen ebenfalls einfach weitermachen, um ja nicht aufzuwachen in der Wüste des Realen. Letztlich aus Angst vor Identitätsverlust – vor dem Verlust dessen, wozu das Kapital die Menschen mittels Sozialisation zugerichtet hat – scheint selbst der erste Schritt zu einem emanzipatorischen Kampf um den Verlauf der anstehenden Systemtransformation12 unmöglich: zu sagen, was Sache ist. Sollte das kollabierende Kapital nicht emanzipatorisch überwunden werden, wird die Menschheit in Barbarei versinken. In Wechselwirkung mit immer heftigeren sozialen wie ökonomischen Krisenschüben. Worauf unsere postlinken Politzombies hingegen spekulieren, ist ein klimatisiertes Plätzchen in der Krisenverwaltung.13
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1 https://www.waz.de/politik/article412638598/darf-nicht-zum-luxus-werden-linke-chef-fordert-mehr-kostenlose-badestellen.html
2 https://www.nbcnews.com/news/world/sunbathers-watch-beach-wildfires-burn-french-riviera-n786231
3 https://www.n-tv.de/politik/Linken-Chefin-haelt-Erhoehung-des-Renteneintrittsalters-fuer-moeglich-article25948019.html
4 https://www.stern.de/news/linke-dringt-auf-umfassende-konzepte-zum-hitzeschutz-37620780.html
5 https://www.n-tv.de/politik/Linken-Chefin-haelt-Erhoehung-des-Renteneintrittsalters-fuer-moeglich-article25948019.html
6 https://www.konicz.info/2022/01/14/die-klimakrise-und-die-aeusseren-grenzen-des-kapitals/
7 https://www.konicz.info/2023/09/06/unwort-klimagerechtigkeit/
8 https://www.konicz.info/2024/05/26/die-grosse-regression/
9 https://www.konicz.info/2020/12/09/der-linke-bloedheitskoeffizient/
10 https://www.konicz.info/2018/07/18/der-exodus-der-geldmenschen/
11 https://www.youtube.com/watch?v=9t2UMyZ3piE
12 https://www.konicz.info/2022/10/12/emanzipation-in-der-krise/
13 https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/pantisano-linke-cdu-100.html