Springer erobert Polen

„Junge Welt“ vom 10.07.06
Von der Dominanz zur Hegemonie. Der Ableger des deutschen Medienkonzerns kann das Expandieren einfach nicht lassen

Florian Fels, seit Januar 2006 Vorsitzender des Axel Springer Verlages Polska, sprühte geradezu vor Selbstbewußtsein und Optimismus. In einem am Donnerstag veröffentlichten Interview in der polnischen Tageszeitung Gazeta Prawna faßte er die Aktivitäten des Verlages zusammen und umriß dessen zukünftige Strategie: »Die letzten fünf Jahre waren für uns eine sehr aktive Periode. Innerhalb kurzer Zeit brachten wir zwei Tageszeitungen auf den Markt. Zuerst Fakt, dann Dziennik. Und inzwischen haben wir einen erfolgreichen Relaunch des Forbes-Magazins durchgeführt. Das heißt aber nicht, daß wir jetzt aufhören. Unsere Strategie gründet vor allem auf einem Wachstum, das durch die Veröffentlichung neuer Publikationen gespeist wird.«

Dieses Wachstum ist in der Tat eindrucksvoll, denn die bisherige Geschichte des seit 1994 in Polen agierenden Springer-Verlages, der inzwischen über 500 Mitarbeiter beschäftigt, liest sich wie eine nicht enden wollende Erfolgsstory. Inzwischen publiziert Springer über 30 verschiedene Printtitel in Polen. Neben etlichen Spartenpublikationen (Frauen-, Computer-, Autozeitschriften) sind es das Wochenmagazin Newsweek Polska, der Bildableger Fakt und die Welt-Kopie Dziennik, die Springer eine dominante Stellung auf dem Markt für überregionale Pressetitel verschaffen. Das Revolverblatt Fakt, die Bild-Zeitung für Polen, ist mit einer Auflage von 541800 Exemplaren inzwischen einsamer Spitzenreiter bei den Verkaufszahlen für überregionale Zeitungen. Die polnische Gazeta Wyborcza des ehemaligen Dissidenten Adam Michnik folgt mit 430000 Exemplaren abgeschlagen auf Platz zwei. Bei der Gazeta Wyborcza handelt es sich um eine liberale Tageszeitung mit seriösem Anspruch, die über lange Jahre den Markt für »meinungsbildende Zeitschriften« in Polen dominiert hatte. In diesem politisch äußerst sensiblen Segment war Springer gar nicht präsent.

Im April 2006 starteten die Deutschen ihren Frontalangriff auf die letzte Bastion polnischer Medienmacht, in dem sie die konservative Tageszeitung Dziennik auf den Markt brachten. Mit einem riesigen Werbebudget ausgestattet, wurde Dziennik sogleich mit 253000 Exemplaren auf den dritten Platz im polnischen Zeitungsmarkt katapultiert. Die Reklamekampagne für die Zeitung verschlang allein im April an die sechs Millionen Euro. In der Folge mußten alle anderen bedeutenden Tageszeitungen, wie die Rzeczpospolita, seit April herbe Auflagenverluste hinnehmen. Bevor Dziennik in den Markt gedrückt wurde, hatte die Gazeta Wyborcza noch eine Auflage von 500000 Exemplaren, die Rzeczpospolita immerhin von 270000 – gegenüber 179000 heute. Die einzige Ausnahme bildet Springers Fakt, die mit einem Preis von einem Zloty unschlagbar günstig angeboten wird und deren Auflage beständig steigt.

Der Springer-Verlag ist scheinbar von seinem Erfolg selbst überrascht worden, denn vor dem Verkaufsstart wurde für Dziennik eine Auflage von 150000 Exemplaren anvisiert. Doch nach Ansicht von Beobachtern des polnischen Pressemarkts war der Zeitpunkt für einen Angriff auf die Gazeta Wyborcza vom Springer-Verlag politisch gut gewählt worden. Das Blatt unterstützte publizistisch die im vergangenen Herbst abgewählten neoliberalen Sozialdemokraten der SLD, deren Regierungszeit durch Sozialabbau und ausufernde Korruption gekennzeichnet war. Als sich die katastrophale Niederlage der SLD abzeichnete, ging die Wyborcza dazu über, die radikal wirtschaftsliberale »Bürgerplattform« (PO) des Donald Tusk zu unterstützen, da allgemein davon ausgegangen wurde, daß die PO mit den derzeit regierenden Rechtskonservativen der PiS koalieren würde. Als die Koalitionsgespräche platzten und die Konservativen vorerst eine Minderheitsregierung bildeten, stand die Wyborcza einer vom fanatischen Antikommunismus beseelten Regierung gegenüber, die der Zeitung ihre Unterstützung für die Sozialdemokraten der SLD nicht verzeihen konnte. Hier konnte die konservative Dziennik punkten; die Springer-Zeitung bot sich als Sprachrohr der polnischen neuen Rechten an. Wie die polnische Wochenzeitung Przekroj meldete, soll der Springer-Verlag den Kaczynski-Zwillingen (PiS) den Dziennik vor Markteinführung persönlich vorgestellt haben. Die sonst um antideutsche Parolen nicht verlegenen Politiker haben keine Berührungsängste gegenüber den Springer-Zeitungen, so daß Fakt und Dziennik etliche Exklusivinterviews und Berichte bringen konnten.

Darüber hinaus sind die Medien der radikalen polnischen Rechten geschwächt, da der Vatikan dem antisemitischen Treiben des Redemptoristenpriesters Rydzyk ein Ende gesetzt hat. Am 2. Mai beschloß die polnische Bischofskonferenz auf Veranlassung des Heiligen Stuhls, Rydzyk sein politisches Engagement fortan zu verbieten und einen Kontrollrat einzusetzen, der sein rechtslastiges Medienimperium überwacht. Rydzyk mußte sich öffentlich entschuldigen, und alle Sendungen von Radio Maryja, dem Fernsehsender Trwam, wie auch die Artikel der Tageszeitung Nasz Dziennik werden nun zensiert.

Die Kommentarfunktion zu diesem Beitrag wurde deaktiviert.