Zurück ins Mittelalter

„Junge Welt“, 01.06.2007
Polens neuer Kanon der Schulliteratur

Das polnische Bildungsministerium präsentierte am Mittwoch einen neuen »Kanon« literarischer Werke, die landesweit im Unterricht zu behandelnd sind. Diese Liste mit Schullektüre ist für sämtliche Klassen und Schulformen Polens verbindlich. Sie erfuhr in diesem Jahr weitreichende Veränderungen, die unter Pädagogen und Kulturschaffenden für Kopfschütteln bis Entsetzen sorgten. Im Zentrum der Kritik steht Polens rechtsradikaler Bildungsminister, der Vorsitzende der Koalitionspartei Liga der Polnischen Familien, Roman Giertych.

Etliche Werke wurden gestrichen, da sie den moralischen und weltanschaulichen Vorstellungen der nationalistischen Hardliner im Bildungsministerium widersprachen. Fortan werden polnische Schüler nicht mehr mit Fjodor Dostojewski konfrontiert. Franz Kafkas »Der Prozeß« findet sich ebensowenig im neuen Literaturkanon wie Goethes »Faust« oder dessen »Leiden des jungen Werther«. Zudem fielen der existentialistische Schriftsteller Witold Gombrowicz sowie der seine psychedelischen Erfahrungen verarbeitende Autor Stanisaw Ignacy Witkiewicz der literarischen Sittenpolizei Giertychs zum Opfer.

Gombrowicz war 1969 für den Literaturnobelpreis nominiert. Er zählt zu den wichtigsten Autoren Polens. Sein kritisches Verhältnis zur nationalen, katholischen Tradition des Landes – nach Gombrowicz eines der wichtigsten Hemmnisse der geistigen Entwicklung – scheint dem Bildungsminister unverzeihlich.

Die statt dessen zur Schullektüre erklärten Werke spiegeln den engen Horizont der polnischen Rechten. Es finden sich auf der Liste drei Erzählungen von Jan Dobraczynski, der als erzkatholischer Aktivist im Zwischenkriegspolen in dem »Stronnictwo Narodowe« aktiv war, einer autoritären rechtsradikalen Gruppierung. Laut Begründung des Bildungsministeriums zeichnen sich seine Werke durch »eine große Dosis Patriotismus und christliche Werte« aus. Selbstverständlich darf im neuen Kanon eine Papstlektüre nicht fehlen, mit »Erinnerung und Identität« dürfen sich Polens Schüler bald von den literarischen Qualitäten des verstorbenen »polnischen« Papstes Johannes Paul II. überzeugen. In die Kategorie Biographien wurde zudem das von Pawel Zuchniewicz verfaßte Werk »Onkel Karol. Priesterjahre des Papstes« aufgenommen.

Gegenüber der Tageszeitung Gazeta Wyborcza äußerten Pädagogen und Literaturwissenschaftler ihren Unmut: »Offensichtlich kommen wir ohne die wichtigsten polnischen Schriftsteller aus, die sich kritisch gegenüber den polnischen Komplexen zeigten«, erklärte der Gymnasialdirektor und Polonist Adam Kalbarczyk. »Auf diese Weise ertrinken wir in der Soße der gottgefälligen Selbstzufriedenheit.« Der neue Literaturkanon schafft »eine furchtbare kulturelle Lücke«, ergänzte Tomasz Wroczynsk vom Warschauer Institut der Polnischen Literatur. »Solch eine absurde Situation hätte nicht mal Witkiewicz erfunden.«

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