Moskau im Partyrausch

„Junge Welt“, 09.01.2007
Oligarchen und Neureiche verprassen zum Jahreswechsel Millionen. Der Öl- und Rohstoffreichtum des Landes machen’s möglich. Arme gehen leer aus

Rußlands Oberschicht läßt die Puppen tanzen. Während der diesjährigen Weihnachts- und Neujahrsfeiern brachen die Gewinner der ursprünglichen Akkumulation wieder einige ihrer eigenen obskuren Rekorde. Eine besonders spektakuläre Bestmarke konnte der britische Popsänger George Michael aufstellen: Für einen 75minütigen Auftritt bei einer Neujahrsfeier in Moskau kassierte er 3,3 Millionen US-Dollar Gage. Den mit umgerechnet 44000 Dollar pro Minute dotierten Traumjob bekam Michael vom russischen Oligarchen Wladimir Potanin. Die Boulevardzeitung Komsomolskaja Prawda bezeichnete die Fete des Rohstoffimperators als »private, geschlossene Feierlichkeit« mit dessen »engsten Freunde«.
Der Nickelfürst
Potanin, ein früherer mittlerer Wirtschaftsfunktionär mit dem Mandat der KP der Sowjetunion, ist heute einer von gut zwei Dutzend Superoligarchen, die die Spitzenplätze in der russischen Wirtschaftshierarchie okkupiert haben. Mit den üblichen Tricks der Jelzin-Ära machte er seine ersten Millionen. Potanin gründete eine Bank, die ergaunertes Volkseigentum wusch und für seine Kumpane sicherte. Später gehörte er zu den Wirtschaftsführern, die für Jelzins zweite Wiederwahl sorgten. Dafür wurde er Vizepremier und nutzte seine Berufung für eine weitere gigantische Bereicherungsaktion – das Kredite-für-Aktien-Programm. Die Regierung verpfändete Anteile an Staatskonzernen gegen Kredite der reichen Bankiers. Diese Kupons teilten die Oligarchen später quasi unter sich auf – für Peanuts.

Seinen größten Coup landete Potanin bei der »Privatisierung« des russischen Rohstoffunternehmens Norilsk Nickel. Für schlappe 171 Millionen US-Dollar kassierte er 38 Prozent des Konzerns ein. Norilsk Nickel ist der weltgrößte Produzent von Platin und Palladium und kontrolliert ein Fünftel des Nickel-Weltmarktes. Die Auktion leitete Potanins Bank. Mit Präsident Wladimir Putin geriet Potanin aneinander, als er durch einen Deal mit einem südafrikanischen Goldkonzern einen Großteil von Norilsk Nickel (im Wert von etwa sechs Milliarden US-Dollar) juristisch und faktisch ins Ausland verlegen wollte. Offenbar konnte er sich dann mit dem Kreml einigen und verzichtete auf den spektakulären Abgang. Laut US-Magazin Forbes kommt Potanin derzeit auf ein Gesamtvermögen von umgerechnet 6,4 Milliarden US-Dollar und auf Platz neun der Liste der reichsten Russen.

Doch der Nickelfürst ist nicht der einzige, der es ordentlich krachen ließ. Zwischen dem 24. Dezember unserer Zeitrechnung und dem orthodoxen Neujahr, das auf den 14. Januar fällt, befindet sich Moskaus Fettschicht im Zustand der Dauerparty. Die polnische Zeitung Gazeta Wyborcza berichtete jüngst über Versorgungsengpässe, die aus dem um sich greifenden Reichtum resultieren. So fiele es selbst vermögenden Kunden zusehends schwer, in Moskau noch Kaviar oder Champagner auszutreiben. Juweliergeschäften gehe der teure Diamantschmuck aus, so die Wyborcza. Über 300 Euro soll im Schnitt jeder Einwohner Rußlands für die Weihnachts- und Neujahrsfeiern ausgeben – einen Großteil dieses Geldes verprassen die Neureichen aus Moskau und St. Petersburg.

Die Zahl von Rußlands Parvenüs hat sich dank hoher Rohstoffpreise enorm vermehrt. Inzwischen sind im Putin-Reich offiziell 33 Milliardäre ansässig. Zudem weisen die Statistiken für 2006 über 80000 Einkommensmillionäre aus. Da die Steuermoral der neuzeitlichen Bojaren nicht sehr ausgeprägt ist, gehen Experten von einer extrem hohen Dunkelziffer und nahezu 450000 Multimillionären aus, die nun die Luxusindustrie des Landes und ganz Europas auf deren Belastbarkeit prüfen.

Finanziert werden die Festspiele der parasitären Klasse zu Neujahr durch die ins Land gespülten Petrodollars. Allein 2005 stieg der Handelsüberschuß der Russischen Föderation um 33 Prozent und erreichte 142 Milliarden US-Dollar. Für 2006 wurde wieder eine Steigerung prognostiziert. Der Verkauf von Öl und Erdgas macht inzwischen 60 Prozent der gesamten Exporte des Landes aus. Rußlands Devisenreserven lagen Ende 2006 bei umgerechnet 320 Milliarden US-Dollar. Bis Ende 2007 sollen sie auf 450 Milliarden ansteigen.
Neue Mittelschicht
Auch die neue Mittelschicht bekam Krumen vom großen Kuchen ab. Lohnerhöhungen kamen vor allem den Beschäftigten des Energie- und Rohstoffsektors zugute. Hier sind die Löhne fast dreimal so hoch wie im Durchschnitt. Über Verdopplungen, gar Verdreifachungen ihrer Bezüge können sich laut der Gazeta Wyborcza auch viele Beamte und im öffentlichen Dienst beschäftigte Russen freuen. Vor allem Lehrer und Ärzte sollen von den Lohnerhöhungen profitiert haben. Inzwischen gibt die russische Statistik nur noch ca. 15 Prozent der Einwohner des Landes als unterhalb der Armutsgrenze lebend aus. Das Problem mit dem offiziellen Existenzminimum ist, daß es mit umgerechnet 76 US-Dollar viel zu niedrig angesetzt wird. Dieser Betrag reicht zur tatsächlichen »Sicherung der Existent« im heutigen Rußland nicht aus. UN-Experten gehen davon aus, daß 53 Prozent der Einwohner Rußlands in Armut leben. Anfang Dezember bezifferte der Moskauer Gewerkschaftsverband die Zahl der Menschen, die allein in der Hauptstadt von monatlich weniger als 150 Euro leben müßten, auf fast zwei Millionen. Moskau gilt als teuerste Stadt der Welt. Deren reichstes Zehntel verfügt über Einkünfte, die um das 57fache höher liegen als selbst das städtische Durchschnittseinkommen von 750 Euro. Mitte Dezember gestand der russische Finanzminister Alexej Kudrin: »Wir erhöhen die Ausgaben im Haushalt um ein Viertel jedes Jahr, aber die Zahl der Armen geht kaum zurück.«

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