Die USA können den Krieg gegen den Iran derzeit nur um den Preis einer strategischen Niederlage beenden – deswegen droht die unkontrollierbare Eskalation.
26.03.2026
Macht es überhaupt noch Sinn, die Äußerungen des – nun ja – Präsidenten der Vereinigten Staaten zur Kenntnis zu nehmen? Seit Beginn des Irankrieges wechselt Trump seinen Standpunkt beinahe stündlich: von Eskalationsdrohungen, über Siegeserklärungen, Abzugsspekulationen bis zur Beschimpfung von NATO-Bündnispartnern. Nahezu alles kann dem Präsidenten unter Verweis auf entsprechende Aussagen zugeschrieben werden.
Das Aussenden einander widersprechender Signale durch den faschistischen Borderliner1 im Weißen Haus, dessen erratisches Verhalten samt seinem pathogenen Narzissmus den krisenbedingt anschwellenden Irrationalismus des Kapitals spiegelt, könnte schlicht auf die Fusion von Psychopathologie und faschistischer Ideologie in der – nun ja – Person Donald Trumps zurückgeführt werden. Wahrheit, Realität, Raumzeit, Vergangenheit oder Zukunft bilden keine Richtschnur mehr seiner politischen Reflexe. Es gibt nur noch die Jetztzeit der manifesten Krise mit ihrem beständig zunehmenden Erschütterungen, die der Faschismus triggert und/oder reaktiv verstärkt. Die Rede von den „alternativen Fakten“,2 die am Anfang der Ära Trumps stand, sie kommt nun zur vollen Entfaltung.
Doch könnte zumindest in einer Hinsicht diesem widersprüchlichen Hintergrundrauschen, das Trump aussendet, durchaus ein Kalkül innewohnen: Die Eskalationsdrohungen, die sich mit Siegesmeldungen abwechseln, das Offenhalten des Kriegsendes, dem Versicherungen des baldigen Siegfriedens folgen – sie bringen die strategische Falle zum Ausdruck, in die sich die imperialistischen Dilettanten im Weißen Haus manövriert haben. Washington verliert gegen die Zeit. Trump sitzt in einer Falle, da er den Krieg derzeit nicht beenden kann, ohne ihn geopolitisch zu verlieren.
Zugleich kann er den Krieg nicht über längere Zeit fortsetzen, ohne hin ökonomisch zu verlieren. Mittels martialischer Eskalationsdrohungen soll Iran dazu gebracht werden, die Blockade der Straße von Hormus aufzugeben, während Trumps Siegesmeldungen die Finanzmärkte und die Weltwirtschaft beruhigen sollen, die sich bereits am Rande eines abermaligen Krisenschubs befinden.
Wenn Trump sich schlich zum Sieger erklären und die Kampfhandlungen einstellen würde, überließe er dem Iran einen ungeheuer effektiven, global wirkenden Machthebel, den das Regime in Teheran vor Kriegsausbruch nicht hatte: die faktische Kontrolle über die Straße von Hormus, über die rund 20 Prozent der weltweiten Ölförderung befördert wurde. Das Regime würde dauerhaft diese Meerenge in eine Zollstelle verwandeln, was bereits jetzt faktisch der Fall ist. Damit könnte Teheran alljährlich zusätzliche Einnahmen in Milliardenhöhe erzielen.
Nach dem jetzigen Stand der Dinge haben die USA militärisch tatsächlich viele taktische Erfolge verzeichnet, doch strategisch hätten sie den Krieg verloren – die Weltwirtschaft wäre von dem Wohlwollen Irans abhängig. Mal ganz abgesehen von dem anfangs geäußerten Ziel des „Regime Change“.3 Trumps krankhafter Narzissmus ist zu vielem fähig, doch eine solche Niederlage in einen Sieg umzulügen ist schlich unmöglich.
Das iranische Regime ist sich seiner guten strategischen Stellung bewusst4 und stellt entsprechende Forderungen an die USA: Reparationen, Sicherheitsgarantien, Aufgabe von US-Militärstützpunkten in der Region, Formalisierung der iranischen Kontrolle über die Straße von Hormus. Bei fortgesetzter Eskalation, die Teheran gerade durch den Einsatz von Streumunition gegen Israel sucht, könnte das Regime überdies auf Solidarisierungseffekte in der Bevölkerung hoffen – wenn etwa Israels Rechtsregierung im Rahmen von Vergeltungsmaßnahmen bewusst zivile Ziele angreifen ließe. Der Iran spielt auf eben die Zeit, die Washington nicht hat: die Wahlen im November, die einsetzende Stagflation, eine drohende Weltwirtschaftskrise und das Krisenpotenzial auf den labilen Finanzmärkten würden einen langen Krieg zum ökonomischen Fiasko machen.
Der Iran kann nicht nur fossile Energieträger blockieren, er schneidet auch die essenzielle Versorgung mit Düngemitteln und mit Rohstoffen für die IT- und KI-Industrie ab (Helium). Zugleich ist es nicht möglich, das Regime einfach durch die Bombenkampagne zu stürzen. Selbst die Kontrolle der Straße von Hormus könnte nur durch den massiven Einsatz von Bodentruppen gewährleistet werden.
Diese strategische Falle, in die sich Trump nun hineinmanövrierte, illustriert übrigens nicht nur dessen intellektuelle Defizite, sondern auch die Unzulänglichkeiten autoritärer Systeme. Trump hat bei Kriegsbeginn die Existenz des iranischen Regimes infrage gestellt, und zugleich hat er keinerlei Maßnahmen zum Schutz der Straße von Hormus ergreifen lassen, da er auf ein schnelles Kriegsende hoffte, ähnlich der Intervention in Venezuela.5 Dass ein um sein Überleben kämpfendes iranisches Regime die Straße von Hormus blockieren würde, gilt in Militärkreisen als Allgemeinwissen. Sicherlich ist diese Information auch ans Weiße Haus herangetragen worden – nur ist Trump von einem Kreis von Opportunisten und Jasagern umgeben,6 die nur als bloße Stimmungsverstärker des Präsidenten fungieren. Wenn nun der Präsident auf eine Wiederholung des Venezuela-Szenarios hofft, dann werden seine Untergebenen es auch so sehen und ihn darin bestärken.
Das Ganze erinnert schlicht an den Beginn des Ukraine Krieges, als Putin im Vorfeld vom russischen Geheimdienst FSB mit entsprechend positiven Lageeinschätzungen gefüttert wurde, da der russische Präsident fest daran glaubte, die Ukraine im Rahmen einer schnellen militärischen Operation quasi im Handstreich nehmen zu können.7 Wenige Wochen nach Putins ukrainischem Fiasko wurde der FSB gesäubert – und der russische Präsident ist weiterhin im Amt. Ähnlich verhält es sich in Washington, wo Trump inzwischen seinen rechtsextremen „Kriegsminister“ Pete Hegseth für den Krieg verantwortlich macht.8 Und ein schnelles Ende des Irankriegs dürfte es nur mit erheblichen Zugeständnissen Trumps geben.
Die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran gehen folglich mit einem raschen Zusammenziehen von Eingreiftruppen durch Washington einher: Marines, die auf amphibische Operationen spezialisiert sind, sowie Fallschirmspringer werden in die Region verlegt. Zugleich halten beide Seiten während der Verhandlungen an ihrem rhetorischen Wirtschaftskrieg fest (siehe hierzu „Kriegswirtschaft vs. Wirtschaftskrieg“)9: Trump erklärt beständig, dass die Verhandlungen gut laufen, um den Druck von den Energiepreisen und den Finanzmärkten zu nehmen, während Teheran rundweg leugnet, an Gesprächen teilzunehmen, um diesen Preisdruck möglicht aufrechtzuerhalten.
Da die Gesamtzahl der US-Bodentruppen vorläufig bei rund 10 000 Mann liegen wird, gelten punktuelle Angriffe als wahrscheinlich, falls die Verhandlungen am kommenden Freitag scheitern sollten. Selbst eine zuverlässige Absicherung der Straße von Hormus und der iranischen Golfküste wäre nur bei einem Einsatz von rund 100 000 Mann möglich. Deswegen scheint ein Angriff auf den iranischen Ölhafen auf der Golfinsel Charg am wahrscheinlichsten, über die bekanntlich mehr als 90 Prozent des iranischen Erdöls exportiert wird. Mit der Besetzung der Insel würden dem Iran nahezu alle Erdöleinnahmen genommen, zugleich könnte Washington damit die Versorgung Chinas mit fossilen Energieträgern weiter untergraben – sowohl Venezuela wie auch der Iran exportierten ihr Öl fast ausschließlich nach China. Trump könnte hierdurch einen seiner typischen Deals anstreben: Charg gegen Hormus.
Eine solche Eskalation, die mit dem Einsatz von Bodentruppen einherginge, könnte aber mit einem Kontrollverlust über die Kriegsdynamik einhergehen. Der Einsatz von US-Bodentruppen auf den Golfinseln vor der Küste Irans dürfte mit hohen Verlusten einhergehen, da sie sehr einfach vom Festland aus beschossen werden können. Hierzu sind keine ausgefeilten Waffensysteme notwendig, da die Golfinseln – die Okkupation einer Inselkette in der Straße von Hormus ist ebenfalls im Gespräch – weniger als 30 Kilometer von dem gebirgigen, iranischen Festland entfernt liegen, während die Versorgung der US-Truppen über den Persischen Golf erfolgen müsste. Diese Konstellation würde sich perfekt für die asymmetrische Kriegsführung eigenen, die insbesondere die Revolutionsgarden des Iran praktizieren.
Der Iran würde zudem seine Angriffe auf die Infrastruktur Golfstaaten ausweiten, die ohnehin kurz vor der offiziellen Kriegsteilnahme stehen – Saudi Arabien gilt neben Israel als der wichtigste Befürworter dieses Krieges. Dabei könnte nicht nur die Gas- und Ölförderung getroffen werden, sondern auch die Entsalzungsanlagen, die einen Großteil des Trinkwassers in der Region liefern (Bei einigen Golfstaaten mehr als 90 Prozent!). Nicht nur global, auch regional wären die Folgen eines solchen militärischen Kontrollverlusts, bei dem die Eskalationslogik an ihr Ende getrieben würde, schlicht apokalyptisch. Die von Entsalzungsanlagen abhängigen Golfdespotien könnten auch nicht mit Wassertankern beliefert werden – der Iran blockiert ja die entsprechende Meerenge.
Die Folgen eines Kontrollverlusts zeichnen sich überdeutlich ab: Wasserkrise am Golf und im Iran, globaler Wirtschaftsabsturz und inflationärer Entwertungsschub, massive Störungen der Distributions- und Produktionsketten, vor allem der IT-Industrie, globale Hungerkrise, insbesondere in der Peripherie des Weltsystems. Der gegenwärtige Irankrieg würde nicht nur in ökonomischer, sondern auch in ökologischer Hinsicht zum globalen Krisenkatalysator.10
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1 https://www.konicz.info/2016/12/16/donald-trump-und-die-zeit-des-borderliners/
2 https://de.wikipedia.org/wiki/Alternative_Fakten
3 https://www.konicz.info/2026/03/01/krieg-als-krisenkatalysator/
4 https://www.wsj.com/world/middle-east/iran-war-negotiations-demands-85555522
5 https://www.konicz.info/2026/03/01/krieg-als-krisenkatalysator/
6 https://www.msn.com/en-us/news/politics/trump-admits-he-buys-shoes-for-cabinet-members-after-rubios-oversized-kicks-go-viral/ar-AA1YAwIA
7 https://www.konicz.info/2022/05/25/rackets-und-rockets/
8 https://www.msn.com/en-us/news/politics/trump-throws-hegseth-under-the-bus-and-blames-him-for-starting-iran-war/ar-AA1ZeSe1
9 https://www.konicz.info/2026/03/08/kriegswirtschaft-vs-wirtschaftskrieg/
10 https://www.konicz.info/2026/03/01/krieg-als-krisenkatalysator/
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