Die Realitätsverweigerer vom DGB

Auf die manifeste Krise des Kapitals regieren die deutschen Gewerkschaften mit rechtsoffener ideologischer Verblendung – wir brauchen aber Systemalternativen.

25.04.2026

Den diesjährigen Mai-Aufruf des Deutschen Gewerkschaftsbundes lesend,1 fällt es schwer, sich zwischen Gruseln und Mitleid zu entscheiden. Die kapitalistische Systemkrise hat inzwischen die Bundesrepublik voll erfasst. Keine Frage, es geht ans Eingemachte. Die Krise ist im Kern eine Krise der Arbeit, die der Arbeitsgesellschaft durch beständige Automatisierung abhanden geht. Die Umwälzungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz bilden dabei nur die Spitze des Eisberges. Doch die Gewerkschaftsführung antwortet auf diese Krise der Arbeit mit einer Verhärtung der Arbeitsideologie: Es wird an dem überkommenen Konzept der Lohnarbeit festgehalten, obwohl Arbeit sich in der spätkapitalistischen Gesellschaft verflüchtigt.

Die Gewerkschaftsführung verweigert sich somit der Krisenrealität: Die Marktkonkurrenz zwing Kapitalisten zur Rationalisierung, zur Anwendung neuer Technologien, da sie sonst untergehen. Das Kapital geht somit seiner eigenen Substanz, der Lohnarbeit, verlustig. Dieser Krisenprozess ist unumkehrbar, das kapitalistische System stößt an seine Entwicklungsgrenzen – sozial, ökonomisch, wie ökologisch. Und diese einfache Wahrheit liegt inzwischen offen auf der Hand. Ein Blick auf die aktuellen Nachrichten reicht.

Durch Realitätsverweigerung wird dieser Krisenprozess, der in die Barbarei treibt, aber nicht verschwinden. Es bringt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken und in falscher Unmittelbarkeit und so zu tun, als ob genügend Arbeit für alle da wäre. Der DGB greift auf die alte Mär von den „Nieten im Nadelstreifen“ zurück, um die Systemkrise zu erklären. Um das System und die Arbeit nicht infrage stellen zu müssen, werden Fehlentscheidungen von Kapitalisten für die Krise verantwortlich gemacht. Dies ist aber nur eine simple Umkehrung der Sündenbocksuche, die auch von der Rechten betrieben wird. Weder Manager noch Ausländer haben die Krise der Arbeit verursacht.

Dieses Festhalten an der Arbeitsideologie intimen der Systemkrise führt zu einer autoritären Verhärtung, die sich in zunehmender Repression äußert: Zwangsarbeit, Androhung vom Hungertod für Arbeitslose, exzessive Schikanen für alle die, aus der Arbeitsgesellschaft hinausfallen. Hinzu kommt die Verschärfung der Standortkonkurrenz, die oft mit nationalistischen Ressentiments einhergeht – etwa bei krisenbedingten Verlagerungen ins Ausland. Diese Verhärtung öffnet der Rechten, dem Faschismus die Tür. Inzwischen wählen Arbeiter und Gewerkschaftler überdurchschnittlich oft die AfD. Ohne einen Bruch mit dem Arbeitswahn wird die Krise der Arbeit in den Faschismus führen, ins abermalige „Arbeit macht frei“.

Die Krise der Arbeit, an der sich Gewerkschaften wie Kapitalisten festklammern, sie aber eine Krise der gesamten kapitalistischen Gesellschaft. Arbeit ist die Substanz des Kapitals, ohne Verwertung von Arbeit, ohne Profite, ist der gesamte Sozialstaat tatsächlich nicht finanzierbar. Deswegen ist auch die Parole des DGB, „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“, so unsinnig – Arbeiter (Marx bezeichnete diese als variables Kapital) müssen Profite erwirtschaften, da ansonsten ihre Jobs wegfallen. Deswegen ist der Sozialstaat akut gefährdet, er ist nicht mehr finanzierbar.

Es reicht nicht, sich über die drohenden Kürzungen zu empören und diese in falscher Unmittelbarkeit abzulehnen. Die Weltkrise des Kapitals macht den Sozialstaat unbezahlbar, die Uhr kann nicht zurückgedreht werden, es gibt kein Zurück zum Rheinischen Kapitalismus des 20. Jahrhunderts. Ähnliches gilt für die ökologische Krise, für die Klimakrise, die durch den Wachstumszwang des Kapitals verursacht wird. Die steigende Inflation, die explodierenden Lebensmittelkrise: Sie werden nicht durch Extraprofite verursacht, sondern durch die Zerstörung der ökologischen Lebensgrundlagen der Menschheit. Mangel macht sich breit. Preiskontrollen helfen da nicht weiter, sondern die Abkehr vom uferlosen kapitalistischen Wachstumszwang in einer endlichen Welt.

Arbeit ist die Substanz des Kapitals, sie wird verausgabt, um aus Geld mehr Geld zu machen. Gebrauchswerte sind nur notwendiges Nebenprodukt dieses irrationalen Verwertungsprozesses, der die Welt zerstört. Der allseitigen Arbeitshysterie, die Deutschland in der Krise erfasst hat, gilt es folglich, die radikale Kritik der Arbeit entgegenzustellen. Auf die Krise der Arbeit muss somit die Überwindung der Arbeit folgen, und nicht die (faschistische) Verhärtung der deutschen Arbeitsideologie. In einem ersten Schritt wären Forderungen nach radikaler Arbeitszeitverkürzung sinnvoll, anstatt Milliarden für Schikanen von Arbeitslosen und Zwangsarbeit zu verpulvern.

Die Realität der kapitalistischen Systemkrise muss schlicht wahrgenommen werden, um sie zur Grundlage einer transformatorischen Praxis zu machen. Der Kapitalismus wird an seinen inneren und äußeren Widersprüchen zwangsläufig zerbrechen. Es geht jetzt darum, den Absturz in die faschistische Barbarei zu verhindern und die unausweichliche Transformation in eine fortschrittliche, emanzipatorische Richtung zu lenken. Diese unbequeme Wahrheit gilt unabhängig von dem Bewusstseinsstand der Bevölkerung – der Krisenprozess läuft unerbittlich weiter, auch wenn er ausgeblendet, verdrängt, ignoriert wird. Der DGB ist ja wahrlich nicht allein in seiner Realitätsverweigerung.

Die blinde Verausgabung von Arbeit auf den Arbeitsmarkt, mittels der die fetischistische, blinde Dynamik des Kapitals befeuert wird, muss durch bewusste Verständigung der Gesellschaftsmitglieder abgelöst werden. Die Menschen müssen zur bewussten Gestaltung des Reproduktionsprozesses ihrer Gesellschaft übergehen, oder diese Gesellschaft wird an den krisenbedingt eskalierenden Widersprüchen des Kapitals zerbrechen.

Entscheidend ist somit ein radikales Krisenbewusstsein, dass die Grundlage einer emanzipatorischen Transformationsbewegung bilden würde. Und selbst ein Tag der Arbeit könnte bei breiter Kritik an dem Arbeitsfetisch dazu beitragen, dieses radikale Krisenbewusstsein zu forcieren.


1  https://www.dgb.de/mitmachen/erster-mai/

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