Gasprom gibt Gas

Publiziert am 24.04.06 in „junge welt“
Der russische Staatskonzern setzt auf weltweite Expansion. Europa bald nicht mehr exklusiver Kunde Rußlands

Alexej Miller, Vorstandsvorsitzender des russischen Gasmonopolisten Gasprom, ließ kürzlich alle diplomatische Zurückhaltung fallen und wurde überdeutlich: Es sei keine Selbstverständlichkeit, daß das russische Erdgas dauerhaft nur nach Westeuropa fließe. Man könne künftig auch mehr Gas nach China oder Amerika und weniger nach Europa liefern. Mit diesen Bemerkungen kommentierte Miller die Widerstände, auf die Gasprom beim Versuch stieß, den britischen Energieversorger Centrica zu übernehmen. Diese und ähnliche Aussagen seitens der Führungsriege Gasproms stießen eine erneute Diskussion über die Notwendigkeit der Diversivizierung der Energieimporte innerhalb der EU an. An die 25 Prozent des Verbrauchs innerhalb der EU werden von dem russischen Konzern gedeckt und auch zukünftig wird an Gasprom kaum ein Weg vorbeiführen.
Gigantomanie

Gasprom ging aus dem sowjetischen Ölministerium hervor und entwickelte sich zum größten Gasförderer der Welt: Das Unternehmen war im vergangenen Jahr für 20 Prozent der weltweiten Gasproduktion verantwortlich, es kontrolliert 60 Prozent der russischen und 16 Prozent der weltweiten bisher bekannten Erdgasreserven. Obwohl Gasprom im September 2005 für 13 Milliarden US-Dollar in der größten Übernahme der russischen Wirtschaftsgeschichte Sibneft, den fünftgrößten Ölförderer Rußlands erwarb, macht Erdgas immer noch 90 Prozent des Unternehmensumsatzes aus. Nur Saudiarabien und der Iran verfügen über größere Erdgasreserven als Gasprom. Der russische Staat hält offiziell 51 Prozent der Aktien des Gasmonopolisten, doch der Konzern ist darüber hinaus auch personell äußerst eng mit dem Kreml verwachsen. Dmitri Medwedew, der Erste Stellvertretende Ministerpräsident Rußlands, ist zugleich Aufsichtsratsvorsitzender Gasproms und Alexej Miller wurde 2001 von Putin persönlich zum Vorstandsvorsitzenden ernannt. Als überaus politisch muß auch das Engagement des Unternehmens im russischen Mediensektor bezeichnet werden. Gasprom übernahm mehrfach Medienunternehmen derjenigen Oligarchen, die beim Kreml in Ungnade gefallen waren und entmachtet wurden. Neben dem von Wladimir Gussinskis 2001 zwangsweise veräußerten Fernsehsender NTV, gehört die renommierte, ehemals kremlkritische Iswestija zu den Aushängeschildern der Gasprommedia. Daneben verfügt Gasprom über das Exportmonopol für Erdgas in Länder außerhalb des postsowjetischen Raums und das längste Pipelinenetz der Welt – und dieses wird bald noch wachsen.
Wachsendes Pipelinenetz

Neben der mit Exbundeskanzler Gerhard Schröder ausgehandelten Ostseepipeline, die russisches Gas an Polen und den baltischen Ländern vorbei direkt nach Westeuropa liefern soll, entstehen zwei weitere Mammutprojekte, die den Aktionsradius des Unternehmens enorm erweitern könnten. Bis 2010 will Gasprom zusammen mit westlichen Investoren das mit 3,2 Billionen Kubikmetern größte maritime Erdgasfeld der Welt erschließen, daß 555 Kilometer nordöstlich von Murmansk in der Barentssee gelegene Schtokman-Feld. Dieses Gas soll über Pipelines zu einer Verflüssigungsanlage in Murmansk gepumpt werden, von wo aus es damit vor allem der US-amerikanische Markt beliefert worden soll – sehr zum Mißfallen der Europäer. Zusätzlich ist der russische Gasmonopolist seit kurzem mit 25 Prozent an einer ähnlichen Gasverflüssigungsanlage beteiligt, die auf der im Nordpazifik gelegenen Insel Sachalin von einem westlichen Konsortium unter der Führung von Shell aufgebaut wurde. Dieses Erdgas ist vor allem für den asiatischen Markt gedacht. Schließlich gelang es Gasprom in letzter Zeit, die Kontrolle über weite Teile des Pipelinenetzes auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zu übernehmen. Neben dem belarussischen Netz konnte Gasprom nahezu den gesamten Energiesektor Armeniens im Austausch für verbilligte Gaspreise (110 Dollar pro 1000 Kubikmeter) erwerben, samt der strategisch wichtigen Iran-Armenien-Pipeline. Es stellt sich somit die Frage, wie die Europäer ihre Gasversorgung an Gasprom vorbei überhaupt organisieren könnten.
Europas Märkte erobern

So verwundert der selbstbewußte Ton des expansionshunrigen Managements dieses Rohstoffriesen nicht allzu sehr. Neben Großbritannien will Gasprom auch in den deutschen Markt einsteigen. Wie die Berliner Zeitung kürzlich berichtete, will sich Gasprom direkt an den Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerken beteiligen. Angeblich beabsichtigt das Unternehmen, Anteile westdeutscher Kommunen zu erwerben, denen gut 30 Prozent der RWE-Aktien gehören. Gescheitert sind hingegen die Bemühungen Gasproms, dem E.on-Konzern Anteile der E.on-Tochter Ruhrgas abzukaufen. In Deutschland hält Gasprom bereits 35 Prozent am Ferngas-Unternehmen Wingas und 6,5 Prozent am Versorger VNG.

Mit dieser rasanten Expansion des Staatsunternehmens steigen auch der Einfluß und die Machtfülle des russischen Staates. Erste Erfahrungen mit der im Rohstoffreichtum des Landes verankerten neuen Machtfülle Rußlands konnten schon die Ukraine und Georgien sammeln. Die strategische Zielsetzung Moskauer Außenpolitik, der Aufbau eines »Rohstoffimperiums«, gewinnt langsam an Konturen.

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