Alarmstufe Rot

lunapark21.net, 14.05.2021

Weltwirtschaft vor klimabedingten Burnout

Es grenzt mittlerweile an ein absurdes Unterfangen, den Abgrund zwischen den objektiven Notwendigkeiten einer nachhaltigen Klimapolitik und der tristen Realität des real existierenden Spätkapitalismus überhaupt noch zu vermessen. Die jüngste Zahlenrelation, die letztendlich die Unvereinbarkeit von Klimaschutz und Kapitalismus ausdrückt, lautet 45 zu 1. Laut Berechnungen des Weltklimarates wäre bis 2030 eine globale Reduzierung der Emissionen von Treibhausgasen um 45 Prozent notwendig (gegenüber dem Wert von 2010), um die globale Erwärmung unter dem Grenzwert von 1,5 Grad Celsius zu halten. Um den globalen Temperaturanstieg auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, müsste der CO2-Ausstoß um 25 Prozent im besagten Zeitraum fallen – wobei all diese Vorgaben angesichts der Kipppunkte im Weltklimasystem, nach deren Überschreitung der Klimawandel außer Kontrolle gerät, ohnehin einen großen Unsicherheitsfaktor aufweisen.

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Innerhalb des kapitalistischen Regimes der Sachzwänge scheint indes nur eine Reduzierung der Emissionen um ein Prozent „realistisch“ zu sein, wie das Klimasekretariat der Vereinten Nationen Ende Februar 2021 anlässlich der Veröffentlichung der Zwischenbilanz der Klimaziele für das Jahr 2030 konstatieren musste. Viele der Vertragsstaaten des Pariser Klimaschutzabkommens hätten ihre aktualisierten Klimapläne nicht eingereicht, nur 70 Staaten, die für 30 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich sind, wären den Vertragsbestimmungen nachgekommen, klagte die UN-Organisation. Zudem waren viele der vorgelegten nationalen Planungen zur Emissionsreduzierung trotz manifester Klimakrise wenig ambitioniert: Sie enthielten kaum Maßnahmen zur Beschleunigung des Ausstiegs aus der fossilen Wirtschaftsweise. Mit den USA und China hätten überdies die beiden größten Emittenten von Treibhausgasen keine aktualisierten Planungen vorgelegt – dies soll erst im Herbst 2021 geschehen.
Alarmstufe Rot

Aufgrund dieser enttäuschenden Zwischenbilanz griffen UN-Funktionäre zu undiplomatischen Formulierungen, um der dramatischen Weltlage Ausdruck zu verleihen. Derzeit verhalte es sich bei der Klimapolitik so, als „würden wir blind in ein Minenfeld laufen“, warnte Patricia Espinsosa, die Generalsekretärin des UN-Klimasekretariats, bei der Veröffentlichung des Berichts in Bonn. UN-Generalsekretär António Guterres rief gar den Klimanotstand aus: „Der heutige Zwischenbericht des UN-Klimasekretariats ist Alarmstufe Rot für unseren Planeten.“ Espinsosa verweist zudem auf die Pandemie, die dazu geführt haben solle, dass viele Staaten ihre Planungen noch nicht vorgelegt hätten.

Der Verweis der UN-Funktionärin auf Corona wies in die richtige Richtung, auch wenn er zu kurz griff. Tatsächlich illustrieren die ökologischen wie ökonomischen Folgen der Pandemie, in welch fundamentalen Gegensatz sich Ökologie und Ökonomie im krisengeplagten Spätkapitalismus befinden. Der ungeheure globale Wirtschaftseinbruch im Gefolge der Pandemiebekämpfung hat zu einem furchtbaren Anstieg des Pauperismus geführt, der vor allem in der Peripherie des Weltsystems für Millionen Lohnabhängige und Kleinexistenzen lebensbedrohliche Ausmaße annimmt. Selbst liberale Leitmedien wie die New York Times kamen nicht umhin, eine Verdopplung der weltweit vom Hungertod bedrohten Menschen im Pandemiejahr 2020 zu konstatieren: auf 265 Millionen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nannte Ende 2020 die Zahl von 270 Millionen Menschen, die sich auf „dem Weg ins Verhungern“ befänden.

Zugleich wurde 2020 auch der höchste Rückgang der Emissionen von Treibhausgasen im 21. Jahrhundert verzeichnet, die vorläufigen Berechnungen zufolge um rund sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr zurückgingen. Damit manifestierte sich eine sozioökologische Konstellation, wie sie auch nach Ausbruch der Weltfinanzkrise 2009 auftrat: Eine rasche Absenkung der CO2-Emissionen scheint global nur um den Preis eines Wirtschaftseinbruchs möglich zu sein, da in diesem Jahrhundert der beständig steigende Ausstoß von Treibhausgasen nur durch die Weltwirtschaftskrisen von 2009 und 2020 kurz unterbrochen wurde. Wirtschaftskrisen scheinen auf globaler Ebene die einzigen binnenkapitalistischen Ereignisse zu sein, die Emissionsrückgänge zur Folge haben – um den Preis massenhafter Verelendung. Tatsächlich ist das Wirtschaftswachstum, das maßgeblich die Emissionen anstiegen lässt, nur Ausdruck des Akkumulationsprozesses des Kapitals: Geld wird in Rohstoffe, Energ ie, Maschinen und Arbeitskraft investiert, um Waren herstellen, die nach ihrem Verkauf auf dem Markt einen Profit, einen Mehrwert abwerfen – wobei die menschliche Arbeitskraft die Quelle dieses Profits darstellt.

Dieses vergrößerte Kapital muss in immer neue Verwertungskreisläufe reinvestiert werden. Dem kapitalistischen Weltsystem wohnt folglich ein Expansionsdrang inne, der nicht überwunden werden kann, ohne das Kapital zu überwinden. Mehr noch: je größter die Produktivität der Weltwirtschaft, desto größer auch ihr Energie- und Ressourcenhunger, da Waren nur als Träger von Wert (also abstrakt menschlicher Arbeitskraft) im Verwertungsprozess fungieren – und folglich bei steigender Produktivität mehr Waren absetzen werden müssen, um dieselbe Wertmasse zu verwerten. Dieser ökologische Widerspruch des Kapitals, bei dem die Lebensgrundlagen der Menschheit im Verwertungsprozess des Kapitals verfeuert werden, um in einem uferlosen Prozess aus Geld mehr Geld zu machen, hat auch die bekannten Tendenzen zum eingebauten Verschleiß, zur geplanten Obsoleszenz bei Waren zur Folge.
Kosten der Klimakrise

Dem Klimaschutz steht somit das kapitalistische Wirtschaftswachstum im Weg, das als volkswirtschaftlicher Ausdruck der Verwertungsbewegung des Kapitals tatsächlich nicht „reformierbar“ ist. Alle Innovationen und Effizienzsteigerungen werden durch diesen Verwertungs- und Wachstumszwang des Kapitals hintertrieben, für den die bürgerliche Volkswirtschaftslehre den Begriff des „Rebound-Effekts“ (erhöhter Verbrauch infolge von Effizienzsteigerungen) formte. Doch zugleich belasten die konkreten Folgen des Klimawandels bereits die Weltwirtschaft immer stärker – etwa in Form alljährlich zunehmender Extremwetterereignisse. Längst hat somit das große Rechnen begonnen, bei dem der wirtschaftliche Fallout der Klimakrise in einer für die Funktionsträger des Kapitals verständlichen Form ausgedrückt werden soll: in Geldwerten.

Ähnlich den langfristigen Prognosen der Wissenschaft, die über Jahrzehnte die Dynamik des Klimawandels sträflich unterschätzten, müssen auch die Einschätzungen bezüglich der wirtschaftlichen Schäden der Klimakrise immer wieder nach oben korrigiert werden. Die Webpräsenz „Klimareporter“ berichtete etwa im Sommer 2020 über eine neue Studie des Mercator Research Institute for Global Commons and Climate Change (MCC) in Berlin und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), die ähnliche Schätzungen zum wirtschaftlichen Fallout der Klimakrise aus dem Jahr 2006 „drastisch nach oben“ korrigierte. Demnach soll die Klimakrise die globale Wirtschaftsleistung im Jahr 2100 um bis zu 14 Prozent mindern, wobei die Studienautoren klarmachten, dass ihre empirischen Berechnungen die Wechselwirkung mit den politischen und ökologischen Folgen der Klimakrise genauso wenig berücksichtigten, die den Anstieg des Meeresspiegels oder die zuneh menden Extremwetterereignisse. Im Klartext: selbst dieser Ansatz, der insbesondere im globalen Süden massive Wachstumsverluste von bis zu 20 Prozent prognostiziert, ist zu „konservativ“.

Im vergangenen Oktober fasste das Manager Magazin die Ergebnisse einer Untersuchung des University College London und der Nichtregierungsorganisation Carbon Disclosure Projekt (CDP) zusammen, laut der die klimabedingten Wirtschaftskosten in die „Billionen“ gehen werden. Schon im Jahr 2070 würden sich diese auf 5,4 Billione US-Dollar summieren, wobei die Forscher von einem Szenario ausgingen, bei dem der Klimawandel ungemindert sich auf einen Anstieg der globalen Temperatur um 4,4 Grad Celsius bis 2100 beschleunigte. Selbst bei einem Szenario, bei dem eine Begrenzung des Temperaturanstiegs auf zwei Grad Celsius bis zum Jahrhundertende angenommen wurde, summierten sich die direkten Klimakosten auf 1,8 Billionen Dollar im Jahr 2070. Die Umweltorganisation Greenpeace thematisierte im Sommer 2020 wiederum eine Untersuchung des Wegener Centers für Klima und Globalen Wandel, die Zahlen zur jährlichen Belastung der Weltwirtschaft durch die Folgen der Klimakrise nannte. Im Jahr 2050 sollen diese rund 20 Milliarden Euro betragen – und zwar jährlich. Die Studie zeigte aber auch auf, „wie rasant diese Dynamik an Fahrt aufnimmt“, so Greenpeace.

Für Deutschland prognostiziert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bis zum Jahr 2050 eine wirtschaftliche Belastung von knapp 800 Milliarden Euro durch die Klimakrise. All diesen ökonomischen Studien, die Trends und unterschiedliche Szenarien berücksichtigen, wohnt ein hoher Unsicherheitsfaktor inne – allein schon wegen der besagten Kipppunkte im Klimasystem. Angesichts der komplexen Wechselwirkungen zwischen Klimadynamik, Ökosystemen, und dem bedrohten Zivilisationsprozess scheint allein schon der Versuch, hierfür einen Preis auszuweisen, von einer systemischen Hilflosigkeit zu zeugen, die charakteristisch für den perversen Reduktionismus des Kapitals ist, das die Welt nur in Gestalt von Warenwerten wahrnehmen kann.
Marode Fundamente

Das größte sozioökonomische Disruptionspotenzial stellt aktuell die zunehmende Belastung einer maroden kapitalistischen Infrastruktur dar, die in den vergangenen neoliberalen Dekaden systematisch kaputtgespart und bei Privatisierungen verscherbelt wurde. Nahezu alle westlichen Industriestaaten weisen eine marode Infrastruktur auf, die größtenteils beim großen „fordistischen“ Nachkriegsboom aufgebaut wurde und kaum noch hinreichend modernisiert oder ersetzt wird. Die alten Deiche von New Orleans, die 2005 beim Hurrikan Katharina barsten, die verheerenden Feuerkatastrophen in Griechenland (2018) und Portugal (2017) in den vergangenen Jahren, mit denen sich die kaputtgesparten Feuerwehren dieser Krisenländer konfrontiert sahen, oder der diesjährige Zusammenbruch der Energie- und Wasserversorgung im neoliberalen Musterland Texas anlässlich eines Wintereinbruchs – dies sind nur einige Beispiele für die verehrenden konkreten Folgen einer allgemeinen n eoliberaler Krisentendenz, bei der Privatisierungen oder Kosteneinsparungen im Infrastruktur bereich zur verstärkten Krisenanfälligkeit und Labilität der Gesamtgesellschaft führen. Selbst in einem Industriezentrum wie Deutschland wurde mehr als die Hälfte der insgesamt 25.700 Eisenbahnbrücken in vor dem Zweiten Weltkrieg erbaut. Hiervon sind mehr als tausend so marode, dass sie nicht saniert, sondern abgerissen und neu gebaut werden müssen.

Karl Marx würde die Infrastrukturaufwendungen auf volkswirtschaftlicher Ebene als „faux frais“, als tote Kosten bezeichnen, die für den Verwertungsprozess des Kapitals notwendig sind, ohne Teil dessen zu sein – und folglich von diesem, zumeist in Form von Steuern, abgeschöpft werden müssen. Strategische Infrastruktur wird folglich nur dann massiv aufgebaut, wenn die Wirtschaft sich in einer langen Boomphase befindet, wenn das Kapital neue Märkte erschließt, also sich ein neues Akkumulationsregime etabliert hat, wie zuletzt bei der Durchsetzung des Automobils im „Wirtschaftswunder“. Der Neoliberalismus mit seiner Tendenz zur kapitalistischen „Kannibalisierung“ der Infrastruktur ist gerade Ausdruck eines fehlenden neuen Akkumulationsregimes, bei dem massenhaft Lohnarbeit verwertet würde. Das Kapital verscherbelt sozusagen sein infrastrukturelles „Tafelsilber“, um noch kurzfristige Profimöglichkeiten zu gewinnen – um den Pries langfristige r Destabilisierung. Dies aus dem hohen globalen Produktivitätsniveau resultierende Missverhältnis zwischen fehlenden Verwertungsmöglichkeiten und astronomischen Infrastrukturkosten vereitelt auch den Durchbruch der Ökoindustrien zu einem neuen Akkumulationstregime: Den Kosten einer „Energiewende“ steht eine unzureichende Schaffung von Arbeitsplätzen gegenüber.

Das Kapital bildet somit vermittels seines Verwertungszwangs („Wirtschaftswachstum“) die zentrale Ursache der Klimakrise. Zugleich wirken die zunehmenden inneren Widersprüche dieser Wirtschaftsweise in Gestalt der maroden Infrastruktur als zusätzlicher Krisenverstärker, der die Widerstandsfähigkeit der kapitalistischen Gesellschaften gegenüber externen Schocks unterminiert. Überschuldete Staaten, zerfallende Deiche, einstürzende Brücken, berstende Wasserleitungen samt kollabierenden Stromnetzen und eine Überakkumulationskrise, die zu einer absurden Konzentration von Reichtum bei gleichzeitiger Massenverelendung selbst in den Zentren des Weltsystems, etwa den USA, führte – dies ist der desolate Zustand des real existierenden Spätkapitalismus angesichts der nun voll einsetzenden Klimakrise.

Dabei wären gerade gigantische, historisch beispiellose Aufwendungen in die gesellschaftliche Infrastruktur auf globaler Ebene notwendig, um den zerstörerischen Folgen der kapitalistischen Klimakrise überhaupt noch adäquat begegnen zu können. Nicht nur der Verkehrs- und Energiesektor, auch die Landwirtschaft, der Hochwasserschutz und die Industrieproduktion müssten fundamental umgestaltet werden, um den Folgen des Klimawandels ohne zivilisatorischen Zusammenbruch begegnen zu können. Doch dies wäre angesichts der geschilderten ökologischen und ökonomischen Grenzen des Kapitals nur im Rahmen einer Systemtransformation in eine postkapitalistische Gesellschaft möglich, die offensichtlich zu einer Überlebensfrage der Menschheit avanciert.

Tomasz Konicz lebt in Polen. Er ist – außerhalb von Corona-Zeiten – als Kapitalismus-Kritiker und Referent unterwegs. Sein Buch „Klimakiller Kapital“ (Mandelbaum-Verlag, 360 Seiten) ist als Buchprämie bei Abschluss eines LP21-Abos erhältlich

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