Die Party geht zu Ende

„Junge Welt“, 08.10.2007
Stagnierende Auslandsinvestitionen, überhitzter Immobilienmarkt, massive Verschuldung: Polens Ökonomie droht ein ernster Einbruch

Wenn jeder dritte Werbespot im Fernsehen dem Zuschauer einen Kredit oder eine Hypothek andrehen will, kann man sicher sein, daß bald neben einer kreditfinanzierten Spekulationsblase auch zahlreiche Konsumenten- und Häuslebauerträume platzen werden. In Polen passiert derzeit genau dies: Die Bürger werden – auch über die Printmedien – mit Unmengen von »günstigen« und einfachen Hypotheken- und Kreditangeboten bombardiert. Die von westlichen Banken dominierte Finanzbranche hatte schon kurz nach dem EU-Beitritt ihre restriktive Vergabepraxis bei Krediten gegenüber Privatpersonen aufgegeben. Das stürmische Wirtschaftswachstum der zurückliegenden Jahre und der von spekulativen Tendenzen beförderte Immobilienboom ließen auch hier die Kreditinstitute jegliche Vorsicht vergessen.

Tatsächlich sehen die ökonomischen Kerndaten Polens auf den ersten Blick beeindruckend aus. Seit dem Beitritt zur EU am 1. Mai 2004 konnte das Neumitglied ein stabiles Wirtschaftswachstum verzeichnen: 6,1 Prozent waren es 2006, für 2007 werden bis zu sieben Prozent prognostiziert. Diese Entwicklung wurde von einem deutlichen Sinken der offiziellen Arbeitslosigkeit begleitet, die vor dem EU-Beitritt bedrohliche Ausmaße erreicht hatte: Im Mai 2004 waren 19 Prozent aller arbeitsfähigen Bürger Polens ohne Job. Vor einem Jahr waren es noch 15,5 und im August 2007 offiziell nur noch zwölf Prozent. Dieser Rückgang, dessen sich die rechtskonservative Regierung Kaczynski im derzeitigen Wahlkampf rühmt, ist allerdings auch Folge der massenhaften Artbeitsmigration. Inzwischen haben mehr als zwei Millionen hauptsächlich junger Polen das Land verlassen und verdienen ihren Lebensunterhalt zumeist auf den britischen Inseln.
Faktor Privatisierung
Angefeuert wird die hitzige Konjunktur von den direkten Auslandsinvestitionen (FDI), einer regen Bautätigkeit und der Zunahme des privaten Konsums. Doch alle drei Faktoren zeigen inzwischen Stagnationserscheinungen, die – auch infolge der weltwirtschaftlichen Entwicklung – eine baldige heftige Abkühlung der polnischen Konjunktur sehr wahrscheinlich machen.

Die in Polen getätigten Direktinvestitionen erreichten mit 15 Milliarden Euro 2006 wohl ihren vorläufigen Höhepunkt. Doch schon Mitte dieses Jahres prognostizierte The Economist eine Stagnation der Investitionstätigkeit im gesamten osteuropäischen Raum. Die Rekordwerte von 112 Milliarden US-Dollar in Osteuropa seien vor allem etlichen großen Privatisierungen und dem Boom auf osteuropäischen Immobilienmärkten zu verdanken, der nicht nur die Bau-, sondern auch die Spekulationstätigkeit westlicher Investoren anheizte. Zudem könne von »massiven Standortwechseln der Produktion« von West nach Ost keine Rede sein, so die Einschätzung der Wirtschaftszeitung. Zumindest im Fall Polens scheint das Blatt recht zu behalten: Die FDI erreichten hier bis Ende Juni 2007 noch 6,2 Milliarden Euro. In diesem Jahr ist also bestenfalls von einer Stagnation der Investitionstätigkeit auszugehen, während 2006 der Investitionsumfang noch um beachtliche 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr zunahm. Bei einem Bruttosozialprodukt von umgerechnet 550 Milliarden US-Dollar 2006 spielen die FDI eine gewichtige Rolle.

Der Anstieg der polnischen Immobilienpreise überflügelte in seiner Dynamik selbst die Preisrallye in den USA vor dem Platzen der dortigen Spekulationsblase. Seit dem EU-Beitritt verdoppelten sich die Immobi­lienpeise in Polen. Die permanent steigenden Wohnungs- und Mietpreise lösten wie in den USA eine rege Bautätigkeit aus, die zur konjunkturellen Belebung beitrug. Neben westlichen Investmentgesellschaften, die in den urbanen Zentren Polens luxuriöse Appartementsiedlungen und gläserne Bürohochhäuser errichteten, nahmen auch viele Angehörige der polnischen Mittelschicht Hypotheken auf, um möglichst schnell Eigentumswohnungen oder Häuser zu erwerben. Doch auch hier sind stagnative Tendenzen feststellbar. Sei Mitte 2007 wird ein leichter Rückgang der Preise für Wohnraum in vielen Großstädten festgestellt, zudem nimmt der Umfang der Transaktionen auf dem Immobilienmarkt merklich ab. Einige Ökonomen rechnen sogar mit einer mehrjährigen »Korrekturphase« mit sinkenden Preisen auf dem polnischen Immobiliensektor.
Glamour auf Pump
Der Anstieg der Durchschnittslöhne von rund 500 Euro 2004 auf inzwischen umgerechnet 775 Euro beförderte zudem die Bereitschaft polnischer Konsumenten, über ihre Verhältnisse zu leben. Die Verschuldung der Privathaushalte wachse in einem »wahnsinnigen Tempo«, sagte die Ökonomin Lewiatana Maciej Krzak der Zeitung Rzeczpospolita. Neben dem üblichen Elektronikschrott und überdimensionierten Autos sind Hypothekenkredite für einen Großteil der Verschuldung verantwortlich. Dieser private Konsum bildet die dritte Säule des polnischen »Wirtschaftswunders«. Doch auch dieser Konjunkturlokomotive dürfte bald die Puste ausgehen. Wie die Gazeta Wyborcza kürzlich berichtete, steigt die Verschuldung nahezu exponentiell an. Bereits an die 106 Milliarden Zoty (rund 27,8 Milliarden Euro) schulden die Bürger Polens den Banken, 30 Milliarden mehr als noch zu Jahresanfang. Allein im Juli und August stieg die Schuldenlast um jeweils fünf Milliarden Zoty. Ein so hohes Tempo habe es hier noch nie gegeben, schreibt die Wyborcza. Angesichts steigender Zinsen und wachsender Inflationsgefahr dürfte die polnische Konjunkturparty somit bald zu Ende gehen.

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