Rechter Terror in Rußland

„Junge Welt“, 22.08.2007
Neonazis stellen Enthauptungs- und Erschießungsszenen ins Netz. Ermittlungen gegen rechts auch wegen Anschlags auf Schnellzug von Moskau nach St. Petersburg

Es sei eines der brutalsten Videos, die er in seinem Leben gesehen habe. Alexander Werchowski, Direktor des gegen Ausländerfeindlichkeit kämpfenden Sova-Zentrums, ist erschüttert. Russischen Medien gegenüber gab er so seine Eindrücke von einem brutalen Hinrichtungsvideo wieder, das russische Neonazis am 13. August ins Internet gestellt haben. Laut Sova ist die Zahl rechtsextremer Übergriffe in Rußland auch in diesem Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 21 Prozent auf inzwischen 280 angestiegen. 34 Menschen kamen 2007 bislang ums Leben. Über Herkunft und Echtheit des Materials wird immer noch gestritten. Dennoch: Innerhalb weniger Stunden fand sich der Film unter den 30 meistgesehenen Videos der führenden russischen Internetsite yandes.ru. Der knapp dreiminütige Streifen zeigt die Enthauptung und Erschießung von zwei als »tadschikische und dagestanische Kolonisten« bezeichneten Männern, die in einem Waldstück vor einer Hakenkreuzfahne knien.
Inzwischen gehen die meisten Experten davon aus, daß die Aufnahmen echt sind. Die Verantwortung für diese Hinrichtung übernahm eine zuvor unbekannte »Nationalsozialistische Partei der Rus«, die sich auf dem Video als »militärischer Arm« der Nationalsozialistischen Gesellschaft (NSG) bezeichnet. Am Dienstag tauchten Erklärungen dieser Gruppe im Internet auf, in denen zur Aufnahme des bewaffneten Kampfes gegen »farbige Kolonisatoren« und »russische Bürokraten« aufgerufen wird. Die NSG dementierte die Existenz einer bewaffneten Formation innerhalb ihrer Organisation umgehend. Gleichzeitig gaben diese legal arbeitenden Neonazis zu verstehen, daß es durchaus »autonome nationalsozialistische Gruppen gebe, die die in dem Video dargestellte Hinrichtung begangen haben könnten.«

Am 16. August wurde ein erster Verdächtiger festgenommen. Ein Student aus Adygien gab zu, die Aufnahmen ins Internet gestellt zu haben. Er will sie »von Unbekannten« per E-Mail erhalten haben. Bei einer Hausdurchsuchung wurde umfangreiches, rechtsextremeres Propagandamaterial sichergestellt. Wie die russischen Sicherheitskräfte inzwischen mitteilten, seien die Videoaufnahmen der Hinrichtung zuerst auf »ausländischen Servern« aufgetaucht.

Auch im Fall des Anschlags auf den russischen Schnellzug, bei dem am 13. August 170 Menschen verletzt wurden, führen die Spuren offensichtlich zur radikalen Rechten. Wie die russische Nachrichtenagentur Interfax berichtete, werde zwar weiterhin »in alle Richtungen ermittelt«, doch sei die Täterschaft russischer Neonazis am wahrscheinlichsten. Auf kürzlich veröffentlichten Phantombildern wird nach zwei Verdächtigen gefahndet. Bei Festnahmen in dem Zusammenhang wurden sowohl Tschetschenen als auch Russen in Untersuchungshaft genommen. Der auf einer Brücke zur Explosion gebrachte Sprengsatz soll laut der russischen Generalstaatsanwaltschaft Ähnlichkeiten mit einer Bombe aufweisen, mit der russische Neonazis 2005 den Zug Moskau–Grosny angegriffen haten. Der blutigste Bombenanschlag, der höchstwahrscheinlich von Rechten in Rußland verübt wurde, ereignete sich im August 2006. Der Sprengsatz explodierte auf einem größtenteils von Ausländern betriebenen Markt in Moskau und riß 14 Menschen in den Tod. Zur Zeit müssen sich mehrere rechtsradikale Studenten für diese Tat vor Gericht verantworten.

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