Spitze des Eisbergs

„Junge Welt“, 13.08.2007
Einsturz einer Autobahnbrücke in Minneapolis wirft ein Schlaglicht auf marode US-Infrastruktur. Billionenaufwand für umfassende Instandhaltung notwendig

Bislang kostete der Zusammenbruch einer Autobahnbrücke in der US-amerikanischen Stadt Minneapolis mindesten fünf Menschen das Leben, über 110 wurden verletzt, mehrere Personen gelten noch als vermißt. Die vielbefahrene, achtspurige Brücke über den Mississippi, auf der täglich circa 140000 Autos und Lastkraftwagen verkehrten, brach während des Feierabendverkehrs am 1. August ein. Die zuständigen städtischen Behörden hatten jahrelang massive Warnungen bezüglich der Stabilität des Bauwerks ignoriert. Schon 1990 war bei einer statischen Untersuchung auf die Verrostung der Brückenlager des 40 Jahre alten Bauwerks hingewiesen worden. Bei einer Inspektion im Jahr 2005 wurde die Brücke als »strukturell mangelhaft« eingestuft.

Nur punktuelle Reparaturen

Dennoch entschieden die Behörden, nur punktuelle Reparaturarbeiten durchzuführen und auf eine kostspielige, umfassende Erneuerung der Brücke zu verzichten. Nach dem Unglück übt man sich hingegen in hektischer Aktivität: Das US-Verkehrsministerium ordnete sogleich eine Überprüfung aller 756 Brücken an, die Ähnlichkeiten zu dem Unglücksbauwerk von Minneapolis aufweisen. Verkehrsministerin Mary Peters bezeichnete bei dieser Gelegenheit die Tragödie von Anfang August als »einfach nicht akzeptabel« und bewilligte eine Soforthilfe von fünf Millionen US-Dollar. Ein Sprecher des Weißen Hauses gab dem Bundesstaat Minnesota die Schuld an dem Unglück, da die Behörden vor Ort für die Beseitigung der baulichen Mängel verantwortlich gewesen seien.

Der Aktivismus der Bush-Administration kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die gesamte Infrastruktur der USA einem seit Jahrzehnten andauernden, schleichenden Verfall ausgesetzt ist. Peters’ eigenes Verkehrsministerium stellte in einer 2006 durchgeführten Studie fest, daß über 75000 der 600000 Brücken der USA »gewisse Strukturmängel« aufweisen. Betroffen sind auch amerikanische Wahrzeichen wie die 116 Jahre alte Brooklyn-Brücke, die New Yorks Stadtteile Manhattan und Brooklyn verbindet und die bei der Untersuchung sogar noch schlechter bewertet wurde als die Unglücksbrücke.

Um all diese Bauwerke umfassend zu modernisieren, müßten Schätzungen zufolge insgesamt 188 Milliarden US-Dollar aufgewendet werden. Dieser hohe Betrag resultiert aus der Tatsache, daß die Verkehrsinfrastruktur der Vereinigten Staaten hoffnungslos marode ist und jahrzehntelang zu wenig Geld in die Erhaltung investiert wurde. Umfassende Reparaturen werden zugunsten von punktuellen Ausbesserungsarbeiten immer wieder hinausgezögert, um die hierfür notwendigen, immer weiter in die Höhe schnellenden Ausgaben hinauszuzögern. Nach den Angaben von Gregory Cohen, Präsident des Automobilverbands American Highway Users Alliance, belaufen sich die tatsächlichen jährlichen Kosten für die Instandhaltung von Autobahnen und Brücken landesweit auf 75 Milliarden US-Dollar, während nur 60 Milliarden im Haushalt zu Verfügung gestellt werden.

Kritik an der Verkehrspolitik der republikanischen Regierung übten auch prominente Demokraten. Senator Harry Reid stellte fest, daß die Infrastruktur im gesamten Land zerbröckele. Sein Parteikollege und Leiter des Ausschusses für Verkehrsaufgaben, Senator Patty Murray, warf der Bush-Administration vor, Mehrausgaben im Straßenbau mittels Vetodrohungen zu blockieren. Die Regierung hielt im Gegenzug den Demokraten vor, die Katastrophe von Minneapolis für parteipolitische Zwecke zu instrumentalisieren. Präsident Bush stattete dem Unglücksort am Freitag einen Besuch ab und versicherte, seine »Gedanken und Gebete« den Familien der Opfer zu widmen.

Wie der Publizist John Nichols in dem linksliberalen US-Magazin The Nation ausführt, ist der Einsturz der Brücke bei Minneapolis – ebenso wie die gebrochenen Deiche bei New Orleans – auf falsche finanzielle Zuständigkeiten für die Aufrechterhaltung der Infrastruktur zurückzuführen: »Die hauptsächlichen Herausforderungen für die Infrastruktur (…) sollten nicht in die Verantwortung der finanziell klammen Regierungen der einzelnen US-Bundesstaaten oder gar der Kommunen fallen.« Weitere Desaster wie in New Orleans und Minneapolis würden sich ereignen, bis die Bush-Administration ernsthaft eine Modernisierung der gesamten Infrastruktur des Landes in Angriff nehme, so Nichols, der schließlich aus einem Bericht der Amerikanischen Vereinigung der Bauingenieure ASCE zitiert: »Mit jedem Tag steigt die Gefahr für unsere Wirtschaft und Lebensqualität, die von der alternden und überlasteten Infrastruktur ausgeht.« Um die gesamte öffentliche Infrastruktur, also auch Strom- und Schienennetze, wiederherzustellen müßten laut ASCE an die 1,6 Billionen US-Dollar in einem Zeitraum von fünf Jahren aufgewendet werden.

Falsche Prioritäten

Diese schwindelerregend hohe Zahl relativiert sich allerdings, wenn man bedenkt, daß die Okkupation des Irak den US-Steuerzahler bereits 450 Milliarden US-Dollar kostete, oder unter Berücksichtigung des jährlichen Haushalts des Pentagon, der sich derzeit auf 533 Milliarden beläuft. Für ihr Verkehrsnetz geben die USA somit etwas mehr als zehn Prozent ihres Militäretats aus. Seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2000 verschaffte die Bush-Administration den Reichen des Landes übrigens Steuererleicherungen von 555 Milliarden US-Dollar.

Wieso die Stadtverwaltung von Minneapolis kein Geld für die Modernisierung ihrer Brücken hatte, beschrieb Dave Zirin in einem Beitrag für das linke US-Infoportal counterpunch.com. So habe der ortsansässige Multimilliardär Carl Pohlad nach jahrzehntelanger Lobbyarbeit die Stadt dazu bewegt, ein neues Stadion für seine Baseball-Mannschaft mit 500 Millionen US-Dollar zu bezuschussen. Die Grundsteinlegung für den »Pohlad-Dome« mußte jedoch verschoben werden – sie sollte am 2. August stattfinden, einen Tag, nachdem die Brücke von Minneapolis zusammenbrach.

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