Moskauer Petitessen

„Junge Welt“, 18.07.2007
Rußland startet Investitionsoffensive. Allein 200 Milliarden Rubel fließen in Entwicklung der Nanotechnologie

Der Kreml macht ernst. Am 13. Juli meldete die russische Tageszeitung Kommersant, daß die Regierung nahezu 25 Milliarden Rubel (ca. 900 Millionen US-Dollar) im Rahmen eines Föderationsprogramms bereitstellt. Diese aus den sprudelnden Öl- und Gaseinnahmen des Landes finanzierten Investitionen sollen zwischen 2008 und 2010 dem Aufbau einer nationalen Nanotechnologie-Industrie dienen. Rußlands stellvertretender Premierminister Sergej Iwanow sprach in diesem Zusammenhang von der Schaffung eines »nationalen Nanotechnolgie-Netzwerkes«, und Andrej Rursenko, Minister für Bildung und Wissenschaft, präzisierte, daß die Elemente dieses Netzwerks auf der »Basis von Staatsunternehmen mit spezieller wissenschaftlichen Ausrüstung« fußen sollen. Zehn Nanotechnologiezentren würden an den Hochschulen Rußlands entstehen. Der zentrale Staatskonzern Gosnanotekh soll überdies Kommersant zufolge mit insgesamt 130 Milliarden Rubeln (fünf Milliarden US-Dollar) ausgestattet werden. Gosnanotekh wurde erst im April dieses Jahres auf Beschluß der Duma gegründet.

»Hoffnungsträger«

Bei der Nanotechnologie handelt es sich um einen populärwissenschaftlichen Sammelbegriff. Er umfaßt die Forschungen diverser wissenschaftlicher Disziplinen, die auf die Schaffung oder Modifizierung besonders kleiner Transistoren und Maschinen abzielen, oder durch Molekulardesign neue Materialien zu entwickeln hoffen. Die Nanotechnologie befaßt sich mit Größenorgnungen im Atom- und Molekularbereich, Objekten also bis zu einer Größe von 100 Nanometern. Ein Nanometer ist ein Milliardstel eines Meters.
Der Bereich gilt auch für Moskau als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts, und obwohl die Resultate winzig klein sind, geht es strategisch und ökonomisch um keine Petitessen. Bei den genannten Milliardeninvestitionen »handelt es sich nur um den staatlichen Beitrag. Ich denke, die Wirtschaftsgemeinde wird diesem Prozeß nicht fernbeleiben wollen«, betonte Iwanow schon Ende Juni, als er die Gründung eines staatlichen Nanotechnologierates kommentierte. Tatsächlich finden sich in dem neuen Gremium neben Politprominenz und Wissenschaftlern auch die Spitzen des russischen Industriekapitals. Fünf milliardenschwere russische Oligarchen – Alexander Abramow, Alexei Mordaschew, Wladimir Jewtuschenkow, Michail Prochorow und Sergej Bogdantschikow, deren Konzerne die russische Schwerindustrie, die Rohstoffverarbeitung, Telekomunikation und Mikroelektronik dominieren, sind mit von der Partie.
Iwanow, zugleich Vorsitzender des Rates, betonte bei einer Ende vergangener Woche stattgefundenen Pressekonferenz, daß schon im ersten Quartal 2008 ein kommerzielles Produkt definiert sein solle, welches alsbald auf den Markt kommen werde.

Neue Kriegstechnik

Wie solche »Produkte« aussehen könnten, darüber berichtete die Nachrichtenagentur RIA-Nowosti bereits Anfang des Jahres. So habe ein »Finanz- und Industrie-Venture »Fond« des Militär-Industrie-Komplexes (MIK) im Gebiet Swerdlowsk« (Ural) eine neuartige Panzerung auf der Basis molekular modifizierter Teilchen entwickelt. Diese sogenannte flüssige Panzerung bestehe aus einem Gel mit speziell entworfenen, harten Mikroteilchen und einem flüssigen Füllstoff. Bei Einschüssen verbinden sich die Teilchen aufgrund ihrer spezifischen Molekularstruktur innerhalb von Millisekunden miteinander, die Fremdkörper könnten somit nicht in die Tiefe der Struktur eindringen – Arnold Schwarzeneggers »Terminator« läßt schön grüßen.
Zu erwarten ist deshalb, daß vor allem der russische MIK von den Anstrengungen zum Aufbau einer Nanoindustrie profitieren wird. Die Waffenschmieden Rußlands stellen immer noch einen der wenigen, international wettbewerbsfähigen Industriezweige Rußlands dar. Mit Hilfe neuer Materialien und Nanomaschinen, so das Kalkül, ließen sich neuartige – als verheerende – Waffensysteme entwickeln.
Diese »Nano-Offensive« ist Teil einer von Präsident Wladimir Putin im April ausgerufenen High-Tech-Strategie. Während seiner Rede zur Lage der Nation forderte der russische Präsident ein massives Investitionsprogramm zum Aufbau von Wirtschaftszweigen der Hochtechnologie. Laut diesem Konzept sind die wichtigsten Entwicklungsbereiche die Nanotechnologie, die Bioindustrie sowie die Energie- und Informationstechnologien. Das russische Wirtschaftsministerium gehe davon aus, daß der Anteil der Sektoren der Hochtechnologie am Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 zweimal so hoch sein werde, wie jener der gegenwärtig alles dominierenden Öl- und Gasindustrie, berichtete die russische Zeitung Wedomosti Ende Juni.
Bio- und Nanotechnologie zählen neben der Nutzung der Atomkraft zu den umstrittensten Anwendungen der zeitgenössischen Wissenschaft. Ihre Auswirkungan auf Natur und Umwelt, aber vor allem auf den menschlichen Organismus sind kaum erforscht. Bekannt ist beispielsweise, daß bei der Nanotechnologie Strukturen zum Einsatz kommen, denen die Abwehrvorrichtungen des menschlichen Organismus nichts entgegenzusetzen haben. Umweltschützer weltweit stehen im Kampf gegen die unkontrollierte Nutzung solcher Technologien. In Rußland ist ein breiter gesellschaftlicher Widerstand gegen die neuen Hoffnungsträger allerdings kaum zu erwarten.

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