Billiglohn in Dixieland

„Junge Welt“, 15.12.2009

Die Kostenvorteile des Daimler-Werks in Tuscaloosa/Alabama sind auch Resultat einer gewerkschaftsfeindlichen Politik im US-amerikanischen Süden

Am 4. Dezember gingen in Sindelfingen 15000 Daimler-Arbeiter gegen die Entscheidung des Konzernvorstands auf die Straße, die Endmontage der C-Klasse in das Mercedes-Werk Tuscaloosa im Süden der USA zu verlegen. Die Werksleitung in Sindelfingen beeilte sich zu betonen, daß es unvermeidbar sei, die Produktion »in die Märkte zu verlagern«, um Importzölle und Währungsschwankungen ausschließen sowie Transportkosten minimieren zu können. Überdies machte das Daimler-Management auch darauf aufmerksam, daß eine Arbeitsstunde in Tuscaloosa mit durchschnittlich 30 Euro viel günstiger als in Sindelfingen sei, wo 54 Euro fällig würden. Schließlich arbeiteten die Daimler-Arbeiter in den südlichen USA mit 1800 Stunden jährlich viel länger als ihre deutschen Kollegen, die auf eine jährliche Arbeitszeit von »nur« 1350 Stunden kämen.

»Union-Busting«

Der Daimler-Konzernvorstand und die Werksleitung in Sindelfingen verschwiegen allerdings, warum dem so ist. Die südlichen Bundesstaaten der Vereinigten Staaten – und hier insbesondere das stockkonservative Alabama mit dem WQerkk Werk in Tuscaloosa – gelten als extrem gewerkschaftsfeindlich. In der Fahrzeugfabrik arbeiten 3782 Arbeiter, die jährlich an die 152000 Mercedesfahrzeuge der Klassen M, R und GL herstellen. Seit der Gründung dieses Automobilwerks 1995 bemühten sich bislang zwei Gewerkschaften vergeblich, die dortige Arbeiterschaft zu organisieren. 2000 scheiterte die UAW (United Auto Workers) an der Etablierung einer Gewerkschaftsvertretung in dem Werk. Auch die 2006 unternommenen organisatorischen Anstrengungen der IAM (International Association of Machinists and Aerospace Workers) waren vergebens. Die Werksleitung tat dabei ihr übriges. 2006 wurde im Betrieb eine spezielle Organisation gegründet, die jegliche gewerkschaftliche Tätigkeit unterbinden sollte. Das sogenannte »Mercedes Team Information Committee« heuerte den berüchtigten Anwalt Jay Cole an, dessen Rechtsunternehmen Cole Associates sich darauf spezialisiert hat, gewerkschaftliche Organisationsversuche auf rechtlichem Wege zu verhindern. Mittlerweile bilden auf die Zerschlagung von Gewerkschaften (Union-Busting) spezialisierte Anwaltskanzleien einen eigenen Industriezweig, in dem sich bundesweit an die 2500 Rechtsunternehmen tummeln und milliardenschwere Umsätze erzielen.

Im erzreaktionären Alabama, das permanent von republikanischen Gouverneuren regiert wird, können Autokonzerne auch auf eine uneingeschränkte Unterstützung seitens der Politik bauen. Bis zu 100 Millionen US-Dollar stellte jüngst der Gouverneur Alabamas, Bob Riley, Mercedes-Benz in Aussicht, sobald der Ausbau des Werks in Tuscaloosa tatsächlich umgesetzt wird. Die Höhe der ab 2013 möglichen Fördermittel sei »daran gekoppelt, wie viele neue Stellen geschaffen« würden, meldete die Nachrichtenagentur Reuters. Im Jahr 1993, als die Entscheidung zum Bau der Fabrik in Tuscaloosa fiel, konnte Mercedes-Benz dem verarmten Alabama sogar 253 Millionen US-Dollar Steuergelder abpressen. Damit hätte der südliche Bundesstaat jeden geschaffenen Arbeitsplatz mit durchschnittlich 168000 US-Dollar bezuschußt, bemerkte die linksliberale Wochenzeitung The Nation: »In der benachbarten Kleinstadt Vence fehlt das Geld für den Bau benötigter Klassenräume, während Mercedes ein Trainingszentrum für 30 Millionen US-Dollar erhält.«

Reaktionäre Tradition

Generell fungiert der Süden der USA – und insbesondere Alabama – inzwischen als eine Billiglohnregion, die tatsächlich auch beträchtliche Investitionen im Fahrzeugbau anlocken und das industrielle Lohnniveau im Norden der krisengeschüttelten Weltmacht unter Druck setzen konnte. Der Präsident der UAW, Ron Gettelfinger, griff diese Politik Ende 2008 scharf an, als er die Regierung Alabamas beschuldigte, insgesamt 693 Millionen US-Dollar dafür aufgewendet zu haben, um Mercedes-Benz, Honda, Toyota und Hyundai zu Investitionen in dem südlichen Bundesstaat zu verleiten. In keiner einzigen Autofabrik in Alabama gibt es eine gewerkschaftlich organisierte Belegschaft.

Neben der Dominanz konservativer Wertvorstellungen und einer gewerkschaftsfeindlichen Tradition ist es auch die in Alabama weit vorangeschrittene Pauperisierung, die viele Arbeiter vom Eintritt in eine Gewerkschaft abhält. Binnen eines Jahres ging die Arbeitslosigkeit in dem Bundesstaat von rund vier auf 10,7 Prozent in die Höhe. Bereits vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise befand sich die Armutrsate in Alabama mit 16,9 Prozent weit über dem Landesdurchschnitt, der 2007 bei 13 Prozent lag. Besonders drastisch ist die Kinderarmut ausgeprägt, die laut Tageszeitung Tuscaloosa News 2007 nahezu 24 Prozent erreichte.

Angesichts solcher Verelendungstendenzen – und eines Lohnniveaus, das bei etwa 83 Prozent des US-Bundesdurchschnitts liegt – konnte der Gewerkschaftsfeind Jay Cole schon bei seinem Vorgehen gegen die IAM in Tuscaloosa unangefochten feststellen, daß die dortigen Arbeiter »die beste Entlohnung und die besten Sozialleistungen erhalten, die sie irgendwo bekommen können«.

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