Das große globale Bondmassaker

Mit den Anleihemärkten der Zentrumsstaaten geht das Fundament der spätkapitalistischen Finanzsphäre in Auflösung über.

17.10.2026

Öde, dröge, sterbenslangweilig – das waren für gewöhnlich dekadenlang die Anleihemärkte der Zentren des Weltsystems. Wenn Kapital sicher geparkt werden sollte, wenn Pensionsfonds eine sichere, wenn auch niedrige Rendite gewährleisten mussten, wenn Versicherungen ihre Gelder parken wollten, dann floss Geld in US-Staatsanleihen, in japanische Staatspapiere oder in deutsche Bonds, die als das stabile Fundament des Weltfinanzsystems, als Beton, als das Rückgrat der neoliberalen Finanzialisierung des Kapitalismus in den letzten Dekaden galten. Alle Krisenschübe in der Peripherie oder Semiperipherie zementierten dieses Fundament noch weiter, da die Anleihemärkte der Zentren dann ihre Funktion als „sicherer Hafen“ einnahmen und besonders niedrige Zinsen aufwiesen (Etwa die BRD während der Eurokrise). Es war somit für gewöhnlich spannender, Gras beim Wachsen zuzuschauen, als diese Anleihemärkte zu beobachten.

Dem ist bekanntlich nicht mehr so. Die wunderbare Welt der Anleihemärkte ist derzeit weitaus spannender, als es den meisten Funktionsträgern in Staat und Finanzwirtschaft lieb sein dürfte. Um zu verstehen, wieso das Fundament des Weltfinanzsystems, die Anleihemärkte in dessen Zentren, derzeit so rasch zerfällt, muss somit zuerst geklärt werden, wieso dies jahrzehntelang nicht der Fall war. Das wirklich Interessante an den Bondmärkten der Zentrumsländer, die als Hort der Stabilität und finanzpolitischer Langeweile galten, ist somit die Tatsache, dass jahrzehntelang die Zinsbelastung der Zentrumsstaaten abgenommen hat. In den neoliberalen Dekaden der Globalisierung, in denen die Staatsverschuldung stark zugenommen hat, sind die Anleihezinsen gesunken – was ja der gewöhnlichen Lehrbuchweisheit über Marktverhalten widerspricht. Höhere Verschuldung birgt ein größeres Ausfallrisiko, was zu höheren Zinsen führen müsste.

Doch genau das war nicht der Fall.1 Die Leitzinsen sanken,2 die Inflation blieb niedrig3 – und folglich gingen die Anleihezinsen immer weiter zurück. Anleihezinsen und deren Kurs befinden sich in einer inversen Relation – fallende Zinsen sind Folge steigender Anleihekurse, also einer zunehmenden Nachfrage nach Anleihen in der Ära dieser globalen Finanzblasenökonomie. Dies ist eindeutig empirisch verifizierbar.

Die USA wiesen 1990 eine Schuldenlast von 51 Prozent des Bruttoinlandsprodukts BIP auf, die Ende 2010, im Gefolge der 2008 geplatzten Immobilienblase, auf 91 Prozent anstieg. Im vierten Quartal 2019, am Vorabend der Pandemie, stand Washington gar mit 105 Prozent der Wirtschaftsleistung in der Kreide. Zugleich sank der Zins der zehnjährigen US-Staatsanleihe von acht Prozent 1990, über rund 3,5 Prozent 2010 auf nur noch 1,8 Prozent Ende 2019.4 Noch krasser ist dies im Fall des dekadenlang in Stagnation verharrenden Japans ausgeprägt,5 dessen Staatsverschuldung aufgrund unzähliger Konjunkturprogramme von 50 Prozent des BIP 1990, über 160 Prozent 2010 auf beeindruckende 215 Prozent im Pandemiejahr 2020 anstieg. Die zehnjährige Nippon-Anleihe6 wurde 1990 mit einem Zinssatz knapp sieben Prozent gehandelt, der 2010 nur noch 1,3 Prozent betrug, um 2020 im Heimatland der Deflation gar ins Minus (-0,15 Prozent) zu drehen.

Neoliberaler Nullzins

Tokio akkumulierte einen gigantischen Schuldenberg – und zugleich erhielt Japan zeitweise Geld dafür, um weitere Schulden aufzunehmen. Des Rätsels Lösung für diese Absurditäten, die kurzfristig auch auf dem deutschen Bondmarkt auftraten,7 ist in der Finanzialisierung des Kapitalismus zu finden, die sich in Reaktion auf die Stagflationsperiode der 70er-Jahre gemeinsam mit dem Neoliberalismus (Thatcher, Reagan) durchsetzte.8 Die neoliberalen Dekaden (1980-2020) waren durch das rasante Wachstum der Finanzsphäre im Rahmen der Globalisierung gekennzeichnet, die mittels zunehmend spekulativer Blasenbildung zum Konjunkturmotor eines zunehmend auf Pump laufenden Weltsystems wurde.

Nicht nur die Staatsverschuldung, der gesamte globale Schuldenberg wuchs im Neoliberalismus schneller als die Wirtschaftsleistung, was einem entsprechenden Nachfrageschub gleichkommt.9 Realisiert wurde diese globale Defizitkonjunktur mittels regionaler und später globaler Spekulationsblasen, die an Umfang und Dauer zunahmen – und zugleich das System zunehmend destabilisierten: von der Dot-Com-Spekulation mit Internetaktien (2000), über die Immobilienblase (2008/09), bis hin zur großen Liquiditätsblase (2009-2020). Hierin spiegelt sich, empirisch verifizierbar, schlicht die innere Schranke des Kapitals wider, das sich konkurrenzvermittelt seiner Substanz, der wertbildenden Arbeit, entledigt – und seine zombiehafte Scheinexistenz nur durch Generierung kreditfinanzierter Nachfrage im Rahmen dieser globalen Defizitkonjunktur prolongieren konnte.

Dem Boom in der Aufstiegsphase einer Blase folgte der Crash, der durch staatliche Krisenmaßnahmen (Bailouts, Konjunkturpakete, Anleiheaufkäufe, etc.) kompensiert und in eine abermalige Blasenbildung überführt werden musste (Der Anstieg der Staatsverschuldung in den Zentren ist nicht zuletzt auf gerade diese kostspieligen Krisenmaßnahmen zurückzuführen). Mit dem Umfang der Blasenbildung nahmen auch deren potenzielle Verwerfungen zu, was die staatlichen Krisenreaktionen nach dem Platzen vollends eskalieren ließ. Entscheidend für die jetzige Krisenkonstellation waren die staatlichen Rettungsmaßnahmen nach dem Platzen der Immobilienblase 2007/08, als neben Konjunkturpaketen und Zinssenkungen auch gigantische Aufkaufprogramme von Wertpapieren gestartet wurden.

Die Notenbanken kauften zuerst Hypothekenverbriefungen auf, um bald zum Aufkauf von Staatsanleihen überzugehen. Und, wie erwähnt, gab es in dieser langen, nahezu 12-jährigen Phase extrem expansiver Geldpolitik (2008-2020) keine nennenswerte Inflation in den Zentren. Die Liquidität, die von den Notenbanken generiert wurde, floß in die Finanzsphäre und kreierte dort eine Inflation der Finanzmarktpreise, also eine Liquiditätsblase. Es war eine Art finanzmarktgetriebener Notenbank-Kapitalismus, der die Bilanzen der Notenbanken zwar anschwellen ließ,10 die aber bei Finanzmarktbeben rasch intervenieren konnten – was den Staaten billige Kreditaufnahme ermöglichte, die insbesondere in Japan in absurde Dimensionen getrieben wurde.

Zurück zur Stagflation

Diese spätkapitalistische Finanzmarktalchemie, die ja auch neokeynesianische Ideologiebildung in der Linken beförderte,11 wurde von den Notenbanken durch besagte Anleiheaufkäufe somit auf die Spitze getrieben – bis zu einer Bilanzsumme von knapp neun Billionen Dollar im Fall der Fed.12 Bis 2020. Mit dem pandemiebedingten Krisenschub, mit den Versorgungsengpässen und Produktionskettenproblemen, kehrte die Inflation zurück, was die große geldpolitische Wende einleitete: Nachdem die Teuerung mitunter zweistellige Raten erreichte, mussten die Notenbanken (zuerst die Fed und EZB Mitte 2022, die BoJ erst mit zweijähriger Verspätung im März 2024) die Leitzinsen anheben. Hierdurch wurde die Ära des billigen Geldes zwangsläufig von der Geldpolitik aufgegeben und die bürgerliche Krisenpolitik zu einem neuen Drahtseilakt genötigt, bei dem Konjunkturpolitik und Inflationsbekämpfung im Konflikt stehen: Ganz konkret ist das nachvollziehbar anhand der Auseinandersetzungen zwischen der Fed und dem Weißen Haus bezüglich der Leitzinsen, die Mitte September aufgrund des zunehmenden Inflationsdrucks erhöht worden sind.13

Das Ende dieser Liquiditätsblase hinterließ somit verschuldete Staaten und Notenbanken mit aufgeblähten Bilanzen, die in ihrer Handlungsfähigkeit arg limitiert waren. Faktisch kehrte die Stagflationsperiode der 70er auf einer höheren Krisenstufe zurück nach gut vier Dekaden neoliberaler Krisenverzögerung.14 Die Zentrumsstaaten leiden folglich schon seit 2021/22 unter hohen Zinsen, wobei diese bis 2025 nur langsam anstiegen und im historischen Vergleich gar nicht so hoch scheinen – sie bewegten sich auf dem Niveau des frühen 21. Jahrhunderts. Was die Lage aber unweigerlich zuspitzte, war der eingangs geschilderte Umstand, dass deren Verschuldung in Relation zur Wirtschaftsleistung sehr viel höher ist als vor 25 Jahren.

Und nicht zufällig bildete Japan mit seiner Staatsverschuldung von mehr als 200 Prozent des BIP den Auslöser der sich nun entfaltenden Krise der Anleihemärkte. Die gigantische öffentliche Verschuldung Nippons ist Folge unzähliger keynesianischer Konjunkturprogramme, mit denen Tokio weitgehend erfolglos die lang anhaltende deflationäre Stagnation in Japan überwinden wollte, die sich in den „verlorenen Dekaden“ nach dem Platzen der großen japanischen Immobilienblasen Anfang der 90er verfestigte. Mitunter nahmen diese keynesianischen Konjunkturprogramme tragikomische Züge an – etwa, als die Regierung ein Förderprogramm für Alkoholkonsum unter jungen Japanern auflegte, um in klassisch nachfrageorientierter Politik die darniederliegende Alkoholbranche zu stützen und die sinkenden Steuereinnahmen zu revitalisieren.15

Japan als Krisentrigger

Die derzeitige Rechtsregierung Japans unter Premierministerin Sanae Takaichi möchte an diese berauschenden Konjunkturstrohfeuer anknüpfen, indem der Massenkonsum und die Rüstung mittels Konjunkturprogrammen und Konsumsteuersenkungen befeuert werden, doch diesmal droht Tokio eine Haushaltskrise, da das globale makroökonomische Umfeld sich in der aktuellen, durch stagflationäre Tendenzen gekennzeichneten Krisenphase gewandelt hat.16 Die Zinsen steigen auch in Tokio, sodass der Schuldendienst bereits zum zweitgrößten Haushaltsposten geworden ist, während die angekündigte weitere Defizitbildung die japanische Währung beständig abwertet. Die Yen-Schwäche, die eigentlich exportfördernd ist, facht aber die Inflation zusätzlich an, da Japan auf sich beständig verteuernde Rohstoffimporte angewiesen ist. Takaichi findet sich somit in einer stagflationären Krisensackgasse wieder, in der sie einander ausschließende Maßnahmen einleiten, zugleich die Konjunktur stützen und die Inflation eindämmen müsste.

Über lange Zeiträume lief dieser japanische Schuldenturmbau – gerade aufgrund der geschilderten expansiven Nullzinspolitik der Notenbanken in der Spätphase der Globalisierung – auch reibungslos: Ein Großteil der japanischen Staatsschulden wird von inländischen Investoren gehalten (mehr als 80 Prozent), was gerade in Krisenphasen stabilisierend wirkt. Japan konnte überdies – ähnlich der Bundesrepublik – über lange Zeiträume eine positive Handelsbilanz aufweisen, was faktisch einem Schuldenexport und volkswirtschaftlicher Überschusserzielung gleichkommt. Aufgrund des niedrigen Zinsniveaus im Inland und der konjunkturellen Stagnation floss anlagesuchendes japanisches Kapital zunehmend ins Ausland, wodurch Nippon zu einem der wichtigsten globalen Investoren avancierte. Japan hat vor allem China als den größten Käufer von US-Staatsanleihen abgelöst.

Bloomberg beziffert17 die japanischen Auslandsinvestitionen auf rund fünf Billionen Dollar. Hinzu kommen die sogenannten Carry Trades, bei denen ausländische Investoren niedrig verzinste Kredite in Yen aufnehmen, um dieses Kapital dann in Märkten mit einem höheren Zinsniveau zu investieren. Der Umfang dieser spekulativen Yen-Wetten, die hochgradig von der Währungsentwicklung abhängig sind, ist nicht exakt quantifizierbar, er geht aber in die Billionen. Bloomberg schätzt das aktuelle Volumen der japanischen Carry Trades auf 1,1 Billionen Dollar. Die Krise Japans ist somit gewissermaßen die Krise des spätkapitalistischen Finanzsystems. Steigen die Zinsen in Nippon, geraten die Staatsfinanzen Tokios in Schieflage, dann wird japanisches Kapital aufgrund der verschwindenden Zinsdifferenz aus dem Ausland abgezogen, was ausländische Märkte zusätzlich destabilisiert.

Und dies gilt insbesondere für die USA, die von Kapitalzuflüssen zwecks Defizitfinanzierung hochgradig abhängig sind. Gerade deswegen, gerade weil Nippon T-Bonds im Nennwert von 1,2 Billionen Dollar hält (Chinas US-Bondreserven belaufen sich hingegen nur noch auf etwas mehr als 620 Milliarden),18 hat Washington gemeinsam mit Tokio im August19 auf dem Devisenmarkt interveniert, um den Yen zu stützen. Dies geschah aus Washingtons Eigeninteresse, um eine Kontaminierung des US-Anleihemarktes durch Kapitalabflüsse aus den USA zu verhindern. Mittlerweile – wenn nicht aller aktueller Schein trügt – können diese Stabilisierungsbemühungen als gescheitert angesehen werden. Dies auch, weil weitere Faktoren die Inflation und somit die Krise der Anleihemärkte zusätzlich verschärften.

Geopolitische Krisenverstärker

Erst unter Berücksichtigung dieser labilen Lage der Bondmärkte in den Zentren des Weltsystems, die sich schon 2022 abzeichnete und die bereits Anfang 2026 in den latenten Krisenmodus mit Japan in dessen Zentrum überging, sind die enormen destruktiven Auswirkungen „äußerer“ Faktoren auf das marode, zusehends rissige Fundament des Weltfinanzsystems zu verstehen. Neben der Eskalation im Ukraine-Krieg, in deren Verlauf zunehmend russische Raffinerien beschädigt werden (Stichwort Diesel-Preise), ist es der Iran-Krieg, der zur Inflation und somit zur Destabilisierung der labilen Anleihemärkte beiträgt. Kriege in der Peripherie hat der Spätkapitalismus nun wirklich zur Genüge produziert in den vergangenen Dekaden – sie können derzeit die Bondmärkte der Zentren nur deswegen dermaßen erschüttern, weil diese sich bereits im skizzierten Krisenmodus befinden.

Doch diese geopolitischen und militärischen Auseinandersetzungen, die derzeit gerne als Ursache der Inflation und der Anleihekrise aufgezählt werden, sind selber eng mit dem systemischen Krisenprozess verwoben, der – nach dem Ende der Finanzialisierung des Kapitalismus – gewissermaßen die Stagflation der 70er auf höherer Krisenstufe reanimiert. Dies gilt insbesondere für den Iran-Krieg, der den katastrophisch gescheiterten Versuch der Trump-Administration darstellt, die untergehende US-Hegemonie durch ein imperiales System abzulösen. Die prekäre Stellung des Dollars als Weltleitwährung – die spätestens bei den Auseinandersetzungen um Grönland evident wurde, als europäische Anleiheverkäufe zu Kurseinbrüchen bei Treasuries führten – sollte durch militärische Expansion gegen renitente Erdölländer gestärkt werden. Die Stellung des Dollars als Ölwährung würde so gestärkt – mittels blanker Waffengewalt. Der Angriff gegen Venezuela war ein voller Erfolg, nachdem die dortigen Rackets auf Washingtons Kurs einschwenkten und den renitenten Staatschef Maduro faktisch auslieferten.

Dieser imperialistischen Logik des Öl-Dollars, bei der faktisch geopolitische Tankstellen Chinas ausgeschaltet werden sollen, folgte auch der Iran-Krieg (und nicht etwa den Einflüsterungen Netanjahus, wie es die postlinken Antisemiten von DSA bis PDL halluzinieren), der sich zu einer geopolitischen Katastrophe entwickelte, die zur Intensivierung der Anleihekrise und zur endgültigen Abwicklung der Rudimente der US-Hegemonie führt. Die Blockade der Meerengen von Hormus und Bab al-Mandab treibt nicht nur die Ölpreise in immer neue Höhen, die sich dann aufgrund höherer Transport- und Produktionskosten in einem allgemein höheren Inflationsdruck manifestieren. Hinzu kommen die Engpässe bei Düngemitteln, die spätestens im nächsten Jahr zu einem massiven Preisauftrieb bei Nahrungsmitteln, zu einer Hungerkrise in der Peripherie und dem daraus folgenden politischen Destabilisierungsschub führen wird, wie er etwa im „Arabischen Frühling“ manifest wurde.

Die zunehmenden militärischen Auseinandersetzungen fungieren somit als Krisenbeschleuniger – sie sind aber nicht Ursache der Krise. Selbst ein – unwahrscheinliches – rasches Ende der Kriege in der Ukraine und im Iran würde den Inflationsdruck folglich aus den oben geschilderten Gründen höchstens mindern. Neben der enormen Überschuldung des Weltsystems, die faktisch einer Krisenverzögerung gleichkam, tritt die äußere Schranke des Kapitals, die dessen uferlosen Verwertungszwang in Gestalt der Klimakrise und zunehmender Ressourcenknappheit harte Grenzen setzt, immer stärker in Erscheinung. Die ökologischen Verwerfungen beeinträchtigen den Verwertungsprozess immer stärker; dies lässt auch die Kosten der Extremwetterereignisse in die Höhe schnellen – und für deren Beseitigung oder Minderung wären ja eigentlich die überschuldeten Staatsapparate zuständig.

Inflation – gekommen, um zu bleiben

Womit wir bei den dramatischen Folgen der Krise der Anleihemärkte der Zentren wären – es ist so, als ob der einstige Beton, auf dem das globale Finanzkartenhaus errichtet worden war, in Auflösung überginge. Das höhere Anleihe-Zinsniveau setzt sich notgedrungen in der gesamten Ökonomie durch, was generell zu einer konjunkturellen Abkühlung, perspektivisch zur Rezession führen kann. Zum anderen besteht schlicht Ansteckungsgefahr innerhalb der labilen, vor allem in den USA aufgeblähten Finanzsphäre, die einem „gigantischen Jenga-Turm“ gleicht, wie es Fortune formulierte.20 Das höhere Zinsniveau dürfte zu Kapitalabflüssen aus den Aktienmärkten führen (Der Dauerboom der Aktien in der neoliberalen Ära war nicht zuletzt den Niedrigzinsen zuzuschreiben), was gerade in den Vereinigten Staaten zum Crash führen könnte. Die KI-Blase, der zentrale Konjunkturträger der USA, wird hierdurch destabilisiert werden, da nun auch die sich rasch verschuldenden IT-Giganten viel teurere Kredite verkraften müssen. Bedroht sind durch den Zinsanstieg auch rechtskeynesianische Krisenstrategien, bei denen staatliche Aufwendungen für die Rüstungsindustrie die Konjunktur stützen – nicht nur in Japan, sondern auch in der BRD.

Zusammengefasst: Die Krise der Anleihemärkte destabilisiert das Weltfinanzsystem, während die steigenden Zinsen die Spielräume staatlicher Politik zusätzlich einschränken (und, by the way, könnte dies vielleicht auch einen Teil der regressiven Postlinken von ihrem infantilen Staatsfetisch heilen – mensch wird ja noch träumen dürfen). Doch entscheidend ist die simple Tatsache, dass der Staat bislang immer in allen großen Krisenschüben (Dot-Com-Blase, Immobilienblase, Pandemie) als der letzte Rettungsanker des Spätkapitalismus fungierte. Und er tat dies in immer größerem Ausmaß: von Nullzinspolitik, über billionenschwere Konjunkturprogramme, bis hin zum absurden Notenbankkapitalismus in der Spätphase der Globalisierung mit seinen gigantischen Aufkäufen von Wertpapieren und Staatsanleihen.21 All dies war nur deswegen möglich, weil die Inflation niedrig blieb. Und dies wird nie wieder der Fall sein. Die Teuerung, sie wird in der nun vollends wiederkehrenden Ära der Stagflation nicht mehr verschwinden – in ihr kündigt sich das Endgame der kapitalistischen Systemkrise an, die Entwertung des Werts. Nicht in der Peripherie oder Semiperipherie, wie in den vergangenen Dekaden, sondern gerade in den Zentren.

Nun sind wir dran. Die Bedienung des amerikanischen Schuldenbergs macht inzwischen den größten Haushaltsposten aus – noch vor den Militärausgaben. In Japan ist der Schuldendienst zum zweitgrößten Budgetposten geworden. In Europa treiben zunehmende Zinsdifferenzen die üblichen Zentrifugalkräfte an, die abermals die Eurozone gefährden dürften. Die Anleihemärkte der Zentren ähneln zunehmend denen der Semiperipherie, der „Schwellenländer“, sie fungieren nicht mehr als „sichere Häfen“ in Krisenzeiten – gerade weil die Krisendynamik nun die Zentren voll erfasst. Im Januar 2026 wurde die 10-jährige US-Anleihe mit 4,2 Prozent verzinst, nun steuert sie auf 5,5 Prozent zu – was garantiert zu Kapitalabflüssen aus den Aktienmärkten führen wird. Die entsprechende japanische Anleihe verzeichnete Ende September mehr als drei Prozent. Dies ist der höchste Wert seit 1996, als Tokios Schuldenberg in Relation zur Wirtschaftsleistung rund ein Drittel des heutigen betrug. Der zehnjährige Bond Frankreichs erklomm mit 4,8 Prozent den höchsten Wert seit 2008, wodurch der Spread zur Bundesanleihe, die mit 3,6 Prozent ebenfalls ein neues langjähriges Hoch verzeichnete, mehr als einen Prozentpunkt erreichte. Der europäische Spaltpilz ist wieder da – Merz kündigte bereits harte Auseinandersetzungen um den EU-Haushalt an.22

Entscheidend ist aber die damit einhergehende, harte Einschränkung staatlicher Interventionsmöglichkeiten bei Krisenschüben. Es darf gerne in Zusammenhängen gedacht werden. Die KI-Blase, die weitaus größere Dimensionen angenommen hat als die IT-Blase zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wird irgendwann zwangsläufig platzen (Dieser Boom wird von Spekulationen auf ein neues Akkumulationsregime mittels absurder privater Investitionen getragen).23 Und dem Staat sind viele bewährte Krisenmaßnahmen verbaut, wenn er nicht die inflationäre Dynamik vollends außer Kontrolle geraten lassen will. Zinssenkungen, Gelddruckerei durch „quantitative Lockerungen“, sie werden diesmal direkt zur Geldentwertung, zur Entwertung des Kapitals in seiner Form als allgemeines Wertäquivalent führen. Austeritätsregime in Krisenphasen entwerten hingegen das Kapital in seiner konstanten und variablen Form: stillgelegte Produktionsstätten und Maschinen, überflüssige Lohnabhängige. Es sind nur noch unterschiedliche Wege in die Krise übrig.

Der Wertkritik kommt das historische Verdienst zu, das Enigma des Kapitals dechiffriert und dessen entscheidende innere Widersprüche benannt zu haben. Woran die Wertkritik aber scheitern muss, da dies von den Handlungen der Akteure der Krisenverwaltung abhängt, ist der genaue Zeithorizont, in dem sich die Krise durch das Weltsystem schubweise frisst. Robert Kurz hat in seinem Buch „Der Kollaps der Modernisierung“ schon Anfang der 90er die derzeitige Krisenkonstellation hellsichtig, geradezu prophetisch beschrieben24 – doch sein damaliger Zeithorizont umfasste Jahre, nicht Jahrzehnte. Es ist somit generell Vorsicht angebracht bei konkreten Krisenprognosen. Doch, sollte nicht alles trügen und sollten keine neuen Formen der Krisenverzögerung aus dem Hut gezaubert werden, scheint diesmal wirklich der volle sozioökonomische Krisendurchbruch wahrscheinlich. Da ist nur noch der brüchige Beton, das rissige Fundament des Weltfinanzsystems. Beim nächsten Kriseneinschlag wird er aller Voraussicht nach zerbrechen.

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7  https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/bundesleihen-haben-jetzt-alle-erstmals-negative-zinsen-auch-30-jaehrige-anleihe-a-1280247.html

8  https://www.konicz.info/2021/11/16/zurueck-zur-stagflation/

9  https://www.imf.org/en/blogs/articles/2025/09/17/global-debt-remains-above-235-of-world-gdp

10  https://fred.stlouisfed.org/series/WALCL

11  https://jungle.world/artikel/2023/03/fahren-auf-sicht

12  https://fred.stlouisfed.org/series/WALCL

13  https://www.nytimes.com/2026/09/16/business/economy/trump-fed-interest-rates.html

14  https://www.konicz.info/2021/11/16/zurueck-zur-stagflation/

15  https://www.ft.com/content/d660b8f9-7ef9-4b94-9cb4-fa20f7a9f725#comments-anchor

16  https://www.konicz.info/2021/11/16/zurueck-zur-stagflation/

17  https://www.bloomberg.com/news/features/2026-01-25/japan-bond-market-crash-raises-alarm-for-global-interest-rates

18  https://www.msn.com/en-us/money/economy/mohamed-el-erian-sounds-alarm-as-china-s-us-treasury-share-hits-15-year-low-at-7/ar-AA1WrD2j

19  https://www.manager-magazin.de/finanzen/boerse/yen-japan-und-usa-intervenieren-gemeinsam-gegen-waehrungsschwaeche-a-50d5a2ee-af20-45fa-9816-c44d51fffee8

20  https://fortune.com/2026/08/15/scott-bessent-dollar-yen-carry-trade-global-finance-jenga-tower-fed-rates-bank-of-japan/

21  https://fred.stlouisfed.org/series/WALCL

22  https://de.euronews.com/2026/09/29/merz-und-funf-weitere-eu-regierungschefs-fordern-haushaltskurzungen-um-hunderte-milliarden

23  https://www.thetimes.com/business/companies-markets/article/ai-boom-bubble-wall-street-9g9pxmbv5

24  https://edition-tiamat.de/media/pages/books/der-kollaps-der-modernisierung/822f2bd6f2-1693845001/kurz-kollaps-seite-1-17.pdf

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