Asiens Wassertürme

„Junge Welt“, 20.08.2009
Die vielleicht verheerendste Auswirkung der globalen Erwärmung auf die menschliche Zivilisation ist die Gletscherschmelze im Himalaja. Sie zwingt zu Kooperation

Im Jahr 1962 führten China und Indien einen erbitterten Grenzkrieg im Himalaja, der die Beziehungen beider Staaten auf Jahrzehnte vergiftete. Inzwischen nötigt der auch in diesem Hochgebirgssystem rasant voranschreitende Klimawandel die früheren Konkurrenten zur Kooperation. Der indische Umweltminister Jairam Ramesh erklärte in der Financial Times aus London vom 3. August, daß Indien und China die immer schnellere Gletscherschmelze künftig zusammen überwachen werden. Sie spielt eine zentrale Rolle für die Wasserversorgung beider Länder. Wissenschaftliche Institutionen beider Staaten werden den Zustand dieser »Wassertürme Asiens«, so Ramesh wörtlich, ermitteln. Die indische Regierung halte keine Informationen über die Wasserressourcen der Region zurück, beteuerte der Umweltminister.

Ansonsten vertrat Ramesh die offizielle Position seiner Regierung: Wissenschaftler, die zu dem Ergebnis kommen, daß die Gletscher des Himalaja binnen weniger Jahrzehnte aufgrund des Klimawandel verschwinden, liegen falsch. Ramesh: »Es ist eine sehr emotionale Sache, und wir müssen uns um ein bißchen Vorsicht bemühen, bevor wir die Grabinschrift für die Gletscher des Himalaja schreiben.«

Tatsächlich deuten Untersuchungen des in Zürich ansässigen World Glacier Monitoring Service (WGMS, Welt-Gletscher-Beobachtungsdienst) auf einen weiterhin fortschreitenden Rückzug der Gletscher in nahezu allen Regionen der Welt hin. Achim Steiner, der Direktor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, verwies gegenüber der Financial Times darauf, daß weltweit Milliarden Menschen von den Süßwasserzuflüssen der Gletschersysteme abhängig sind: bei der Deckung ihres Trinkwasserbedarfs, zur Energieerzeugung und für die Landwirtschaft.

Die ausgedehnten Gletschersysteme des Himalaja sind dabei von großer Bedeutung. Nach den Polarregionen und Alaska befinden sich in diesem Hochgebirgszug die weltweit größten in Gletschereis gespeicherten Süßwasservorkommen. Während die Alpen nur zu zwei Prozent von Gletschern bedeckt sind, sind es 17 Prozent des Himalaja. Der über das gesamte Jahr in variierender Geschwindigkeit fortschreitende Schmelzvorgang dieser Gletschersysteme speist acht der mächtigsten Flußsysteme Asiens. In den heißen, trockenen Jahresperioden mildert der verstärkte Abfluß von Wasser in die Ebenen um den Himalaja – die oftmals als wichtige Agrargebiete intensiv bewirtschaftet werden – die Auswirkungen der Trockenzeiten.

Laut Nicolas Stern, ehemaliger Chefökonom der Weltbank und Wirtschaftsberater der britischen Regierung, fungieren die Gletscher des Himalaja als eine Art »Schwamm«, der in Regenzeiten Wasser aufnimmt und dieses dann in heißen Trockenzeiten abgibt. Neben der Trockenheit drohen in der Region also verstärkt Überflutungen, sagt Stern: »Die Gletscher im Himalaja befinden sich auf dem Rückzug und sie sind der Schwamm, der das Wasser in der Regenzeit zurückhält. Wir sehen uns dem Risiko extremer Wasserabflüsse ausgesetzt. Das Wasser könnte zum Beispiel in der Bucht von Bengalen eine große Menge furchtbarer Erde mitreißen.«

Dieses Klimakastastrophenszenario hat eine ungeheure Dimension. Bis zu 1,3 Milliarden Menschen in den Regionen Südostasiens wären von Wassermangel oder Überflutungen direkt und schwer betroffen. Besonders verheerend wären die Auswirkungen auf die indischen Flußsysteme. Die Wasserspiegel von Ganges oder Indus könnten extrem schwanken, wichtige Zuflüsse in der Trockenzeit gänzlich versiegen. »Die Gletscher sind von vitaler Bedeutung für das Flußsystem des Himalaja«, erklärte Anil Kulkarni von der indischen Raumfahrtbehörde, die den Rückzug der Gletscher auf Satellitenbildern studiert: »Es ist wirklich alarmierend. Wir müssen sehr besorgt sein.« Die Geschwindigkeit der Schmelze variiert stark. Kleinere Gletscher schmelzen schneller als größere. Die nach Süden ausgerichteten Gletscher ziehen sich stärker zurück.

Das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen warnte im Mai, die Gletscher im höchsten Gebirgssystem der Welt können binnen dreier Dekaden verschwunden sein. »Die Gletscher des Himalaja ziehen sich schneller zurück als in irgendeiner anderen Region der Welt«, hieß es in dem Report, der zu der Einschätzung kam, daß – bei Beibehaltung der gegenwärtigen Erwärmungsrate – die heute 139051 Quadratmeilen bedeckenden Gletscher sich bis zum Jahr 2035 auf 38600 Quadratmeile zurückziehen.

Friends of the Earth (FoE), eine internationale Allianz von Umweltschutzorganisation, hat am 11. August eine Studie zu den Auswirkungen dieses Szenarios veröffentlicht. Darin wird das Nepalesische Hydrologische Amt zitiert. Dieses geht davon aus, daß die Erwärmung in den höchsten Lagen des Himalaja drei- bis viermal schneller vonstatten geht als im globalen Durchschnitt. Bis zum Jahr 2050 hat nach diesem FoE-Report zirka eine Milliarde Menschen in Zentral- und Südasien mit »erheblichem Wassermangel« zu kämpfen, während die Landwirtschaftserträge in der Region um bis zu 30 Prozent zurückgehen, weil die Bewässerung unmöglich wird (das Schmelzwasser der Gletscher macht an die 45 Prozent des Fließwassers der wichtigsten indischen und pakistanischen Flußsysteme aus). Bis zu 600 Millionen Menschen verlieren dem FoE-Bericht zufolge bis 2050 ihre Lebensgrundlage. Kurzfristig drohen zudem katastrophale Überflutungen. Die Autoren des Berichts bezeichnen die potentielle Gletscherschmelze im Himalaja als bisher »größte Auswirkung der globalen Erwärmung« auf die menschliche Zivilisation.

www.thebigmelt.org/highstakesreport

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