Unter Feuer

Erschien leicht gekürzt in Konkret 06/21

Der Westen zieht sich aus Afghanistan zurück und hinterlässt verbrannte Erde und einen failed state.

Rund drei Jahre, bis zum April 1992, konnte sich das prosowjetische Regime von Mohammed Najibullah noch gegen die US-gestützten Mudschahedin halten, nachdem die Sowjetunion 1989 ihre Truppen nach einem verehrenden, rund 12 Jahre dauernden Krieg aus Afghanistan abzog. Najibullah blieb sogar während des folgenden Bürgerkrieges zwischen islamistischen Milizen in Kabul, bis er 1996 von eben jenen siegreichen Steinzeitislamisten der Taliban ergriffen, gefoltert und ermordet wurde, die einem gewissen Osama Bin Laden als einem verdienten Veteranen des Kampfes gegen die Sowjettruppen in Afghanistan Unterschlupf und eine Basis (die bekannte Al Quaida) für sein Terrornetzwerk gewährten.

Die USA sind in Afghanistan länger verblieben als die Sowjets, doch es ist fraglich, ob den rudimentären staatlichen Machtstrukturen, die von Washington nach dem Sturz der Taliban ab 2001 aufgebaut wurden, eine ähnlich lange Überlebensdauer vergönnt sein wird wie dem besagten sowjetischen Satellitenregime, sobald die US-Militärmaschinerie samt ihrem NATO-Anhang das Land verlassen wird. Durchgesickerte Lageeinschätzungen der US-Geheimdienste gehen davon aus, dass die Taliban in „zwei bis drei Jahren“ die weitgehende Kontrolle über das geschundene Land, das den Prototyp des „Failed State“ bildet, zurückgewinnen werden. Bei der Islamischen Republik Afghanistan handelt es sich faktisch um ein Potemkinsches Dorf, für dessen Errichtung Washington im Rahmen der Intervention und seines gescheiterten „Nation Building“ nahezu eine Billion US-Dollar verpulverte. Die New York Times (NYT) etwa fragte sich ende April, wie lange die afghanischen „Sicherheitskräfte“ den Taliban standhalten können, da Washington bei seinem Abzug „gebrochene und ramponierte“ Militär- und Polizeistrukturen hinterlasse.

Bei der offiziellen Mannstärke der korrupten afghanischen Sicherheitskräfte, die rund 300 000 Soldstellen umfasst, handele es sich um ein Wunschgebilde, da viele Posten bei Armee und Polizei unbesetzt blieben, um den Kommandeuren zusätzliche Einnahmen zu verschaffen. Die NYT berichtete von Armeeeinheiten, die faktisch nur die Hälfte ihrer Mannstärke aufweisen. Die 74 Milliarden Dollar, die Washington zum Aufbau der Armee aufwendete, sind teilweise in informellen Machtstrukturen versickert, die von Klans, von ethnischen oder religiösen Rackets geprägt sind. Armeeausrüstung werde oft verkauft, sodass etwa die Lieferung guter US-Nachtsichtgeräte an die afghanische Polizei eingestellt werden musste. Es herrsche etwa Mangel an gepanzerten Fahrzeugen und selbst Munition – einige Einheiten würden eine „exzessive Anzahl“ von Patronen verfeuern, um die Hülsen als Altmetall auf dem Schwarzmarkt verkaufen zu können.

Die niedrige Moral der miserabel bezahlten afghanischen Polizei und Armee resultiert aber auch aus den hohen Verlusten, die sie hinnehmen müssen. Seit 2001 sind mehr als 3500 Soldaten der westlichen US-Koalitionskräfte in Afghanistan gefallen. Die afghanischen Sicherheitskräfte – deren Verwundete eine gesonderte, lausige medizinische Versorgung erhalten – haben hingegen 66 000 Mann verloren. Auch aktuell müssen Afghanistans Polizei und Armee sehr hohe Verluste verkraften, die monatlich knapp 300 Tote und 200 Verletzte umfassen sollen. Dies habe zu einem enormen Abfall der Rekrutierungsrate geführt die selbst im Norden des Landes – wo ethnische Spannungen gegenüber den Paschtunisch dominierten Taliban motivierend wirkten – von rund 3000 monatlichen Bewerbern auf nur noch 500 abfiel. Überdies ist Afghanistans Luftwaffe zu ineffektiv, um wirksame Luftschläge durchzuführen.

Obwohl die US-Armee noch im Land präsent ist, kontrollieren die Taliban – die während des Bürgerkrieges in saudisch finanzierten, pakistanischen Flüchtlingslagern gegründet wurden – derzeit mehr Land, als jemals zuvor seit ihrem Sturz 2001. Die Steinzeitislamisten operieren auf rund zwei Dritteln des Territoriums Afghanistans. Etliche Militärbasen im Süden, im Kehrland der Taliban, sind faktisch umzingelt, sie müssen mit Hubschraubern versorgt werden. Verhandlungen über einen Abzug der Militäreinheiten scheiterten, da die Taliban darauf beharren, dass die Soldaten ihre Militärausrüstung zurücklassen. Seit der Ankündigung des Abzugs seinen viele Polizeiposten von den Taliban überrant oder einfach aufgegeben worden, da deren Besatzungen desertierten oder zu den Taliban überliefen. Anfang Mai starteten die Islamisten zudem in mehreren Landesteilen eine Offensive, in deren Verlauf mehr als hundert Tote gezählt wurden. Das Pentagon erklärte schon kurz vor den Gefechten, dass man sich auf direkte Taliban-Angriffe während des Abzugs vorbereite, der bis zum 20. Jahrestag der Anschläge auf das World Trade Center abgeschlossen werden soll. Die US-Armee könnte somit genötigt sein, unter Feuer abziehen zu müssen.

Tatsächlich hat US-Präsident Joe Biden sich Anfang April gegen starke Vorbehalte im Pentagon durchgesetzt und einen bedingungslosen Abzug angeordnet, der auch bei einer Verschlechterung der Sicherheitslage in Afghanistan fortgesetzt werden solle. Damit setzt Biden faktisch die Politik Trumps fort, der im Februar 2020 Gespräche mit den Taliban einleitete – unter Ausschluss der afghanischen Regierung, was zu Spannungen zwischen Kabul und Washington und beschleunigten Destintegrationstendenzen im afghanischen Staatsapparat führte. Im Austausch für eine Einstellung der Angriffe auf Truppen der westlichen „Koalition“ und eine formelle Distanzierung von Al Quaida und Islamischen Staat wurden tausende Taliban aus den Gefängnissen entlassen. Zudem laufen nun direkte Verhandlungen zwischen den Islamisten und der afghanischen – nun ja – „Regierung“, bei denen aber die Gotteskrieger aufgrund zunehmender Tötungen von Regierungsbeamten und der Dynamik auf dem Schlachtfeld am längeren Hebel sitzen und auf Zeit spielen.

Es waren aber letztendlich nicht militärische, sondern vor allem sozioökonomische Faktoren, die zu dieser strategischen Niederlage der USA bei ihrem kostspieligen „nation building“ in Afghanistan beitrugen. Mit rund 143 Milliarden Dollar waren die Aufwendungen Washingtons zum zivilen Wiederaufbau Afghanistans rund doppelt so hoch wie der Betrag, der in die Streitkräfte des zerfallenen Landes gepumpt wurde. Dem Pentagon war also durchaus klar, dass man den Krieg nicht ohne eine Hebung des Landesstandards in einem der ärmsten Länder der Welt gewinnen könne. Doch kamen Anfang 2021 veröffentlichte Untersuchungen, die Stichprobenartig die Effektivität von Investition im Umfang von 7,8 Milliarden in Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse oder Straßenprojekte und Brücken untersuchten, zu einem vernichtenden Ergebnis: Nur 1,2 Milliarden Dollar wurden in Projekte gesteckt, die weiterhin „wie beabsichtigt genutzt“ würden. Nur ein kleiner Teil dieser untersuchten Infrastrukturinvestitionen – sie umfassen 343 Millionen Dollar – befindet sich weiterhin in einem „guten Zustand“. Rund 2,4 Milliarden Dollar wurde gar für Projekte aufgewendet, die schlicht nutzlos waren. Die Verpuffungsrate bei den zivilen Aufbaugeldern scheint somit noch höher als bei der Armee zu sein.

Das Zentrale Infrastrukturprojekt der USA in Afghanistan bestand im Wiederaufbau der sogenannten Ringstraße, eines Fernstraßensystems im Umfang von 3200 Kilometern, dass ringförmig die Großstände Kabul, Kandahar im Süden, Herat im Westen und Masar-e Scharif im Norden (wieder) verbinden sollte. Ursprünglich von der Sowjetunion in den 60ern errichtet, wurde die wichtigste Fernverkehrsverbindung des unzugänglichen, gebirgigen Landes im US-finanzierten Bürgerkrieg in den 80ern und 90ern weitestgehend zerstört. Die Kosten für den Bau des ambitionierten Projekts steigen von 1,5 Milliarden auf drei Milliarden Dollar. Neben militärischen Erfordernissen („Wo die Straßen aufhören, da beginnen die Taliban“, erklärte der damalige US-Präsident Geroge W. Bush anlässlich der Ankündigung des Vorhabens) spielte auch die Hoffnung auf eine Belebung der darniederliegenden Ökonomie – die unter den Taliban hauptsächlich aus Drogananbau und Subsistenzwirtschaft bestand – bei den Planungen eine wichtige Rolle.

Trotz seit Baubeginn anhaltender Taliban-Angriffe konnte das wichtigste Teilstück zwischen Kabul und der zweitgrößten Stadt Afghanistans, der ehemaligen Taliban-Metropole Kandahar, ende 2003 fertiggestellt werden, wodurch die Fahrtzeit zwischen diesen Städten von 18 auf sechs Stunden verkürzt wurde. Doch mit der Invasion des Irak durch die Bush-Administration, die mit massiven Kürzungen und einer Truppenreduzierung in Afghanistan einherging, verschlechterte sich die Sicherheitslage in Afghanistan rapide. Zwischen 2003 und 2009 konnten die Taliban ihren Aktionsradius massiv ausweiten und in rund der Hälfte des Territoriums wieder Fuß fassen – vor allem Angriffe entlang der Ringstraße, die zu einem Hauptziel wurde, nahmen zu. Laut Schätzungen von US-Behörden ist diese Lebensader des Landes inzwischen zu 20 Prozent zerstört, während 80 Prozent sich in Verfall befinden. Selbst das strategisch wichtigste Teilstück zwischen Kabul und Kandahar sei kaum noch für den zivilen Verkehr befahrbar, bei totaler Zerstörung drohe Kollaps der Zentralregierung, warnten US-Studien, da sie die Kontrolle über den paschtunisch geprägten Süden verlieren würde.

Das Scheitern des Aufbaus einer verlässlichen Infrastruktur und stabilen Staatsmacht in Afghanistan im Rahmen der amerikanischen „nation building“ verweist aber nur darauf, dass diesem Vorhaben schlicht die ökonomische Grundlage fehlte, die mit keiner Militärintervention herbeigebombt werden kann. Eine Verwertung von Lohnarbeit in ausreichender gesellschaftlicher Breite, um hierdurch eine Klasse von Lohnabhängigen und – vermittels Steuern – einen Staat zu finanzieren, findet auf der durch Subsistenzwirtschaft geprägten „verbrannten Erde“, die der gescheiterte Staat Afghanistan in ökonomischer Hinsicht darstellt, nicht statt. Deswegen wird der von den USA mit Milliarden hochgepäppelte Staatsapparat von den unterschiedlichen poststaatlichen Rackets vor allem als ein Selbstbedienungsladen begriffen, der Geldeinkünfte in einer ökonomisch aussichtslosen Lage generiert – und seinen es Patronenhülsen, die als Altmetall veräußert werden.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Afghanistan umfasste 2019 gerade mal 19 Milliarden Dollar, was einen Pro-Kopf-Wert von 507 Dollar gleichkommt. Albanien, das ärmste Land Europas, weist mit 5 300 Dollar ein rund zehnmal so hohes Pro-Kopf-Einkommen auf. Zudem hat der durch die Pandemie ausgelöste Krisenschub 2020 zu einer Kontraktion des niedrigen BIP von 1,9 Prozent geführt (es liegen nur Schätzungen der Weltbank vor), sodass inzwischen gut die Hälfte der Bevölkerung im absoluten Elend, unterhalb der offiziellen Armutsquote vegetiert.

Der einzige Exportschlager Afghanistans ist das zur Heroinproduktion notwendige Opium. Und auch diesen Krieg gegen die Finanzierungsgrundlage der Taliban – die es ihnen beispielsweise ermöglicht, afghanische Polizisten mit den amerikanischen Nachtsichtgeräten anzugreifen, die sie ihnen zuvor abgekauft haben – endete in einer totalen Niederlage. Vor der Invasion Afghanistans durch die USA bauten die Taliban den zur Opiumherstellung notwendigen Schlafmohn auf einer Fläche von rund 74 000 Hektar an. 2019 soll sich die Anbaufläche auf rund 328 000 Hektar mehr als vervierfacht haben.

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