Die große Liquiditätsblase

Neues Deutschland, 26.08.2015

Die expansive Geldpolitik der Notenbanken kommt mit Chinas Crash abrupt an ihre Grenzen
Seit längerem schon kühlt sich die Konjunktur in den Schwellenländern ab. Mit den Kurseinbrüchen in Chinas Börsen schwappt dies nun auch auf die westlichen Aktienmärkte über.

Der nächste Krisenschub scheint immer näher zu rücken, wie die derzeit weltweit auflodernden sozioökonomischen Krisenherde zeigen. Die konjunkturelle Abkühlung im ehemaligen Wachstumsmotor China, das sich mittels Währungsabwertungen verzweifelt gegen die drohende Entwertung seiner in absurde Dimensionen angeschwollenen Immobilien- und Aktienblasen stemmt, schickte die Energie- und Rohstoffpreise sowie die wichtigsten westlichen Aktienindizes in den vergangenen Tagen und Wochen auf Talfahrt.

Mit den fallenden Rohstoffpreisen spitzt sich die ohnehin prekäre Wirtschaftslage vieler ehemals als »Lokomotiven der Weltwirtschaft« gehandelter Schwellenländer zu, die sich mit fallenden Deviseneinnahmen, rasch abwertenden heimischen Währungen und anschwellenden Schuldenbergen konfrontiert sehen. Diese zunehmenden Verwerfungen in der Semiperipherie des kapitalistischen Weltsystems hinterlassen nun immer stärkere Bremsspuren in den heiß gelaufenen Finanzmärkten der westlichen Zentren, so dass inzwischen selbst der Medienmainstream über eine »neue Finanzkrise« (SZ) spekuliert.

Diese scheinbar disparaten Krisentendenzen lassen sich sehr wohl auf einen Nenner, auf einen gemeinsamen Begriff bringen: auf den der Liquiditätsblase. Letztendlich stellen die aktuellen Verwerfungen die systemische Konsequenz all der Maßnahmen dar, mit denen die kapitalistische Krisenpolitik den Fallout der Finanz- und Weltwirtschaftskrise von 2007/2008 einzudämmen versuchte. Als die Immobilienblase in den USA und Europa zu platzen begannen, die Weltwirtschaft in den Sturzflug überging und die Finanzmärkte nach der Pleite von Lehman Brothers in Schockstarre übergingen, tat die Politik das – systemimmanent – einzig Richtige: Die Regierungen der meisten kapitalistischen Kernländer legten massive Konjunkturprogramme auf, die 2009 laut dem Kieler Institut 4,7 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung umfassten, und die Notenbanken gingen zu einer historisch einmaligen expansiven Geldpolitik über, bei der Nullzinspolitik mit massiver Gelddruckerei (»Quantitative Lockerung«) gekoppelt wurde.

Und diese Strategie war tatsächlich »erfolgreich«, da sie die Kernschmelze des Weltfinanzsystems und den 2009 drohenden Absturz der Weltwirtschaft in die Depression verhindern konnte. Doch geschah dies um den Preis einer abermaligen Blasenbildung, die gerade durch die konjunktur- und geldpolitischen Maßnahmen der Politik befördert wurde. Die massiven Konjunkturprogramme – insbesondere in China – und die beständigen Liquiditätsspritzen für das schwindsüchtige Weltfinanzsystem – insbesondere in den USA – ließen eine neue Spekulationsdynamik entstehen, deren Triebmotor gerade die in die Märkte gepumpte Liquidität darstellt. Die Funktionseliten des Kapitals konnten das unkontrollierbare Spekulationsfeuer an den Finanzmärkten nur mit Benzin löschen – indem sie einen regelrechten Finanzblasentransfer ermöglichten, bei dem die drohenden desaströsen Folgen einer geplatzten Spekulationsblase durch eine erneute Blasenbildung abgefedert werden.

Angesichts der Nullzinspolitik in den Zentren ging dieses anlagesuchende Kapital dorthin, wo die Renditeerwartungen höher waren: in die Schwellenländer, die nach 2008 einen kurzen schuldenfinanzierten Boom erlebten, eine sogenannte Defizitkonjunktur. Angesichts der drohenden Zinswende der Fed und der Erschöpfung dieser Defizitkonjunkturen in den überschuldeten Schwellenländern fließt das Kapital wieder zurück in die Zentren. Bis zu einer Billion US-Dollar sollen aus den Schwellenländern während des letzten Jahres abgezogen worden sein, was zu den eingangs erwähnten Währungsturbulenzen und Finanzkrisen in der Semiperipherie führte.

Die ersten Einbrüche an den Märkten in den Zentren des Weltsystems lassen die Einsicht aufkommen, dass der Westen sich von diesen Verwerfungen in der Peripherie nicht wird abschotten können, da die gegenwärtige Liquiditätsblase tatsächlich globale Dimensionen angenommen hat. Dabei spiegelt gerade China mit seiner heißgelaufenen Aktienspekulation diesen globalen Krisenverlauf wieder, der enorme Aufschwung an den Aktienmärkten etwa in Deutschland und den USA ist angesichts der real wirtschaftlichen Entwicklung genauso absurd wie derjenige in der »Volksrepublik«. Die expansive Geldpolitik der Notenbanken – früher der US-amerikanischen Fed, nun der Europäischen Zentralbank – führte bis jetzt nur deswegen zu keiner Inflation, weil sie die besagte Liquiditätsblase aufblies, die eine Inflation der vom Spekulationsfieber erfassten Wertpapierpreise und Eigentumstitel auslöste: in Peking, in New York, in Frankfurt am Main.

Das spätkapitalistische Weltsystem wird somit von einer an Intensität gewinnenden Finanzblasenökonomie angetrieben, bei der es gerade diese spekulationsbefeuerten Boomphasen sind, die zu den zentralen Konjunkturtreibern aufstiegen – während die Kosten der Stabilisierung des Weltwirtschaftssystems bei dem unausweichlichen Platzen dieser in immer abartigere Dimensionen anschwellenden Blasen beständig anwachsen. Der gegenwärtigen Liquiditätsblase ging ja die besagte transatlantische Immobilienbase voraus, die wiederum der großen Dot-Com-Blase zu Beginn des 21. Jahrhunderts (Nasdaq-Boom, T-Aktie und Neuer Markt) folgte. Die »herrschenden« Funktionseliten agieren als Getriebene dieser historisch einmaligen Finanzialisierung (und Verschuldung) des Kapitalismus, indem sie diesen Krisenprozess zu prolongieren und dessen verehrende sozioökonomischen Folgen auf andere Gruppen oder Regionen abzuwälzen versuchen (Peripherie, sozial Schwache, Arbeitslose, etc.).

Doch angesichts der extremen Maßnahmen, die beim Platzen der Immobilienblasen in der EU und den USA ergriffen werden mussten (Nullzinspolitik und exzessive Gelddruckerei), scheinen der Politik nun keine relevanten Optionen mehr zur Verfügung zu stehen, um den abermaligen Zusammenbruch der gegenwärtigen Liquiditätsblase abzufedern und vermittels seines Finanzblasentransfers in eine abermalige Spekulationsdynamik zu überführen. Eine abermalige schuldengetrieben Stabilisierung des an einer Hyperproduktivität erstickenden Spätkapitalismus scheint kaum noch machbar.

Die Kommentarfunktion zu diesem Beitrag wurde deaktiviert.