Kultur des Profits

„Junge Welt“, 01.04.2010
Kapitalismus ist Weltvernichtung: Versuch, einen Bericht »Zur Lage der Welt 2010« vom Kopf auf die Füße zu stellen

Eine Unmenge statistisches Material zu Umwelt- und Sozialfragen ist in dem Bericht »Zur Lage der Welt 2010« enthalten, den das Worldwatch Institute (WWI) am 18. März in der deutschen Fassung vorgelegt hat. Die Nichtregierungsorganisation (NGO) mit Sitz in Washington publiziert solche Jahresberichte seit 1985. An der aktuellen deutschen Version haben die grünennahe Heinrich-Böll-Stiftung und die NGO Germanwatch mitgeschrieben. Unter dem Titel »Einfach besser leben – Nachhaltigkeit als neuer Lebensstil« geht es um ökologische Folgen des kapitalistischen Konsummodells.

Das derzeitige Konsumniveau führt in einen zivilisatorischen »Kollaps«, lautet die Grundthese, die mit einer Vielzahl von Fallstudien und anschaulichen Beispiele untermauert wird. Vor allem in der ersten Welt ufert der überflüssige Konsum aus. Das bringt eine rasche Erschöpfung der natürlichen Ressourcen mit sich und einen steigenden Energieverbrauch – der wichtigste Faktor, wenn es um Treibhausgase geht. So gerät die Welt an den Rand einer Ressourcen- und Klimakrise. »Konsum ist Klimakiller Nr. 1«, heißt es wörtlich.

In nackten Zahlen verbraucht ein Europäer im Schnitt täglich an die 43 Kilo Metalle, fossile Brennstoffe, Mineralien und Holz; ein US-Amerikaner kommt sogar auf 88 Kilo. Um das aktuelle Konsumniveau aufrechtzuerhalten, bräuchte es »1,3 Erdbälle«, haben die Autoren überschlagen. Der globale Ressourcenverbrauch ist somit nicht nachhaltig, sondern zu hoch, um langfristig aufrechterhalten werden zu können.

Insgesamt werden weltweit im Jahr rund 60 Milliarden Tonnen Rohstoffe gefördert. Aus den Ressourcen der Erde wurden 2008 unter anderem 1,2 Milliarden Mobiltelefone, 297 Millionen Computer, 85 Millionen Kühlschränke und 68 Millionen Fahrzeuge hergestellt. In der Dekade zwischen 1996 und 2006 ist der globale Konsum laut Studie um 28 Prozent angestiegen. Seit 1960 hat er sich – unter Berücksichtigung des Bevölkerungswachstums – verdreifacht.

Erfreulicherweise benennt die Studie die »westlichen Industrienationen« als treibende Kräfte dieser Entwicklung. Nicht mehr als 1,4 Milliarden Menschen könnten versorgt werden, wenn alle das Konsumniveau der US-Amerikaner hätten. Es gibt heute 6,8 Milliarden, Tendenz steigend. Die reichsten 500 Millionen, sieben Prozent der Weltbevölkerung, generieren etwa die Hälte aller Treibhausgas-Emissionen.

Eric Assadourian, einer der WWI-Direktoren, brachte die schreiende globale Ungerechtigkeit bei der Präsentation des Berichts in Berlin auf die Formel: »Zwei Deutsche Schäferhunde verbrauchen mehr Ressourcen als ein Mensch in Bangladesch.«

So wertvoll das empirische Material ist, das die beteiligten 60 Wissenschaftler zusammengetragen haben, so dürftig sind die praktischen Schlußfolgerungen, die der Bericht zieht. Um den »Kollaps zu vermeiden«, ist laut Assadourian »nichts Geringeres als eine Umwälzung der herrschenden kulturellen Muster« zu fordern, nämlich die Ersetzung unserer »Konsumkultur« durch ein nachhaltiges Wohlstandsmodell. Ralf Fücks von der Böll-Stiftung meinte bei der Vorstellung des Berichts entsprechend: »Nach dem Unvermögen der Regierungen, sich auf eine globale Antwort auf den Klimawandel zu verständigen, kommt es um so mehr auf die aufgeklärten Bürger an.«

So absurd kann nur schlußfolgern, wer die Grundregeln der kapitalistischen Produktionsweise konsequent ausblendet, wahrscheinlich weil er sie für »naturgegeben« hält. Unsere »Konsumkultur« ist nur die augenscheinliche Manifestation der den Kapitalismus nun einmal konstituierenden Akkumulation von Kapital. Wirtschaftliche Tätigkeit ist in unserer Gesellschaft auf die Realisierung von Profit ausgelegt. Dieser Mehrwert kann nur am Markt realisiert werden, durch den Verkauf von Waren. Zu seiner Maximierung bildet sich quasi naturwüchsig eine ganze Werbeindustrie aus. Es geht dabei um Profitmaximierung, nicht um die Befriedigung von Bedürfnissen. Deshalb wachsen mit dem Konsum auch Hunger und Elend. Deutsche Schäferhundebesitzer konstituieren einen profitträchtigen Markt, zu dessen Befriedigung folglich Ressourcen aufgewendet werden – Menschen in Bangladesch tun dies nicht.

Eine Kritik am kulturellen Überbau unserer Gesellschaft, welche die kapitalistischen Produktionsverhältnisse ausblendet, läuft ins Leere. Das ahnen wohl auch die Autoren des Berichts, wenn sie konstatieren, daß die »Konsummuster fest im Alltag verankert« seien und der »Sinn fur Nachhaltigkeit« sich nur mühsam etablieren ließe. In Wahrheit ist es der krisenhafte Prozeß der Kapitalakkumulation selbst, der als eine Art Weltvernichtungsmaschine die im Worldwatch-Bericht beklagte Verschwendung natürlicher Ressourcen auf effizienteste Art betreibt. Mehrwert kann letztlich nur mittels Warenproduktion generiert werden. Der Kapitalist investiert sein als Kapital fungierendes Geld in Rohstoffe, Energie, Maschinerie und Arbeitskräfte, um neue Waren herstellen zu lassen, die unter Erzielung von Mehrwert verkauft werden. Das danach vergrößerte Kapital wird in noch mehr Energie, Rohstoffe etc. investiert, um wiederum noch mehr Waren herzustellen. Dieser uferlose Prozeß setzt permanentes Wachstum voraus – niemand investiert sein Geld, um weniger oder genausoviel zu erhalten. Folglich müssen auch die Aufwendungen – Rohstoffe und Energie – permanent erhöht werden. Es steht also nicht die »Konsumkultur«einer »nachhaltigen Wirtschaft« im Weg, sondern der Prozeß der Kapitalakkumulation selbst.

Wenn Assadourian »nichts Geringeres als eine Umwälzung der herrschenden kulturellen Muster« fordert, plädiert er implizit für die Überwindung der kapitaltischen Produktionsverhältnisse, für die Errichtung einer Gesellschaft jenseits der Kapitalakkumulation, die diese »herrschenden kulturellen Muster« hervorbringt. Es ist wirklich an der Zeit, diese Diskussion vom (idealistischen) Kopf auf die (materialistischen) Füße zu stellen.

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