Gott sieht zu

„Junge Welt“, 22.11.2007
Explodierender Einfluß rechtsextremistischer Religionsfanatiker in der US-Army. Kreuzzug gegen alles »Nichtchristliche«

Wenn der Faschismus nach Amerika kommt, wird er sich in eine Flagge hüllen und eine Bibel tragen«, ahnte der amerikanische Nobelpreisträger Sinclair Lewis bereits 1935. 72 Jahre später füllen sich die progressiven Medien Amerikas mit beunruhigenden Berichten über aggressive missionarische Aktivitäten rechtsradikaler christlicher Kirchen – der sogenannten »Evangelikalen Christen« – innerhalb des US-Militärs. Es sind keine linksradikalen Aktivisten, sondern auf ihre Tradition stolze Veteranen der US-Streitkräfte, die in linken Newsites und Blogs die Alarmglocken läuten lassen.

So beschrieben zwei Absolventen der Luftwaffenakademie (Air Force Academy), deren Söhne ebenfalls diese Kaderschmiede durchliefen, eine radikale und aggressive Ausweitung militärischer »Seelsorge«, die von Mitgliedern Evangelikalischer Kirchen betrieben werde. Als Michael Weinstein in den 70ern die Air Force Academy durchlief, war er noch als Jude eingeschüchtert und übel zusammengeschlagen worden. Sein Sohn, der um 2004 Kadett war, erklärte ihm nun, daß heute Nichtchristen solchen Angriffen ausgesetzt sind – angeblich um sie zum Christentum zu bekehren. Weinstein gründete daraufhin eine Hilfsorganisation, die »Military Religious Freedom Foundation« (MRFF), die in der Folgezeit alle Hände voll zu tun hatte.

Binnen kurzer Zeit sammelte Weinsteins Organisation über 6000 Beschwerden von Nichtchristen, die Bekehrungsversuchen innerhalb des Militärs ausgesetzt waren. Diese eklatanten Verstöße gegen den laizistischen Charakter des Staates ereigneten sich in Militärakademien, Militärbasen, und sogar auf den Korridoren des Pentagon. Die MRFF deckte im Zuge ihrer Recherchen ein ganzes Netzwerk rechtsradikaler Christen auf, das mit Unterstützung einflußreicher Förderer aus dem Pentagon bemüht ist, seinen Einfluß innerhalb der Streitkräfte auszubauen. Die evangelikalische Rechte unterhält etliche Organisationen innerhalb des Militärs, wie eine »Christliche Botschaft«, die »Christliche Offizierskameradschaft« oder eine Gruppe mit dem unfreiwillig komischen Namen »Operation geradewegs nach Oben«, die das christliche Killerspiel »Left Behind« – bei dem man Ungläubige massenhaft ins Fegefeuer befördert – an die Truppen im Irak versenden wollte. Das sich auf einem »Kreuzzug« wähnende christlich-fundamentalistische Netzwerk in den US-Streitkräften ist von den Ideen evangelikalischer Führer wie Pat Robertson, James Dobson sowie John Hagee beeinflußt und unterhält auch organisatorische Verbindungen zu deren mächtigen wie Unternehmen geführten »Kirchen«.

In einem Interview mit der New York Times bekannte sich einer der ranghöchsten Pastoren der Air Force, Brigadegeneral Cecil R. Richardson, ausdrücklich dazu, sein Kaplansamt zum »Evangelisieren der Ungetauften« zu nutzen. Zu den »Ungetauften« zählen die Evangelikalen auch Katholiken und gemäßigte Protestanten, die sich ebenfalls bei der MRFF über aggressive Bekehrungsversuche beschweren: »Es gibt keinen Zweifel, sie agieren unter politischer Deckung der Regierung«, so Weinsteins Einschätzung der christlichen Fundamentalisten im Militärapparat.

Militante Christen findet man auch in führenden Positionen bei der Kil­lertruppe Blackwater, deren Gründer, Eric Prince, aus einem christlich-fundamentalistischen Elternhaus stammt und der sich selbst dem Kreuzzugsgedanken verschrieben hat. Prince fördert die christliche Rechte der USA inzwischen mit Millionenbeträgen.

Wie sehr der Alltag der Rekruten der Air Force Academy bereits »christianisiert« wurde, beschrieb ein weiterer Veteran, David Antoon, in einem längeren Bericht. So habe sich seit seiner Ausbildungszeit die Anzahl der christlichen Seelsorger um 300 Prozent erhöht, während es ein Viertel weniger Rekruten pro Jahrgang gebe. Alle neuen Kaplanstellen seien von Evangelikalen besetzt worden, inzwischen kommen zusammengenommen 43 Kaplane auf 4000 Rekruten.

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