Rupie mit Influenza

Junge Welt, 12.08.2013
Ende der Defizitkonjunktur: Indiens Währung schwächelt, die Wirtschaft wächst nur wenig – ein Horrorszenario für den Großteil der Bevölkerung

Indien hat ein Problem mit seiner Währung: Die Rupie hat in den vergangenen Tagen eine Achterbahnfahrt durchstehen müssen. Am Dienstag sackte sie auf einen historischen Tiefststand gegenüber dem US-Dollar ab, der kurzfristig 61,81 Rupien kostete. Eine marginale Kurserholung auf rund 60,7 Rupien setzte erst ein, als Gerüchte über eine Intervention der indischen Notenbank aufkamen, die massive Dollarverkäufe zur Stützung der Landeswährung eingeleitet haben soll. Das konnte jedoch den massiven Wertverlust nicht kompensieren. Die Rupie hatte in den vergangenen zwei Jahren rund 39 Prozent gegenüber dem Greenback eingebüßt. Und das Tempo beschleunigte sich – allein in den vergangenen zwei Monaten ging es um 13 Prozent abwärts.

Der bedrohliche Verfall hat verschiedene Ursachen. Zum einen ist der Subkontinent von den zunehmenden Kapitalabflüssen betroffen, der allen aufstrebenden Schwellenländern zu schaffen macht, seit US-Notenbankpräsident Ben Bernanke im Juni ein mögliches Ende der Niedrigzinsphase in den USA angedeutet hatte. Die Flut billigen Notenbankgeldes, die sich ausgehend von den Zentren des kapitalistischen Weltsystems auch über die Staaten der Semiperipherie ergoß, versiegt. Die »Investoren« ziehen ihre Dollar in die Zentren zurück. Allein im Juli trennten sich ausländische Anleger von indischen Schuldtiteln im Volumen von zwei Milliarden Dollar. Im Vormonat war es gar zu einem Rekordabfluß von 5,4 Milliarden aus den indischen Bondmärkten gekommen. Aus dem ebenfalls schwindsüchtigen Aktienmarkt wurden binnen der letzten zwei Monate 2,8 Milliarden Dollar abgezogen. Dies war der Finanznachrichtenagentur Bloomberg zufolge das größte Volumen seit »November 2008«.

Am 5. August meldeten indische Medien, daß das gesamte Volumen des einheimischen Aktienmarktes (»total valuation«) unter die Schwelle von einer Billion US-Dollar abgesackt sei, die zuletzt im Mai 2009 wieder erreicht worden war. Hierbei seien Wertverluste der Aktien von rund vier Prozent seit April 2013 mit Währungsverlusten von 18 Prozent im selben Zeitraum in Wechselwirkung getreten, berichtete die Zeitung The Hindu.

Wohin »verschwindet« das Kapital? Bloomberg verwies auf die Zuflüsse in Japan, die sich im selben Zeitraum auf rund 20 Milliarden US-Dollar summierten. Mit dieser Umkehr der Strömungsrichtung kommt auch der kreditfinanzierte Aufschwung der vergangenen Jahre zum Erliegen. Die klassische Form Defizitkonjunktur hatte sich in Indien – wie auch in anderen Schwellenländern – in der Periode der Negativ- und Nullzinsen stark ausgeprägt.

So verzeichnete der 1,2-Milliarden-Einwohner-Staat im abgelaufenen Fiskaljahr 2012/13 (das im März endet) mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von fünf Prozent die niedrigste Wachstumsrate seit zehn Jahren. Noch vor zwei Jahren, auf dem Höhepunkt der globalen Liquiditätsschwemme, war das BIP um neun Prozent nach oben geschnellt. Inzwischen fungiert insbesondere der Industriesektor als konjunkturelle Bremse. Im ersten Quartal nahm dessen Produktionsausstoß nur um schwache 2,6 Prozent zu. Nun hat die Stagnation auch den Dienstleistungsbereich erreicht, der rund 60 Prozent des indischen BIP generiert. Der HSBC-Einkaufsmanagerindex, der als ein zuverlässiger konjunktureller Frühindikator gilt, sank im Juli auf 47,9 Punkte, von 51,7 Punkten im Vormonat. Werte unterhalb von 50 Punkten deuten auf eine Verlangsamung der wirtschaftlichen Aktivität hin.

Der Währungsverfall hat für die von externen Finanzzuflüssen stark abhängige Volkswirtschaft vor allem wegen der enormen Handels- und Leistungsbilanzdefizite schwerwiegende Folgen. Im vergangenen Haushaltsjahr 2012/13 verzeichnete Indien zugleich einen historischen Negativrekord – das Haushaltsminus erreichte 4,8 Prozent des indischen BIP erreichte. Im Jahr zuvor waren es 4,2 Prozent. Die schwache Rupie erschwert nicht nur den mit dem Leistungsbilanzdefizit einhergehenden Schuldendienst, sondern verteuert auch die Importe. Das Handelsbilanzdefizit (die Einfuhren liegen wertmäßig über den Ausfuhren) belief sich im angegebenen Zeitraum auf umgerechnet 190 Milliarden US-Dollar. Das ist ebenfalls ein Rekord, der größtenteils durch Nachfrageeinbrüche im rezessionsgeplagten Europa und den USA befördert wurde.

Indien sitzt in einer Schuldenfalle: Die Währungsabwertung erschwert die Erfüllung der Verbindlichkeiten aus den Krediten und die Beseitigung des Leistungsbilanzdefizits. Sie verteuert die Importe. Beides führt zur weiteren konjunkturellen Abkühlung – und zu fortgesetzten Kapitalabflüssen. Der Notenbank sind die Hände gebunden: Indien drohe ein wirtschaftlicher »Teufelskreis«, erklärte ein Analyst der Bank Credit Agricole CIB gegenüber Bloomberg. Starke Zinserhöhungen durch die Notenbank, die auf eine Stützung der Rupie abzielen, würden die Konjunktur vollends abwürgen und zu einer »weiteren Währungsschwäche« beitragen.

Das Riesenland steht am Rande einer langen Periode mit Rezession und Stagnation. Dabei ist für die meisten Menschen, die nicht zu der gerade einmal ein Viertel der Gesamtbevölkerung umfassenden »Mittelklasse« gehören, schon der »Aufschwung« im zunehmend neoliberal deregulierten Indien der reinste Alptraum. Rund 900 Millionen Inder leiden auf dem seit Jahren wirtschaftlich »boomenden« Subkontinent immer noch unter Mangelernährung. Jeder fünfte Erwachsene und jedes zweite Kind haben nicht genug zu essen, um ihren Bedarf an Kalorien und Nährstoffen zu decken. 2011, als Indiens Wirtschaft auf dem Höhepunkt seiner Defizitkonjunktur war, verhungerten dort 1,7 Millionen Kinder.

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