Immer Ärger mit dem Nachwuchs

„Junge Welt“, 05.07.2007
Lokalgrößen von polnischer Regierungspartei decken antisemitische Umtriebe

Die samstägliche Ruhe in der südostpolnischen Kleinstadt Myslenice fand am vergangenen Wochenende ein jähes Ende: Eine Horde uniformierter Faschisten versammelte sich auf dem Marktplatz des Ortes, um an den »Angriff auf Myslenice« im Jahre 1936 zu erinnern. Vor 71 Jahren hatten im Verlauf eines der größten antisemitischen Pogrome der Zwischenkriegszeit rechtsradikale, paramilitärische Formationen die jüdischen Geschäfte und Kultureinrichtungen der Stadt überfallen und zudem versucht, die Synagoge anzuzünden.

Wie schon 2005 wollten die im National-Radikalen Lager (ONR) organisierten Faschisten dieser Übergriffe »gedenken«, doch diesmal untersagte die Stadtverwaltung den braunen Umzug: Vor zwei Jahren hatte die Gemeinde eine landesweite Welle der Empörung getroffen, so daß die Stadtoberen diesmal offensichtlich um das Renommee ihrer in einer touristisch reizvollen Gegend gelegenen Stadt fürchteten. Dennoch schritt die Polizei bei der Kundgebung des ONR nicht ein, der seine braunen Gesinnungsgenossen aus der gesamten Region zusammenkarrte. Dutzende Nazis brüllten folglich ungestört ihre antisemitischen und fremdenfeindlichen Parolen. Wie die Gazeta Wyborcza am Montag berichtete, erklärte ein Polizist gegenüber aufgebrachen Bürgern, daß die leicht abgewandelten Naziflaggen des ONR »nicht eindeutig als faschistische Symbole« zu erkennen seien. Zudem müßten sich Organisatoren der Demonstration vor Gericht verantworten.

Ob die Naziführer tatsächlich zur Rechenschaft gezogen werden, ist aber fraglich. Denn an der Spitze des braunen Umzugs stand Tomasz Piczura, der Anführer der lokalen »Abteilung« des ONR. Dessen Vater Jan Piczura ist indes kein Unbekannter in der Region, sondern der Chef der rechtskonservativen Regierungspartei PiS im Landkreis Tatrzanski der Wojowodschaft Kleinpolen. Gegenüber der Gazeta Wyborcza bezeichnete Piczura senior seinen Sohn als einen »guten Jungen«, dem er nichts vorwerfen könne, da er nichts Böses getan habe. Vielmehr habe Tomasz »dieselben rechten Ansichten« wie er und engagiere sich nur für die »nationale Sache«. Der PiS-Landkreisvorsitzende kündigte an, gegebenfalls vor Gericht persönlich für seinen Sohn zu bürgen und zudem eine Liste mit Unterschriften von PiS-Mitgliedern aus dem gesamten Bezirk Podhale vorlegen, auf der bekundet wird, dasselbe zu tun, so Jan Piczura.

Gegen Tomasz Piczura läuft derzeit bereits ein Verfahren wegen antisemitischer Propaganda. Er hatte sich mitsamt einem Mittäter dabei filmen lassen, wie der während der letzten Bürgermeisterwahlen in der Stadt Zakopane die Plakate von Gegenkandidaten der PiS mit Davidsternen beschmierte.

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