Neue Hegemonialmacht – und ihre Grenzen

„Lunapark21“, Heft 10

Wohl noch nie in der Geschichte des kapitalistischen Weltsystems konnte eine derartig stürmische Umwälzung eines Landes oder einer Region beobachtet werden, wie sie derzeit China erschüttert. Bei keinem anderen Thema gehen auch die Ansichten innerhalb der Linken so weit auseinander wie bei der Beurteilung und theoretischen Einschätzung dieses gewaltigen Umbruchs von globaler Tragweite: Kann die Volksrepublik noch als eine sozialistische Gesellschaftsformation bezeichnet werden oder haben wir es mit einem kapitalistischen System zu tun? Findet in China eine abhängige und periphere Entwicklung statt oder dominieren autonome Industrialisierungsprozesse, die auf die Herausbildung eines neuen Zentrums des kapitalistischen Systems hindeuten?

Es geht um die Skizzierung eines theoretischen Bezugrahmens, der uns in die Lage versetzen soll, den Charakter und die Tendenz des stürmischen Auf- und Umbruchs der Volksrepublik China zu erfassen. In Anlehnung an Theoreme und Diskussionsbeiträge aus dem Umfeld der Weltsystemtheorie soll im Folgenden argumentiert werden, dass die Modernisierungsdynamik in China letztendlich auf einen epochalen, geschichtlichen Umbruch zustrebt: Das Reich der Mitte ist dabei, die Vereinigten Staaten als die globale kapitalistische Hegemonialmacht abzulösen. Doch zugleich soll knapp dargelegt werden, warum dieser Umbruch im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise nicht mehr möglich ist und warum dieser Prozess wesentlich zum Zerfall des kapitalistischen Weltsystems beiträgt, wie es sich in den vergangenen 500 Jahren entwickelt hat.

Hegemonialzyklen

Die Weltsystemtheorie begreift den globalen Kapitalismus nicht etwa als ein geschichtsloses Kontinuum, als eine ewige – zyklische – Wiederkehr des Immergleichen, sondern als Resultat eines konkreten geschichtlichen Expansionsprozesses. Das kapitalistische Weltsystem entwickelt sich demnach im Zuge der europäischen Expansion seit dem 15. Jahrhundert, in deren Verlauf nach und nach alle Regionen in das entstehende System – bis spätestens im 19. Jahrhundert – eingegliedert werden. Im Verlauf dieser globalen kapitalistischen Ausdehnung und Unterwerfung aller Länder unter den Weltmarkt formt sich auch die das Weltsystem prägende globale Machtstruktur aus: Sie besteht aus einem hoch entwickelten Zentrum, aus einer Art entwickelter, halbabhängiger Peripherie und aus der abhängigen und unterentwickelten Peripherie. Seit seiner Entstehung ist das kapitalistische Weltsystem durch einen Mehrwertabfluss von der Peripherie ins Zentrum und hier insbesondere zu den Hegemonialmächten charakterisiert: Von den Goldraubzügen Lateinamerikas, über die Plantagen- und Sklavenwirtschaft der frühen Neuzeit, die britische Auspressung

Indiens und die Opiumkriege gegen China, bis zu dem gegenwärtigen Rohstoffimperialismus verlaufen die Metamorphosen dieser globalen Unterwerfungs- und Ausbeutungsstruktur. Bei der konkreten Ausprägung spielten die jeweiligen Hegemonialmächte eine zentrale Rolle.

Im Verlauf der Expansion des kapitalistischen Weltsystems treten sogenannte Hegemonialzyklen auf, bei denen eine bestimmte Macht eine dominierende Stellung innerhalb des Systems erringt. Nach einer gewissen Periode geht diese Macht in den imperialen Abstieg über und wird von einem neuen Hegemon abgelöst werden. Im Folgenden soll die von Giovanni Arrighi ausgearbeitete Periodisierung und Lokalisierung dieser Zyklen wiedergegeben werden, der vier solcher – von ihm als „Systemische Zyklen der Akkumulation“ bezeichneten – Hegemonialzyklen identifizierte: „Einen genuesisch-iberischen Zyklus, der die Spanne vom 15. bis ins frühe 17. Jahrhundert abdeckte; einen holländischen Zyklus vom späten 16. bis ins späte 18. Jahrhundert; einen britischen Zyklus von der Mitte des 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert und einen US-amerikanischen Zyklus vom späten 19. Jahrhundert bis zur letzten finanziellen Expansion,“1 die ja spätestens in den 80ern des 20. Jahrhunderts einsetzte.

Territoriale Progression

Auffällig ist die „Progression“ der Hegemonialmächte, die mit der globalen Expansion des kapitalistischen Weltsystems einherging – und immer noch einhergeht. Diese verläuft von den italienischen Stadtstaaten mit

„ihrer kosmopolitischen Geschäftsdiaspora“ über den niederländischen „Protonationalstaat (die Vereinigten Provinzen) und ihren amtlich zugelassenen Aktiengesellschaften zu einem multinationalen Staat (Großbritannien) und seinem den Globus umspannenden tributpflichtigen Empire bis hin zu einem Nationalstaat von Kontinentalgröße (den USA) und seinem weltumspannenden System transnationaler Konzerne“ und Militärstützpunkte.2

Ein jeder Hegemonialzyklus hat nach Arrighi zwei Phasen: Zuerst findet eine Phase des imperialen Aufstiegs statt, die durch eine „materielle Expansion“, also durch die Dominanz des Handels oder der warenproduzierenden Industrie der neuen Hegemonialmacht geprägt ist. Nach dem Ausbruch einer – durch Überakkumulationsprozesse ausgelösten – ökonomischen „Signalkrise“ setzt die Phase des imperialen Abstiegs ein, die mit einer finanziellen Expansion und der Dominanz der Finanzindustrie einhergeht und dem absteigenden Hegemon nochmals eine letzte ökonomische und imperiale Blütezeit beschert.

Schließlich gibt es eine Niedergangsphase, in der dieser von der kommenden, aufsteigenden Hegemonialmacht abgelöst wird. Diese Progression von Hegemonialmächten ist laut Arrighi ein direktes Resultat der Expansion des kapitalistischen Weltsystems, da diese immer mehr Ressourcen zur Aufrechterhaltung ihrer Hegemonialposition mobilisieren müssten. Der Wechsel zwischen zwei Hegemonialzyklen gehe deswegen oftmals mit einer Verschuldung der absteigenden Hegemonialmacht bei dem aufsteigenden Hegemon einher, wie Arrighi am Beispiel der zunehmenden ökonomischen Abhängigkeit Großbritanniens von den USA während des Ersten Weltkrieges darlegte. Großbritannien bildete ein riesiges Handelsdefizit gegenüber den USA aus, „die Munition und Nahrungsmittel im Wert von Milliarden von Dollar an die Alliierten lieferten, aber wenige Güter dafür erhielten.“ Ähnlich agierte übrigens auch Großbritannien in seiner Rolle als „Bankier“ der Antinapoleonischen Koalition rund hundert Jahre zuvor.

Maßgeblich angetrieben wird diese Abfolge von Hegemonialzyklen durch den Prozess der Kapitalakkumulation. Arrighi verwendet deshalb auch den Begriff der „Systemischen Zyklen der Akkumulation“. Die materielle Expansion ist durch ein hohes Wachstum und hohe Profitraten im Handel und der Produktion gekennzeichnet, wodurch die Profite „mehr oder weniger routinemäßig in die weitere Expansion reinvestiert“ würden. Den Übergang von der materiellen zur finanziellen Phase der Expansion einer Hegemonialmacht markiert ja die besagte „Signalkrise“, die durch Überakkumulationsprozesse ausgelöst werde: „Im Laufe der Zeit jedoch führt die Investition einer stetig anwachsenden Masse von Profiten in Handel und Produktion zu einer Kapitalakkumulation weit über das hinaus, was in den An- und Verkauf von Waren reinvestiert werden kann, ohne die Gewinnspannen drastisch zu verringern.“ In Reaktion hierauf fließt das Kapital in den Finanzsektor, es findet eine krisenhafte, spekulationsgetriebene Akkumulation von überschüssigem Kapital in „liquider Form“ der Finanzsphäre statt.3 Die Hegemonialmacht,

die zuvor als „Werkstatt der Welt“ ihre dominante Stellung erlangt, wandelt sich zu dem „Finanzplatz der Welt“. Es ist nicht zuletzt die globale Investitionstätigkeit des Weltfinanzzentrums der im Abstieg befindlichen jeweiligen Hegemonialmacht, die als ökonomische Initialzündung fungiert und die Phase der „materiellen Expansion“ des aufsteigenden Hegemons auslöst.

China künftiger Hegemon?

Aus den obigen Ausführungen scheint tatsächlich nur noch China als ein künftiger Hegemon in Frage zu kommen. Die Parallelen zu früheren Hegemonialzyklen sind unübersehbar: Zum einen ist da die von Arrighi konstatierte Progression von Hegemonialmächten, bei der eigentlich nur noch das Reich der Mitte über potenziell höhere Ressourcen – vor allem in Bezug auf seinen Binnenmarkt – gebietet als die USA. Diese Tendenz zur Progression, zum beständigen Anwachsen der Hegemonialmacht in der Geschichte des kapitalistischen Weltsystems könnte man auch als eine weitere Form der Expansion deuten, mittels derer der „prozessierende Widerspruch“ abgefedert wird, der dem Kapital innewohnt. Hierbei könnte man von einer „hegemonialen Expansion“ sprechen, in deren Verlauf immer größere Territorien und auch Menschenmassen zur Aufrechterhaltung der Stellung einer Hegemonialmacht – wie auch der Kapitalakkumulation – notwendig sind.

Längst schon wird China im veröffentlichten Diskurs aufgrund seines – potenziellen! – riesigen Binnenmarktes als die kommende Konjunkturlokomotive der Weltwirtschaft gehandelt. Dadurch würde das Reich der Mitte in die Rolle schlüpfen, die von den USA in den vergangenen Jahren eingenommen wurde. Und selbstverständlich gab es in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Signalkrise, die zu der „Finanzialisierung“ der Wirtschaft der USA führte. Auf diese systemische Überkumulationskrise, die aus der Erschöpfung des fordistischen Akkumulationsregimes resultierte, folgte der Aufbau des Finanzsektors, der die USA (durch Defizitbildung) tatsächlich für eine gewisse Zeit – vor allem in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts – zu einer Scheinblüte führte. Die Dominanz der Wallstreet ging mit einer schleichenden Deindustrialisierung weiter Teile der USA Hand in Hand. Es war nicht zuletzt amerikanisches Kapital, das China als Billiglohnstandort nutzte und somit wichtige Impulse zur Initiierung der Phase der „materiellen Expansion“ der Volksrepublik zulieferte.

Der Aufstieg der chinesischen (Export-) Industrie und die (schuldenfinanzierte) Scheinblüte der USA, die durch die Dominanz des Finanzsektors ermöglicht wurde, bedingen sich gegenseitig. Das riesige Handelsdefizit der USA gegenüber China dokumentiert dies. Dieser Prozess wird auch von einer ausufernden Verschuldung des absteigenden Hegemons USA begleitet. Peking kaufte im enormen Umfang US-Staatsanleihen auf, wodurch de facto China den amerikanischen „Krieg gegen den Terror“ mitfinanzierte. Auch hier sind die Parallelen zur ausartenden Verschuldung Großbritanniens in den Vereinigten Staaten zu Beginn des 20. Jahrhunderts unübersehbar.

Die halsbrecherische Geschwindigkeit, mit der derzeit China wächst, ist größtenteils gerade dieser Krisensymbiose zwischen den USA und dem Reich der Mitte geschuldet. Das vor allem durch Investitionstätigkeit gesteigerte Wachstum Chinas ist nur deswegen möglich, weil der chinesische Staat zuvor ungeheure Devisenreserven aufgrund des Handelsüberschusses mit den USA akkumulieren konnte. Umgekehrt bedeutet dies auch: Diese enorme Geschwindigkeit der chinesischen Industrialisierung verweist auf die ungeheuren Dimensionen der systemischen Überproduktionskrise, die sich in den Zentren des kapitalistischen Systems aufgebaut hat – und nun in diesem wahnwitzigen chinesischen Wachstum ein Ventil gefunden hat.

Dennoch wird China aller Voraussicht nach nicht mehr die Vereinigten Staaten als neue Hegemonialmacht beerben können.Der chinesischstämmige amerikanische Weltsystemtheoretiker Minqi Li verweist in seinem Werk „The Rise of China and the Demise of the Capitalist World-Economy“ auf die vielfältigen Hürden und auch Grenzen, auf die sowohl China als auch das kapitalistische Weltsystem derzeit stoßen. Zum einen würde der Aufstieg Chinas die hierarchische Aufteilung des Weltsystems in Zentrum, Semiperipherie und Peripherie sprengen, da dies zu einer massiven Verschiebung der Machtverhältnisse führen würde, die diese Dreiteilung der Welt im Endeffekt aufheben würden. Chinas Aufstieg würde einerseits einen massiven Nivellierungsprozess zulasten der Zentren auslösen und auch eine forcierte Verelendung der Peripherie mit sich bringen. China verfügt auch nicht über die militärischen Kapazitäten, um im Gefolge der Auseinandersetzungen als neuer Hegemon hervorgehen zu können, die aus solch einer fundamentalen Erschütterung des Weltsystems resultieren würden.

Der potenzielle riesige Binnenmarkt Chinas bringt auch fundamentale Nachteile mit sich, da im Reich der Mitte ein besonders ungünstiges Verhältnis zwischen natürlichen Ressourcen und der enormen Einwohnerzahl herrscht. China kann allein schon deswegen nicht in die Rolle der USA als globale Konjunkturlokomotive schlüpfen, weil der damit einhergehende Energieund Rohstoffverbrauch an natürliche Grenzen stößt. Es ist schlicht nicht so viel fossile Energie verfügbar, wie notwendig wäre, damit auch Chinas Bevölkerung ein ähnliches Konsumniveau erreicht, wie es jahrzehntelang in den USA vorherrschte.

Bei dem Übergang in einen chinesischen Hegemonialzyklus stößt das kapitalistische Weltsystem somit auch an seine ökologischen Grenzen. Eine weitere langfristige Entwicklungsperspektive hat China nur jenseits des kapitalistischen Wachstumszwangs.

Anmerkungen:

1 Arrighi Giovanni, Adam Smith in Beijing, S. 292

2 Arrighi Giovanni, Adam Smith in Beijing, S. 297

3 Arrighi Giovanni, Adam Smith in Beijing, S. 292 ff.

Literatur:

Minqi Li, The Rise of China and the Demise of the Capitalist WorldEconomy

Arrighi Giovanni, Adam Smith in Beijing, Die Genealogiedes 21. Jahrhunderts

Arrighi Giovanni, The Long Twentieth Century: Money, Power, and the Origins of Our Times

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