Verrat aus Prinzip

28.01.2026

Rück- und Ausblick auf die krisenimperialistischen Konstellationen, innerhalb derer sich die Selbstverwaltung im nordsyrischen Rojava behaupten muss.

Um die gegenwärtige Katastrophe der kurdischen Freiheitsbewegung in Rojava zu verstehen, hilft ein Rückblick auf deren geopolitisches Umfeld in der Hochphase des syrischen Bürgerkrieges. Die USA in ihrem hegemonialen Abstieg bildeten hierbei den zentralen Faktor. Es gab zwei interventionistische Ansätze gegenüber dem im Bürgerkrieg versinkenden Syrien, die innerhalb der US-Außenpolitik in Konkurrenz zueinander standen. Während der Obama-Administration wurde dieser Konflikt auch relativ offen ausgetragen.1 Während die CIA „gemäßigte“ sunnitisch-islamistische Milizen zu instrumentalisieren trachtete, setzte das Pentagon auf die syrischen Kurden im sich formierenden Rojava, um den Ansturm des Islamischen Staates (IS)2 zu brechen.

Bekanntlich konnte sich das Pentagon durchsetzen. Und dies geschah aus einem einfachen Grund: Die kurdischen Selbstverteidigungskräfte waren sehr effektiv im Kampf gegen den genozidalen Islamofaschismus des (IS),3 da sie für eine emanzipatorische Gesellschaft kämpften. Den islamistisch geprägten Milizen der CIA, die im IS zumeist eine bloße Konkurrenz sahen, konnte beides wirklich nicht nachgesagt werden. Die intensive, militärisch erfolgreiche Phase der Kooperation zwischen Pentagon und Rojava erstreckte sich von der Verteidigung Kobanes im September 20144 bis zur Befreiung Rakkas im Oktober 2017. Dies vollzog sich unter permanenten Spannungen mit Ankara, da die Türkei als einer der wichtigsten Unterstützer des IS fungierte und die kurdische Autonomie in Syrien unbedingt zerstören wollte.

Doch war die Unterstützung Washingtons für die Kurden Syriens schon immer brüchig, deren geopolitische Lage folglich prekär. Schon während der Obama-Administration vollzog sich der Niedergang der amerikanischen Hegemonie, die Trump nun bis zu ihrem bitteren imperialen Ende exekutiert. Der Einsatz amerikanischer Streitkräfte gegen den islamischen Staat vollzog sich in einer Phase, in der Washington im Rahmen seines pivot to Asia5 sich verstärkt auf den Hegemonialkampf gegen China, das Containment der Volksrepublik in Südostasien konzentrieren wollte. Washington folgte somit nur widerwillig seiner Rolle als „Weltpolizist“ in Reaktion auf den regionalen Zusammenbruch im syrischen „Entstaatlichungskrieg“ (Robert Kurz). 

Dieser Widerwille Washingtons hatte seine Gründe: Die desaströse US-Invasion des Iraks, die von den Neocons im Rahmen ihrer intendierten Demokratisierung des Mittleren Ostens verbrochen wurde, bildete dabei den wichtigsten Kipppunkt, der den graduellen Erosionsprozess amerikanischer Hegemonie ungemein beschleunigte. Dem raschen militärischen Sieg gegen das Giftgasregime Saddam Husseins folgte der Staatszerfall samt mörderischen Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten. Die Idee der Neocons, die amerikanische Hegemonie in der ölreichen Region durch deren Demokratisierung zu zementieren, schlug in ihr Gegenteil um – in den beschleunigten amerikanischen Hegemoniezerfall. 

Der krisenbedingte Entstaatlichungsschub in der Region, bei dem im Gefolge des arabischen Frühlings auch Libyen und Syrien untergingen, wurde somit faktisch durch die US-Invasion des Irak eingeleitet. Das westliche hegemoniale Nation Building, das im Rahmen der Weltordnungskriege (Robert Kurz) der Globalisierung forciert wurde, scheiterte durchgehend, da die Weltkrise des Kapitals den maroden Modernisierungsruinen in der Peripherie längst die ökonomische Grundlage entzogen hat: von Somalia, über Afghanistan, Libyen bis zum Irak. Das Chaos des staatlichen Zerfalls öffnete aber auch Räume für den einzigen nennenswerten emanzipatorischen Impuls, der im allgemeinen Zerfallsprozess sich in Norsdyrien behaupten konnte. Das, woran die Neocons im Irak scheiterten, schien plötzlich in Rojava zu funktionieren. 

Die Überbleibsel und ideologischen Rudimente dieses Demokratisierungs-Ansatzes im US-Staatsapparat unterstützten die kurdische Selbstverwaltung folglich aus taktischen Erwägungen, doch verloren diese Kräfte aufgrund des Desasters im Irak sehr schnell jegliche Relevanz. Rojava war nur noch vor dem Hintergrund des Containment des Islamischen Staates für die USA von Bedeutung. Zumal die Demokratisierungsstrategie der Neo Cons ein demokratisches Mittel zu einem hegemonialen, imperialen Zweck war, der auf die fossilen Energieträger der Region abzielte: Die Demokratisierung – die faktisch durch Ölexporte finanziert worden wäre – sollte mit einer Einbindung der Region in das Hegemonialsystem der Vereinigten Staaten einhergehen, was deren indirekte, vermittelte Kontrolle durch Washington intendierte. Die Dominanz des Öldollar sollte hierdurch zementiert werden. Damit konnte Rojava mit den marginalen Ölvorkommen vor Ort nicht dienen, es blieb nur die Ideologie der Demokratisierung, ohne dass die ökonomische Grundlage des hegemonialen Kalküls der Neo Cons noch vorhanden gewesen wäre. 

Früher Abschied vom Menschenrechtsimperialismus

Mit anderen Worten: Der geopolitische Wert der syrischen Kurden war nach deren Sieg gegen den Islamischen Staat rasch im Sinken begriffen, zumal das alte hegemoniale Denken innerhalb der US-Funktionseliten einem neuen, offen imperialistischen Kalkül Platz machte, das von Donald Trump personifiziert wird. Schon im Mai 2017 liest Trump seinen damaligen Außenminister Rex Tillerson einer Grundsatzrede zur Außenpolitik halten,6 in der den Menschenrechten als ideologischen Faktor amerikanischer Außenpolitik eine Absage erteilt wurde, um künftig offen ohne „Menschenrechtsballast“ amerikanische Interessen zu verfolgen. Vieles von dem, was Trump gerade an nackter imperialistischer Politik praktiziert,7 wurde schon 2017 angekündigt. Der Verrat an ehemaligen geopolitischen „Partnern“ ist somit das neue Prinzip amerikanischer Machtpolitik, deren offener Imperialismus nicht mehr Rücksicht nehmen muss auf die institutionelle und demokratische Fassade der alten US-Hegemonie (Washington bemühte sich noch unter Obama, außenpolitisch als „verlässlicher“ Machtfaktor zu erscheinen, um auch künftig willige Proxies zu finden).   

Rund sechs Monate nach dieser Rede des US-Außenministers, die faktisch den Anfang 2026 abgeschlossenen Übergang der USA von der der Hegemonialpolitik zum nackten Krisenimperialismus einleitete,8 griff die Türkei mit NATO-Rückendeckung9 die syrischen Kurden in Afrin an, das damals unter russischem Einfluss stand. Wenig später folgte eine zweite türkische Invasion in der amerikanischen Einflusssphäre in Rojava. Die Selbstverwaltungsgebiete in Nordsyrien wurden praktisch bei einem imperialistischen Geschacher verscherbelt: Anfang 2018 gab Wladimir Putin grünes Licht für die Invasion des Kantons Afrin,10 der sich in der Einflusssphäre Russlands befand. Im Oktober 2019 ließ Donald Trump dem türkischen Expansionsdrang in Nordostsyrien freien Lauf, sodass Ankara eine weitere Besatzungszone in Rojava errichten konnte.11

Diese beiden Kriegszüge des türkischen Islamofaschismus in Nordsyrien, die mit ethnischen Säuberungen einhergingen,12 illustrieren die imperialistische Expansionsstrategie Erdogans, der ein Vabanquespiel betrieb, bei dem die Türkei zwischen Russland und dem Westen pendelte, um von beiden Seiten Zugeständnisse für weiteren Landraub zu erringen. Der imperiale Machthebel Erdogans, der ein strategisch wichtiges Land kontrolliert, ist weitaus länger als derjenige der syrischen Kurden, die nur noch zur Eindämmung des Islamischen Staates und als Gegengewicht zum Assad-Regime gebraucht wurden. Putin verscherbelte das kurdische Afrin für einen Atom- und Pipeline-Deal, bei Trump war es wohl nur die Affinität zur autoritären Charakteren und das Bemühen, Ankara im westlichen Bündnis zu halten. 

Mit dem Kollaps des Assad-Regimes Ende 2024 änderte sich das regionale Machtkalkül weiter zu Ungunsten Rojavas. Die von der Türkei, den USA und – beschränkt – Israel unterstütze Islamistenallianz, die binnen weniger Tage die Attrappe des syrischen Staatsapparates hinwegfegte, erreichte eine strategische Zielsetzung des Westens und auch Israels in der Region. Der schiitische Korridor, über den das iranische Mullah-Regime seine militärische Macht bis an die Grenze Israels projizieren konnte, wurde gekappt, die Logistik der Hisbollah empfindlich gestört, die nach der Niederlage gegen Israel somit nicht mehr zur Intervention in Syrien fähig war. 


Hier setzte sich faktisch die eingangs erwähnte Interventionstaktik der CIA durch, die letztendlich mit den ideologischen und/oder organisatorischen Nachfolgeorganisationen der al-Qaida paktierte, um ein geopolitisches Ziel zu erreichen. Die Islamisten zerstörten mit den Überresten des syrischen Staates nur das, was ohnehin krisenbedingt im Zerfall begriffen war. Und sie waren auch deswegen so erfolgreich, weil sie nicht gegen ihresgleichen, gegen den Islamischen Staat, kämpfen mussten, der zuvor von den den militärischen Kräften Rojavas unter hohen Opfern niedergerungen wurde. 

Der al-Qaida Staat

Rund ein Vierteljahrhundert nach den Anschlägen auf das World Trade Center, die ein von der CIA in Afghanistan aufgepäppelter al-Qaida Führer Namens Osama Bin Laden organisierte, brachten die Vereinigten Staaten die politischen Erben dieser islamofaschistischen Terrortruppe in Damaskus an die Macht. Für die USA ist dies ein Teilmoment ihres Dominanzkampfes gegen China. Washington sieht in dem sunnitischen Extremismus al-Qaidas ein Bollwerk gegen den schiitischen Iran, der Teil des eurasischen Bündnissystems um Peking ist. Russland wurde aus der Region tatsächlich herausgedrängt, der Iran geschwächt. 

Den größten Nutznießer dieses al-Qaida Staates, der genauso labil sein wird wie das Assad-Regime, stellt aber die Türkei dar, die damit ihre Machtstellung in der Region massiv ausweiten konnte. Die Europäer (insbesondere Berlin) hoffen wiederum darauf, Flüchtlinge bald nach Syrien abschieben zu können. Deswegen schweigt Berlin ähnlich eisern zu den Massakern und den ethnischen Säuberungen, die gerade in Rojava ablaufen, wie es zuvor bei den dschihadistischen Massenmorden an der alewitischen Küste oder in der Drusenregion im Süden. Das Land würde so zu einem von Islamisten bewachten Freiluftgefängnis für die ökonomisch Überflüssigen der Region.13

Von Demokratisierung, von freien Wahlen in Syrien ist nicht mehr die Rede, der Menschenrechtsimperialismus der neoliberalen Periode ist auch in Europa in den Hintergrund getreten. Brüssel, Berlin und Paris folgen Washington mit zeitlicher Verzögerung. Es geht nur noch darum, dem sich formierenden al-Qaida-Syrien irgendeine Art von Legitimität und Stabilität anzudichten, um dorthin abschieben zu können. Faktisch stellt dies eine Kollaboration mit dem Faschismus in seiner islamisch-klerikalen Ausprägung dar, es ist das Bemühen, die Krisenregion durch den mörderischen Terror der Dschihadisten irgendwie zu befrieden, Friedhofsruhe einkehren zu lassen. Und – diese Prognose kann jetzt schon gemacht werden – selbstverständlich wird dieser europäische Hoffnung auf islamistische Friedhofsruhe durch islamistischen Terror zunichtegemacht werden (Es lässt sich eher fragen, ob Washington diesen destabilisierenden Faktor beim inzwischen relativ offen geführten Kampf gegen die EU nicht sogar intendiert).

Nach dem Dezember 2024 existierte faktisch nur noch ein einziger regionaler Machtfaktor, der ein Interesse an der Existenz Rojavas hatte: Israel. Tel Aviv schien den Umsturz des Assad-Regimes zumindest taktisch zu unterstützen, doch zugleich bemühte sich Israel sofort, die Macht der Islamisten in Syrien zu begrenzen. Den sunnitischen Extremismus sollten autonome Regionen, die von Minderheiten kontrolliert würden, weitestgehend neutralisieren: Die Drusen im Südwesten, die Aleviten an der Küste – und die Kurden im Norden und Nordosten. Die Unterstützung der Kurden erfolgte also primär nicht aus politischen oder weltanschaulichen Sympathien, sondern aus geopolitischem Kalkül. Israel befindet sich überdies in Konfrontation mit der Türkei Erdogans um die Vormachtstellung in der Region, in der Ankara in der Tradition des Osmanischen Reiches zu expandieren trachtet. Ende 2025 gründeten etwa Griechenland, Zypern und Israel eine offensichtlich gegen Ankara gerichtete Allianz, die das türkische Dominanzstreben im östlichen Mittelmeer neutralisieren soll.14  

Was ist also passiert, wieso schweigt Tel Aviv nun, da sich ein labiler, islamistischer Staat an seiner Nordostflanke formiert, der eng mit Ankara verflochten ist? Zum einen hat sich Washington schlicht durchgesetzt – es sind US-Soldaten, die in Rojava stationiert sind. Und Trump optierte schon während seiner ersten Präsidentschaft für Erdogan und gegen die Kurden. Den Faschisten im Weißen Haus steht ein Erdogan mit seiner autoritären Mischideologie aus Nationalismus und Islamismus näher, als die auf Emanzipation gerichtete kurdische Selbstverwaltung. Zumal die Türkei, wie oben erwähnt, ein wichtiges – wenn auch zunehmend problematisches – Bindeglied für die USA und die EU in der Region darstellt. Wie schnell die Kurden verscherbelt werden, um sonstige Zugeständnisse zu erringen, machte etwa die Mail des französischen Präsidenten Macron an Donald Trump deutlich, die dieser einfach öffentlich machte. Macron, der sich öfters öffentlich für die syrischen Kurden engagierte, sah sich plötzlich mit Trump auf einer Linie bezüglich Syriens und des Iran15 – um diesen dann beim Grönland-Konflitk zu widersprechen. 

Der Iran als das neue Syrien?

Der Iran ist das Schlüsselwort hier. Der Iran von heute weist eine ähnliche Struktur wie das Syrien des Arabischen Frühlings auf: eine autoritäre, innerlich von dem Krisenprozess ausgehöhlte Staatsruine, die sich faktisch im ökonomischen und ökologischen Zusammenbruch befindet (Deswegen war es den israelischen Geheimdiensten ein Leichtes, diesen erodierenden Staatsapparat umfassend zu penetrieren). Die letzte große Aufstands- und Protestwelle, die nur durch staatlichen Massenmord,16 dem wohl Zehntausende von Demonstranten zum Opfer fielen, niedergeschlagen werden konnte, wurde durch breite Bevölkerungsschichten getragen. Neben den üblichen Verdächtigen, dem liberalen Bürgertum, dem der Tugendterror längst verhasst ist, beteiligten sich auch verarmte Lohnabhängige und Kleingewerbetreibende, die unter dem Währungskollaps und der Inflation zu leiden haben, an den Protesten.17 In Teilen des Landes ist auch schlicht aufgrund der manifesten Klimakrise die Wasserversorgung am Zusammenbrechen.18 

Washington – und insbesondere Israel – wollen folglich die Gunst der Stunde nutzen und das Mullah-Regime stürzen. Obwohl, „Sturz“ könnte das falsche Wort sein, wenn das Vorgehen der USA gegenüber Venezuela19 in Betracht gezogen wird. Von Demokratisierung oder Wahlen ist auch im Fall des Iran nicht die Rede, stattdessen soll ausgerechnet die archaische Institution des Schahs von Persien reanimiert werden – also genau des repressiven, mörderischen Regimes, dass die im fundamentalistischen Massenterror20 gescheiterte Revolution von 1979 hinwegfegte. Die USA wollen faktisch ein feindliches islamisch-faschistisches Regime durch ein US-höriges Regime ersetzen. Nach Venezuela würde mit dem Iran somit eine weitere Tankstelle Chinas neutralisiert werden. Für Israel steht hingegen ein zentrales sicherheitspolitisches Ziel auf dem Spiel. Das Regime, das die Auslöschung des jüdischen Staates zur Staatsdoktrin erhoben hat, das die Hamas-Pogrome und Massaker des 07. Oktober öffentlich bejubelte und militärisch flankierte, könnte gestürzt werden. 

Und diese Regimeformung, dieses Regmiedesign ist – dies wurde im Fall Venezuelas klar – weitaus günstiger, als die ressourcenverschlingenden Bemühungen der Neocons, mittels Regime Change eine Demokratisierung samt US-Hegemonie in der Region zu errichten. Es gilt einfach, die fundamentalistischen Kräfte im iranischen Regime auszuschalten,21 während zugleich kooperationswilligen Fraktionen/Seilschaften entsprechende Angebote zum Machterhalt unterbreitet werden. Die Massenmörder in dem iranischen Repressionsapparat, auf deren Befehl kürzlich Tausende Demonstranten zusammengeschossen wurden, könnten somit auch nach dem intendierten „Regierungssturz“ ihre Machtposition halten, sofern sie sich kooperativ zeigen. 


Die krisenbedingte Erosion staatlicher Strukturen macht dieses Vorgehen gegenüber den einzelnen Seilschaften im Apparat immerhin denkbar – Venezuela ist hier die Blaupause des neuen US-Krisenimperialismus, der seine isolationistischen Wahlversprechen längst vergessen hat. Doch heißt das keinesfalls, dass dieses zumindest kurzfristig in Venezuela erfolgreiche Vorgehen auch gegenüber einer Regionalmacht wie dem Iran aufgehen wird – zumindest nicht ohne Krieg. 


Dieses von den USA intendierte „Regime Design“, die Umformung des iranischen Regimes entlang US-Interessen, würde höchstwahrscheinlich nicht ohne prolongierter militärischer Auseinandersetzungen ablaufen. Ein kurzer Delta Force Einsatz, wie in Caracas, wird nicht reichen. Und gerade daran schient Washington bereit zu arbeiten. Kurz nach Beginn der Angriffe der syrischen Staatsislamisten gegen Rojava berichteten Vertreter der kurdischen Selbstverwaltung, dass sie von US-Stellen aufgefordert wurden, gegen die schiitischen Milizen im Iran zu kämpfen, die im Fall eines Konflikts mobilisiert würden. Bereits jetzt läuft eine Mobilisierung von iranisch-kurdischen Kräften für einen eventuellen Konflikt im Iran, die zwischen ihrer geopolitischen Instrumentalisieurung und dem kurdischen Befreiungsstreben lavieren müssten. 

Und gerade dies bringt die Türkei auf den Plan, die als einer der wichtigsten regionalen Opponenten eines Umsturzes des Mullah-Regimes agiert, da der Iran – ähnlich Syrien – über eine große kurdische Minderheit verfügt, deren Autonomie oder Selbstverwaltung nach dem Vorbild Rojavas Ankara verhindern will. Es scheint somit, dass der abermalige Verrat Trumps an den syrischen Kurden einen geopolitischen Preis darstellt, um den Widerstand Ankaras gegen den intendierten Regimesturz im Iran aufzuweichen. Zudem ist davon auszugehen, dass der Türkei ebenfalls eine Pufferzone auf iranischem Gebiet zugesagt worden ist, ähnlich ihrer Besatzungszone im Nordirak.22 Wiederum zahlen die Kurden den Preis für imperialistische Deals zwischen Groß- und Regionalmächten. 

Die Krise des kapitalistischen Weltsystems verläuft als ein sich schubweise entfaltender historischer Prozess, nach dem Entstaatlichungsschub des arabischen Frühlings steht nun der Iran auf der Kippe. Der neue Krisenimperialismus23 der Trump-Administration könnte als eine Form der Krisenadaption durch spätkapitalistische Funktionseliten verstanden werden, bei der ökonomische Verwerfungen in der Semiperipherie zur militärischen Intervention durch die Zentren ausgenutzt werden. Angetriebenen von unerträglichen sozioökologischen Widersprüchen zeichnet sich eine neue gewaltförmige Umwälzung in der Region ab, die aber prinzipiell ergebnisoffen ist – genauso, wie sie es in Syrien war und es auch weiterhin sein wird, sofern es gelingt, das Projekt Rojava irgendwie am Leben zu erhalten. Diejenigen oppositionellen Kräfte im Iran, denen es gelang, die jüngste Massakerwelle zu überleben, könnten sich somit bald in einer Lage wiederfinden, in der sie nicht nur mit dem erodierenden Mullah-Regime konfrontiert sind, sondern auch mit den krisenimperialistischen Bemühungen, im Chaos ein neues diktatorisches Schah-Regime zu etablieren. 

Der Zerfall des spätkapitalistischen Weltsystems, die Systemtransformation und der daraus resultierende Transformationskampf sind aber unausweichlich. Für das, was von der Linken aller Regression, Repression und allem Opportunismus zum trotz noch übrig geblieben ist, gibt es folglich keine Alternative zum Kamp um einen emanzipatorischen Verlauf dieses Transformationsprozesses. In Rojava wie im Iran. Und in den Zentren, deren Neo-Imperialismus von demselben Krisenprozess befeuert wird, der die Semiperipherie verwüstet.


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1  https://www.latimes.com/world/middleeast/la-fg-cia-pentagon-isis-20160327-story.html

2  https://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Islamischer_Staat.pdf

3  https://www.telepolis.de/article/Allianzen-Almosen-Massaker-3366580.html

4  https://archiv.telepolis.de/features/Kobane-in-Truemmern-Tuerkei-in-Flammen-3367844.html

5  https://www.cnas.org/publications/commentary/obama-tried-to-pivot-to-asia-in-2011-we-must-succeed-this-time

6  https://www.telepolis.de/article/Abschied-vom-Menschenrechtsimperialismus-3713257.html https://www.konicz.info/2017/12/11/abschied-vom-menschenrechtsimperialismus/

7  https://www.konicz.info/2025/03/15/alles-muss-in-flammen-stehen/

8  https://www.konicz.info/2022/06/23/was-ist-krisenimperialismus/

9  https://ednews.net/en/news/politics/240234-turkey-has-right-to-act-in-self-defense-in-afrin-nato-chief-stoltenberg-says

10  https://www.konicz.info/2018/01/21/afrin-erdogans-werk-und-putins-beitrag/

11  https://www.konicz.info/2019/10/26/der-krieg-der-neuen-rechten/

12  https://www.konicz.info/2022/12/29/das-vergessene-morden/

13  https://www.telepolis.de/article/Outsourcing-der-Barbarei-3336631.html

14  https://www.dw.com/en/greece-cyprus-israel-military-cooperation-explained-turkey-reaction/a-75394974

15  https://www.politico.eu/article/emmanuel-macron-decoded-text-message-donald-trump/

16  https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/krisen/id_101098128/massenproteste-im-iran-neue-opfer-zahlen-offenbaren-dramatisches-ausmass.html

17  https://news.sky.com/story/why-are-people-protesting-in-iran-everything-you-need-to-know-13490639

18  https://www.theguardian.com/world/2026/jan/15/how-day-zero-water-shortages-in-iran-are-fuelling-protests

19  https://www.konicz.info/2026/01/11/die-herrschaft-der-terror-clowns/

20  https://therealnews.com/how-irans-theocrats-allied-with-and-then-crushed-the-left

21  https://www.msn.com/en-us/politics/international-relations/as-us-forces-build-up-trump-weighs-limited-strikes-to-shake-iran-s-regime/ar-AA1V1Ksq

22  https://www.konicz.info/2022/12/29/das-vergessene-morden/

23  https://www.konicz.info/2022/06/23/was-ist-krisenimperialismus/

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