Auf dem Altar des Techno-Gottes

05.01.2026

Ausblicke auf neue Formen der Krisenkonkurrenz in der aufziehenden autoritären Ära des allseitigen spätkapitalistischen Mangels.

„Competition is for losers“

Peter Thiel1

Mehr RAM! Es kann einfach nicht genügend Speicher produziert werden, nachdem OpenAI in einem regelrechten Coup sich einen großen Teil der Weltproduktion dieser essenziellen Computerkomponente gesichert hat. Die Prise für DRAM2 (vor allem DDR5, abgeschwächt auch DDR4) explodieren regelrecht,3 es finden Panikkäufe von Hardwareherstellern statt,4 während Speicherproduzenten ihre Konsumentenprodukte einstellen, um nur noch den im spekulativen Feuer verfangenen Unternehmensmarkt zu beliefern.5 Es ist ein unersättlicher, durch die gegenwärtige KI-Blase entfachter Hunger nach RAM, der von OpenAI im Oktober 2025 ins Hysterische gesteigert wurde – und der inzwischen auch auf andere Komponenten wie Grafikkarten (Videospeicher) und SSDs übergreift.

Was war geschehen? OpenAI konnte im Oktober 2025 zeitgleich zwei Lieferverträge über Computer-Speicher mit zwei der weltweit größten Produzenten – Samsung und SK Hynix – abschließen, um sich so auf einen Schlag rund 40 Prozent der globalen Produktion dieser Komponente zu sichern.6 Altman gelang es, den Inhalt der Verhandlungen geheim zu halten – weder Samsung noch Hynix waren sich dessen bewusst, dass OpenAI ähnlich gigantische Deals mit dem Konkurrenten abschließt, was sich positiv auf die jeweiligen Vertragskonditionen des KI-Konzerns ausgewirkt haben dürfte.7 Die DRAM-Hersteller hätten mindestens höhere Preise durchsetzen können, wären sie darüber im Klaren gewesen, dass OpenAI nahezu die Hälfte des Speicheroutputs der Branche aufkaufen wird. Eventuell wären die Deals so nie zustande gekommen.

Nachdem dieser Coup – die Verträge wurden im Abstand weniger Stunden unterschrieben – bekannt wurde, setzte die entsprechende Panik ein, die Erinnerungen an die Mangelwirtschaft des sowjetischen Staatskapitalismus sowjetischer Prägung aufkommen ließen: Alle relevanten IT-Marktakteure, die Konkurrenten aus der KI-Branche, Skalper und gewöhnliche upgradewillige Konsumenten stürzten sich auf Produktionskapazitäten, Großhandelsbestände und Speicherkits. Dieser panische Nachfrageschub stand nur im indirekten Zusammenhang mit der tatsächlichen Nachfrage: Keiner weiß, welche Geheimdeals sonst noch ausgebrütet werden von den in Investorengeld schwimmenden KI-Konzernen. Alle versuchen folglich, ihre Speicherversorgung durch Hamsterkäufe zu sichern – was zum allgemeinen Speichermangel führt. Dies Hightech-Hamstern ist somit eine Folgeerscheinung der gigantischen KI-Blase,8 in der sich vor allem die USA befinden.

An erster Stelle ist hierbei gerade OpenAI zu nennen, da der KI-Konzern nicht einfach 40 Prozent der fertigen DRAM-Produktion aufkauft, um diesen Speicher in seinen Datenzentren zwecks Kapitalverwertung im Rahmen von KI-Dienstleistungen einzusetzen. Altmann kauft nicht nur fertige Speichermodule auf, sondern auch die Vorprodukte, die Wafer, die nun in Lagerhallen gelagert werden. Rund 900 000 DRAM Wafer werden allmonatlich von OpenAI erworben und schlicht eingelagert, ohne dass sie “geschnitten” und zu RAM weiterverarbeitet würden.9 Es ist unklar, wann – und ob überhaupt – dieser Speicher in der KI-Branche, die mit infrastrukturellen Engpässen, Energie- und Wassermangel10 kämpft, überhaupt zum Einsatz kommt11 – mal ganz abgesehen von den hartnäckigen Kinderkrankheiten und praktischen Anwendungshürden, die sich während der tatsächlichen Implementierung von KI-Techniken bei der Rationalisierung realer Arbeitsabläufe in vielen Wirtschaftsbereichen ergeben.12

Monopolistische Krisenkonkurrenz?

Was Altmann mittels seines Speicherdeals praktiziert, könnte als monopolistische Krisenkonkurrenz bezeichnet werden. Es ist eine Krisenform der Marktkonkurrenz, die direkt, unmittelbar auf die Erzielung eines Monopols oder einer marktbeherrschenden Stellung abzielt. OpenAI will vom Startup direkt zum Monopolisten durchstarten. Die Kontrolle über einen großen Teil der RAM-Produktion ist nicht nur durch den Ausbau der eigenen KI-Kapazitäten motiviert, sondern auch durch die Sabotage und die Behinderung der Konkurrenz. Der Speicher, der als Wafer-Vorprodukt in den Lagerhallen von OpenAI verstaubt, kann nicht von konkurrierenden Konzernen zum Ausbau der eigenen KI-Modelle benutzt werden. Nicht der Aufbau der effizientesten und zuverlässigsten Automatisierungssysteme ist hierbei entscheidend, sondern die Kontrolle über die notwendigen Ressourcen, Vorprodukte und/oder Produktionskapazitäten.

“Konkurrenz ist etwas für Loser” – Sam Altman scheint sich den Vortrag des rechten Milliardärs und Trump-Unterstützers Peter Thiel zu Herzen genommen zu haben, den er vor wenigen Jahren in Stanford unter diesem Titel anmoderierte.13 Bei seinen Ausführungen zu erfolgreichen Unternehmensstrategien argumentierte Thiel gewissermaßen unfreiwillig marxistisch, indem er offen das Monopol als das Endziel der Marktkonkurrenz befürwortete. Kapitalstarke Konzerne/Startups müssten Thiel zufolge die Innovationen der technologischen Avantgarde rasch kopieren und rasant expandieren, sie sorgten hierbei – mit Investorengeldern vollgepumpt – durch günstige Einstiegskonditionen bei ihren Angeboten für rasches Wachstum, um nach dem Erreichen einer marktbeherrschenden Stellung langsam die Daumenschrauben anzuziehen – es ist die Blaupause für die häufig beklagte Enshitification des Internets, für die sukzessive Verschlechterung der Nutzungsbedingungen vieler Online-Leistungen.

Google, Netflix, Microsoft, Amazon – an diesen Techgiganten führt in ihren Marktsegmenten kein Weg mehr vorbei, was ihnen, die ihre Marktdominanz oft durch zeitweilige Verlustperioden erzielten, nun alle Optionen zur Gewinnmaximierung offen läßt. OpenAI operiert einerseits nach demselben Muster, indem das Startup unter großen Verlusten seine KI-Dienste möglichst rasch expandieren lässt, sogar auf Werbeeinnahmen verzichtet, um nach Etablierung einer marktbeherrschenden Stellung deren Monetarisierung zu forcieren.

Doch das neue Moment ist hier die “Verknappungsstrategie”, die der KI-Konzern offenbar verfolgt. Es ist auch eine Art Krisen-Hedging, eine Absicherung für den kommenden Krisenfall. Sam Altman scheint sich gewissermaßen der Prekarität seiner Lage bewusst zu sein. Die Akteure der gegenwärtigen Booms sind sich darüber im klaren, dass viele Startups das unausweichliche Platzen dieser KI-Blase nicht überstehen werden. OpenAI ist dabei der “Early Bird”, die Startup-Klitsche, die – im Gegensatz zu Google, Meta oder Microsoft – über keine profitablen Unternehmenszweige verfügt, die das defizitäre KI-Geschäft alimentieren könnten. Wenn die Blase platzt, wenn der Abgrund zwischen baldiger Profiterwartung und trüber Marktrealität unüberbrückbar wird, kann Open AI immerhin darauf hoffen, dank der Kontrolle von 40 Prozent der Speicherproduktion zu überleben.

The end of plenty

Altmans Versuch, mittels Speicheraufkäufen die Konkurrenz zu behindern und somit den KI-Markt zu dominieren, wirft auch ein Schlaglicht auf den Stand der industriellen Produktionsbedingungen in der globalen Hightech-Branche. Die marktwirtschaftliche Ideologie von dem Nachfrageanstieg, der sofort durch rasch wachsende Marktangebote befriedigt werde, kollidiert gerade mit der oligopolischen Realität in einem durch gigantische Investitionshürden geprägten Industriesektor. Drei Konzerne (Samsung, Micron, SK Hynix) sind für mehr als 90 Prozent der globalen DRAM-Produktion verantwortlich, wobei der Aufbau neuer Fertigungsstätten milliardenschwere Investitionen in hochkomplexe Maschinerie, Arbeitsabläufe und knappes Fachpersonal zur Voraussetzung hätte. Die genannten Speicherproduzenten befinden sich nun im Kapitalistenhimmel: Es herrscht offenbar die stille Übereinkunft, die gegebenen Produktionskapazitäten voll auszulasten, ohne Milliarden in neue Fabs zu pumpen, während DDR5-Speicherkits, die vor einem halben Jahr für rund 80 Euro zu haben waren, nun für knapp 400 Euro gehandelt werden.

Wie bereits erwähnt: Die IT-Branche ist sich durchaus dessen bewusst, von einer Blasenbildung erfasst worden zu sein. Und gerade deswegen wird es auch kaum Quereinsteiger geben, die in die Speicherproduktion einsteigen, da niemand prognostizieren kann, wann die KI-Bonanza ihr jämmerliches Ende finden wird. Das Risiko ist einfach zu groß, im Boom Milliarden in Fabriken zu investieren, um sich nach dessen Auslaufen in einem mit billigem Speicher überfluteten Markt wiederzufinden. Die Tendenz spätkapitalistischer Warenproduktion zur beständigen Erhöhung der Investitionsaufwendungen wird gerade anhand des “unflexiblen” Angebots in der gegenwärtigen Speicherkrise evident. Gerade deswegen erschien OpenAI wohl die Strategie der “künstlichen Verknappung” erfolgversprechend.

Dabei ist diese auf dem Speichermarkt herbeigeführte künstliche Verknappung nur Ausdruck der zunehmenden tatsächlichen Knappheit von Ressourcen, Rohstoffen, Vorprodukten und Energieträgern, der sich das spätkapitalistische Weltsystem in seinem uferlosen Verwertungszwang ausgesetzt sieht. Microsoft etwa sitzt auf einem Berg ungenutzter sauteurer KI-Grafikkarten, die der Konzern im gegenwärtigen Boom aufgekauft hat, ohne dass diese zum Einsatz kämen.14 Es fehlt einfach an Strom, an der entsprechenden energetischen Infrastruktur, um all diese Rechenkapazitäten zum Training neuer KI-Modelle nutzen zu können. Der KI-Blase, die dystopische Mengen an Energie verschlingt, könnte somit nicht nur aufgrund der Diskrepanz zwischen gigantischen Investitionen und mageren Renditen die heiße Luft ausgehen, sondern auch wegen der Engpässe bei Energieträgern oder Ressourcen. Dies unterscheidet den gegenwärtigen KI-Boom grundlegend von der US-Immobilienblase, in deren Verlauf ebenfalls enorme Ressourcen in einem spekulativen Bauboom befeuert worden – die aber an ihren inneren Widersprüchen, an der Akkumulation fauler Hypotheken durch die ausgelaugte US Mittelklasse, zerbrach.

Die äußere, ökologische Schranke des Kapitals15 scheint somit auch der spekulativen Blasenbildung, mit der die Systemkrise im 21. Jahrhundert prolongiert wurde, künftig gewisse Grenzen zu setzen. Mangel und Unterversorgung zeichnen sich aber in sehr vielen anderen Wirtschaftsbereichen ab, bei Rohstoffen wie Seltenen Erden oder Lithium, oder bei Nahrungsmitteln wie Kakao oder Kaffee, die bereits unter der Klimakrise leiden. Die hartnäckige Inflation,16 gerade bei Lebensmitteln, wird nicht zuletzt durch diese “äußere Schranke” des Kapitals befeuert – während der kapitalistische Verwertungszwang auf all diese Probleme nur eine Antwort kennt: mehr Wachstum. Der Kapitalismus verkommt somit auf seine alten Tage zu einer Mangelwirtschaft a la DDR,17 abzüglich der sozialen Eigenschaften und egalitären Bevölkerungsstruktur des Staatssozialismus.

Bestrebungen nach Kontrolle knapper oder künstlich verknappter Ressourcen und/oder Vorprodukte, um hierdurch eine monopolistische Stellung zu erringen, dürften somit künftig zu einer gängigen Konkurrenzstrategie avancieren. Was OpenAI treibt, ist nur der Vorschein einer neuen Ära monopolistischer Konkurrenz in einem Spätkapitalismus, dessen Verwertungszwang immer häufiger an die äußere, ökologische Schranke des Kapitals18 – die Endlichkeit der Ressourcen samt der voll einsetzenden Klimakatastrophe – stößt. Die Unterschiede zwischen Marktkonkurrenz und der üblichen geopolitischen und krisenimperialistischen Strategien19 des Ressourcenraubs werden sich somit zunehmend verwischen.

Die Sehnsucht des IT-Kapitals nach dem aktiven Staat

Bislang schlug bei jeder Blasenbildung des 21. Jahrhunderts die große Stunde des Staates erst nach deren Platzen, wenn es darum ging, deren verheerende ökonomische Folgen mittels lockerer Geldpolitik sowie billionenschwerer Krisen- und Investitionsprogramme abzufedern. Doch diesmal rufen die KI-Gurus bereits mitten in der Blase nach Vater Staat. Es ist gerade der absurde, dystopische Energiehunger der KI-Branche, ihre Unfähigkeit, die in den neoliberalen Dekaden ruinierte Infrastruktur schnell zu modernisieren, der schon jetzt einen ökonomisch “aktiven Staat” erforderlich macht. Die Hightech-Oligarchen mutieren zu einer Realsatire der keynesianischen Ideologen, wie sie im Umfeld altlinker Parteien ihr Unwesen treiben.

Die Branche – deren Führungsfiguren normalerweise einen Hang zur rechtslibertären Marktideologie haben – bemüht sich gleich auf mehreren Ebenen um staatliche Zuschüsse, Investitionen oder Garantien.20 OpenAI drängt die Trump-Administration, die mit der IT-Oligarchie politisch eng verflochten ist, seit Monaten auf die Ausweitung von Steuererleichterungen auf die KI-Branche, speziell auf Infrastrukturinvestitionen in Datenzentren. Der Nachrichtendienst Bloomberg sprach in diesem Zusammenhang von einem Silicon Valley Sozialismus.21 Des Weiteren soll der Steuerzahler die Risiken dieser Investitionstätigkeit in Gestalt staatlicher Garantien für entsprechende Kredite übernehmen, um so die Kreditkosten zu drücken und die Investitionstätigkeit ausweiten zu können.22 Der politischen Verflechtung zwischen dem Silicon Valley und der Trump Administration soll die ökonomische Verflechtung von Big Business und Big Politics folgen, wie sie charakteristisch für faschistische Krisenformen kapitalistischer Herrschaft ist.

Die wahnwitzige Expansion der Branche, vor allem des Branchenführers OpenAI, sie scheint auch darauf abzuzielen, einfach eine kritische Masse zu überschreiten, ab der eine Konzernpleite im Krisenfall aus volkswirtschaftlichen Erwägungen heraus verhindert werden muss. Die schwindelerregende Kreditaufnahme, die 1,4 Billionen Dollar umfassenden Investitionsvorhaben, die ganz reale konjunkturelle Effekte zeitigen, das Streben nach einer möglichst engen Verflechtung mit staatlichen Finanzströmen – all dies deutet darauf hin, dass Altman seinen KI-Konzern schlicht too big to fail machen will. Ähnlich wie es sich mit systemischen Banken bei Finanzmarktkrisen verhält. Diese Strategie des über die Pleitemöglichkeit Hinauswachsens drängt sich dermaßen auf, dass Altman sich genötigt sah, ihr öffentlich zu widersprechen.23

Ein weiteres Argument, mit dem KI-Kapitalisten staatliche Unterstützung legitimieren lassen, besteht aus den üblichen geopolitischen Konkurrenzerwägungen. Sollten die USA nicht die KI-Branche mit Milliarden an Steuergeldern vollpumpen, dann werde China das Rennen um die neue, militärisch nutzbare Technologie gewinnen, so das gängige Argumentationsmuster. Das ganze wird garniert mit der üblichen Speichelleckerei und Arschkriecherei, die bei dem Mad King im Weißen Haus notwendig ist, um sein Wohlwollen sicherzustellen. Der Vorstandsvorsitzende von Nvidia,24 Jensen Huang, ist nicht nur um beste Beziehungen zum Militärisch-Industriellen-Komplex und zum Pentagon bemüht, mit denen der Konzern bei der Entwicklung KI-gestützter Waffensysteme kooperiert.25 Huang entblödete sich auch nicht, Trump in bizarren Äußerungen regelrecht zu huldigen,26 indem er den US-Präsidenten dafür lobte, sich der „Verteufelung von Energie“ mutig in den Weg gestellt zu haben. Der Vorstandsvorsitzende des größten Konzerns der Welt, der sich wie ein auf Twitter oder Reddit hausender Troll anhörte, bejubelte damit wohl den Abschied der USA von jedweder Form von Klimaschutz.

Dies scheinen die politischen Betriebskosten der KI-Blase zu sein. Alle wichtigen Akteure der KI-Blase sind sich darüber im Klaren, dass sie sich in einer Spekulationsblase befinden, der Branche ist klar, dass ein Crash unausweichlich ist – und ein guter Teil ihres Agierens während dieses Booms besteht gerade darin, sich auf den kommenden Crash vorzubereiten, gute Kontakte zum rasch oligarchisch verwildernden Staatsapparat zu pflegen, sich möglichst allseitig abzusichern, um den Crash zu überleben und danach zur Dominanz im “bereinigten” Markt aufzusteigen. In der Branche herrscht einfach die Hoffnung vor, als Überlebender dieses reinigenden Marktgewitters den ganz großen Jackpot knacken zu können.

Abschied von der Illusion des Konsumenten-Kapitalismus

Wozu all der irre Aufwand, wie die Verfeuerung gigantischer Mengen an Energieträgern in der sich munter entfaltenden Klimakrise? Kritiker der KI-Branche kontrastieren diese massive Ressourcenverbrennung mit dem digitalen Unrat, der von generativer KI ausgespuckt wird, um damit das Internet zu fluten. Hierfür hat sich bereits ein neues Wort etabliert: AI-Slop (Matsch, Fraß, Schlicker). Doch dies ist nur ein Nebenprodukt, das nur für die Kulturindustrie von Bedeutung ist.27

Der heilige Gral der Branche besteht in ökonomischer Hinsicht in der Herstellung von KI-Systemen, die möglichst viele Arbeitsfelder vollständig oder zumindest teilweise übernehmen können28 – die KI-Gurus wollen schlicht Automatisierung verkaufen. Hierin liegt das schwindelerregende Potenzial für Wachstum und Profit. Dies ist der wahre Jackpot. Derjenige, der den kommenden Crash29 übersteht, kann auf die Führung bei einer totalen Transformation der spätkapitalistischen Produktionsweise hoffen, die traumhafte Wachstumsaussichten und Gewinne verheißt. Doch hierin liegt auch zugleich der unüberwindbare zentrale Widerspruch der kapitalistischen Produktionsweise, ihre innere Schranke, die im KI-Boom zur vollen Ausbildung, zur allgemeinen Sichtbarkeit gelangt.

Der Krisenprozess, der mit der Stagflationsperiode der 70er und der IT-Revolution der 80er einsetzte, der im 21. Jahrhundert mittels der globalisierten Finanzblasenökonomie auf Pump prolongiert werden konnte,30 er findet nun in der KI-Revolution seinen krisenhaften Abschluss. Der von der Altlinken fetischisierte Klassenkampf ist nur ein Oberflächenphänomen, es ist eine binnenkapitalistische Auseinandersetzung um die Verteilung des Mehrwertes, die zwischen dem variablen Kapital (“Die Arbeiterklasse”) und den kapitalistischen Funktionseliten geführt wird. Entscheidend ist hingegen der innere Widerspruch des Verwertungsprozesses selber: Die Substanz des Kapitals ist Lohnarbeit, doch zugleich ist es aufgrund konkurrenzvermittelter Rationalisierung bestrebt, die Lohnarbeit im Produktionsprozess zu minimieren. Das Abschmelzen der Industriearbeiterschaft in den meisten Industrieländern, das Folge der ersten IT-Revolution sei den 80ern war, es wird nun auf weite Bereiche des Dienstleistungssektors und des IT-Sektors übergreifen.31

Seit der Durchsetzung des Fordismus nach dem Zweiten Weltkrieg galt die Massennachfrage einer breiten Mittelschicht als zentrale volkswirtschaftliche Voraussetzung des Verwertungsprozesses des Kapitals, die massenhafte Produktion musste eine Massennachfrage finden – und diese Illusion des Konsumenten-Kapitalismus konnte noch während der neoliberalen Ära im Rahmen der Finanzblasenökonomie auf Pump aufrechterhalten werden. Auch wenn die Industriearbeiterschaft abschmolz, konnte die Finanzialisierung des Kapitalismus weiterhin Nachfrage und Arbeitsplätze generieren, selbst wenn dies nur um den Preis zunehmender finanzieller Instabilität und periodisch auftretender Crashs geschah. Das Kapital braucht die zahlungskräftige Massennachfrage, um den Verwertungskreislauf in der Warenproduktion abschließen zu können. Ansonsten zerbricht der Verwertungsprozess an sich selbst.

Und es ist eben diese auf der ökonomisch notwendigen Massennachfrage fußende Ideologie des Konsumentenkapitalismus, die bereits in der Aufstiegsphase der KI-Blase substanzlos, hohl wird. Das spekulative Feuer führt zu einer Inflation, nicht zu einer Ausweitung des Konsums, wie in früheren Blasen. Das spüren die Konsumenten bereits, gerade im Hightech-Sektor, gerade innerhalb der Gamer-Szene. Die gegenwärtige künstliche Verknappung führt einerseits den Konsumenten vor Augen, dass der Massenkonsum faktisch gekappt wird in einem substanziellen Teil des Unterhaltungselektronik-Sektors, um den KI-Boom zu befeuern. Der Markt beliefert schlicht die zahlungskräftigsten Kunden – und das sind Unternehmenskunden. Und es ist eben auch diese Klientel, die die KI-Branche vornehmlich im Blick hat mit Ihren Automatisierungsprodukten.

Dies ist aber nur der Vorschein des kommenden KI-Krisenschubs, sollten die Kinderkrankheiten und Anlaufschwierigkeiten bei der Automatisierung der Lohnarbeit tatsächlich überwunden werden, wie von der Branche erhofft. Es kann aber kaum ausreichend Konsumenten geben, wenn Lohnarbeiter durch KI-Systeme ersetzt oder schlechter bezahlt werden. Die alte fordistische Gleichung, wonach Arbeitskräfte zugleich mit ihrer Nachfrage den Absatzmarkt konstituieren, wird nicht mehr aufgehen – gerade weil die globalisierte Defizitkonjunktur der neoliberalen Ära sich erschöpft hat. Programmierer etwa können bereits erfolgreich KI als Hilfsmittel einsetzen, sodass hier aktuell substanzielle Produktivitätsfortschritte erzielt werden, bei denen Arbeitstage zu Arbeitsstunden schmelzen.32 Die KI ersetzt streng genommen den Programmierer nicht im einzelnen Arbeitsablauf, sie macht ihn nur produktiver und senkt die Anforderungen an den Beruf. Den Rest regelt dann der Arbeitsmarkt.

Der KI-Kult und das automatische Subjekt

Aus dem kapitalistischen Konsumenten wird dann schlicht überflüssiges Menschenmaterial, während die Konzerne und Unternehmen, die unter Zuhilfenahme der KI-Branche ihre Produktivität massiv steigern, dann keine Abnehmer für ihre Waren und Dienstleistungen mehr finden. Die subjektlose Herrschaft des Kapitals droht zwangsläufig an diesem inneren Widerspruch, an ihrer inneren Schranke zu zerschellen, sobald der KI-Blase die heiße Spekulationsluft ausgeht. Es ist evident – selbst die in Krisenignoranz hochgeschulte Altlinke kann dies kaum noch übersehen.33

Der doppelt freie Lohnarbeiter, wie ihn der Kapitalismus hervorbrachte, ist somit im gegenwärtigen Krisenschub akut vom Aussterben bedroht. Das System wird folglich in die sich bereits abzeichnende postkapitalistische Transformation voll eintreten. Und es ist der Faschismus, der diesen unausweichlichen Transformationsprozess in eine barbarische Richtung zu lenken trachtet: Einerseits durch die Einführung von Zwangsarbeit, wie es im deutschen Präfaschismus, oder im Gefängnisssystem der USA sich andeutet. Andererseits durch die Marginalisierung, Exklusion, Deportation oder – in letzter Konsequenz – schlicht Auslöschung der “überflüssigen Menschheit”, die das Kapital in seiner Agonie produziert.

Die Gigantomanie, die halsbrecherische Expansionsbewegung der KI-Branche impliziert überdies nur zu deutlich, dass die IT-Fürsten des Silicon Valley – die faktisch die Menschheit ersetzen wollen – den faschistischen Todeskult des 21. Jahrhunderts, wie er beiderseits des Atlantiks aufschäumt, bereits um ihre eigenen Facetten erweiterten. Den alles bisherige übersteigenden Wachstumswahn der KI-Branche treibt auch ein ideologischer Faktor an. Der im Silicon Valley grassierende Transhumanismus34 bildet die perfekte Ideologie für die offen menschenfeindliche Endphase der kapitalistischen Systemkrise, in der nur noch blinder Wahn die evidente Zerstörung der ökologischen und sozialen Grundlagen des menschlichen Zivilisationsprozesses unter absurdesten ideologischen Verrenkungen ausblenden kann.

Der Transhumanismus hat dies nicht nötig, er sieht in der Menschheit ohnehin nur die Starthilfe, den Bootloader für die künstliche Intelligenz, die den Menschen quasi beerben soll. Deswegen ist es Transhumanisten auch egal, ob der Ressourcen- und Energiehunger des KI-Kapitals die Klimakrise weiter vorantreibt, ob durch Datenzentren ganzen Landstrichen das Grundwasser entzogen wird. Sie sehen sich im Wettlauf mit der Zeit – die als Singularität bezeichnete, sich selbst optimierende Superintelligenz, der künstliche KI-Gott, den der Transhumanismus erschaffen will, soll Realität werden, bevor das Kapital der Menschheit die Lebensgrundlagen anzieht.

Faktisch will der Transhumanismus hierdurch das realabstrakte automatische Subjekt des Kapitals in die Realität überführen, es konkretisieren, dem gesamtgesellschaftlichen Fetischismus des Kapitals künstliches Leben einhauchen. Die Welt wird notfalls dem angestrebten Techno-Götzen auf dem Altar der KI-Industrie zum Opfer gebracht werden. Und keiner weiß so genau, was die IT-Titanen so konkret in ihren KI-Laboren auschecken, da die mit der Branche verbündete Trump-Administration dieser weitgehend freie Hand lässt. Wie eingangs erwähnt: OpenAI hat sich 40 Prozent der globalen DRAM-Produktion gesichert – und es bleibt nur zu hoffen, dass es sich dabei wirklich nur um eine monopolistische Konkurrenzstrategie handelt.

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1  https://www.youtube.com/watch?v=3Fx5Q8xGU8k

2  https://de.wikipedia.org/wiki/Dynamic_Random_Access_Memory

3  https://geizhals.de/kingston-fury-beast-schwarz-dimm-kit-32gb-kf560c30bbek2-32-a3164911.html

4  https://winfuture.de/news,154997.html

5  https://arstechnica.com/gadgets/2025/12/after-nearly-30-years-crucial-will-stop-selling-ram-to-consumers/

6  https://www.mooreslawisdead.com/post/sam-altman-s-dirty-dram-deal

7  https://www.slashcam.com/news/single/OpenAI-s-Secret-DRAM-Deal–Is-Sam-Altman-to-Blame–19700.html

8  https://www.konicz.info/2025/11/09/die-kuenstliche-intelligenzblase/

9  https://www.tomshardware.com/pc-components/dram/openais-stargate-project-to-consume-up-to-40-percent-of-global-dram-output-inks-deal-with-samsung-and-sk-hynix-to-the-tune-of-up-to-900-000-wafers-per-month

10  https://jungle.world/artikel/2024/16/kuenstliche-intelligenz-energieverbrauch-klimawandel-mehr-hunger-mehr-durst

11  https://www.mooreslawisdead.com/post/sam-altman-s-dirty-dram-deal

12  https://www.konicz.info/2025/11/09/die-kuenstliche-intelligenzblase/

13  https://www.youtube.com/watch?v=3Fx5Q8xGU8k

14  https://redmondmag.com/blogs/generationai/2025/12/microsoft-is-sitting-on-a-pile-of-unused-gpus.aspx

15  https://www.konicz.info/2022/01/14/die-klimakrise-und-die-aeusseren-grenzen-des-kapitals/

16  https://www.konicz.info/2021/08/08/dreierlei-inflation/

17  https://www.konicz.info/2021/10/14/ddr-minus-sozialismus/

18  https://www.konicz.info/2022/01/14/die-klimakrise-und-die-aeusseren-grenzen-des-kapitals/

19  https://www.konicz.info/2022/06/23/was-ist-krisenimperialismus/

20  https://www.banking.senate.gov/newsroom/minority/warren-presses-trump-administration-on-plans-to-prop-up-openai-and-big-tech-with-taxpayer-dollars-at-the-expense-of-working-class-americans

21  https://news.bloombergtax.com/tax-insights-and-commentary/openais-tax-subsidy-efforts-amount-to-silicon-valley-socialism

22  https://www.brookings.edu/articles/openai-floats-federal-support-for-ai-infrastructure-what-should-the-public-expect/

23  https://www.ft.com/content/5835a5a3-36db-41d7-9944-d9823dbdffc5

24  Nvidias Grafikkarten bilden nahezu ausschließlich die technische Hardware-Basis des KI-Booms. Der Grafikkartenhersteller ist inzwischen zum teuersten Konzern der Welt aufgestiegen.

25  https://www.youtube.com/watch?v=cUrJVdF2me0

26  https://gizmodo.com/nvidia-supercomputers-for-trump-2000678264

27  https://www.konicz.info/2024/03/05/ki-und-kulturindustrie/

28  https://www.konicz.info/2024/04/19/ki-als-der-finale-automatisierungsschub/

29  https://www.konicz.info/2025/11/09/die-kuenstliche-intelligenzblase/

30  https://www.telepolis.de/article/Die-Krise-kurz-erklaert-3392493.html

31  https://www.konicz.info/2024/04/19/ki-als-der-finale-automatisierungsschub/

32  https://arstechnica.com/information-technology/2025/12/how-do-ai-coding-agents-work-we-look-under-the-hood/?comments-page=1#comments

33  https://www.msn.com/en-us/technology/artificial-intelligence/bernie-sanders-calls-for-robot-tax-to-protect-workers-from-the-impacts-of-ai/ar-AA1O5s7I

34  https://www.konicz.info/2017/11/15/kuenstliche-intelligenz-und-kapital/

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