Hallo zurück im Mittelalter!

„Junge Welt“, 12.11.2009
Die neue Wissenschaft der Frankfurter Allgemeinen

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 24. Oktober empfahl der Publizist Dimitrios Kisoudis dem deutschen Bürgertum, sich »eurasisch« auszurichten. Es schneide sich durch die »Fehlorientierung« an der »transatlantischen Partnerschaft« mit den USA von der »eurasischen Landmasse« ab. Durch eine Allianz mit Rußland, aufgebaut auf der Kooperation im Energiesektor, solle Deutschland Teil des »Energieraumes Eurasien« werden.

So explizit ist der Bruch mit Washington in dem Eliteblatt selten propagiert worden. Mit verblüffender Offenheit nannte der Verfasser auch die Quelle seiner geopolitischen Inspirationen: Aleksandr Dugin, »Anführer der eurasischen Bewegung«, entwerfe eine »Großraumordnung von Cádiz bis Wladiwostok«, die bei der »jungen Elite Rußlands auf Anklang« stoße. Die positive Bezugnahme auf Dugin deutet auf einen Kurswechsel innerhalb des Zentralorgans der hiesigen Bourgeoisie hin, ließ es doch dessen kometenhaften Aufstieg am 11. April 2008 noch als rückwärts gewandten Kampf gegen die »Hydra des Liberalismus« kommentieren.

Tatsächlich begann Dugins Karriere im Spektrum reaktionärer und ordinär faschistischer Kräfte. In den 90ern gehörte er zu den Führungsmitgliedern der Nationalbolschewistischen Partei, war kurzzeitig in der antisemitischen Bewegung »Pamjat« (Erinnerung) und der Nazipartei »Russische Nationale Einheit« aktiv. Sein politischer Aufstieg war eng mit Beratertätigkeiten für Politiker verbunden. Im vergangenen Jahr erhielt er eine Professur an der Universität Moskau. Sein »Neo-Eurasismus« ist perfekt auf die strategischen Großmachtambitionen Rußlands abgestimmt. Dugins manichäische Ideologie sieht die Welt verwickelt in einem jahrtausendealten titanischen Kampf zwischen Eurasiern (mit Rußland als derzeitigem Zentrum) und Atlantikern (angeführt von den USA). Die eurasischen Mächte seien traditionell, organisch und hierarchisch organisiert, wohingegen in den atlantischen »Seemächten« liberale und kosmopolitische Vorstellungen dominierten. Der Kampf zwischen den beiden Zivilisationen – der teilweise zwischen Geheimgesellschaften geführt wurde – nähere sich heute seinem Endstadium.

Dugin nimmt die Propaganda, mit der US-Neocons ihre Kriege legitimieren, beim Wort, und entwirft in Anlehnung an die neurechte Idee des Ethnopluralismus eine Gegenideologie, in der kulturelle Traditionen dem Mantra von »freedom and democracy« entgegenstehen. Das geht mit dem multiethnischen Charakter Rußlands zusammen: Alle in ihren kulturellen Traditionen verbleibenden Ethnien haben einen Platz im angestrebten eurasischen Imperium. Es gibt noch einen weiteren Unterschied zur Ideologie der Neocons, die ja Alternativen zum gegenwärtigen Weltsystem schlicht für undenkbar halten: Dugin gibt sich pseudorevolutionär. Gern benutzt er den paradoxen Begriff der »konservativen Revolution«. Den von »atlantischen«, also liberalen Werten dominierten Gesellschaften stellt er eine »revolutionäre« Hinwendung zu ihren Traditionen in Aussicht – selbst wenn diese Traditionen erst noch erfunden werden müßten.

Auf deutsche Reaktionäre übt dieser Quatsch eine besondere Anziehungskraft aus, weil sich Dugin auf Wegbereiter des Faschismus wie Carl Schmitt bezieht. Die Bezeichnung der eurasischen Landmächte als »Tellurokratien« und der atlantischen Seemächte als »Tallasokratien« übernahm der Russe direkt von Schmitt. Auch das imperialistische Konzept einer eurasischen Hegemonie stammt aus dieser trüben Quelle, wie Kisoudis im eingangs erwähnten Artikel ausführte: »Dugin entwirft seine »Pax eurasiatica« in Anlehnung an Carl Schmitts Konzept einer europäischen Monroe-Doktrin. Der Hegemon verbittet sich Interventionen ›raumfremder Mächte‹ und beschränkt die Souveränität der anderen Völker im Großraum.«

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