Taliban als Staatsräson

09.09.2021

Wie die Zerfallsprodukte des Antiimperialismus Werbung für den Imperialismus machen. Linker Opportunismus in der Krise, Teil 1.

Bis vor Kurzem soll es sie tatsächlich noch gegeben haben, die gemäßigten Islamisten in Afghanistan, nach denen sich Deutschlands Politik und Medien innigst sehnen. Sie wurden gerade, mit der Unterstützung pakistanischer Streitkräfte, von den Taliban im Pandschir-Tal zusammengeschossen. Die rund 100 Kilometer nördlich von Kabul gelegene Provinz, in der mehr als 150 000 Menschen leben, gilt als das Symbol afghanischen Widerstandswillens. Das Tal ist von bis 3000 Meter hohen Bergen umgeben, nur eine sehr leicht zu verteidigende Straße führt in das Pandschir. Weder den Sowjets, noch den Taliban während ihrer ersten Terrorherrschaft (1996-2001) gelang es, in der Region Fuß zu fassen, oder sie gar vollständig zu erobern. Der Führer der damaligen Nordallianz, der 2001 bei einem Selbstmordanschlag umgekommene Ahmed Schah Massud, gilt als ein Nationalheld Afghanistans.

Doch diesmal konnten die im Pandschir-Tal verschanzten Kräfte, die sich aus unterschiedlichen Gründen dem Islamofaschismus der paschtunischen Taliban verweigerten, ihre Verteidigungslinien nicht halten. Zuerst sah es noch nach einem ersten Sieg der lokalen Milizen aus, die angeführt von dem Sohn Massuds, Ahmad Massoud,1 unter dem Namen Nationale Widerstandsfront Afghanistans2 agierten. Tausende Taliban, die durch den engen Taleingang vorrückten, sollen Anfang September eingekesselt3 worden sein – es zeichnete sich ein militärisches Desaster4 für die Steinzeitislamisten ab. Doch dann kamen die Kampfhubschrauber, die Kommandoeinheiten und die Drohnen.5 Pakistanische Armeinheiten griffen in einer großangelegten Luftlandeoperation an der Seite der Taliban ein, um den Widerstand im Pandschir-Tal zu brechen. US-Militärkreise bestätigten gegenüber Medienvertretern, dass 27 Hubschrauber mit Spezialkräften, unterstützt von Drohnen, in die Kämpfe eingriffen.6 Hierbei handelte es sich faktisch um eine imperialistische Militärintervention Pakistans, um den Taliban zum schnellen Sieg in der symbolträchtigen Region zu verhelfen.

Seit dem Durchbruch der Taliban sickern Berichte über Massaker7, Vertreibungen8 und Kriegsgreuel9 aus dem Pandschir-Tal, die nicht auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden können – auch, weil die westlichen Medien die Vorgänge in der gefallenen Widerstandsbastion souverän ignorieren. Ebenso verhält es sich mit den verzweifelten Hilfsappellen der Nationalen Widerstandsfront an die „internationale Gemeinschaft“10. Derweil sprechen US-Medien durchaus offen aus, weshalb all jene Kräfte, die sich der Herrschaft der Taliban widersetzen, keine Chance haben werden.11 Die „internationale Gemeinschaft“ will die Herrschaft der Taliban.

Alle wichtigen Mächte wie die „USA, Russland, China, Deutschland und Großbritannien“ seinen gewillt, den Taliban „eine Chance zu geben“, wenn sie sich „bessern“ würden. Solange die Gotteskrieger sicherstellten, dass Afghanistan nicht abermals eine Operationsbasis für Terroristen werde, hätte die internationale Gemeinschaft „kein Problem“ mit ihrer Herrschaft. „Natürlich“ müssten noch „Normen“ wie Menschen-, Frauen und Kinderrechte erwähnt werden. Der Islamofaschismus soll somit, wie berichtet,12 als ein Ordnungsfaktor etabliert werden. Deswegen sprechen westliche Medien nun von einer „Regierung“, die die Taliban bilden würden – und nicht etwa von einem Regime. Deswegen gibt das State Department in einer bitterbösen Realsatire seiner Sorge Ausdruck, dass diese „geschäftsführende Regierung“ nur männliche Mitglieder habe.13

Der Eindruck, die Taliban hätten sich irgendwie „gebessert“, soll zumindest in der heimischen Öffentlichkeit den Umstand kaschieren, dass hier ein Pakt mit dem islamischen Faschismus eingegangen wird, der in einer sozioökonomischen Zusammenbruchsregion, die auch nach einer 20-jährigen Besatzungszeit nicht in einen bürgerlichen Nationalstaat verwandelt werden konnte, die Rolle des Gefängniswärters übernehmen soll. Doch die Taliban machen es den westlichen Meinungsmacher wirklich nicht leicht.

In der neuen – nun ja – „Regierung“ der Taliban seien lauter Hardliner14 zu finden, die schon im ersten Terrorregime der Islamofaschisten Schlüsselpositionen15 innehatten, jammerten Westmedien, sie hielten ihre Versprechen zu Frauenrechten16 nicht ein und ließen Frauendemonstrationen in Kabul angreifen.17 Journalisten, die über die Proteste berichten wollten, wurden verhaftet und schwer gefoltert.18 Überdies sind in dem – let’s be serious – neuen Talibanregime fast nur die eng mit Pakistan verbündeten Paschtunen vertreten, andrer Ethnien seien unterrepräsentiert, was kaum dazu beitragen dürfte, die ethnischen Spannungen in der Region zu mildern.

Doch die Gespräche zwischen der Bundesregierung und den Taliban, auf deren Fortführung Merkel Anfang September insistierte,19 dürften trotz dieser evidenten Faschisierung weiterlaufen. Kurz zuvor bot Heiko Maaß den Taliban Geld an,20 um „praktische Probleme zu lösen“ und den „Menschen in Afghanistan zu helfen“ (ein Kode für die Unterdrückung von Fluchtbewegungen). Echte Anerkennung – die offenbar nur eine Frage der Zeit und des politischen Preises ist – werde es aber nur geben, wenn die Forderungen der EU erfüllt würden. Zur Erinnerung: dieselbe Bundesregierung, die dem frischgebackenen „Emirat“ in Afghanistan viele Millionen Euro nachwerfen will, weigert sich beharrlich, Gespräche mit der demokratischen Selbstverwaltung in Nordsyrien, mit Rojava auch nur zu führen, da diese „terroristisch“ sein solle.21

Die Taliban sprechen längst offen aus, wieso vor allem die Bundesregierung – getrieben durch eine panische Angst vor einer neuen Flüchtlingskrise – die Gespräche mit den Steinzeitislamisten nicht abreißen lassen will und sich so überaus spendierfreudig gegenüber dem Emirat zeigt. Im Interview mit der rechten österreichischen Boulevardblatt Kronen-Zeitung erklärte ein Talibansprecher auf Nachfrage, dass sein Regime selbstverständlich in Deutschland und Österreich abgelehnte Asylbewerber bei Abschiebungen aufnehmen würde. Alles reine Verhandlungsfrage – da die Taliban zur Stabilisierung ihrer Herrschaft auf Geld und Anerkennung angewiesen sind.22 Die ins Emirat abgeschobenen Flüchtlinge würden dann vor Gericht gestellt und gemäß der extremistischen Interpretation der islamischen Scharia-Rechtsprechung, wie sie die Taliban praktizieren, abgeurteilt. Mit solch „pragmatisch“ veranlagten Taliban wird man doch keine Gesprächsfaden abbrechen lassen, auch wenn die endgültige Anerkennung des Terrorregimes durch Berlin wohl noch aus Publicitygründen eine Weile auf sich werten lassen wird – sie dürfte von den Verhandlungen, etwa in der Flüchtlingsfrage, abhängig sein.23

Verhandlungen, die ein umfassendes Abkommen mit den Taliban zum Ziel haben – ähnlich dem dreckigen Flüchtlingsdeal mit dem Erdogan-Regime -, bilden somit derzeit die deutsche Staatsräson auf dem Feld der Außenpolitik. Jeder, der Teil einer künftigen Regierung sein will, muss sich schon jetzt darin einüben, diese Staatsräson zu praktizieren – also die „guten“ Seiten der Terrorislamisten betonen, ihnen einen praktischen Charakter, eine grundlegende Wandlungsfähigkeit andichten. Gerade für nominell progressive, linke Kräfte, die nun unbedingt den opportunistischen Gang durch die Institutionen antreten wollen, braucht es ideologische Pfade, die einen solchen Pakt ermöglichen würden. Irgendwie muss es ja ein Narrativ aufgebaut werden, um Deals mit den Taliban zu rechtfertigen.

Im Fall der Linkspartei, die bei ihren Avancen an Rot-Grün in der heißen Wahlkampfphase schon einen guten ihres Parteiprogramms über Bord geworfen hat, scheinen hierfür die ideologischen Verwesungsprodukte des Antiimperialismus – angereichert mit der üblichen Dosis reaktionären Antiamerikanismus – geradezu prädestiniert zu sein. Während die Parteiprominenz schon Mitte August, ganz auf Merkel-Linie, für Gespräche und Hilfsangebote an die Taliban plädierte,24 ließen die Parteipostillen wenig später so richtig die Sau raus. Marx 21, Organ des ehemaligen trotzkistischen Linksruck-Netzwerkes (auf Demos der 90er mit seinen peinlichen Sprüchen und Auftritten zuverlässiger Cringe-Lieferant),25 feierte den Durchmarsch der Taliban als einen antiimperialistischen Sieg, der ein Ende der Besatzung der USA mit sich brächte.26

Die Autoren schwärmten von der gerechten Justiz der Taliban, von ihrem Kampf für die Armen und Unterdrückten und gegen die allgegenwärtige Korruption in dem Failed State. Der „paschtunische Chauvinismus“ spiele kaum noch eine Rolle, die Mehrheit der Gottenkriege lehnte Angriffe auf religiöse Minderheiten ab. Zudem würden die „Neo-Taliban“ sich „für die Rechte der Frauen einsetzen“, wusste das Zentralorgan des ehemaligen Linksruck zu berichten. Ach ja, und Musik und Videos würden die „neuen“ Islamisten nun auch „begrüßen“, sowie die – so wörtlich – „puritanischsten Seiten“ ihrer früheren Herrschaft abmildern – großes Indianerehrenwort. Getoppt wurde dieser opportunistische Unsinn, der von der realen Entwicklung nach wenigen Tagen Talibanherrschaft nahezu vollständig widerlegt27 wurde, nur noch vom Querfrontorgan Telepolis, das ein Racket aus dem Wagenknecht-Flügel der Linkspartei Anfang 2021 gekapert hat. Dort hat man es tatsächlich geschafft, jemanden aufzustöbern, der die Taliban als eine „soziale Bewegung“ Titulierte.28

Mal ganz abgesehen davon, dass die Herren Antiimperialisten zuverlässig die imperialistische Intervention Pakistans, die Unterstützung der Türkei zugunsten der Steinzeitislamisten ausblenden – in diesem Milieu, dass nun in den Staatsapparat drängt, gibt es nur einen US-Imperialismus, der als ideologische Waffe zur opportunistischen Apologetik um so wertvoller ist, je stärker sich der imperiale Abstieg der USA beschleunigt. Faktisch befindet sich der deutsche Antiimp, der bekanntlich hervorragend weghören kann, wenn mal vom deutschen Imperialismus die Rede sein soll, hier auf Regierungslinie.

Während Merkel noch die Nase rümpft und die Taliban als eine „neue Realität“ in die imperiale deutsche Abschottungsstrategie – in bewährter Arbeitsteilung mit dem türkischen Regime29 – einbinden will, können es die Verwesungsprodukte der orthodoxen deutschen Linken in und um die Linkspartei kaum noch abwarten, die heldenhaften antiimperialistischen Kämpfer am Hindukusch mit Geld zu überschütten. Deutschlands Antiimps werden so zu Propagandisten deutscher Interessen, faktisch des deutschen Imperialismus. Dies ist eigentlich eine nur konsequente Entwicklung für eine deutsche Linke, in der Sozialdemokraten vorzugsweise Sozialabbau betreiben und die einstmals pazifistischen Grünen Angriffskriege führen.

Dieses in anachronistischen Kategorien aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts – nun ja – denkende Milieu, das vor allem im national-sozialen Wagenknecht-Lager braun anläuft, befindet sich übrigens auch in dieser Frage bekannter Gesellschaft. Denn selbstverständlich feiern auch Deutschlands Nazis den Sieg der Taliban,30 die sie sehr wohl Brüder31 im barbarischen, antizivilisatorischen Geiste begreifen. Da wünscht mensch sich doch, dass die Grünen und die SPD sich doch noch erbarmen, das flehen der Linkspartei erhören, sie in der Koalition zum Nulltarif mitmachen lassen, damit dieser anachronistischer Bullshit sich endlich bis auf die Knochen blamiert, und die weitere Auseinandersetzung damit endlich sich erübrigt.

Den Frieden mit dem Terrorregime der Taliban schließen zu wollen, ist genauso verkehrt, wie die Parteinahme für die Intervention der USA somit Nato-Anhang in dem Failed State, die mit ihrem blutigen „nation building“ scheitern mussten, da sie nur die korrupte Fassade eines kapitalistischen Staates errichten konnten,32 dem die ökonomische Basis in der Zusammenbruchsregion fehlte.33 Der sozioökologische kapitalistische Krisenprozess, der in gescheiterten Staaten wie Afghanistan sein vorläufiges Endstadium in Verelendung und blankem Hunger findet, ist irreversibel. Folglich werden auch die Taliban kein Modernisierungsregime erreichen, sondern eine theokratische Barbarei, die die pauperisierten Massen in Schach halten dürfte, solange sie von den Zentren dafür bezahlt wird. Vielen deutschen Antiimperialisten, die sich oftmals in Regression Richtung neue Rechte befinden, dürfte dies auch reichen.

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11https://www.news18.com/news/opinion/resistance-is-futile-why-panjshir-falling-to-the-taliban-is-inevitable-4172375.html

12http://www.konicz.info/?p=4464

13https://thehill.com/policy/international/571205-state-dept-voices-concerns-over-all-male-taliban-government

14https://www.tagesspiegel.de/politik/vom-fbi-gesucht-aus-guantanamo-entlassen-das-sind-die-hardliner-in-der-neuen-taliban-regierung/27592192.html

15https://www.nytimes.com/live/2021/09/07/world/afghanistan-news#hard-liners-predominate-as-the-taliban-begins-filling-the-government

16https://www.fr.de/politik/afghanistan-news-taliban-regierung-krieg-terror-widerstand-usa-live-ticker-zr-90967585.html

17https://www.nytimes.com/live/2021/09/07/world/afghanistan-news#women-peacefully-protesting-in-kabul-were-beaten-by-the-taliban

18https://twitter.com/yamphoto/status/1435738713452158979

19https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/merkel-will-gespraeche-zu-taliban-nicht-abreissen-lassen,Si9KTXu

20https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/maas-bietet-taliban-zu-bedingungen-geld-fuer-afghanistan-an-17514655.html

21https://twitter.com/FuocoSavinelli/status/1435148843700690947

22https://www.sueddeutsche.de/politik/afghanistan-taliban-westen-1.5401800

23https://www.yahoo.com/news/taliban-back-europes-afghan-deportees-174708635.html?utm_source=pocket_mylist

24https://www.oldenburger-onlinezeitung.de/nachrichten/gysi-fuer-hilfsangebote-an-taliban-in-afghanistan-69082.html

25https://de.wikipedia.org/wiki/Linksruck

26https://www.marx21.de/rueckkehr-taliban-ende-besatzung-afghanistan/

27https://twitter.com/TajudenSoroush/status/1435971280117846026

28https://www.heise.de/tp/features/Taliban-Die-Entstehung-einer-sozialen-Bewegung-6175657.html

29https://www.badische-zeitung.de/erdogan-biedert-sich-bei-den-taliban-an

30https://www.tagesschau.de/investigativ/rechtsextreme-taliban-afghanistan-101.html

31http://www.konicz.info/?p=4430

32https://www.konkret-magazin.de/aktuell/626-unter-feuer

33http://www.konicz.info/?p=4464

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