Start ins Atomzeitalter verzögert sich

Text erschien leicht modifiziert in „Neues Deutschland“, 11.01.2012
Wachsender Protest an den möglichen Standorten für polnisches AKW zeigt erste Wirkung
Aus Deutschland sind zehntausende Einwendungen gegen das polnische Nuklerarprogramm eingegangen. Doch auch vor Ort formiert sich massiver Widerstand.

Warschaus geplanter Einstieg in die strahlende Zukunft des Atomzeitalters gestaltet sich holpriger als von der Politik anfangs angenommen. Polens führender Energieversorger PGE habe „ein Problem“, berichtete etwa die konservative polnische Tageszeitung Rzeczpospolita ende Dezember, da „immer mehr Gemeinden Zweifel“ an der Errichtung eines Nuklearkraftwerks in ihrer Nähe hätten. Sollte PGE (Polska Grupa Energetyczna) nicht bald eine geeignete Form der „Kommunikation mit der lokalen Bevölkerung“ finden, drohe der „wachsende soziale Widerstand“ die „Pläne zur Errichtung eines Atommeiler in Mittelpommern“ (Pomorze Środkowe) zu vereiteln, so die Rzeczpospolita.

Insbesondere in der kleinen Gemeinde Gąski kam es nach der Veröffentlichung der engeren Standortauswahl durch den Energieversorger PGE, der mit dem Betrieb des ersten polnischen Atommeilers betraut wurde, zu heftigen Reaktionen. Bei ersten öffentlichen Informationsveranstaltungen von Bürgerinitiativen mitte Dezember nahmen Hunderte empörter Anwohner teil, die auch von den lokalen Politikern der rechtsliberalen Regierungspartei PO (Bürgerplattform) unterstützt wurden: „Wir haben jahrelang den Tourismus in der Region ausgebaut,“ erklärte etwa der PO-Präsident der Stadt Kolobrzeg, Piotr Gromek, bei einer Protestveranstaltung in Gąski Mitte Dezember. Ein Atomkraftwerk in dieser Tourismusregion werde „unsere Arbeit zerstören.“

Inzwischen konnte eine Bürgerinitiative in der unweit von Gąski gelegenen Gemeinde Mielno ein Referendum über das Atomkraftwerk erfolgreich initiieren. Binnen kürzester Zeit wurden in der knapp 2200 Einwohner zählenden Ortschaft rund 800 Unterschriften gegen den Atommeiler gesammelt. Die führende polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza schrieb angesichts des wachsenden Unmuts in der Bevölkerung von einer „Atompanik“ in der Region. Ausgelöst wurden die Proteste durch die Bekanntgabe der potenziellen Standorte des ersten polnischen Nuklearkraftwerks, das 2020 ans Netz gehen soll. Die Ankündigung der engeren Standortwahl erfolgte ohne breite Konsultationen mit der Bevölkerung. Die Wojowodin der Gemeinde Mielno, Olga Roszak-Pezała, erklärte gegenüber der Gazeta Wyborcza, sie sei von dieser plötzlichen Nachricht schlicht „geschockt“ gewesen.

Bei einem Interview Anfang Januar gab sich der Direktor der Nuklearabteilung von PGE, Marcin Ciepliński, von den Protesten unbeeindruckt. Es gebe keinerlei Pläne, die Liste der drei potenziellen Nuklearstandorte an der polnischen Ostseeküste zu ändern, die anhand „objektiver Kriterien“ erstellt wurde. Neben Gąski befinden sich noch Choczewo und Żarnowiec auf der Atomliste von PGE. Diese beiden letztgenannten Standorte befinden sich unweit der Ballungszentren Gdansk und Gdynia. Die Bewohner dieser Ortschaften sollen bei einer Art Nukleartourismus Gelegenheit bekommen, auf Kosten der PGE ausgesuchte Atomkraftwerke in Westeuropa zu besuchen, meldeten polnische Medien am 5. Januar. Dennoch verzögert sich Polens Fahrplan ins Atomzeitalter bereits erheblich. Die eigentlich für 2011 geplante Ausschreibung zum Bau des Atommeilers musste von PGE ende Dezember auf unbestimmte zeit verschoben werden. Ähnlich verhält es sich mit der endgültigen Standortauswahl, die laut der Gazeta Wyborcza nicht wie ursprünglich geplant 2013, sondern erst 2014 fallen soll.

Besonders viele Einwände gegen die polnischen Atompläne kommen aber aus Deutschland. Es habe über „20 000 Zuschriften aus Deutschland“ an Regierungsstellen in Warschau gegeben, die sich gegen den Einstieg Polens in die Atomkraft aussprachen, erklärte die stellvertretende polnische Wirtschaftsministerin Hanna Trojanowska ende Dezember. Am 4. Januar haben deutsche Atomkraftgegner sogar 50 000 Unterschriften gegen Polens Nuklearpläne den Mitarbeitern der polnischen Botschaft in Berlin übergeben. Inzwischen versuchen auch die braunen Trittbrettfahrer der NDP, auf den Anti-Atom-Zug aufzuspringen und die breite Ablehnung der Atomkraft mit antipolnischen Ressentiments anzureichern: „Atomtod aus Polen Stoppen,“ ließen die Nazis in der deutsch-polnischen Grenzregion plakatieren, die sich auch noch das Adjektiv „ökologisch“ verpassten.

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