Ende der Schonzeit

„Junge Welt“, 06.08.2009
Steht ein globaler Temperatursprung bevor? Verstärkte Sonnenaktivitäten und der El-Niño-Effekt legen es nahe

Seit ihrer Entdeckung durch den deutschen Astronomen Samuel Heinrich Schwabe im Jahre 1843 werden die Sonnenflecken von der Wissenschaft studiert. Die durch lokale Störungen im gewaltigen Magnetfeld der Sonne hervorgerufenen dunklen Regionen, deren Aufkommen und Verschwinden auf der Sonnenoberfläche sich in rund elfjährigen Zyklen vollzieht, gelten als zuverlässigste Indikatoren der Sonnenaktivität. In Perioden mit wenigen oder keinen Sonnenflecken sinkt die Sonnenstrahlung um zirka 0,1 Prozent.

Der Wissenschaft sind starke Abweichungen von diesem Sonnenfleckenzyklus bekannt, beispielsweise das nach dessen Entdecker, dem englischen Astronom Edward Walter Maunder, benannte »Maunderminimum«. Diese im Nachhinein ermittelte Periode äußerst geringer Sonnenfleckenaktivität zwischen 1645 und 1715 fiel mit der sogenannten kleinen Eiszeit zusammen, die durch lange Winter und kühle Sommer in Europa gekennzeichnet war.

Wie groß der Einfluß der Sonnenaktivität auf den Klimawandel ist, darüber streiten sich Wissenschaftler. Die meisten gehen davon aus, daß die Fluktuation der Sonneneinstrahlung 20 bis 30 Prozent der Dynamik des Klimawandels ausmacht. Das Minimum der Modellrechnungen sind vier Prozent, das Maximum 70 Prozent. In der kommenden Ausgabe der Geophysical Research Letters erscheint eine Studie zur aktuellen Klimaentwicklung, deren Autoren Judith Lean (US Naval Research Laboratory) und David Rind (Nasa’s Goddard Institute for Space Studies) sich auf vier Faktoren konzentrieren, die den Wandel befördern: anthropogene Einflüsse, Sonnenfleckenzyklus, vulkanische Aktivitäten und El-Niño-Effekt. Beim letzteren handelt es sich um – alle drei bis acht Jahre auftretende – Änderungen der Oberflächentemperatur und der Strömungsverhältnisse im südlichen Pazifik, die enorme klimatische Anomalien verursachen.

Die relative Stabilität der weltweiten Durchschnittstemperatur nach einem extremen Temperaturanstieg von 1998 wird von Lean/Rind auf eine besonders lange »Ruhephase« verminderter Sonnenaktivität zurückgeführt. Es sei die »längste fleckenlose Zeit seit gut hundert Jahren«, bestätigte der Leiter der Forschungsgruppe Sonne am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, Sami Solanki, Anfang Juli. Dieses Phänomen hat laut Lean/Rind die Klimaerwärmung verlangsamt, die aufgrund permanent steigender CO2-Konzentration in der Atmosphäre eigentlich weitaus schneller hätte voranschreiten müssen. Außerdem sei die Erderwärmung durch einen weiteren gegenläufigen Trend abgebremst worden: vergleichsweise schwach ausgeprägte El-Niño-Ereignisse.

Sollten sich die Indizien für eine nun zunehmende Sonnenaktivität verdichten, droht dem globalen Klimasystem laut Lean/Rind in den nächsten fünf Jahren ein regelrechter Temperatursprung. Die Wissenschaftler gehen davon aus, daß der Temperaturanstieg in dieser Periode um bis zu 150 Prozent über denen Prognosen des Weltklimarates (IPCC) liegen könnte. Zudem mehren sich die Hinweise auf starke El-Niño-Effekte noch im laufenden Jahr. Diese Effekte waren 1998 von zentraler Bedeutung, dem global wärmsten Jahr, das jemals gemessen wurde.

Ausgangspunkt des komplexen El-Niño-Phänomens, das massive klimatische Fernwirkungen in Südamerika, Afrika, Australien und Südostasien zeitigt – katastrophale Überschwemmungen oder lang anhaltenden Dürren – ist ein Anstieg der Temperatur im äquatorialen Pazifik, unweit der Küste Südamerikas. Genau dies ist zur Zeit der Fall. »El-Niño startet. Dies wird signifikante Auswirkungen auf das globale Wetter, den Zustand der Ozeane und die Fischerei haben«, warnte Mitte Juli die Wetter- und Ozeanographiebehörde (NOAA) der Vereinigten Staaten.

Die Oberflächentemperaturen in einem Areal des Pazifik vom Umfang Europas steigen seit sechs Monaten stetig. »Sie liegen bereits ein Grad Celsius über den Durchschnittswert«, erklärte kürzlich ein Sprecher des australischen meteorologischen Büros gegenüber der englischen Zeitung Guardian. »Die Unterwasser-Temperaturen sind um vier Grad Celsius über den Normalwert gestiegen.« Mit einem starken El-Niño könnte der Temperaturrekord von 1998 übertroffen werden. Auch die CO2-Konzentration ist zwischenzeitlich stark angestiegenen. Dazu kommt die Sonnenaktivität. Das Erwärmungspotential ist ungleich höher als vor elf Jahren. Günstige Faktoren scheinen in den vergangenen Jahren zu einer Art »Schonzeit« in Sachen Klimaerwärmung geführt zu haben – diese ist nun wohl vorbei.

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