Kapitalismus mit menschlicher Fratze

Konkret 07/2016

Alles wird gut – wenn nur alle gut werden. Das ist in etwa die Logik, die hinter all den Organisationsansätzen, Initiativen, Gesetzen und Ideologemen zu finden ist, die einen ethischen Kapitalismus, einen Kapitalismus mit menschlichem Antlitz erkämpfen wollen. Kaum ein Konzern kommt ohne den Hinweis aus, seine Produkte würden nach ethisch einwandfreien Prinzipien produziert, und eine längst unüberschaubare Menge von Labels, Zertifikaten und Standards versichert dem Verbraucher in den Zentren, dass sein Konsum nicht auf Ausbeutung basiere oder durch Ressourcenraub in der Peripherie möglich gemacht werde.

Neben dem Fair-Trade-Siegel, das fairen Handel durch höhere Verdienste der Produzenten (etwa bei Schokolade) in der „Dritten Welt“ verspricht, können ethisch gestimmte Konsumenten auch nach Kleidung Ausschau halten, die von der Fair Wear Foundation zertifiziert wurde. Deren Siegel soll die Einhaltung fairer und „menschenwürdiger Arbeitsbedingungen“ in der Textilindustrie der Peripherie garantieren – was angesichts der barbarischen Zustände etwa in Bangladesch oder Kambodscha (siehe konkret 7/13) tatsächlich einen revolutionären Umbruch gleichkäme. Fair gehandelte Naturprodukte wie Obst, Gemüse, Blumen oder Kräuter garantieren Zertifikate wie „Fair Flowers Fair Plants“, „FairWild“, „Flower Label Program“, oder das Siegel der „Rainforest Alliance“.

Der Trend zur Fairness ist längst im Mainstream angekommen: Fast alle Ananas und Bananen in deutschen Supermärkten tragen bereits solche Nachhaltigkeitssiegel. Leverkusen bemüht sich derweil, als „Fairtrade-Town“ dadurch zertifiziert zu werden, dass eine bestimmte Quote von Fairtrade-Produkten in den Geschäften und Gastronomiebetrieben der Stadt erreicht wird. Der Umsatz der Fairness-Branche ist in der vergangenen Dekade geradezu explodiert: von 72 Millionen Euro 2005 auf 978 Millionen 2015.

Längst ist auch die deutsche Bio-Branche auf den Zeitgeistzug des „fairen Kapitalismus“ aufgesprungen. Das Bio-Siegel „Naturland“ wurde mit Vorschriften zur Einhaltung sozialer und arbeitsrechtlicher Standards angereichert, die nun das Label „Naturland Fair“ garantiert. Die Rapunzel Naturkost AG pflegt Das Siegel „Hand-In-Hand“, das ebenfalls menschenwürdige Arbeitsbedingungen voraussetzen soll. Für nahezu alle Produktgruppen gibt es „faire“ Siegel, die nicht nur von der Bio-Branche gefördert werden. Besteht sogar Interesse an fair gehandelten Steinen? Das 2005 gegründete XertifiX-Siegel garantiert, dass bei den zertifizierten Steinbrüchen keine Kinderarbeit verwertet wird und soziale wie arbeitsrechtliche Mindeststandards eingehalten werden.

Bei dieser Bewegung zu einem ethischen Kapitalismus handelt es sich keineswegs nur um eine billige Werbekampagne. Selbstverständlich gibt es den üblichen Etikettenschwindel, den zuletzt etwa die NGO Oxfam bei den Betrieben der Rainforest Alliance aufdeckte, wo Arbeiter und Gewerkschaftler eingeschüchtert und Pestiziden ausgesetzt werden. Dennoch ist der Betrug in der Fairness-Branche keineswegs die Regel, die Bewegung hat eine reale Grundlage. Die Bauern oder Plantagenbesitzer, die das Glück haben, in der Peripherie etwa im Rahmen des Fair-Trade-Programms ihre Agrarprodukte absetzen zu können, haben dank der garantierten „fairen“ Mindestpreise tatsächlich bessere Marktpositionen als ihre Konkurrenten, die auf dem freien Markt bestehen müssen.

Das heißt natürlich nicht, dass bei Fair-Trade-Plantagen die Arbeiterinnen oder Tagelöhner, die dort ackern, immer höhere Löhne erhalten müssen, wie die Umwelt-Sozialwissenschaftlerin und Buchautorin Sarah Besky in einem Zeitungsinterview am Beispiel Indiens ausführte: „Wir Konsumenten denken, dass Arbeiter mehr Geld verdienen müssen, weil wir ja im Supermarkt mehr für Fairtrade-Produkte bezahlen. Aber auf der Plantage ist das nicht der Fall. Wenn jemand mehr verdient, dann der Plantagenbetreiber. Die Löhne sind je Bundesstaat in Indien für alle Plantagenarbeiter dieselben, weil sie gesetzlich festgelegt sind.“ Es mache überhaupt keinen Unterschied, ob die Arbeiterinnen auf einer Bio-Plantage oder einer Fairtrade-Plantage arbeiteten, man verdiene überall dasselbe. Es kommt eben darauf an, wie die Fairness-Branche den Begriff „Produzent“ definiert.

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Die allgemeine Sehnsucht nach einem „anständigen“ Kapitalismus schlägt sich auch in Gesetzesinitiativen nieder, wie dem Vorstoß des nordrhein-westfälischen Umweltministers Johannes Remmel (Grüne), das sogenannte Kükenschreddern zu verbieten, bei dem männliche Kücken kurz nach dem Schlüpfen massenhaft getötet werden. Selbst die Finanzbranche macht sich Sorgen um den ethischen Gehalt ihrer Investments, wie die „Welt“ auf ihrer Homepage berichtete. An den Börsen hätten „die Gutmenschen“ das Kommando übernommen. „Immer mehr globale Anleger wollen mit ihren Investments die Welt besser machen. Sie trennen sich von Waffenschmieden, Kohleproduzenten, Alkoholherstellern oder Glücksspielkonzernen.“ So sei beispielsweise der französische Versicherer Axa dazu übergegangen, sich aus der Tabakbranche zurückzuziehen. Selbst der deutsche Versicherungsriese Allianz kündigte „eine Überprüfung aller Investitionsbereiche anhand ethischer Kriterien an“. Bei solch skrupolösen Faxen kann selbst der reaktionäre Wirtschaftsredakteur einer Springer-Zeitung zum Kapitalismuskritiker mutieren. Zwar seien „ethische Investments“ nun groß in Mode, doch richtige Rendite bringe nur das „Investment ins Böse“, warnte die „Welt“ Ende Mai. Aktienfonds mit moralisch verwerflichen Investments hätten die „Gutmensch-Fonds“ locker outperformt.

Natürlich liegt die „Welt“ hier falsch. Sie liefert die dumpfe Projektion, der all jene moralisch degenerierten Reaktionäre aus dem Umfeld der Neuen Rechten anhängen, die ihre eigene charakterliche Schäbigkeit und ihren Opportunismus zum Naturgesetz menschlichen Zusammenlebens auf solche Weise adeln wollen. Das Kapitalverhältnis – das über die Marktsubjekte qua der berüchtigten Sachzwänge herrscht, obwohl sie es selber buchstäblich erarbeiten – ist ein selbstbezüglicher, blinder Prozess, der sich allein nach der höchstmöglichen und sichersten Verwertung richtet. Das Kapital ist blind für die gesellschaftlichen Folgen seiner Selbstvermehrung. Kategorien von „gut“ und „böse“ kennt es nicht. Rendite kann mit Handgranaten, Kükenschreddermaschinen und auch Fair gehandeltem Kaffe erzielt werden – wenn die entsprechende Marktnachfrage gegeben ist.

Es sind nicht Profite durch „böse“ Investments, die die Welt in ein Höllenloch verwandeln, sondern die durch Profitmacherei ausgelöste globale Verwertungsdynamik – sie ist für Menschen- und Umweltvernichtung verantwortlich. Für gewöhnlich sind es tatsächlich die spritfressenden Automonster, die Handgranaten und die Kükenschreddermaschinen, mit denen im Kapitalismus Rendite gemacht wird. Doch gibt es zumindest in den Zentren des Weltsystems noch Nischen, in denen auch mit hochpreisigen, „fairen“ Produkte Rendite erzielt werden kann. Denn um nichts anderes handelt es sich bei der Fairness-Branche, die nicht zufällig gerade in der BRD expandiert, welche als großer Krisengewinner in einem rasch verelendenden Europa gilt. Fair Trade, das ist das Label für eine sozial- und umweltbewusste Mittelklasse, die sich dieses Surrogat eines guten Gewissens auch leisten kann. Schon die Unterschicht in der BRD kann dieses Feel-Good-Feeling nicht mehr käuflich erwerben.

In der gegenwärtigen kapitalistischen Systemkrise gewinnen gegenläufige Tendenzen an Dynamik. Einerseits hält auch der linken Flügel der Fairness-Branche die Erzielung von Renditen mittlerweile für eine Selbstverständlichkeit. Anderseits nimmt zwecks Beschwichtigung eines eher mentalen Unwohlseins das Bedürfnis nach „guten“ Investments zu, das Reaktionäre aller Couleur den Kopf schütteln lässt. Beide Tendenzen stehen in Wechselwirkung mit der Krisenentwicklung. Da die zunehmenden Verwerfungen der Krise nicht auf die eskalierenden inneren Widersprüche des Kapitalverhältnisses zurückgeführt werden (können), müssen „böse“ Taten für all das Böse in der Welt verantwortlich gemacht werden. Nicht in der (naturalisierten) Verwertungsbewegung des Kapitals wird die Ursache des um sich greifenden Elends und des drohenden zivilisatorischen Zusammenbruchs erkannt, sondern vor allem die Profite mit ethisch bedenklichen oder verwerflichen Produkten und Dienstleistungen gelten als Quell allen Übels. Die Ausbeutung der Ware Arbeitskraft, die der Kern des Kapitalverhältnisses ist, scheint in dieser Sicht nur unter evident ethisch verwerflichen Arbeitsbedingungen vorzuliegen – ein Paradebeispiel verkürzter linker Kapitalismuskritik.

Die Diskrepanz zwischen dem moralischen Impuls einigen Anstands und der autodestruktiven Eigendynamik des Systems lässt sich gut an den Besserungsschwüren aus Politik und Finanzwirtschaft ablesen, die nach dem Ausbruch der Weltfinanzkrise 2008 Konsens zu sein schienen, als die Immobilienblasen in den USA und Europa platzten und die Welt am Rande einer Kernschmelze des Finanzsystems stand. Politik und Banken schworen unisono, mit der Schuldenmacherei zu brechen und die Finanzmärkte jetzt aber wirklich streng an die Kandare zu nehmen. Ein Beispiel von vielen: Stephen Green, langjähriger Vorstandsvorsitzender der HSBC, outete sich 2009 in einem „FAZ“-Interview als bekennender Christ, der für einen „ethischen Kapitalismus“ kämpfen wolle. Schließlich sei Geben seliger als Nehmen: „Erfüllung erfährt erst, wer gibt. Dies steht nicht nur in der Bibel“, so der Chef einer der größten Investmentbanken der Welt. Nachdem die Finanzbranche die milliardenschweren staatlichen Bailouts, nunja: genommen hat, ist der globale Schuldenberg um läppische 57 Billionen US-Dollar gewachsen (im Zeitraum 2007 bis 2014), während das Weltfinanzsystem sich in einer neuerlichen gigantischen Spekulationsblase eingeschlossen sieht.

((Initial))

Gerade die historisch durch den Kapitalismus geformte Ethik steht einer radikalen Kritik des Kapitals im Wege. Mit der Durchsetzung des Protestantismus wurde nicht nur die Lohnarbeit im Rahmen der protestantischen Arbeitsethik religiös überhöht – auch die in der frühen Neuzeit an Breite gewinnende Akkumulation von Kapital wird insbesondere vom Calvinismus und seiner Prädestinationslehre mit sakralisiert. Innerweltlicher Erfolg gilt den Gläubigen als sicheres Indiz für ihre Auserwähltheit durch Gott, der denjenigen hilft, die sich selber zu helfen wissen. Durch größtmöglichen beruflichen Erfolg kann der Gläubige sich seines Einzugs ins Himmelreich vergewissern.

Dabei entsteht der Anschein, die Akkumulation von Kapital würde einem jenseitigen, einem religiösen Zweck dienen und nicht etwa dem Genuss des Eigentümers. Der frühe Protestantismus verachtete jede Prasserei mit den materiellen Früchten der lebenslangen Rafferei, zu der er seine Gläubigen verdammte. Die Akkumulation des Kapitals erschien als religiös begründeter Selbstzweck, dessen Verfolg mit Askese und harter Arbeit einherging. Es sei diese protestantische Ethik von Arbeit, Selbstdisziplin und religiös motivierter Anhäufung von Reichtum gewesen, der sich sukzessive in Kapital wandelte, die den Take-off des Kapitalismus im frühneuzeitigen Europa beflügelte, so argumentierte  vor allem der Soziologe Max Weber in seiner berühmten Schrift Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus.

Diese Ethik eines aufopferungsvollen Dienstes an der vom Willen der Marktsubjekte abgekoppelten Verwertungsbewegung des Kapitals ist, allen Säkularisierungsschüben zum Trotz, auch im Spätkapitalismus erhalten geblieben, der nun, in seiner finalen Systemkrise, immer mehr den Charakter einer säkularisierten Religion, einer „gesellschaftlichen Selbstmordsekte“ (Robert Kurz) annimmt. Lohnarbeit und Markttätigkeit werden gesamtgesellschaftlich immer noch – meist unbewusst – für sakrosankt gehalten. Bei den evangelikalen US-Sekten wird dieser Zusammenhang zwischen ökonomischen Erfolg und Gotteserwähltheit mitunter auch heutzutage noch explizit formuliert.

Das heißt natürlich nicht, dass die Charaktermasken, die ökonomische oder organisatorische Funktionen innerhalb dieses Verwertungsprozesses erfüllen, keine Schuld auf sich laden können. Gerade der marxsche Begriff des „automatischen Subjekts“, der nicht nur auf gesamtgesellschaftlicher Makroebene die subjekthafte Eigenbewegung des Kapitals benennt, kann das Verhältnis zwischen individueller Schuld und Systemzwang erhellen. Auf der Mikroebene des Subjekt macht er klar, dass der Automatismus der Verwertungsbewegung durch das Subjekt bewusst exekutiert werden muss, das folglich für seine subjektiven Taten voll verantwortlich ist.

Selbstverständlich „stimmt“ der Begriff der Ethik in der engen und verstümmelten kapitalistischen Variante nicht. Wie sonst wäre die tatsächlich gegebene gesellschaftliche Empörung über die Exzesse und Absurditäten des Kapitals zu erklären, die zur Geschäftsgrundlage der Fairness-Branche geworden ist und für gewöhnlich den ersten Impuls einer antikapitalistischen „Politisierung“ auslöst. Die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, resultiert aus der Empathiefähigkeit des Menschen, mit der Ungerechtigkeiten, Leiden und Schmerzen nachempfunden werden können. Es ist ein Schutzmechanismus, der alle Taten tabuisiert, die das Subjekt selbst nicht erleiden will. Das ist letztlich eine Grundbedingung des menschlichen Zivilisationsprozesses, die das Kapital auch seinen vernutzten Subjekthülsen in der Krise noch auszutreiben versucht.

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