Potemkin-Konjunktur

Junge Welt, 04.06.2013
Wirtschaft der USA hängt in der Krise fest. Mit bizarren Statistiken versuchen Meinungsmacher, den Sanierungsfall in ein Wirtschaftswunder umzudeuten

Deutschlands Meinungsmacher haben ihr altes Vorbild zurück: Die Vereinigten Staaten von Amerika seien dabei, Europa wirtschaftlich abzuhängen, berichtete die Onlineausgabe der Welt am 1. Juni. Das Medium verweist dabei auf eine kürzlich veröffentliche Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst&Young. Der zufolge seien US-Konzerne »zuletzt deutlich profitabler als ihre europäische Konkurrenz« gewesen seien. Ernst&Young verglich dabei die 2012 erzielten Renditen der 300 größten Konzerne beider Wirtschaftsgebiete. Demnach erzielten die US-Konzerne bei einem Umsatz von 7,2 Billionen Euro einen Profit von 828 Milliarden, während ihre europäischen Konkurrenten bei einem Gesamtumsatz von 7,5 Billionen Euro Gewinne von »nur« 744 Milliarden Euro auswiesen. Die Marge lag in den USA bei 11,6 Prozent, in Europa bei 9,9 Prozent.

Hauptgründe sind den Studienautoren zufolge die steigende Binnennachfrage in den USA und der dortige Boom bei der Erdgasförderung aus Schiefergestein (Fracking). Infolge dieser (ökologisch womöglich desaströsen) Fördermethode stünde der US-Industrie eine billige Energiequelle zur Verfügung, die ihr weitere Konkurrenzvorteile verschaffe. Die Los Angeles Times zitierte am 30. Mai gar einen Report der Schweizer Business School IMD, in dem die Vereinigten Staaten zum weltweit »wettbewerbsfähigsten« Wirtschaftsstandort erklärt wurden. Laut New York Times vom 31. Mai geht an der Wall Street inzwischen sogar die Angst um, daß der bislang anämische Wirtschaftsaufschwung der zurückliegenden Monate sich nun verstärken werde. Das könnte zu einem Ende der Anleiheaufkäufe und der Nullzinspolitik der US-Notenbank führen – was dann die wegen des billigen Notenbankgeldes aufgebauten Spekulationsblasen an den Aktien- und Immobilienmärkten platzen lassen würde.

Doch das sind Potemkinsche Dörfer. Selbst die offiziellen, stark manipulierten Statistiken wollen solch optimistischen Prognosen partout nicht entsprechen. Mit einer Wachstumsrate von – auf das Gesamtjahr hochgerechneten – 2,4 Prozent bleibt die US-Wirtschaft im ersten Quartal 2013 unter der Prognose der Regierung (2,5 Prozent), wobei die ohnehin geschönte Arbeitslosenrate weiterhin auf hohem Niveau (7,5 Prozent) verharrt. Real liegt sie bei mehr als 20 Prozent. Die Erwerbslosigkeit wird auch weiterhin hoch bleiben, da deren substantielle Reduzierung angesichts permanenter Produktivitätsfortschritte erst ab einem Wachstum von drei Prozent einsetzen würde.

Auch die steigende Binnennachfrage in den vergangen Monaten (Plus 3,4 Prozent im ersten Quartal 2013) – die sogleich zum neuen Konjunkturmotor erklärt wurde – ist bereits am Erlahmen: Im April seien die Konsumausgaben, die rund 70 Prozent des US-Bruttoinlandsproduktes ausmachen, »unerwartet gefallen«, berichtete der Nachrichtendienst Bloomberg am 31. Mai. Dies war der erste Rückgang seit Mai 2012. Hinzu kommen die Auswirkungen der Haushaltskürzungen in Höhe von 85 Milliarden US-Dollar (Sequester), die in diesem Jahr von der Obama-Administration realisiert werden und die zu einer weiteren Abkühlung der Konjunktur beitragen dürften.

Der temporäre Anstieg der Konsumausgaben war vor allem einem Rückgriff auf die Ersparnisse geschuldet, die Teile der schrumpfenden Mittelschicht nach dem Platzen der Immobilienblase 2007 angelegt hatten. Die ohnehin niedrige Sparrate in den USA sei im ersten Quartal – in dem die Konsumausgaben so stark anstiegen – »um 2,3 Prozent gefallen«, berichtete Bloomberg. Zugleich sank das verfügbare Einkommen wegen der mit dem Sequester einhergehenden Steuererhöhungen um 8,4 Prozent. Dies sei der größte Einbruch seit dem dritten Quartal 2008«, so Bloomberg.

Inzwischen gehe es der Mittelschicht ans Eingemachte, wie der Fernsehsender NBC unter Verweis auf jüngste Umfragen berichtete: »Einer von fünf Amerikanern gab zu, innerhalb der letzten zwölf Monate sein Rentenkonto angezapft zu haben.« Rund 20 Prozent der Befragten gaben somit zu, gerade ihre Altersvorsorge aufzuzehren.

Von einem Anstieg der Löhne können die Beschäftigten in den USA nur träumen. Als einen zutiefst »verstörenden Trend« bezeichnete die Washington Post die massive »Dezimierung der Mittelklasse-Jobs« im Gefolge der großen Rezession ab 2008 – die im folgenden »Aufschwung« durch schlecht bezahlte Arbeitsplätze ersetzt wurden. Demnach entfielen während des Abschwungs 60 Prozent aller Arbeitsplatzverluste auf Tätigkeiten mit Stundenlöhnen zwischen 13,84 und 21,13 Dollar. Ab 2009/2010 wurden dann nur 22 Prozent aller neuen Arbeitsplätze in diesem Mittelklasse-Segment geschaffen. Bei den prekären Beschäftigungen, die mit weniger als 13,84 Dollar die Stunde entlohnt werden, verhält es sich umgekehrt: Während der Rezession waren in diesem Billiglohnsektor nur 21 Prozent aller Arbeitsplatzverluste verzeichnet worden. Im folgenden angeblichen Aufschwung entstanden hier 58 Prozent aller neuen Jobs. Dieser Lohnkahlschlag von den Ausmaßen der deutschen Agenda 2010, ist das wahre Geheimnis der angeblich so toll entwickelten »Konkurrenzfähigkeit«.

Selbst beim Fracking-Boom scheinen sich die ursprünglichen optimistischen Prognosen, denen zufolge sich die USA ab 2030 zu einem Energieexporteur mausern würden, als zu optimistisch zu erweisen. Die Vorkommen würden weit überschätzt, von einer Unabhängigkeit von Ölimporten seien die USA weit entfernt, hieß es in einer jüngst publizierten Studie der Investmentgesellschaft Investec.

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