Ukrainisches Revolutionsmarketing

Publiziert am 08.08.2005 in „junge welt“

Präsidentenamt übertrug Sohn des Staatschefs Rechte an Vermarktung von Symbolen der »orangenen Revolution«

Gegen den im Zuge der »orangenen Revolution« in der Ukraine ins Präsidentenamt gespülten Viktor Juschtschenko wurden in diesen Tagen schwerwiegende Vorwürfe publik, die sich offensichtlich zu einer ersten innenpolitischen Krise ausweiten. Auslöser war der verschwenderische Lebensstil, den Juschtschenkos Sohn Andriy nicht nur pflegt, sondern auch zur Schau stellte (jW berichtete). Inzwischen ging aus mehreren Artikeln der Ukrayinska Prawda hervor, daß der Präsidentensohn seinen neuen Reichtum nicht nur möglichen Zuwendungen ukrainischer Oligarchen zu verdanken haben könnte. Die Juschtschenkos ließen alle Symbole der »orangenen Revolution« als Markenzeichen registrieren. Schon Ende des vergangenen Jahres wurden alle Rechte an diesen Symbolen, z B. der Schriftzug »Tak!« (Ja!), vom Rechtsberater des Präsidenten, Mikola Katerintschuk, an den Sohn des Staatschefs übertragen.

Als fleißiger Ökonomiestudent von 19 Jahren wußte Andriy natürlich aus diesen Vermarktungsrechten Kapital zu schlagen: In allen größeren Städten der Ukraine verkaufen nun unzählige Kleinhändler auf Marktständen und aus Bauchläden »Revolutionsdevotionalien«, die von orangefarbenen Schals, über Kaffeebecher mit dem Juschtschenko-Slogan »Tak!«, bis hin zu kitschigen Ölgemälden des Präsidenten reichen. All diese Reklameartikel müssen bei Andriy Juschtschenko lizensiert werden. Die Lizenzgebühren dafür sollen sich bereits auf mehrere Millionen Dollar belaufen.

Diese Enthüllungen lösten in der ukrainischen Öffentlichkeit einen Sturm der Entrüstung aus, die Mehrheit der an der »orangenen Revolution« beteiligten Menschen sieht ihre Ideale verraten und – im wahrsten Sinne des Wortes – verkauft. Der oppositionelle Abgeordnete Nestor Schufrisch spottete bereits über die »orangene Revolution«: »Jetzt sehen wir die Umwandlung dieser Idee in Bargeld.«

Der Präsident reagierte hingegen nicht allzu demokratisch auf die Enthüllungen. Der für die Berichterstattung und die Aufdeckung der »Geschäftspraxis« verantwortliche Reporter der Ukrayinska Prawda, Sergij Leschtschenko, sei ein bezahlter Killer, der im Auftrag des Geheimdienstes schreibe, so Viktor Juschtschenko. Der Wochenzeitung Kyiv Post zufolge verpasse der Präsident durch seine brutale Medienschelte die Gelegenheit, die Demokratie und die Medienlandschaft zu stärken: Die »demokratische Revolution« frißt ihre naiven Kinder.

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