Gespaltene Ökonomie

„Junge Welt“ vom 02.09.2006

Trotz langen Wirtschaftsaufschwungs sind die realen Löhne in den USA gesunken

Nach einer kurzen Rezession, die 2001 überwunden wurde, befindet sich die US-amerikanische Wirtschaft in einem ununterbrochenen Aufschwung. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres stieg das Bruttosozialprodukt (BSP) um vier Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die offiziell registrierte Arbeitslosigkeit beträgt in den gesamten USA gerade mal 4,8 Prozent. Doch das Bild einer heilen Wirtschaftswelt bekommt erste Kratzer, und das aus eher unerwarteter Richtung. Ein am Montag von dem einflußreichsten Unternehmerverband der Landes veröffentlichter Bericht kommt zu dem ernüchternden Schluß, daß während der gesamten Aufschwungsperiode die Reallöhne in den USA gesunken sind. Die alljährlich von der »National Association of Manufacturers« (NAM) publizierte Analyse der Arbeitsmarkt- und Lohnentwicklung beziffert diesen Rückgang mit 0,5 Prozent seit 2001. Die Löhne der im Industriesektor Beschäftigten sind der NAM-Studie zufolge real sogar um 1,7 Prozent gesunken. Verantwortlich für die Lohneinbußen der US-Bürger sei vor allem die zunehmende, durch hohe Energiepreise beförderte Inflation, so die NAM. Der im US-Verbraucherpreisindex gemessene Preisauftrieb beschleunigte sich inzwischen auf 4,3 Prozent. Die nominellen Lohnsteigerungen lagen bei 3,8 Prozent. Neben den Energiekosten sind es die ausufernden Ausgaben für die Gesundheitsvorsorge, die den Preisauftrieb beschleunigen.

Die New York Times (NYT) zeichnete am Montag ein ebenfalls düsteres Bild der Lage. Mit der beginnenden Abkühlung könne die gegenwärtige Wirtschaftsexpansion zur ersten Periode andauernden Wirtschaftswachstums seit dem Zweiten Weltkrieg avancieren, die es nicht vermochte, anhaltende Lohnzuwächse für die meisten amerikanischen Arbeiter zu generieren, so die Autoren. Laut NYT sind die Reallöhne vor allem in den letzten drei Jahren gesunken. Um zwei Prozent sank demnach die Kaufkraft der Lohnabhängigen seit 2003. Gleichzeitig stieg die Produktivität zwischen 2000 und 2005 um 16,6 Prozent.

Diese Entwicklung führte in den letzten Jahren zu einem fortschreitenden Absinken des Lohnanteils am BSP der USA. Am Anfang des fünfjährigen Wirtschaftsaufschwungs machten Löhne und Gehälter 50 Prozent des amerikanischen BSP aus, jetzt sind es nur noch 45 Prozent. Zeitgleich stieg der Anteil der Unternehmerprofite am BSP von rund sieben auf über zehn Prozent im selben Zeitraum. In einem kürzlich publizierten Report benennen auch Ökonomen der Investmentbank Goldman Sachs die Quelle der weltweit sprudelnden Unternehmensprofite mit dankenswerter Offenheit: »Der wichtigste Faktor, der zum Ansteigen der Profitspannen der Unternehmen in den letzten fünf Jahren beigetragen hat, war das Absinken des Anteils der Lohnquote am BSP.«

Das Auseinanderdriften von Produktivität und Löhnen ist in den USA ein relativ neues Phänomen. In den 50er und 60er Jahren verliefen beide Entwicklungen parallel, selbst in den 80ern konnten bescheidene Lohnzuwächse bei steigender Produktivität verbucht werden. Ein massives Absinken der Lohnquote am BSP ist erst seit Beginn des aktuellen »Booms« zu beobachten.

Doch die offizielle Statistik gibt die scheinbaren Lohnzuwächse der späten 90er Jahre verzerrt wieder. Damals stiegen die durchschnittlichen Einkünfte in den USA inflationsbereinigt zwar um zwei bis drei Prozent jährlich. Über satte Lohnzuwächse konnten sich in diesem Zeitraum aber nur die obersten zehn Prozent der Lohnabhängigen freuen. Schon ab einem Jahreseinkommen von 80000 US-Dollar zehrte die Inflation die Lohnzuwächse gänzlich auf – die Lohneinkünfte der unteren 90 Prozent stagnierten oder sanken selbst während des Wirtschaftsaufschwungs der letzten Jahre der Clinton-Administration.

Das Auseinanderdriften der Einkommen illustrieren Zahlen, die die Ökonomen Emmanuel Saez und Thomas Piketty ermittelten: 2004 erhielten die Spitzenverdiener – ein Prozent aller Lohnempfänger – über elf Prozent der gesamten Lohneinkünfte. Vor einer Dekade erhielten sie noch 8,7 Prozent der Lohneinkünfte, vor drei Dekaden sogar nur sechs Prozent. »Es gibt zwei Ökonomien da draußen. Eine, deren Teilnehmer von der Globalisierung profitiert haben, und eine andere, in der du hart arbeitest und trotzdem das Gefühl hast, nicht vorwärts zu kommen. Und es gibt sehr viel mehr Menschen in dieser zweiten Gruppe«, so das Resümee eines liberalen Politikwissenschaftler im genannten Bericht der NYT.

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