Von Deutschland lernen

„Junge Welt“ vom 08.07.06
Um den Mangel an Saisonkräften in der polnischen Landwirtschaft zu beheben, sollen Arbeitslose zur Zwangsarbeit verpflichtet und Ukrainer angeworben werden

Andrzej Lepper gilt als ein zupackender Mann. Wer – wie er in den 90er Jahren – wochenlang Landstraßen blockieren und Funktionäre des Landwirtschaftministeriums in Misthaufen versenken konnte, um gegen die Pauperisierung der polnischen Bauernschaft zu protestieren, der wird auch mit dem aufkommenden Mangel an Saisonkräften in der polnischen Landwirtschaft fertig. Dieses Problem erklärte Lepper, Vorsitzender der populistischen Bauernpartei Samoobrona und Vizepremier sowie Landwirtschaftsminister in der derzeitigen, rechtskonservativen Regierungskoalition Polens, jedenfalls zur Chefsache.

Bei einer am Mittwoch abgehaltenen Sitzung der Landwirtschaftskommission des polnischen Parlaments (Sejm) klärten deren Mitglieder dem Minister über die Ausmaße des Arbeitskräftemangels auf. Laut Miroslaw Maliszewski (Bauernpartei PSL), der auch Vorsitzender der polnischen Obstbauernvereinigung ist, konnten fast 20 Prozent der polnischen Erdbeerernte nicht eingebracht werden. Neben den niedrigen Einkaufspreisen des – vom westeuropäischen Kapital dominierten – Großhandels spielte hierbei vor allem der Arbeitskräftemangel eine gewichtige Rolle. Die meisten polnischen Saisonkräfte arbeiten während der Erntezeit auf westeuropäischen Plantagen, da dort die Bezahlung viel besser ist. Alleine in Deutschland sind offiziell rund 300000 Erntehelfer aus Polen tätig. Die Saison beginnt in der Regel Ende April mit der Spargel­ernte, es folgen Erdbeeren, Süßkirschen, weitere Obstsorten und die Weinlese. Beträchtlich dürfte auch die Zahl der Schwarzarbeiter sein, da sich für die deutschen Betriebe die Lohnkosten durch die Einführung der vollen Sozialversicherungspflicht für Saisonkräfte erheblich erhöht haben.

Lepper versprach, das Problem umgehend zu beheben, indem er sich für Einreiseerleichterungen ausländischer Arbeitskräfte einsetzt, die in den östlichen Nachbarstaaten Polens – insbesondere in der Ukraine – rekrutiert werden sollen. Einige Mitglieder der Partei Leppers hatten radikalere Lösungsvorschläge parat. So sollten laut dem Sejm-Abgeordneten Lech Kuropatwinski Arbeitslose auf die Felder geschickt werden, um Obst und Gemüse zu ernten. Unterstützung erhielt er vom konservativen Abgeordneten Roman Wierzbicki (PiS – Recht und Gerechtigkeit), der gleich alle Arbeitslosen, die irgendeine Form von Unterstützung erhalten, zu Zwangsarbeiten aller Art verpflichten will.

Auf die Idee, den gesetzlichen Mindestlohn, der zur Zeit bei umgerechnet 190 Euro pro Monat liegt, zu erhöhen und so einheimische Arbeitskräfte auch in der Landwirtschaft anzulocken, ist bisher aber kein Regierungsmitglied gekommen.

Während der Saison kostet ein Kilo Erdbeeren im polnischen Einzelhandel zwei Zloty, das sind 50 Eurocent. Man kann sich ungefähr vorstellen, wieviel die Menschen erhalten, die diese Erdbeeren pflücken müssen.

Die Kommentarfunktion zu diesem Beitrag wurde deaktiviert.