Grenzenloser Stromfluß

„Junge welt“ vom 01.07.06
Rußland, China und mehrere zentralasiatische Staaten planen Intensivierung der energiepolitischen Zusammenarbeit

China verstärkt in letzter Zeit seine Bemühungen, Strom aus benachbarten Ländern zu importieren, um die chronische Energieknappheit im Land zu lindern. Es sind insbesondere die Energiesektoren Rußlands, der Mongolei und etlicher zentralasiatischer Staaten, die durch umfassende Investitionsprogramme ausgebaut und in die Lage versetzt werden sollen, den beständig wachsenden Energiebedarf Nord- und Westchinas zu decken. Den vorläufigen Planungen zufolge sollen in der Mongolei drei Kraftwerke mit einer Kapazität von jeweils 3,6 Gigawatt entstehen, ab 2010 soll das erste ans Netz gehen. Mongolische Firmen errichten die Elektrizitätswerke, während die chinesische Seite diese mit Zubehör beliefert und die Hochspannungsleitungen baut, die den Strom nach Nordchina leiten werden.
Hohe Wachstumsziele
Nach einem ähnlichen Schema soll mittelfristig auch der kasachische Energiesektor ausgebaut und auf den riesigen, lukrativen chinesischen Ener­giemarkt ausgerichtet werden. Rußland spielt dort hingegen schon seit längeren eine gewichtige Rolle. Im vorigen Jahr wurden aus dem russischen Fernen Osten 500 Millionen Kilowattstunden (kWh) nach China geliefert, gegenüber 300 Millionen kWh 2004. Für 2006 plant Rußland, sogar 800 Millionen kWh zu exportieren. Doch angesichts der langfristigen Planungen beider Länder nehmen sich diese recht imposant anmutenden Steigerungsraten geradezu bescheiden aus. Im März 2006 unterzeichneten Anatoli Tschubais, Vorsitzender des staatlichen, russischen Stromkonzerns EES Rossii und der Direktor des staatlichen chinesischen Stromnetzes (State Grid Corporation of China), Liu Zhenya, einen langfristigen Perspektivplan zum Ausbau der energiepolitischen Zusammenarbeit. Eine Arbeitsgruppe soll in einer Machbarkeitsstudie den Ausbau russischer Kraftwerke und des Stromnetzes in China planen, um den russischen Energieexpot nach China langfristig auf 60 bis 80 Milliarden kWh jährlich zu erhöhen – was eine Verhundertfachung der diesjährigen Liefermenge wäre. Tschubais räumte ein, daß diese Zielsetzung für den fernöstlichen Energiesektor Rußlands eine enorme Herausforderung darstellt, da die russische Seite ihre Erzeugungskapazitäten mehr als verdoppelt müßte. Lokale Autoritäten kündigten in der Folgezeit den Bau neuer Elektrizitätswerke an. So informiert der Gouverneur der Amur-Region, Leonid Korotkow, im April über die Absicht alte, sowjetische Pläne wiederzubeleben, nach denen zwei Wasserkraftwerke auf der Seja, einem nördlichen Zufluß des Amur, gebaut werden sollen. Das Prestigeprojekt von EES Rossii im russischen Fernen Osten, das Wasserkraftwerk Bureiskaja, wird ab 2008 voll einsatzbereit sein. Bureiskaja wird mit einer Kapazität von 2000 Megawatt (MW) das leistungsstärkste Kraftwerk dieser Region bilden. Derzeit arbeiten bereits vier von insgesamt sechs geplanten Turbinen.
Kirgisien steigt ein
Da der Energiebedarf im Fernen Osten Rußlands aller Voraussicht nach nicht nennenswert wachsen wird, können die im Bau befindlichen oder geplanten Kraftwerke ihre künftigen Kapazitäten voll auf China ausrichten. Zugleich werden von der beiden Seiten Infrastrukturprojekte in Angriff genommen, die den Energieexport erleichtern sollen. Eine neue Hochspannungsleitung von 140 Kilometern Länge wird ab Herbst russische Elektrizität bei Blagoweschtschensk auf chinesisches Territorium leiten. Die Chinesen verpflichteten sich ebenfalls zum Ausbau ihres Stromnetzes. Ein in der chinesischen Grenzstadt Heihe ansässiges Unternehmen wird die Hochspannungsleitungen über den Amur ausbauen, um für die steigenden Elektrizitätsimporte gerüstet zu sein. Beide Länder stimmen auch darin überein, die chinesischen Investitionen im russischen Energiesektor massiv aufzustocken. Bis 2020 will China an die zwölf Milliarden US-Dollar im Fernes Osten Rußlands investieren – unter anderem für den Bau weiterer Wasserkraftwerke. Inzwischen ist auch Kirgisien um einen Zugang zum lukrativen, chinesischen Energiemarkt bemüht. Während einer Staatsvisite in Peking erklärte der krigisische Präsident Kurmanbek Bakijew, daß sein Land bereit sei, Strom in die westlichen Regionen Chinas zu exportieren. Ferner ermunterte Bakijew chinesische Unternehmen, sich am Ausbau und der Modernisierung des kirgisischen Energiesektors zu beteiligen. Während eines kirgisisch-chinesischen Wirtschaftsforums am 10.Juni wies der kirgisische Präsident auf das riesige Potential seines Landes hin. Demnach verfüge Kirgisien mit einer potentiellen jährlichen Exportmenge von 142 Milliarden kWh über die drittgrößten Ressourcen an Wasserkraft ehemaliger Sowjetrepubliken, von denen aber bislang nur zehn Prozent genutzt werden. Bislang wurde im April eine Kooperation zwischen Kirgisien und russischen Unternehmen besprochen, die an der Fertigstellung von zwei kirgisischen Wasserkraftwerken beteiligt werden sollen.

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