Neue Runde im Pipelinepoker

„Junge Welt“, 28.02.2009

Gerät Moskaus Energietransitmonopol ins Wanken? Die EUversucht, ihre Chancen für die Nabucco-Pipeline im kaspischen Raum zu verbessern

Der Gasstreit zwischen der Ukraine und Rußland, der im Januar 2009 weite Teile der östlichen Peripherie der EU von der Gasversorgung abschnitt, zieht langfristige geopolitische Konsequenzen nach sich. Innerhalb der Europäischen Union erhielten die Bestrebungen zur Diversifizierung der Energieversorgung neuen Schwung. Die Europäer sind nun verstärkt bemüht, unter Umgehung Rußlands Zugriff auf die Energieträger des kaspischen Raumes zu erhalten. Von Mittelosteuropa, über den Balkan, die Türkei, den Kaukasus bis zu den Steppen Zentralasiens ist eine Intensivierung des energie- und geopolitischen Kräftemessens, des mit verstärkter Verbissenheit zwischen Rußland und dem Westen geführten »Great Game« zu beobachten.

Derzeit importiert die Europäische Union 60 Prozent ihres jährlichen Erdgasbedarfs, wovon die Russische Föderation 40 Prozent liefert. Aufgrund zur Neige gehender Lagerstätten auf ihrem Territorium wird der Importbedarf der EU bei gleichbleibender Wirtschaftsentwicklung binnen der nächsten zwei Dekaden auf bis zu 80 Prozent des verbrauchten Erdgases steigen. Um 2020 müßten zur Deckung des Bedarfs 509 Milliarden Kubikmeter Erdgas in die EU importiert werden.

Den Startschuß für eine neue Runde in diesem Pipelinepoker lieferte eine am 26. und 27. Januar 2009 in der ungarischen Hauptstadt Budapest abgehaltene Konferenz, die vom Konsortium der geplanten Nabucco-Pipeline organisiert wurde. Das seit Jahren de facto im Stillstand verharrende Projekt, an dem österreichische (OMV), deutsche (RWE), ungarische (MOL), rumänische (Transgaz), bulgarische (Bulgargaz) und türkische (Botas) Unternehmen beteiligt sind, erfuhr in Budapest eine rasche Reanimierung: »Wir hätten keinen besseren Moment für diese Konferenz finden können«, sagte der ungarische Premier Ferenc Gyurcsány zur Eröffnung in Anspielung auf den Gasstreit. Auch EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso forderte alle beteiligten Seiten auf, das Projekt voranzutreiben: »Wir müssen aus der jüngsten Gaskrise lernen und in großem Maße in Energie investieren.«

Die Pipeline soll ab 2015 in Betrieb gehen und bis zu 31 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr in die EU befördern. Neuesten Schätzungen zufolge könnte der Bau dieser über 3000 Kilometer langen Gasleitung durch die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn bis zu acht Milliarden Euro verschlingen. Doch nun gab es in Budapest die ersten verbindlichen Finanzierungszusagen. Die Europäische Investitionsbank machte deutlich, etwa ein Viertel der Baukosten zu übernehmen, während die europäische Kommission weitere 250 Millionen Euro zur Verfügung stelle. Insgesamt will Brüssel 3,5 Milliarden Euro für den Ausbau der energetischen Infrastruktur innerhalb der EU in den kommenden Jahren aufwenden. Schon in diesem Frühjahr sollen die Planungen zum Pipelinebau abgeschlossen werden. Der Baubeginn ist für 2010 anvisiert.

Doppeltes Spiel der BRD

Von besonderer Relevanz bei der Realisierung des Nabucco-Projekts ist das Verhältnis zwischen Berlin und Moskau. Deutschland ist einerseits bemüht, besonders enge, bilaterale Beziehungen auf dem Feld der Energiepolitik mit Moskau zu unterhalten. Ein insbesondere in Mittelost­europa umstrittenes deutsch-russisches Projekt ist die Ostsee-Pipeline, die gegen den verbissenen Widerstand Polens, der baltischen Länder und Schwedens in den letzten Wochen von Berlin forciert wird. Wie polnische Medien berichten, blockiert Berlin derzeit die europäische Kofinanzierung etlicher Energieprojekte in Polen, um Warschau dazu zu nötigen, seinen Widerstand gegen die Ostsee-Pipeline aufzugeben. Die an Intensität gewinnende energetische Kooperation zwischen Moskau und Berlin wird im gesamten Mittelosteuropa mit zunehmendem Unbehagen wahrgenommen. Auch US-amerikanische Think-tanks sprechen von einer regelrechten Verflechtung der Energiesektoren Deutschlands und Rußlands, die nun in Gang gekommen sei, da die deutschen Konzerne E.on und BASF an russischen Gasfeldern beteiligt werden, während Gasprom im Gegenzug Anteile an der deutschen Erdgas-Infrastruktur erwarb.

Am 25. Februar ließ überdies das Handelsblatt eine regelrechte (Atom-)Bombe platzen, als die Wirtschaftszeitung die Formierung einer Allianz zwischen Siemens und dem russischen Atomkonzern Rosatom meldete. »Wir beabsichtigen, unser Engagement in Schritten auch in den nuklearen Kreislauf hinein auszuweiten«, da in diesem »heißen Bereich« Rosatom besonders gut aufgestellt sei, erklärte der Siemens-Vorstand Wolfgang Dehen gegenüber dem Handelsblatt. Man wolle in Kooperation mit den russischen Partnern »eine international führende Rolle im Bereich der Kerntechnik erreichen«, so Dehen.

Doch zugleich tritt Berlin im postsowjetischen Raum – der vom Kreml als traditionelle Einflußsphäre reklamiert wird – in Konfrontation mit den Interessen Moskaus. So unterstützt auch Deutschland etwa die zunehmende Westintegration der Republik Belarus, die noch vor wenigen Jahren als einer der engsten Verbündeten Rußlands galt. Dasselbe gilt für das »Osteuropäische Partnerschaftsprogramm« der EU, das ehemalige Sowjetrepubliken vermittels wirtschaftlicher Durchdringung enger an Brüssel zu binden trachtet und am 7. Mai offiziell in Prag initiiert werden soll. Schließlich bemüht sich Deutschland auch darum, die Vorherrschaft Rußlands beim Energietransport in Zentralasien zu brechen.

Der RWE-Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann stattete am 7. Januar dem turkmenischen Despoten Gurbanguly Berdymuchammedow eine Visite ab, um die Chancen weiterer langfristiger Lieferverträge über substantielle Mengen Erdgases auszuloten. Im Anschluß an das Gespräch habe die turkmenische Nachrichtenagentur von einem »vertrauensvollen Dialog« berichtet, der künftig in »neue Großprojekte« münden werde, kolportierte die FAZ vom 17.Januar, die den einstmals als Diktator verschrieenen Berdy­mucham­medow inzwischen nur noch respektvoll als »Präsident« bezeichnet. Ein Deal zwischen Turkmenistan und der EU muß folglich greifbar nahe sein. In den letzten Monaten startete eine Reihe hochrangiger europäischer Politiker und Diplomaten den turkmenischen Autokraten Besuche ab. Zuletzt, am 13. Februar, weilte der tschechische Premier und derzeitige EU-Ratspräsident Mirek Topolanek in Aschgabat, um mit ­Berdymucham­medow über Fragen der energiepolitischen Kooperation zu sprechen. Ende Januar wurden sogar Pläne publik, in Aschgabat eine deutsch-turkmenische Eliteuniversität zu gründen, die sich der finanziellen Zuwendungen »der wichtigsten deutschen Unternehmen« sicher sein könne, wie es seitens turkmenischer Medien hieß.

Hiermit tritt Berlin in direkte Konfrontation zu Rußland, das gerade dabei ist, die Planungen für einen Konkurrenzprojekt zu Nabucco – die Southstream-Pipeline – abzuschließen. Dieser Pipeline soll – von der russischen Schwarzmeerküste ausgehend – unter Umgehung der Ukraine auf den Boden des Schwarzen Meeres verlaufen und über Bulgarien Erdgas nach Süd- und Mitteleuropa liefern. Berlin betreibt also bei seiner Energiepolitik ein doppeltes Spiel, eine Art »konfrontativer Kooperation« gegenüber Moskau, bei der es offensichtlich darum geht, in möglichst vielen energiepolitischen Projekten vertreten zu sein – unabhängig davon, ob sie von Moskau oder gegen Moskau vorangetrieben werden. Die deutsche Geopolitik ist bemüht, alle Vorteile einer engen Kooperation mit Rußland für sich zu nutzen, während zugleich eine vorsichtige, allmähliche Ausweitung der eigenen Interessensphären im postsowjetischen Raum forciert wird.

Bulgarien – Moskaus Karte?

Rußland selbst schien in den letzten Wochen in die Defensive gedrängt worden zu sein. So mußte Präsident Dmitri Medwedew Ende Januar ausdrücklich betonen, daß sein Land auf die Realisierung der Ostsee-Pipeline und des Southstream-Projekts trotz der Weltwirtschaftskrise, die Rußland bereits fest im Griff hat, nicht verzichten werde. Zudem litt gerade mit Bulgarien einer der wichtigsten energiepolitischen Partner Rußlands im besonderen Maße unter den Lieferunterbrechungen, die im Zuge des Gasstreits in Teilen der EU auftraten. Bulgariens Präsident Georgi Parvanov verlangte folglich Anfang Februar von Moskau, für die ausgefallenen Erdgaslieferungen entschädigt zu werden. Zudem schien sich Bukarest nun auch für das Nabucco-Projekt zu begeistern: »Die Nabucco-Pipeline, die Bulgarien seit langem unterstützt, (…) stellt auch eine neue Politik des Westens gegenüber der kaspischen und Schwarzmeerregion dar«, erklärte der bulgarische Präsident im Vorfeld der Budapester Nabucco-Konferenz. Derselbe bulgarische Staatschef hatte im Februar 2008 enthusiastisch die Teilnahme seines Landes am russischen Konkurrenzprojekt begrüßt. Rußland mußte nun erhebliche Zugeständnisse an Sofia machen, um den bulgarischen Unmut zu besänftigen.

Anläßlich einer Staatsvisite Medwedews am 5. Februar in Sofia wurde eine Reihe von Abkommen geschlossen, die auf eine engere Zusammenarbeit in der Atomenergiewirtschaft zwischen beiden Staaten hinauslaufen. Zudem gelang es nun Sofia, alle russischen Zwischenhändler auszuschalten, die bislang beim Erdgastransport nach Bulgarien eine Rolle spielten. Schon am 7. Februar änderte die bulgarische Regierung ihren Ton und erklärte ihren Verzicht auf zwischenstaatliche Kompensationen: »Das ist nicht eine Frage von Beziehungen zwischen den Regierungen, das ist eine Frage von Beziehungen zwischen Unternehmen. Deshalb soll sie vom Privatsektor allein gelöst werden«, argumentierte Bulgariens Außenminister Iwajlo Kalfin im bulgarischen Rundfunk. Die russische Zeitung Wremja Nowostej kommentierte, Bulgarien habe die »Gunst der Stunde geschickt genutzt, um Rußland dazu zu bewegen, die Modalitäten der Gaslieferungen zu ändern«. Diese Verstimmungen zwischen Sofia und Moskau scheinen nun gänzlich ausgeräumt, und der Kreml bemüht sich nun, Entschlossenheit zu demonstrieren. Gasprom kündigte am 10. Februar an, die jährliche Kapazität seiner geplanten Southstream-Pipeline von 30 Milliarden Kubikmetern Erdgas auf über 47 Milliarden zu erhöhen.

Türkei – Karte der EU?

Gleichwohl hat auch die EU mit störrischen Transitländern zu kämpfen, denn auch die Türkei ist bemüht, die »Gunst der Stunde geschickt zu nutzen«. Bereits am 19. Januar weilte Kommissionspräsident Barroso zu einer eiligst anberaumten Staatsvisite in der Türkei, während der er Ankara in Aussicht stellte, zu einem »energetischen Knotenpunkt der Region« aufzusteigen. Die letzte Gaskrise habe Europa vor Augen geführt, wie wichtig die Diversifizierung der Energiequellen sei, erläuterte Barroso. Durch die Türkei soll der längste Abschnitt der Nabucco-Pipeline verlaufen. Ankara sieht sich bereits als die energetische Drehscheibe der Region, da beispielsweise Rußland vermittelst der Bluestream-Pipeline, die von Nord nach Süd auf dem Boden der Schwarzen Meeres verläuft, Erdgas an die Türkei liefert.

So befindet sich die türkische Führung in der bequemen Lage, nicht zwangsläufig auf das Nabucco-Projekt angewiesen zu sein. Ankara fordert nun unter anderem, 15 Prozent des durch ihr Territorium beförderten Gases abzweigen zu dürfen sowie einen Preisnachlaß für aserbaidschanisches Erdgas. Regelrechte Schweißperlen dürften so manchem EU-Politiker hingegen am 19. Januar auf die Stirn getreten sein, nachdem der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan ein Junktim zwischen dem Bau der Nabucco-Pipeline und dem EU-Beitritt seines Landes herstellte. Sollten die EU-Beitrittsverhandlungen der Türkei weiterhin blockiert werden, so Erdogan, dann könne sich sein Land genötigt sehen, sich aus dem Nabucco-Projekt zurückzuziehen. Obwohl das Dementi aus Ankara nur wenige Stunden später kam, war die Aufregung in Europa groß. Inzwischen bemüht sich der Westen verstärkt darum, der Türkei die Teilnahme an Nabucco schmackhaft zu machen. Selbst die Weltbank versprach Ankara jüngst umfassende finanzielle Hilfen zur Realisierung dieses Pipelineprojekts. Insgesamt sind aber sogar russische Medien der Meinung, daß die Türkei letztendlich an der Nabucco-Pipeline teilnehmen werde: Für den Transit durch diese Gasleitung werde Ankara viel Geld bekommen und folglich dieses Vorhaben auch nicht ablehnen, erklärte Michail Kortschemkin, Direktor von East European Gas Analysis, gegenüber RIA-Nowosti.

Aserbaidschan – die sichere Bank

Die gravierenden Probleme fangen für das Nabucco-Konsortium aber erst jenseits der Türkei an. Wo soll all das Gas herkommen, das durch die Pipeline nach Europa fließen muß? Die Frage der Kapazitätsauslastung war bis jetzt die größte, bislang nicht bewältigte Hürde für das Konsortium. Als ein sicherer Lieferant gilt bis jetzt nur Aserbaidschan, das schon feste jährliche Liefergarantien abgegeben hat. Über die südkaukasische Republik verläuft bereits mit dem 2005 abgeschlossenen Baku-Tbilissi-Ceyhan-Projekt (BTC-Pipeline) die einzige Ölpipeline, die kaspisches Erdöl an Rußland vorbei über Georgien bis in die Türkei befördert. Es ist nicht nur aserbaidschanisches Erdöl, das vermittelst der BTC-Pipeline in den türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan gepumpt wird. Seit April 2008, als dem Westen ein spektakulärer energiepolitischer Coup in Kasachstan gelang, befördern aserbaidschanische Tanker auch kasachisches Erdöl über das Kaspische Meer bis nach Baku, wo es anschließend der BTC-Pipeline zugeführt wird. Derzeit sind es nur zwei Millionen Tonnen Rohöl, doch ist dies ein erster westlicher Einbruch in einer ansonsten fest unter russischer Vorherrschaft stehenden Region. Das 1740 Kilometer lange BTC-Pipelinesystem hat eine maximale Jahreskapazität von 50 Millionen Tonnen Rohöl.

Dem Nabucco-Projekt mit seiner maximalen Transportkapazität von 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas will Aserbaidschan jährlich acht Milliarden Kubikmeter zuführen. Dieses Erdgas soll aus dem Shah-Deniz-Feld gefördert werden, an dem die britische BP beteiligt ist und das ab 2013 erschlossen sein soll. Das zirka 60 Kilometer südöstlich von Baku in 600 Meter Tiefe gelegene Gasfeld soll bis zu 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas umfassen. Am 29. Januar forderte der aserbaidschanische Präsident Ilcham Alijew in Davos den Westen auf, »mehr politischen Willen, mehr finanzielle Verpflichtungen« zur Realisierung des Nabucco-Projekts an den Tag zu legen. Zudem gab Alijew zu verstehen, daß sein Land durchaus bereit sei, die Gasfördermenge in den kommenden Jahren substantiell zu erhöhen, ja sogar zu verdoppeln.

Auch Rußland ist bemüht, die Beziehungen mit Aserbaidschan zu intensivieren und dessen Energieträger dem eigenen Pipelinenetz zuzuführen. Rußland habe seinem Land ein »wirklich attraktives« Angebot zum Aufkauf seines Erdgases unterbreitet, erklärte Alijew in einem Interview mit dem Wall Street Journal: »Wenn es uns ermöglichen würde, unser Erdgas unmittelbar an unseren Anrainerstaat ohne Transit- und Transportprobleme zu günstigen Marktpreisen zu verkaufen – warum sollte das nicht in Betracht gezogen werden? Wir haben das Angebot nicht abgelehnt, wollen es aber sorgfältig prüfen.« Dessen ungeachtet scheint einer wirklich engen Kooperation zwischen Moskau und Baku die objektive geopolitische Konstellation der Re­gion im Wege zu stehen. Armenien, mit dem sich Aserbaidschan in einem ungelösten, »eingefrorenen Konflikt« über die abtrünnige Region Bergkarabach befindet, gehört zu den engsten Verbündeten des Kreml in dieser Region. Mitte Februar sickerten die ersten Gerüchte über eine umfangreiche russische Waffenlieferung nach Arme­nien bis in Aserbaidschans Hauptstadt durch. Die russische Lieferung von Panzern, gepanzerten Fahrzeugen und Artillerie an den Erzfeind sorgte für kaum verhohlenen Unmut innerhalb der aserbaidschanischen Öffentlichkeit und Politik.

Asse Iran und Irak?

Die europäischen Planer und Strategen des Nabucco-Projekts werden immer rücksichtsloser in dem Bestreben, ihre Röhre bis zum Anschlag auszulasten. Inzwischen hoffen die Europäer sogar darauf, Erdgas aus dem besetzten Irak beziehen zu können. Am 16. April 2008 betonten EU-Kommissionspräsident Barroso und der irakische Ministerpräsident Nuri Al-Maliki nach eingehenden Konsultationen in Brüssel, daß die Europäische Union und der Irak in »Energiefragen enger zusammenarbeiten« wollen. Die EU strebe laut Barroso eine »Energiepartnerschaft« mit dem von den USA besetzten Staat an. Vor allem bei der Frage eventueller Gaslieferungen würden »die Verhandlungen sehr gut laufen« und könnten »sehr bald abgeschlossen werden«. Konkret ist geplant, den Irak an die arabische Gaspipeline anzuschließen, die ägyptisches Erdgas über Jordanien sowie Syrien transportiert und bis in die Türkei – zum Anschluß an Nabucco – verlängert wird. Die Planer der arabischen Gaspipeline haben es insbesondere auf das Ekas-Gasfeld abgesehen, das sich unweit der irakisch-syrischen Grenze befindet.

Inzwischen mehren sich in Europa auch Stimmen, die eine Beteiligung des Iran am Nabucco-Projekt befürworten. Bislang wurde dessen Beteiligung an der Erdgasversorgung der EU vor allem von Washington blockiert; in gewisser Weise kann nun die Haltung der neuen US-amerikanischen Obama-Administration in dieser Frage als ein Lackmustest für eine tatsächlich und grundsätzlich gewandelte US-Politik gegenüber Teheran betrachtet werden. Obwohl offizielle Stellungnahmen in dieser Hinsicht seitens der neuen US-Regierung nicht vorliegen, scheint die rasch fortschreitende Annäherung zwischen Brüssel und Teheran in diesem Punkt auf eine zumindest nicht mehr so rigoros durchgesetzte – wenn nicht gar gänzlich aufgegebene – Blockadehaltung Washingtons hinzudeuten. Springers Welt berichtete Ende Januar über die europäischen Fortschritte bei der Erschließung der Gasfelder des Iran: »So rechnen die Gashändler nach dem Amtsantritt von US-Präsident Barack Obama mit einer politischen Entspannung zwischen EU und USA einerseits und dem Iran andererseits. Dies könnte die Gaslagerstätten des islamischen Landes für Europa öffnen.« Bereits im Dezember brachte der türkische Präsident Abdulah Gül die Möglichkeit ins Gespräch, als Zwischenhändler aufzutreten, indem Ankara iranisches und irakisches Erdgas aufkaufe und dieses dann der Nabucco-Pipeline zuführe. Der Koordinator des Nabucco-Projekts, Reinhard Mitschek, diskutierte am 7. Februar in Ankara eine weitere Variante, derzufolge die Gasleitung bis nach Georgien oder gar den Iran verlängert werden könne. Bislang lehnte EU-Kommissionspräsident Barroso bei etlichen Gelegenheiten – vor allem in Rücksichtnahme auf Washington – eine Teilnahme Teherans ab; doch ausgerechnet auf den Nabucco-Gipfel in Budapest sprach sich die litauische EU-Abgeordnete Ona Jukneviciene dafür aus, die »Optionen nicht zu begrenzen« und eine Einbindung des Iran ins Auge zu fassen. Jukneviciene ist Vorsitzende der parlamentarischen Kooperationskomitees des EU-Parlaments zu etlichen zentralasiatischen Staaten. Ähnlich äußerten sich Vertreter des ungarischen Gasversorgers MOL Bereits im Sommer 2008.

Jackpot Turkmenistan?

Eine Schlüsselstellung bei der Versorgung der Nabucco-Pipeline nimmt aber das so innig von deutschen Managern und Politikern umgarnte Turkmenistan ein. Unter der turkmenischen Steppe lagern die mit Abstand größten Erdgasreserven der Region, während Kasachstan über die größten Erdölvorkommen verfügt. Auch hier konnten die Europäer erste Erfolge vorweisen. Die EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner sprach Mitte April 2008 sogar von einem regelrechten Durchbruch, den sie bei Verhandlungen mit der turkmenischen Führung erzielt haben will. Stolz verkündete sie, den turkmenischen Autokraten Gurbanguly Berdymuchammedow anläßlich einer Staatsvisite überredet zu haben, der EU jährlich zehn Milliarden Kubikmeter Gas zu liefern. Doch es bleibt fraglich, ob die EU tatsächlich den Jackpot im Pipelinepoker geknackt hat. So merkte die die Financial Times am 13. April 2008 an, daß es keineswegs klar sei, woher das turkmenische Erdgas stammen soll, das der EU von Berdymuchammedow versprochen wurde. Die derzeitigen Förderkapazitäten Turkmenistans von 50 Milliarden Kubikmetern jährlich seien bis 2028 durch Lieferverträge – hauptsächlich mit China und Rußland – gebunden, so daß zuerst weitere Erdgasreserven erschlossen werden müßten.

Obendrein muß das Erdgas ja noch über das Kaspische Meer geschafft werden. Hier ist entweder der Bau einer transkaspischen Pipeline auf dem Meeresgrund geplant oder der Aufbau von Gasverflüssigungsanlagen mitsamt eines Pendelverkehrs per Tankschiff, wie er auch mit dem kasachischen Erdöl praktiziert wird. Eine eigens von RWE und der Österreichischen Mineralölverwaltung gegründete Gesellschaft sondiert gerade die technischen Möglichkeiten. Die Turkmenen scheinen tatsächlich der Ansicht zu sein, neben ihren bereits eingegangenen Lieferverpflichtungen auch noch eine Ausweitung der Förderkapazitäten bewerkstelligen und Europas Nabucco-Pipeline mit Erdgas versorgen zu können. Hochrangige Vertreter Turkmenistans beteuerten bei der Budapester Nabucco-Konferenz am 27. Januar 2009, daß das Land über genügend Gasreserven verfüge, um alle »Vertragsverpflichtungen« erfüllen zu können. Turkmenische Diplomaten beteuerten in Budapest, daß die Verhandlungen der EU eine »positive Dynamik« aufwiesen.

Sollten die Europäer mit ihrem Vorhaben tatsächlich Erfolg haben, dürfte sich die dominierende Stellung Rußlands beim Transit der Energieträger des Kaspischen Meeres bald erledigt haben. Schließlich sieht Brüssel diese erste Lieferzusage Turkmenistans nur als einen ersten Schritt beim Ausbau seiner Präsenz in der Region an. Neben China wäre auch der Westen in der Region vertreten, und Rußlands geopolitische Konzeption eines »Energieimperiums«, die auf einer größtmöglichen, monopol­artigen Kontrolle der Energielagerstätten und Transitwege von Energieträgern abzielt, verlöre einen wichtigen strategischen Pfeiler.

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