Hunger Games

Konkret 02/2021

Weltweit nehmen Hunger und extreme Armut zu. Das lässt sich nicht allein mit Verweis auf die Corona-Krise erklären.

Was ist tödlicher als eine Pandemie? Eine Pandemie innerhalb eines spätkapitalistischen Weltsystems, das außerstande ist, die sozialen Folgen dieser Katastrophe substantiell einzudämmen. Der ökonomische Fallout dürfte tatsächlich mehr Menschen das Leben kosten als die direkten, gesundheitlichen Folgen der Krankheit. Bei der globalen Mittelschicht, in den Zentren des Weltsystems, führen die wirtschaftlichen Einbrüche, die durch die Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung ausgelöst wurden, zu Einkommensverlusten, zu sozialem Abstieg und einem Wachsen der Schuldenberge. Doch in der Peripherie geht es zunehmend ums blanke Überleben.

Der globale Verarmungsschub, den die Rezession 2020 auslöste, lässt die Zahl der im absoluten, lebensbedrohlichen Elend versinkenden Menschen regelrecht explodieren. Die Vereinten Nationen (UN) schätzen, dass die Masse der Menschen, die in der kapitalistischen One World akut vom Hungertod bedroht sind, sich 2020 aufgrund der Pandemie auf 265 Millionen nahezu verdoppelt haben wird. Besonders betroffen seien das Bürgerkriegsland Jemen, Afghanistan, Pakistan und etliche Länder des subsaharischen Afrika – hier insbesondere Westafrika, die Demokratische Republik Kongo, Äthiopien und der Sudan.

Die Corona-Krise verstärkt bereits vorherrschende Tendenzen. Schon 2019 war die Zahl hungernder Menschen auf 135 Millionen dramatisch angestiegen. Es war der höchste Wert seit vier Jahren, der sich auch aus zunehmender politischer Instabilität und dem sich in extremen Wetterereignissen manifestierenden Klimawandel erklärt. Die Pandemie treffe mit „voller Wucht auf eine bereits sehr fragile Ernährungssituation“, erklärten Nichtregierungsorganisationen in einer gemeinsamen Erklärung anlässlich der Vorstellung der UN-Zahlen.

Neben den Hunderten Millionen Menschen, die am Rande des Hungertodes vegetieren, während der Spätkapitalismus an seiner Überproduktionskrise erstickt, ist auch die Zahl der im Elend versinkenden Lohnabhängigen im vergangenen Jahr stark gestiegen. Die Zahl der arbeitenden Armen, die sich weltweit mit einem Einkommen von weniger als 1,90 Dollar am Tag durchschlagen mussten (der von der Weltbank festgesetzte Grenzwert für extreme Armut), betrug 2019 knapp 690 Millionen Menschen. Laut Prognosen soll diese globale Schicht der extrem Armen 2020 um rund 100 Millionen angewachsen sein. Wie niedrig dieser Wert bemessen ist, ergibt sich schon aus der Tatsache, dass die Welternährungsorganisation FAO in ihren Prognosen für 2020 von 830 Millionen unterernährten Menschen ausgeht. Werden die Kriterien nur etwas ausgeweitet, indem etwa auch diejenigen Berücksichtigung finden, die nicht in der Lage sind, sich regelmäßig mit adäquaten Lebensmitteln zu versorgen, dann waren laut FAO schon 2019 zwei Milliarden Menschen von „Ernährungsunsicherheit“ betroffen.

Die offizielle Armutsgrenze der Weltbank ist viel zu niedrig angesetzt, um das grassierende Elend statistisch korrekt abzubilden, weshalb selbst Menschen, die unter Mangelernährung leiden, von dieser Statistik nicht offiziell als extrem arm gelten. Bei einem Grenzwert von 1,90 US-Dollar täglich lebten im Jahr 2015 nur zehn Prozent der Weltbevölkerung in Armut. Sobald aber diese Armutsgrenze auf 3,20 oder 5,50 US-Dollar angehoben würde, was den Berechnungsgrundlagen in vielen Entwicklungs- oder Schwellenländern eher entspricht, würde schon ein Viertel (bei 3,20 Dollar) beziehungsweise knapp die Hälfte (bei Tageseinnahmen von 5,50 Dollar) der Menschheit in Armut leben. Eine schlechte Reklame, dass die kapitalistische Marktwirtschaft mit ihrer propagierten wohlfahrtssteigernden Wirkung nach dreihundert Jahren Expansionsgeschichte die Hälfte der Menschheit im Elend versinken lässt.

Die kolportierten Zahlen beschönigen also die hässliche kapitalistische Wirklichkeit. Die Springer-Zeitung „Welt“ leitete kürzlich einen Bericht über das zunehmende Elend mit der Klage darüber ein, dass Corona die Erfolge im Kampf gegen die Armut zunichte machen würde. Der Kapitalismus habe im vergangenen Vierteljahrhundert „nie dagewesene Fortschritte bei der Reduzierung der Armut“ gemacht, zitierte das Blatt die Weltbank, da die knapp 700 Millionen Menschen, die unterhalb der angesetzten Armutsschwelle der Weltbank lebten, „nur noch gut ein Drittel der Ziffer aus dem Jahr 1990“ darstellten. Der Anteil der extrem Armen an der Weltbevölkerung, der 2018 laut Weltbank rund 8,4 Prozent betrug, sollte Projektionen zufolge 2021 auf rund 7,5 Prozent sinken – doch nun sei ein abermaliger Anstieg auf 9,1 bis 9,4 Prozent wahrscheinlich.

Auch wenn der Grenzwert extremer Armut von der Weltbank viel zu niedrig angesetzt ist, bleibt noch die statistische Tatsache des inflations- und kaufkraftbereinigten, langfristig steigenden Lohnniveaus, das auch bei höheren Armutsgrenzen eine Verbesserung der sozialen Lage vieler Menschen nahelegt: Würde extreme Armut ab einem täglichen Einkommen von 5,50 Dollar gemessen, hätte sich die globale Armutsrate von 67 Prozent im Jahr 1990 auf 46 Prozent 2015 verringert. Diese Reduzierung ist auf das kreditfinanzierte Wachstum in den Schwellenländern – nicht nur in China – und die Ausbildung einer entsprechenden Mittelklasse in der Semi-Peripherie des Weltsystems zurückzuführen.

Die Auslagerung von arbeitsintensiven Industrien und Teilproduktionen im Zuge der Ausbildung der globalen Defizitkreisläufe hat zudem eine äußerst prekäre Klasse an Lohnabhängigen geschaffen. Diesem Millionenheer von prekären Lohnabhängigen in der Peripherie, die aufgrund der Billigproduktion für die überschuldeten Zentren in den vergangenen Jahren die statistische Armutsgrenze der Weltbank überschritten hätte, droht nun der abermalige Absturz ins Elend. Das Vorhaben der UN, bis 2030 den globalen Hunger faktisch zu eliminieren, sei nun, heißt es in der „Welt“, „praktisch nicht mehr erreichbar“.

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Laut der Internationalen Arbeitsorganisation ILO sind seit Beginn der Pandemie rund eine Milliarde Jobs verlorengegangen. Die neuen Armen würden nicht mehr auf dem Land wohnen, sondern zunehmend in städtischen Regionen. Zudem hat sich prozentual der Rückgang des Anteils sehr armer Menschen an der Weltbevölkerung schon vor etlichen Jahren verlangsamt: Die extreme Armut nahm demnach zwischen 1990 und 2015 im Schnitt um einen Prozentpunkt pro Jahr ab, während es in den vergangenen vier Jahren – als die Schuldenblasen in vielen Schwellenländern platzten – nur noch ein halbes Prozent jährlich war. Die Folge: Aufgrund des globalen Bevölkerungswachstums steigt laut FAO die Zahl der chronisch hungernden Menschen seit 2014 wieder an. Die Weltbank aber feiert die Erfolge des Kapitals bei der Reduzierung der Armut, die allein darin besteht, dass brutal ausgebeutete Lohnabhängige, die von ihren Löhnen kaum ihre Arbeitskraft reproduzieren können, statistisch nicht mehr als arm gelten.

Die Reduzierung der absoluten Armut durch brutale Ausbeutung in einer exportabhängigen Warenproduktion in der Peripherie muss zudem den ökonomischen, sozialen und ökologischen Folgen der kapitalistischen Expansionsbewegung gegenübergestellt werden. Zwischen 1990 und 2019 hat sich die Weltwirtschaftsleistung etwa verdreifacht, die globalen CO2-Emissionen sind um mehr als 60 Prozent gestiegen, während die strukturelle Überakkumulationskrise des Kapitals zugleich den Abgrund zwischen Arm und Reich verbreitert hat: Das obere Prozent der Weltbevölkerung hat inzwischen doppelt soviel Kapital akkumuliert, wie 6,9 Milliarden Menschen, also fast der gesamte Rest der Menschheit. Die 2.100 Milliardäre der Welt verfügen über mehr Reichtum als 4,6 Milliarden Menschen im unteren Teil der globalen spätkapitalistischen Einkommenspyramide.

Schließlich gilt es zu bedenken, dass die vergangenen Dekaden durch die kapitalistische Landnahme großer Agrarflächen für die Exportproduktion in der Peripherie – das sogenannte Land Grabbing – geprägt waren, bei der unzählige Subsistenzbauern von ihrem Land vertrieben wurden. Diese Subsistenzlandwirtschaft ließ die Bauern infolge geringer Einnahmen unter die Armutsschwelle der Weltbank von 1,90 Dollar sinken, obwohl ihre Ernährungssituation bei gelingender Selbstversorgung durchaus besser sein konnte als diejenige der Elendsarbeiter in den Plantagen oder Exportfabriken der Peripherie.

Wie sich die Ernährungslage etwa für die Arbeiterinnen in der südostasiatischen Textilindustrie derzeit gestaltet, machte ein Hintergrundbericht der „FAZ“ Mitte Dezember deutlich: Millionen von Arbeiterinnen in Bangladesch, Pakistan, Burma oder Kambodscha, die samt ihrer Familien am Existenzminimum lebten, während sie unter brutalen Bedingungen Klamotten für Adidas, Nike und Co. nähten (siehe auch konkret 7/13), sind aufgrund der einbrechenden Nachfrage in den Zentren kaum noch in der Lage, ihre Arbeitskraft zu reproduzieren – sofern sie überhaupt noch einen Job haben, da die Beschäftigtenzahl in diesem Sektor 2020 um rund 30 Prozent zurückging. Bei Umfragen erklärten rund 80 Prozent der Arbeiterinnen, sie selbst müssten auf Mahlzeiten verzichten, um ihre Kinder ernähren zu können.

Da der Absatz von Textilwaren in der EU und den USA in der Pandemie um rund 16 Milliarden Dollar eingebrochen ist, sehen sich die Arbeiterinnen mit Kürzungen ihrer Elendslöhne um durchschnittlich 21 Prozent konfrontiert. Da unterm Kapital nur Existenzberechtigung hat, was direkt oder indirekt zum Verwertungsprozess des Kapitals beiträgt, sind auch die Bedürfnisse der Arbeiterinnen und ihrer Familien nach Nahrung nur dann gültig, wenn sie ihrer Nachfrage auch in der Geldform Ausdruck verleihen können. Sobald ihre Einkommen wegbrechen, weil der Verwertungsprozess in der Textilindustrie ins Stocken gerät, verliert auch ihr Nahrungsbedürfnis seine Gültigkeit. Die Nachfrage nach Nahrungsmitteln geht zurück, die Waren müssen entsorgt, etwa untergepflügt werden, während zugleich der Hunger grassiert. Deswegen geht in der Pandemie die massenhafte Zunahme von Hunger mit der massenhaften Vernichtung von Lebensmitteln – insbesondere in den Vereinigten Staaten – einher, da diese nicht mehr gewinnbringend veräußert werden können.

Der große Verelendungsschub des vergangenen Jahres hat aber nicht allein die Peripherie getroffen, auch in den Zentren – insbesondere in den USA Donald Trumps – sind Unterernährung und blanker Hunger längst zu einem Massenphänomen geworden. Laut Angaben der Nichtregierungsorganisation Feeding America hatten 2018 rund 37 Millionen US-Bürger Probleme, eine adäquate Versorgung mit Lebensmitteln sicherzustellen. Sie litten folglich unter „Nahrungsmittelunsicherheit“. Im Jahr 2020 soll diese Gruppe bereits auf 50 Millionen angewachsen sein, darunter 17 Millionen Kinder.

Die Angst vor dieser neuen Armutswelle beherrscht inzwischen die erodierende US-Mittelschicht. „Weniger als die Hälfte“ der US-Haushalte gab in einer vom „Guardian“ veröffentlichten Umfrage an, sicher zu sein, im nächsten Monat ausreichend Nahrung kaufen zu können. Es geht ans Eingemachte. Im Großraum Houston etwa, wo in Ermangelung eines öffentlichen Nahverkehrs sich im vergangenen Jahr kilometerlange Autoschlangen vor Lebensmittelbanken bildeten, gaben 45 Prozent der Umfrageteilnehmer an, nicht mehr eigenständig die für den Lebensunterhalt notwendigen Ausgaben aufbringen zu können.

Tomasz Konicz schrieb in konkret 1/21 über die ökonomischen Folgen der Pandemie in der EU

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