»1000 Zuschauer sind zuwenig«

„Junge Welt“, 22.05.2008
Ansonsten alles wunderbar: Ein Gespräch mit Bernd Stange, dem Nationaltrainer von Belarus

Bernd Stange ist der Nationaltrainer von Belarus. Er war 1983–88 Nationaltrainer der DDR und trainierte bis 1991 Carl Zeiss Jena. Anschließend war er Trainer von Hertha BSC und FB Leipzig. Von 2002 bis 2004 trainierte er die irakische Nationalmannschaft

Sie waren als Trainer der irakischen Nationalmannschaft massiven Anfeindungen seitens der deutschen Presse ausgesetzt. Erfahren Sie als Trainer von Belarus ähnliche Kritik?

Nach den im Irak gesammelten Erfahrungen habe ich darauf relativ gelassen reagiert. Wir in Belarus sind ein von der FIFA und UEFA akzeptierter Fußballverband, der in allen internationalen Wettbewerben teilnimmt und der Vertreter in allen internationalen Kommissionen der FIFA hat. Man soll mich endlich mit diesen dummen Fragen in Ruhe lassen.

Es herrscht in der deutschen Presse eine unglaubliche Verbohrtheit gegenüber Belarus. Die Vorurteile seitens der westlichen Journalisten sind frappierend, meistens von Leuten geäußert, die nie im Lande waren. Oder es schreibt einer, daß bei einem Länderspiel alle paar Meter Polizisten das Publikum beaufsichtigen würden, damit keiner der Zuschauer ein Transparent mit regimekritischen Parolen hochhalten könnte. Dabei hielten die belarussischen Behörden bloß die Sicherheitsvorschriften der FIFA für internationale Spiele ein. Hooliganismus oder Rassismus, die die Fußballkultur in vielen anderen Ländern vergiften, gibt es in Belarus gar nicht.

Wie sind Ihre Arbeitsbedingungen?

Bei meinem Arbeitsantritt im vergangenen August war Belarus auf Platz 80 der FIFA Weltrangliste, nun sind wir auf Platz 60. Das ist schon beachtlich. Aber wir wollen noch weiter kommen. In einem Land mit zehn Millionen Einwohnern, das zudem als eigenständiger Staat erst 16 Jahre besteht, ist es nicht so einfach, große Erfolge zu produzieren. Aber meine Arbeitsbedingungen sind wunderbar. Das Zentrum des belorussischen Fußballverbandes genügt allen internationalen Maßstäben, mit modernen Büros und Kommunikationsmitteln. Allein hier in Minsk stehen uns 18 Rasenplätze, ein moderner Allwetter-Kunstrasenplatz und eine geschlossene Fußballhalle mit 3000 Sitzplätzen zur Verfügung.

Haben Sie noch Kontakte in den Irak?

Die gibt es massenhaft. Meine Familie, vor allem meine Frau ist da sehr stark engagiert, sie organisiert Hilfsleistungen. Wir haben auch mit der Fußballmannschaft von FC Carl-Zeiss Jena Hilfe für den Irak organisiert.

Ich habe ja als Fußballtrainer im Irak sehr erfolgreich gearbeitet. Ich mußte die Arbeit durch diesen idiotischen Krieg aber unterbrechen. Sofort nach dem Krieg bin ich dort wieder hingefahren und habe ein weiteres Jahr gearbeitet, doch dann mußte ich wegen der überhandnehmenden Entführungswelle auf Druck der deutschen Botschaft das Land verlassen. Wurde ich vor dem Irak-Krieg 2003 stark kritisiert, wie ich dort überhaupt arbeiten könnte, so bekam ich nach dem Krieg mit dem FIFA-Presidental-Award eine Auszeichnung, so hat sich inzwischen alles gedreht. Ich habe aber vor und nach dem Krieg die gleiche Arbeit gemacht: junge Fußballer trainiert, ausgebildet und erzogen. Das war meine Arbeit, die Alternative wäre Arbeitslosigkeit gewesen. So habe ich die Olympiamannschaft und die Nationalmannschaft zu Erfolgen geführt, die sensationell waren. Wir nahmen an den olympischen Spielen teil und gewannen auch den Asien-Cup. Es war eine tolle Zeit.

Wann glauben Sie, mit Belarus an das internationale Niveau anschließen zu können?

Mit den uns jetzt zur Verfügung stehenden Spielern sind wir in der Lage, diese oder jene Überraschung zu schaffen. Wir haben in Albanien gewonnen, wir haben Holland 2:1 besiegt hier im November während der Qualifikation, die wir dann aber nicht geschafft haben. Gegen den EM-Teilnehmer Türkei haben wir 2:2 gespielt. Es gibt also überraschende Resultate, aber unsere Liga ist zu schwach. Wir haben hier oft nur 1000 Zuschauer bei einem Erstligaspiel, das reicht nicht aus, um international mitzuhalten. Aber mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, mit unserem Know-how, werden wir dem einen oder anderen ein Bein stellen. Am 27. Mai spielen wir gegen die BRD, die ja vor großen Turnieren immer Aufbaugegner sucht. Genau das hoffen wir zu vereiteln.

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