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Konkret, 10/2017

Lässt sich die Klimakatastrophe verhindern? Von Tomasz Konicz

Die Klimakatastrophenfolge des diesjährigen Sommers, die weltweit die größte Beachtung fand, ereignete sich ausgerechnet im politischen Zentrum der Klimakatastrophenskepsis, in Texas: Ende August hat Hurrikan Harvey der Bevölkerung des Großraums Houston und der Weltöffentlichkeit vor Augen geführt, dass der Klimawandel keine graue Theorie über eine ferne Zukunft, sondern bereits verheerende Realität ist (die gleichzeitigen Überschwemmungen in Indien haben trotz weitaus höherer Opferzahlen massenmedial keine Rolle gespielt). Mal wieder wurden bei Harvey die bisherigen Wetterrekorde der USA gebrochen – diesmal in der Kategorie Niederschlag je Quadratmeter. Seit dem Beginn der Wetteraufzeichnungen in den Vereinigten Staaten sind noch nie dermaßen hohe Regenmengen gemessen worden, wie sie der Hurrikan über Südost-Texas niedergehen ließ. Der Wetterdienst der USA musste die Farbpalette seiner Wetterkarten erweitern, um die Niederschläge zu visualisieren. In einigen Regionen des Ballungsraums Houston, in dem nahezu sieben Millionen Menschen leben, gingen binnen weniger Tage 1.250 Liter Regen je Quadratmeter nieder.

Die enormen Schäden von – so erste Schätzungen der Versicherungsbranche – rund 90 Milliarden US-Dollar, die der Wirbelsturm verursachte, dürften sich in den kommenden Monaten in der Konjunkturentwicklung der USA niederschlagen. Zum einen ist der Großraum Houston ein wichtiger logistischer Knotenpunkt, zum anderen ein Zentrum der ölverarbeitenden Industrie, so dass Störungen oder gar Unterbrechungen der globalen Liefer- und Produktionsketten in vielen Branchen befürchtet werden. Die Tageszeitung „USA Today“ verwies zudem darauf, dass Houston zum „wichtigsten Zentrum der Chemieproduktion“ in den USA aufgestiegen sei, den zweitgrößten Hafen sowie zwei der wichtigsten Flughäfen der Vereinigten Staaten unterhalte.

Allerdings sind rund 80 Prozent der durch die Überflutungen verwüsteten Immobilien, die in der neoliberal deregulierten Stadt ohne Flächennutzungspläne mitunter in idyllisch abgelegenen Überflutungsgebieten auf Kredit errichtet wurden, nicht versichert. Dem US-Finanzsektor droht somit abermals eine, wenn auch lokale Hypothekenkrise. Insgesamt dürften die zunehmenden ökonomischen Folgen der ökologischen Krise die globalen Verwertungsketten des Kapitals bald ernsthaft beeinträchtigen.

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Anders als Harvey wurde eine andere, nur scheinbar kleinere Katastrophe im rasch auftauenden Permafrostboden Spitzbergens kaum beachtet, deren globale Implikationen aber verheerender als die Folgen der karibischen Wirbelstürme sind. Nur wenige Monate vor Harvey wurde bekannt, dass der berühmte „Doomsday Vault“ überflutet wurde. Diesen apokalyptischen Spitznamen trägt ein 2008 fertiggestelltes Projekt der norwegischen Regierung, die auf Spitzbergen einen globalen Saatgut-Tresor gebaut hat: den Svalbard Global Seed Vault. Im „ewigen Eis“ der arktischen Inselgruppe sollte die Saatgutvielfalt der Welt katastrophensicher über lange Zeiträume gelagert werden – um einen postapokalyptischen Neuanfang zu ermöglichen, wie Kritiker scherzten. Nur: Nicht einmal zehn Jahre nach der Inbetriebnahme des Tresors ist dieser im Mai 2017 durch Schmelzwasser beschädigt worden, wie der „Guardian“ berichtete. Der für die Ewigkeit bestimmte Tresor musste aufwendig gesichert werden, da die „globale Erwärmung einen außergewöhnlichen Temperaturanstieg“ in der Region verursachte, der Schmelzwasser produziert hat, das in den Tresor eingedrungen ist.

Der Global Seed Vault ist ein adäquates Symbol für die verhängnisvolle Diskrepanz zwischen den Prognosen der Klimawissenschaft und der tatsächlichen Dynamik des Klimawandels. Man hatte den Permafrostboden Spitzbergens als Aufbewahrungsort ausgewählt, weil die Wissenschaft noch 2008 davon ausging, dass er auf Dauer gefroren bleiben würde. Im Mainstream der Klimawissenschaft kam damals niemand auf die Idee, dass der Klimawandel sich so dramatisch beschleunigen und das Eis der Arktis sehr rasch zu tauen beginnen würde. Ähnlich verhält es sich übrigens mit den Prognosen zum Anstieg des Meeresspiegels: Vor zehn Jahren ging man von einem Anstieg von bis zu einem Meter bis 2100 aus, nun werden bis zu drei Meter erwartet. Dass langfristige graduelle Veränderungen in komplexen Systemen zu sprunghaften qualitativen Umschlägen führen können, ist eine simple Erkenntnis materialistischer Dialektik. Der positivistische Wissenschaftsbetrieb musste sich diese Einsicht erst durch aufwendige Feldstudien und Untersuchungen arktischer Sedimentablagerungen und Eisbohrkerne erarbeiten, um das Phänomen dann als „Kipppunkt“ des Klimasystems bezeichnen zu können, nach dessen Überschreitung Rückkopplungseffekte den Klimawandel katastrophal beschleunigen würden.

Dieser Kipppunkt steht entweder kurz bevor oder ist bereits überschritten, so der Tenor jüngster wissenschaftlicher Studien. Reine Emissionsreduzierungen dürften nicht mehr ausreichen, um ein der menschlichen Zivilisation die ökologische Existenzgrundlage entziehendes Umschlagen des Klimasystems zu verhindern. Immer öfter werden in der wissenschaftlichen Community folglich Methoden diskutiert, mit denen CO2 der Atmosphäre entzogen werden könnte („Carbon capture“). Die Klima-Apokalypse ist bei Beibehaltung derzeitiger Emissionsmuster das wahrscheinlichste Szenario, berichtete unlängst das Wissenschaftsmagazin „Nature“, das  einen Anstieg der globalen Temperatur um zwei bis 4,9 Grad Celsius bis 2100 mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent prognostizierte. Der Mittelwert betrug 3,2 Grad, während ein Anstieg von weniger als zwei Grad Celsius eine Wahrscheinlichkeit von weniger als fünf Prozent aufwies. Um unter dieser allgemein als kritisch anerkannten Marke zu bleiben, wären radikale Maßnahmen notwendig, erklärten Autoren der Studie in einem Interview mit der israelischen Zeitung „Haaretz“ („Climate Change: The Earth Is Cooked, the Question is if We’re Done“). Nur durch „eine großangelegte, anhaltende Anstrengung an allen Fronten in den kommenden 80 Jahren“ könne eine Katastrophe vielleicht noch verhindert werden.

Dieser Aufruf zu einem revolutionären Umbau der ökonomischen Reproduktionsbasis der Zivilisation findet sich auch in einem im „New York Magazine“ publizierten Artikel („The Uninhabitable Earth“), der auf Interviews mit Klimawissenschaftlern basiert. Sollte nicht bald „eine signifikante Anpassung der Art und Weise erfolgen, wie Milliarden Menschen ihr Leben fristen“, würden bis Ende dieses Jahrhunderts „Teile der Erde nahezu unbewohnbar und andere Teile schrecklich menschenfeindlich“ werden, so das Fazit des Textes. Was aber wären die Folgen, würde der klimatische Schwellenwert von zwei Grad Celsius überschritten?

Neben dem Anstieg des Meeresspiegels würde schlicht die Hitze Millionen Menschen die Lebensgrundlage entziehen. Weite Teile der Tropen und des Mittleren Ostens – insbesondere der Region um den Persischen Golf – würden durch häufig lebensgefährliche Hitzewellen und auch durch den langsamen Anstieg der Durchschnittstemperatur unbewohnbar. Hunderte Millionen Menschen leben in Regionen, deren Klima bereits jetzt gesundheitsschädlich ist. In „wenigen Dekaden“ werde etwa die massenhafte Pilgerfahrt nach Mekka nicht mehr möglich sein, während in Costa Rica bereits jetzt Feldarbeiter aufgrund der zunehmenden Hitze unter Nierenschäden litten. Verstärkt wird dieser Effekt der Erderwärmung durch die drohende Nahrungsmittelknappheit. Der Anstieg der Durchschnittstemperaturen werde die Erntemengen in vielen  Anbaugebieten reduzieren, wobei unklar ist, ob dies durch neue Anbaugebiete im Norden kompensiert werden kann.

Das Weltsystem droht anomisch zu werden. Der Klimawissenschaftler James Hanson warnt davor, dass „der Planet unregierbar“ werden könnte. Bereits jetzt könnten klimatische Veränderungen – etwa die Dürre in Ostsyrien –  mit aktuellen Bürgerkriegen in Verbindung gebracht werden. Der spätkapitalistischen Welt drohe ein ökonomischer Zusammenbruch und ein „ewiger Krieg“ um schwindende Ressourcen – sofern ein atomarer Schlagabtausch vermieden werden kann. Am Ende des gegenwärtigen Klimawandels droht das Umkippen der Weltmeere, in denen es bereits wachsende „tote Zonen“ gibt, in denen gigantische Mengen Schwefelwasserstoff freigesetzt werden. Das letzte Mal, als dies vor rund 252 Millionen Jahren geschah, sind 97 Prozent der damaligen Lebewesen ausgestorben.

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Tatsächlich ist die rasche Erhöhung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre im Zuge der Durchsetzung des Kapitalismus beispiellos – die Sonnenenergie, die über Jahrmillionen in fossilen Energieträgern gespeichert wurde, ist in einem klimahistorischen Wimpernschlag von der kapitalistischen Mehrwertmaschine freigesetzt worden, um ihren Verwertungsselbstzweck zu prolongieren.

Inzwischen wird in der Klimawissenschaft darüber diskutiert, ob es nicht der Klimawandel ist, der als der aus dem Fermi-Paradoxon abgeleitete „große Filter“ fungiert, der das Aufkommen langlebiger Zivilisationen in unserer Galaxis verhindert. Unter diesem „Filter“ versteht man in der Astronomie einen hypothetischen Mechanismus, der dazu führt, dass in unserer mit Milliarden von Planeten übersäten Galaxis bislang keine Signale außerirdischen Lebens gefunden werden konnten. Die Klimakatastrophe könne ein solcher Filter sein, der dafür sorge, dass eine industrielle Zivilisation lediglich eine Lebensspanne von einigen hundert Jahren habe, erklärte der Paläontologe Peter Ward gegenüber dem „New York Magazine“. Zivilisationen würden einfach „zu schnell ausbrennen“, um sich in der Galaxis mit ihren gigantischen Dimensionen begegnen zu können.

Das eigentlich Deprimierende an der Lektüre wissenschaftlich begründeter – zumindest wahrscheinlicher – apokalyptischer Prognosen aber ist die Unfähigkeit der meisten Naturwissenschaftler, aus dem kapitalistischen Gedankengefängnis auszubrechen und überhaupt einen Begriff vom Kapital zu entwickeln. Meistens ist in diesem Zusammenhang die Rede vom großen „Wir“, vom Menschen an sich, der sich blind sein Grab schaufle. Der jahrelang als Alarmist verschriene James Hansen, der immerhin vor den wirtschaftlichen Interessen warnte, die in Washington in Klimafragen das Sagen haben, ist eine Ausnahme.

Es wäre die Aufgabe einer radikalen, antikapitalistischen Linken, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Klimaforschung, die inzwischen oft genug durch politische Interventionen verwässert werden, auf ihren simplen praktischen Nenner zu bringen: Der Kapitalismus muss schnellstmöglich überwunden werden. Das ist eine einfache Frage des Überlebens der menschlichen Zivilisation.

Rund 50 Prozent des historisch durch das Kapital in die Atmosphäre abgegebenen CO2 wurde in den vergangenen drei Dekaden emittiert, was auf die zunehmende Effizienz der kapitalistischen Verwertungsmaschine zurückzuführen ist. Da die Lohnarbeit die Substanz des Kapitals bildet, wandeln sich Produktivitätsfortschritte in zusätzlichen Druck zur Vernutzung von fossilen Energieträgern und sonstigen Ressourcen: Mehr Waren müssen abgesetzt werden, um dasselbe Quantum Wert zu verwerten. Eine globale Anstrengung zur Abwendung der drohenden Klimakatastrophe ist folglich nur bei Überwindung des kapitalistischen Verwertungszwangs möglich. Dies scheint angesichts des gegenwärtigen politischen Klimas nicht wahrscheinlich, ist aber überlebensnotwendig.

Tomasz Konicz hat 2016 das Buch Kapitalkollaps. Die finale Krise der Weltwirtschaft veröffentlicht (konkret texte 68)

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