Vom Anti- zum Alternativimperialismus

Konkret 11/2016

Kleine Psychopathologie des gemeinen Putin-Trolls in  der Grauzone einer sich formierenden Querfront. Von Tomasz Konicz

Wer es sich immer noch nicht abgewöhnt hat, unzensierte Kommentarforen oder die üblichen sozialen Netzwerke zu durchstöbern, kennt sie zur Genüge: Die deutsche Anhängerschaft des russischen Präsidenten Wladimir Putin, die bei einschlägigen geopolitischen Themen leidenschaftlich Partei ergreift für Russland und den Kreml. Dabei handelt es sich gerade nicht um das Produkt einer Putinschen Trollfabrik, wie es der westliche Medienmainstream immer wieder lanciert. Der deutsche Putin-Schwarm hat eine Eigendynamik, die auf innerdeutsche ideologische wie machtpolitische Faktoren zurückzuführen ist.

Die Mitgliedschaft des Putinschen Fanclubs rekrutiert sich aus dem gesamten politischen Spektrum, es sind neurechte Bürger, rechtsextreme Agitatoren, orthodoxe, in Regression versinkende Linke darin zu finden. Ohne Übertreibung kann die politische Figur des russischen Präsidenten als einer der wichtigsten ideologischen Fixpunkte der neuen deutschen Querfront bezeichnet werden. Das liegt vor allem daran, dass der arme Wladimir Wladimirowitsch als ideologische Projektionsfläche deutscher Querschläger aller Art fungiert.

Für den traditionstreuen orthodoxen Linken ist die Solidarität mit Putins Russland die Fortsetzung der unverbrüchlichen Freundschaft mit der untergegangenen Sowjetunion. Die gegenwärtige russische Geschichtspolitik, die auch die Sowjetperiode – als Phase der nachholenden Modernisierung Russlands – positiv besetzt, bietet hier genügend symbolische Anknüpfungspunkte. Die roten Fahnen in Moskau lassen am Tag des Sieges die Sowjetmacht kurz wiederaufleben – vielen Traditionskommunisten und heimatlosen Sozialdemokraten reicht das.

Auch für die neue deutsche Rechte bietet Russland ideologisch wie praktisch vielfache Identifikationsmöglichkeiten. Zum einen ist der Kreml ja tatsächlich bemüht, in etlichen Ländern des Westens aus taktischen Gründen die extreme Rechte durch Finanzzuwendungen zu stärken (etwa in Frankreich), um geopolitische Vorteile zu erlangen. Zum anderen wird Russland von der deutschen extremen Rechten als Verbündeter im Kampf um ein reaktionäres Rollback der BRD angesehen. Das Putinsche Eurasien, vom Kreml als autoritär-kulturalistisches Gegenstück zum angeblich liberalen Westen aufgebaut, wird von weiten Teilen der Rechten als reaktionäre Vision einer von jeglichen Emanzipationsansätzen – handele es sich um Schwulenemanzipation oder Feminismus – gereinigten Gesellschaft gutiert.

Der ideologische Gebrauchtwarenladen, aus dem der Kreml nach dem Untergang der Sowjetunion eine neue russische Identität zusammengebastelt hat, hat daher für jeden Altstalinisten wie Jungnazi etwas zu bieten. Die Penetranz und nervige Energie vieler Putin-Trolls rechter wie linker Provenienz, welche mitunter regelrechte Kreuzzüge gegen eine weitestgehend nur eingebildete Schar von Feinden in den sozialen Netzwerken führen, deutet auf einen starken psychische, mitunter pathogenen Antrieb, der diese Irrlichter dazu bringt, einen Großteil ihrer Freizeit dafür zu opfern.

Zum einen fungiert die Figur Putin in diesem Spektrum als Führerersatzfigur, wie sie autoritäre Charaktere vor allem in Krisenzeiten herbeisehnen. Der urdeutsche Drang nach einem Anführer, der einfache Lösungen anbietet, den rechten Weg weist und ihn mit starker Hand freiräumt, wird auf den russischen Präsidenten projiziert. Da es derzeit in Deutschland an entsprechend qualifizierten Figuren noch mangelt, sieht man auf Demos von Pegida und AfD Plakate mit der Aufschrift: „Putin hilf!“.

Die Überidentifikation mit Wladimir Wladimirowitsch lässt im autoritären Charakter auch Allmachtsphantasien aufkommen: Egal, was Putin tut, welche Kehrtwendungen die Machtpolitik des Kremls vollzieht (etwa in den Beziehungen zur Türkei) – Putin tut immer genau das, was man selber tun würde. Der Putin-Fan ist immer auch ein klein wenig selbst russischer Staatschef. Jene an diesem ausgelebten Allmachtsphantasien verweisen selbstverständlich nur auf die reelle uneingestandene Ohnmacht. Und genau dies ist des Putin-Trolls klebriger Kern, der sich unter der Schale aus Hetze und Wahn verbirgt: Ohnmachtsgefühle und Angst angesichts der eskalierenden und nicht mehr ignorierbaren Dynamik der Krise, eine Identifikation mit Macht, die die eigene Ohnmacht soll verdrängen können.

Der gesamte deutsche Putin-Fanclub hat sich schlicht von der eigenen Ohnmacht irremachen lassen. Die Krisendynamik treibt die spätkapitalistischen Staatsapparate auf geopolitischer Ebene ja tatsächlich in eine Konfrontation, die in einen verheerenden Großkrieg zu münden droht. Das zerrüttete Weltsystem befindet sich längst in einer Vorkriegszeit – und daran geht die „konservative“, rückwärtsgewandte Linke in Deutschland zugrunde. Denn es gibt auf der Welt momentan keinen auch nur nominell progressiven Machtpol, keine neue Sowjetunion, die als Gegengewicht zu den zunehmenden neoimperialistischen Konflikten wirken könnte.

Also erfindet sich ein Teil der ohnmächtigen „Antiimps“ eine Identifikationsfigur im Exgenossen Putin. Unter Rückgriff auf die Rede von „objektiv fortschrittlichen“ Regimes, die seit den Achtzigern ohnehin nur das Scheitern der meisten Entwicklungsregionen im globalen Süden kaschierte, fällt der reaktionäre Teil des Antiimperialismus weit hinter sein Idol, Wladimir Iljitsch Lenin, zurück. Dieser hatte, allen theoretischen Verkürzungen zum Trotz, immerhin noch gewusst, dass linke Politik nicht darin bestehen kann, irgendwelchen reaktionären Regimen, nur weil die mit dem eigenen reaktionären Regime konkurrieren (und das genau ist, was sie tun), möglichst tief in den Arsch zu kriechen, sondern dass es nur darum gehen kann, die innerimperialistischen Widersprüche möglichst geschickt auszunutzen.

Letztlich erklärt der Putin-treue Flügel des Antiimperialismus seinen Abschied vom Antikapitalismus, von der Idee der Emanzipation. Es ist ein Abschied von der Linken. Die Parallelen zu den Antideutschen vom Beginn des 21. Jahrhunderts sind offensichtlich, wo aus vergleichbaren Ohnmachtserfahrungen heraus sich die fixe Idee etablierte, ausgerechnet die USA als eine „objektiv progressive“ Wiedergeburt des Hegelschen Weltgeistes zu betrachten. Der damalige Putin hieß George W. Bush, und die amerikanische Invasion des Irak wurde mit derselben Verbissenheit als Werk der Zivilisation verteidigt, wie heutzutage selbst die übelsten Verbrechen des Assad-Regimes.

((Initial))

Dem Putin-treuen Querfrontspektrum geht es nicht mehr um die antikapitalistische Überwindung des Imperialismus, sondern um die systemimmanente Realisierung alternativer imperialistischer Machtkonstellationen, um die Etablierung eines eurasischen Machtblocks unter Einschluss der BRD. Die ehemaligen Antiimperialisten haben sich zu Alternativimperialisten gewandelt. Das zentrale ideologische Vehikel, das diese neue imperialistische Aufteilung der Welt legitimieren soll, ist der debile Antiamerikanismus, der in diesem Milieu gepflegt wird.

Alles Böse kommt vom großen Satan USA, während das imperialistische Dominanzstreben der Gegenseite, wie auch der BRD, ausgeblendet oder legitimiert wird – die inneren Widersprüche des Kapitals, die das neoimperiale Great Game in einen atomaren Schlagabtausch treiben könnten, werden im vermeintlich absolut Bösen der USA zum Verschwinden gebracht. Das ganze Ausmaß der Regression des deutschen Alternativimperialismus wird vielleicht an einer historischen Analogie deutlich: Hätte Lenin am Vorabend des 1. Weltkrieges nicht vielleicht doch die damalige Hegemonialmacht – Großbritannien – zum Hort aller Weltenübel erklären müssen, um sich anschließend mit dessen imperialen Herausforderern, etwa dem zaristischen Russland oder dem kaiserlichen Deutschland, zu verbünden?

Im Gegensatz zu den antideutschen Obsessionen, die den Weltgeist im George W. Bush verkörpert sahen, verfügt der neudeutsche Alternativimperialismus über einen gewissen Rückhalt und Einfluss. Zum einen hält ein Teil der deutschen Funktionseliten sich geopolitisch die eurasische Option durchaus offen – zumal mit TTIP die strikte atlantische Einbindung Deutsch-Europas gescheitert zu sein scheint. Es ist ja vor allem die deutsche Kleinbourgeoisie und das deutsche Kleinbürgertum, dass in erster Linie betriebswirtschaftlich denkt und dem entgangenen Russland-Geschäft nachtrauert, während die Großbourgeoisie eher volkswirtschaftlich agiert, einen Blick auf die deutschen Handelsüberschüsse gegenüber den USA wirft – und sich für die atlantische Option entscheidet.

Dennoch ist die eurasische Option – oder ein unabhängiges globales Agieren Deutsch-Europas – für die deutsche Geopolitik verlockend. Im Rahmen der transatlantischen Einbindung der BRD kann Berlin immer nur als Juniorpartner der USA handeln, selbst wenn der deutsche Finanzminister inzwischen die europäische Wirtschaftspolitik auch gegen den Willen Washingtons bestimmen kann. Im Rahmen einer eurasischen Allianz wäre Berlin wegen seines ökonomischen Gewichts der Seniorpartner, was den Deutschen zusätzliche machtpolitische Optionen bieten würde. Die Differenzen zwischen Atlantikern und Eurasiern innerhalb der deutschen Funktionseliten verlaufen quer durch alle politischen Lager und sind eben auf diese zentrale strategische Weichenstellung deutscher Geopolitik zurückzuführen.

Es ist der machtpolitische Aufstieg der BRD in den letzten Jahren, der den Antiamerikanismus in der neudeutschen Querfront hochkocht. Je weiter die US-Hegemonie schwindet, desto stärker der Hass auf die USA, da dieses Milieu sich mit der deutschen Rolle eines Juniorpartners nicht mehr abfinden will. Der Putin-Troll ist de facto – objektiv betrachtet – Avantgarde des deutschen Imperialismus. Er will gemeinsam mit Deutschland aufsteigen. Solange Deutschland nicht über allem steht, wird es von der deutschen Querfront als geknechtet wahrgenommen, was mitunter in der Wahnidee kulminiert, die Bundesregierung würde von Washington kontrolliert. Nichts als Neid steckt darin – und der oft nur halbbewusste Wunsch, Deutschland möge die Stellung der USA einnehmen.

Dabei wird Imperialismus mittels antiimperialistischer Rhetorik propagiert. Die in der EU dominierende BRD soll auch global Ebene ohne Machtbeschränkungen durch die erodierende US-Hegemonie agieren können. Gestern Europa, morgen Eurasien: Das ist Kalkül wie Ziel dieser Alternativimperialisten, was im rechten, offen faschistischen Flügel der Putin-treuen Querfront auch offen ausgesprochen wird. Während also die BRD machtpolitisch aufsteigt und in Europa dominiert, stehen die deutschen Alternativimperialisten dieser Entwicklung ignorant oder gar wohlwollend gegenüber. Es scheint ein natürliches deutsches Herrenmenschenrecht, die Südeuropäer autoritär zu knechten und sich gleichzeitig als besetzte Kolonie der USA zu imaginieren.

Das Kalkül dieses Milieus, das bis in die national-sozialdemokratische Fraktion der Linkspartei um Sahra Wagenknecht reicht, ist offensichtlich: Die USA steigen hegemonial ab, und man spekuliert darauf, sie zu beerben. Natürlich wird das nicht aufgehen – der hegemoniale Abstieg der USA ist nur ein Moment der eskalierenden Systemkrise, die das hoch verschuldete China und das krisengeplagte Russland längst ebenfalls ergriffen hat. Und auch der Exportweltmeister BRD, der bislang seine Schuldenberge exportieren konnte, über die sich das deutsche Ressentiment so empört, ist nicht immun gegen den sich abzeichnenden nächsten Krisenschub.

Tomasz Konicz hat soeben das Buch Kapitalkollaps. Die finale Krise der Weltwirtschaft veröffentlicht (konkret texte 68)

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