Getreu dem US-Vorbild

„Junge Welt“, 28.01.2008
Finanzkrise in Großbritannien: Hohe Verschuldung, verfallende Häuserpreise und stockender privater Konsum. New Labour setzt auf neoliberale Konzepte

Es waren ungewohnt schrille Töne. die die altehrwürdige Londoner Times am 22. Januar in Richtung Downing Street anstimmte. Es sei ein »schwarzer Dienstag« für Premier Gordon Brown, sein Lösungsansatz für die Krise um die zahlungsunfähige Bank Northern Rock habe all das »zerrissen, was von seiner Glaubwürdigkeit übrig war«. Im Endeffekt übergebe Brown die »Schlüssel zur Staatskasse« an Goldman Sachs.

Die Regierung hatte vergangene Woche bekanntgegeben, die sich auf umgerechnet 34 Milliarden Euro summierenden Verbindlichkeiten von Northern Rock in staatlich abgesicherte Schuldverschreibungen umzuwandeln und an private Investoren zu verkaufen. Der von der US-Investmentbank Goldman Sachs ausgearbeitete Vorschlag, die in dieser Angelegenheit die britische Regierung berät, würde die »Risiken und Verluste nationalisieren und die Gewinne privatisieren«, donnerte die Times. Es seien insgesamt sogar 55 Milliarden Pfund, die Gordon Brown den Hauptaktionären von Northern Rock um den umtriebigen Multimilliardär Richard Branson (u.a. Virgin) zur Spekulation auf den Ak­tien- und Immobilienmärkten anbiete. Sollten die Spekulationen erfolgreich sein, würden die hohen Herren 90 Prozent der Gewinne einstecken. Bei Verlusten trage hingegen der Steuerzahler die gesamte Last.

Geprellte Kleinanleger

Es ist nicht nur der durch die Zahlungsunfähigkeit von Northern Rock im September 2007 ausgelöste erste Bankensturm der europäischen Nachkriegsgeschichte, der die konservative Times alle Contenance vergessen und zu Argumenten greifen ließ, die man auch in Attac-Schriften finden könnte. Inzwischen mehren sich die Krisensymptome.

An die 129000 Kleinanleger kommen seit dem 20. Januar nicht mehr an ihre Gelder, die sie dem Immobilienfonds Scottish Equitable zwecks Altersabsicherung oder als Notgroschen anvertraut hatten. Der auf 2,6 Milliarden Euro Volumen geschätzte Fonds, der in Büroräume in der Londoner City und in Konsumtempel investierte, müsse wegen zu hoher »Mittelabflüsse« auf voraussichtlich zwölf Monate gesperrt werden, teilte der niederländische Versicherungskonzern Aegon mit. Zuvor hatten bereits Tochtergesellschaften der Deutschen Bank und der Schweizer UBS etliche ihrer britischen Immobilienfonds eingefroren. Etwa einer halben Million Anlegern wird derzeit der Zugriff auf ihr Geld verwehrt – mehr als zehn Milliarden Euro. Die als besonders sicher geltenden Immobilienfonds lockten in den zurückliegenden Jahren besonders viele Kleinanleger an, denen die Börsenspekulation als zu unsicher erschienen.

Ausgelöst wurde die aktuelle Finanzkrise auf der Insel durch das Platzen der britischen Immobilienblase. Das Szenario ähnelt dabei dem US-Vorbild. So fielen allein im vierten Quartal 2007 die Anteilspreise offener britischer Fonds durchschnittlich um 9,1 Prozent. Massive Verluste von 20 bis 40 Prozent sind keine Seltenheit. Die Aktien von British Land, des größten heimischen Immobilienunternehmens, gaben 2007 um 50 Prozent nach. Überdies kommt wohl auch auf das Vereinigte Königreich jene gefürchtete Welle von Zwangsversteigerungen zu, wie sie gerade den US-amerikanischen Immobilienmarkt erschüttert. Etwa 20 Prozent aller britischen Hypothekennehmer haben neuesten Erhebungen zufolge Probleme, ihre finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen – vor allem aufgrund von »rauhen ökonomischen Faktoren«, wie britische Medien berichteten.

Wichtigster »ökonomischer Faktor« in der nach Zahlen fünftstärksten Wirtschaft der Welt ist sicherlich die absurd hohe private Verschuldung. Inzwischen stehen die Briten mit 1,3 Billionen Pfund in der Kreide, Tendenz steigend. Ähnlich wie in den USA war es auch in Großbritannien üblich, den privaten Konsum und die eigenen vier Wände auf Kredit zu finanzieren. Dabei wurde nicht selten das eigene Haus erst mit Hypotheken belastet, um notwendige Ausgaben tätigen zu können. Doch neben dieser ausufernden Schuldenlast nehmen nun noch Inflation und stagnierende Löhne die Lohnabhängigen Britanniens in die Zange.

»Gequetschte« Einkommen

Der Ökonom Prem Sikka schrieb im Guardian, daß »das Einkommen gewöhnlicher Leute aus jeder erdenklichen Richtung gequetscht« werde. So hätten sich im vergangenen Jahr die Nahrungsmittelausgaben einer durchschnittlichen Familie um 750 Pfund verteuert. Die Preise für Bus und Bahn seien um 15 Prozent gestiegen, die Kosten für Gas und Strom sogar im zweistelligen Prozentbereich. Allein im Januar kündigten britische Versorger an, die Gaspreise um 15 bis 27 Prozent zu erhöhen. Schließlich bringe die Finanzkrise eine Steigerung der monatlichen Hypothekenraten mit sich. Zudem verfügt laut Sikka Großbritannien de facto über ein lineares Steuersystem. Zähle man die indirekten und direkten Steuern zusammen, so führte das ärmste Fünftel der Haushalte 36,4 Prozent ihrer Einkünfte als Steuern ab, das reichste Fünftel hingegen nur 35,5 Prozent. Insgesamt lebe jetzt schon ein Viertel aller Lohnabhängigen von weniger als 17000 Pfund jährlich, wobei »Millionen von Arbeitern nicht mal der Mindestlohn gezahlt« werde, so Sikka. Premier Brown solle die Steuerlast für die Niedrigverdiener senken, um diese zu entlasten und die Binnennachfrage zu stimulieren – nur so könne eine Rezession noch verhindert werden.

Doch die in neoliberaler Verblendung verharrende »New«-Labour-Regierung scheint absolut unfähig, einen der Krise adäquaten Lösungsansatz zu finden. Anstatt einen »Auftrieb der Einkommen« gerade bei den Geringverdienern zu befördern, nötige die Regierung gewöhnliche Arbeiter dazu, einer Lohnerhöhung von gerade mal zwei Prozent zuzustimmen – was einem realen Einkommensverlust gleichkomme, stellte Sikka resignierend fest.

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