Rassekunde im Deutschlandradio

„Junge Welt“, 20.12.2207
Rechtzeitig zum Afrikagipfel klärte der Sender darüber auf, wieso es auf dem Kontinent keine Demokratie gibt

Eine Stellungnahme des Deutschlandradios wäre wünschenswert, lautete die höfliche Aufforderung von Wissenschaftlern des Instituts für Ethnologie und Afrikastudien der Universität Mainz am Mittwoch. In ihrer Erklärung machten sie auf einen handfesten Skandal aufmerksam. Im Deutschlandradio war am 4. Dezember ein Interview mit dem Magdeburger »Entwicklungspsychologen« Heiner Rindermann gesendet worden. Darin hatte er unwidersprochen seine krude »Theorie« verbreitet, daß es »genetische Unterschiede zwischen Menschenrassen hinsichtlich ihrer Intelligenz« gebe. Nur wenige Tage vor dem EU-Afrika-Gipfel in Lissabon, auf dem die afrikanischen Staaten in unvorteilhafte Freihandelsabkommen gepreßt werden sollten, schlug der Sender damit altbekannte Töne an, die einem Rückfall in rassistisch-kolonialistische Ressentiments gleichkamen. Mit anderen Worten: die perfekte ideologische Flankierung der europäischen und deutschen Expansionsbestrebungen in Afrika. Das Gespräch war unter dem Titel »Dumme Buschmänner, kluge Asiaten?« bis vor kurzem auf der Home­page von Deutschlandradio Kultur zu finden, doch inzwischen hat der Sender die Überschrift geändert und den Beitrag gekürzt.

Rindermann will nach der Auswertung von in verschiedenen Regionen durchgeführten Intelligenztests herausgefunden haben, daß sich »Rassen« in ihrer durchschnittlich gemessenen Intelligenz unterscheiden. Diese Differenz in den Ergebnissen der Intelligenztests sei auf »genetische Faktoren« zurückzuführen, so Rindermann. Es seien nicht etwa die sozioökonomischen Lebensbedingungen, die ein Individuum prägen, laut dem entwicklungspsychologischen Rasseforscher ist es genau umgekehrt. Menschen mit einer bestimmten »genetischen Ausstattung« würden sich die ihren Genen entsprechende Umwelt aussuchen: »Also, zum Beispiel Intelligentere gehen eher länger in die Schule, auf Universitäten, und die weniger Intelligenten, die meiden eher solche Umwelten.« Von der aus ihrer genetischen Disposition resultierenden Intelligenz einer bestimmten Rasse lasse sich Rindermann zufolge auch auf deren Verwertbarkeit als Humankapital oder Demokratiefähigkeit schließen.

Die Wissenschaftler des Instituts für Ethnologie und Afrikastudien aus Mainz reagierten nicht nur empört auf diese rassistischen Äußerungen, sondern auch auf die Moderatorin des Deutschlandradios, die als reine Stichwortgeberin fungiert habe. »Dr. Heiner Rindermann disqualifiziert sich durch seine Aussagen im Deutschlandradio als ernst zu nehmender Wissenschaftler«, kommentierte Dr. Carola Lentz, Professorin für Ethnologie an der Uni Mainz. Die Tatsache, daß ein habilitierter Wissenschaftler einer bundesdeutschen Universität in einem öffentlich-rechtlichen Sender unkommentiert von Menschenrassen und genetisch bedingter Verteilung von Intelligenz sprechen darf, sei empörend, so Lentz weiter. Die Ignoranz gegenüber kulturellen Dimensionen anderer Gesellschaften, die Unkenntnis humangenetischer Erkenntnisse und das Außerachtlassen sozialer Faktoren wiesen Rindermanns Aussagen »als schieren Unsinn aus«. Neben einer Erklärung des Senders, »wie es zu diesem schlecht vorbereiteten Interview kommen konnte« forderte die Professorin »eine Distanzierung Rindermanns von seinen haltlosen Thesen.«

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