Getriebene der Krisendynamik

Neues Deutschland, 29.04.2015
Tomasz Konicz über die globale Verschuldungskrise und die zunehmende Instabilität des Weltfinanzsystems

Nach der Krise ist vor der Krise – diesen Grundsatz kapitalistischer Wirtschaftsgeschichte bestätigte jüngst ausgerechnet der Internationale Währungsfonds. Der kürzlich publizierte Global Financial Stability Report des Fonds warnt vor der abermals zunehmenden Instabilität des Weltfinanzsystems, die aus der »Verschiebung« der »Stabilitätsrisiken« innerhalb des Systems resultiere: Diese würden sich von den »avancierten Ökonomien auf die Schwellenländer, von den Banken auf die Schattenbanken und von Bonitäts- zu Liquiditätsproblemen« verlagern.

Damit reflektiert der Bericht die Folgen der durch die US-Notenbank Fed angedrohten »Zinswende«, die in den vergangenen Monaten zu der stärksten Aufwertung des Dollars »seit 1981« geführt habe, sowie des durch den amerikanischen Fracking-Boom ausgelösten Verfalls der Rohstoffpreise. Zur Erinnerung: Das Finanzinstitut bekämpfte die Folgen der Weltfinanzkrise von 2007/08 mit einer historisch beispiellosen Geldschwemme (Quantitative Easing), die aufgrund der daraus resultierenden Negativzinsen in den USA anlagesuchendes Kapital auf Renditesuche in die Schwellenländer trieb und dort zur Ausbildung massiver Schuldenblasen führte.

Der gegenwärtige Doppelschlag aus US-Zinswende und fallenden Rohstoffpreisen, mit dem sich nun viele Schwellenländer konfrontiert sehen, lässt die kreditfinanzierten Defizitkonjunkturen in der Semiperipherie zusammenbrechen. Inzwischen muss China als ein potenzieller Krisenherd bezeichnet werden, dessen rasch zunehmende Gesamtverschuldung (217 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in 2014) zum guten Teil über den unregulierten Schattenbanksektor realisiert wird.

Die kapitalistische Krisenpolitik löschte den 2007 ausgebrochenen Weltfinanzbrand somit mit Benzin – mit der Initiierung einer neuen Verschuldungsdynamik durch das »Quantitative Easing« der Fed wie der gigantischen Investitionsprogramme der chinesischen Führung. Die Folgen dieser Politik lassen sich an den historischen Höchstständen an den westlichen Aktienmärkten wie auch an den zu Spekulationszwecken errichteten Geisterstädten in China ablesen. Die Gelddruckerei der Fed – und aktuell auch die der Europäischen Zentralbank – führte gerade zu einer Inflation der Wertpapierpreise, die den Dow Jones und den Dax auf Rekordjagd gehen lässt. Ähnlich verhält es sich übrigens in China, wo die Aktienmärkte trotz konjunktureller Abkühlung das Spekulationsfeuer weiter anfachen.

Wenige Jahre später tritt nun den Funktionseliten dieselbe Krisenkonstellation auf höherer quantitativer Ebene entgegen. Die Schuldenberge, deren Kollaps durch staatliche »Bailouts«, extrem expansive Geldpolitik und abermalige Spekulationsblasen verhindert wurde, türmen sich allen Versprechen zum Trotz noch höher auf als 2007. Das Ganze lässt sich – dank einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey – ziemlich exakt beziffern: Zwischen 2007 und 2014 ist die globale Gesamtverschuldung von 269 auf 289 Prozent der Weltwirtschaftsleistung angeschwollen, wobei die Schwellenländer die stärkste Verschuldungsdynamik in diesem Zeitraum aufwiesen.

Der Spätkapitalismus ertrinkt in seinen Schulden. Er muss die Zukunft im Hier und Jetzt verfeuern, weil er keine mehr hat. Die immer neuen Spekulations- und Verschuldungsexzesse sind selbstverständlich Ausdruck eines an seiner Hyperproduktivität erstickenden warenproduzierenden Systems, das hierdurch zusätzliche kreditfinanzierte Nachfrage erschafft und reale Akkumulationsprozesse in der kriselnden Warenproduktion durch die Vermehrung Fiktiven Kapitals auf den Finanzmärkten substituiert.

Die kapitalistischen Funktionseliten sind im zunehmenden Ausmaß Getriebene dieser eskalierenden Krisendynamik: Sie können systemimmanent nur den Weg der weiteren Krisenentfaltung bestimmen oder diese durch die Initiierung immer neuer Verschuldungsorgien verzögern – um den Preis einer extremen Akkumulation des Krisenpotenzials und abermals zunehmender Instabilität. Letztere äußert sich in einer steigenden Volatilität der Märkte, so dass auch geringe Erschütterungen des Gesamtsystems – wie etwa die Staatspleite Griechenlands – zu einer verheerenden Kettenreaktion im Gesamtsystem führen können. Sobald die gegenwärtige Liquiditätsblase platzt, bleiben der kapitalistischen Krisenpolitik keine nennenswerten Optionen mehr, um das System zu stabilisieren. Sie hat ihr Pulver bereits größtenteils verschossen.

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