Wenn Brot zum Luxusgut wird

„Junge Welt“, 19.09.2007
Bulgarien: Preisschock bei Grundnahrungsmitteln. Lehrerschaft kündigt Proteste an

Das bulgarische Fernsehen berichtet dieser Tage über »schockartige Preiserhöhungen«. Insbesondere bei den Lebensmitteln sei eine regelrechte Preisexplosion in Gang gekommen, die die Nahrungsversorgung breiter Schichten der verarmten Bevölkerung gefährde. Tatsächlich kletterte die Inflationsrate im Jahresvergleich auf 12,5 Prozent, womit Bulgarien den Spitzenwert in der gesamten EU aufweist. Die Preise für Lebensmittel stiegen innerhalb der letzten zwölf Monate sogar um beachtliche 24,7 Prozent. Dabei entfällt ein Großteil dieser rasanten Preissteigerung auf die letzten Monate. Allein im August verteuerten sich die wichtigsten Grundnahrungsmittel um acht Prozent. Für Brot mußte in diesem Monat sogar 14 Prozent, für Fleisch 12 und für Sonnenblumenöl 21 Prozent mehr bezahlt werden. Käse verteuerte sich um 20 Prozent, Eier um 27 Prozent sowie Kartoffeln um mehr als ein Viertel.

Die bulgarische Regierung machte die »internationale Wirtschaftslage« für die Preisexplosion verantwortlich und drohte der Bevölkerung an, mit »marktwirtschaftlichen Mitteln« die Inflation eindämmen zu wollen – also nichts zu tun.

Die durch den beginnenden Klimawandel verursachten Mißernten in etlichen Getriedeanbaugebieten der Welt, der verstärkte Anbau von Pflanzen zur Produktion von Bioethanol, sowie die zunehmende Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln ließen die Weizenpreise an der Pariser Börse auf den Rekordwert von 272 Euro pro Tonne Anfang September steigen. Etliche Länder griffen zur Notbremse und kündigten Strafzölle auf Weizenexporte an. Die russische Regierung trägt sich angesichts steigender Brotpreise sogar mit dem Gedanken, im Vorfeld der Duma-Wahlen den Weizenexport gänzlich zu verbieten. Die vormals als »Kornkammer der Sowjetunion« bezeichnete Ukraine hat schon im Juni Exportzölle für Getreideprodukte eingeführt.

Das im freien europäischen Binnenmarkt integrierte Bulgarien kann– ähnlich wie andere osteuropäische Länder – diese politischen Gegenmaßnahmen nicht mehr anwenden. In Bulgarien wie auch zum Beispiel in Polen schlägt die erhöhte gesamteuropäische Nachfrage voll auf den Binnenmarkt für Lebensmittel durch.

In dem von Pauperisierung geprägten Bulgarien regt sich erster Widerstand gegen diesen Preisterror des »freien Marktes«. Die Lehrerschaft des Landes kündigte massive Proteste für die zweite Hälfte dieses Monats an, ein erster Warnstreik fand am 15. September statt. Die Pädagogen fordern deutliche Erhöhungen ihrer mageren Gehälter, die im Schnitt um die 300 US-Dollar liegen. Zudem haben Hüttenarbeiter und Beschäftigte des Transportwesens ihre Unterstützung und Teilnahme an den Ausständen der Lehrerschaft angekündigt.

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