Trotz jüdischer Wurzeln

„Junge Welt“, 12.09.2007
Israel: Verhaftung russischstämmiger Neofaschisten löst Debatte über Einwanderungsrecht aus. Politiker fordern Ausbürgerung der gewalttätigen Jugendlichen

Einen erfolgreichen Schlag gegen eine Bande von Neonazis hat am Sonntag die israelische Polizei gemeldet. Die Gruppe wird für eine Reihe von Angriffen gegen ausländische Arbeiter, orthodoxe Juden, Homosexuelle und Drogenabhängige verantwortlich gemacht. Acht Emigranten aus Nachfolgestaaten der Sowjetunion seien verhaftet worden, ein weiterer habe sich rechtzeitig absetzen können, erklärte Polizeisprecher Micky Rosenfeld gegenüber AP.

Ein Gericht verfügte, daß alle Verdächtigen bis auf weiteres in Gewahrsam bleiben. Das Ausmaß der Gewalt, die von den Neofaschisten ausgehe, sei abscheulich und empörend gewesen, hieß es im israelischen Armeeradio. Die jugendlichen Täter, die allesamt die israelische Staatsbürgerschaft besitzen, hätten ihre Gewaltexzesse auf Film oder Foto festgehalten. Israelische Medien strahlten Aufnahmen aus, auf denen die Skins auf hilflose, am Boden liegende Menschen eintreten. Auf einem Foto posiert ein Verdächtiger mit Maschinengewehr und Hitlergruß. Die Polizei fand bei Durchsuchungen in den Wohnungen der Verdächtigen selbstgebastelte Waffen, Sprengstoff und Propagandamaterial. Die Ermittlungen in dem Fall waren vor über einem Jahr aufgenommen worden, nachdem eine Synagoge der zentralisraelischen Stadt Petach Tikwa mit Hakenkreuzschmierereien und ähnlichem beschmiert und Besucher des Gotteshauses überfallen worden waren.

Dieser erste öffentlich gewordene Fall einer Neonazizelle in Israel löste einen öffentlichen Schock und Kontroversen aus. Alle Festgenommenen, deren Familien in den 90ern nach Israel emigriert waren, hätten jüdische Eltern oder Großeltern gehabt. Über eine Million hauptsächlich aus Rußland stammender Immigranten hat Israel nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufgenommen. Viele von ihnen waren aber nur aus wirtschaftlichen Gründen gekommen.

Das israelische Einwanderungsgesetz, das allen Personen eine Staatsbürgerschaft zusichert, die jüdische Eltern oder Großeltern haben, gerät jetzt unter Beschuß. Innenminister Meir Scheetrit forderte die Abschaffung der Regelung. Einwanderungswillige müßten zuerst den Status von »vorläufigen Einwohnern« erhalten und erst nach einer gewissen Probezeit zu vollwertigen Staatsbürgern erklärt werden. Der Minister kündigte überdies an, sich um die Ausbürgerung der Bande und ihre Abschiebung nach Rußland zu bemühen. Mehrere Knesset-Abgeordnete forderten ebenfalls eine Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen.

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